mini|Annie Ernaux, 2022 Annie Thérèse Blanche Ernaux, geborene Duchesne (; * 1. September 1940 in Lillebonne, Seine-Maritime), ist eine französische Schriftstellerin. Ihr literarisches Werk ist im Wesentlichen autobiografisch geprägt und hat einen starken soziologischen Bezug. 2022 wurde ihr der Nobelpreis für Literatur verliehen.
Leben Annie Ernaux verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Yvetot in der Normandie. Sie wuchs als Einzelkind in bescheidenen, aber behüteten Verhältnissen auf und wurde katholisch erzogen. Ihre Eltern waren zunächst Arbeiter und betrieben später ein kleines Ladengeschäft mit einem Café. Die Kindheit wird ein zentrales Thema ihrer Bücher und ihrer Überlegungen zur Literatur bleiben. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte Ernaux an den Universitäten Rouen und Bordeaux und promovierte im Jahr 1971. Danach war sie Lehrerin am Gymnasium von Bonneville in Savoyen sowie am Collège d’Évire in Annecy-le-Vieux, dann in Pontoise bei Paris, bevor sie 23 Jahre am Nationalen Zentrum für Fernunterricht, dem Centre national d’enseignement à distance, beschäftigt war.
Im Jahr 1964 heiratete sie Philippe Ernaux, mit dem sie zwei Söhne hat, Éric (geboren 1964) und David (geboren 1968). 1981 trennte sich das Paar. Annie Ernaux lebt heute in Cergy bei Paris. (abgerufen am 6. Oktober 2022 via Munzinger Online).
Literarisches Wirken und Filmregie Das Werk Ernaux’ ist entschieden autobiografisch. Wiederholt thematisierte sie ihren eigenen Lebensweg vom Arbeiterkind zur Schriftstellerin. Dieser Selbstfindungsprozess spiegelt sich auch im Wandel ihres Stils wider.Eva Kimminich: Annie Ernaux. In: Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur (abgerufen am 6. Oktober 2022 via Munzinger Online).
Im Jahr 1974 publizierte Ernaux ihren ersten Roman, Les Armoires vides, der bereits autobiografisch geprägt ist, aber noch viele fiktionalisierende Elemente enthält. Mit ihrem vierten Roman, La Place, einer „objektiven Biographie ihres Vaters“, wurde ihr Werk unmittelbar autobiografisch und entfernte sich von klassischen Romanformen.Suhrkamp: Annie Ernaux über ihr Schreiben und ihr Buch Der Platz 1984 erhielt sie für La Place den Prix Renaudot. Zur Bestimmung der Literaturgattung, der ihr Werk zuzurechnen ist, erfand Ernaux 2003 den Begriff der „auto-socio-biographie“.
Der 2008 veröffentlichte Roman Les Années wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Ebenfalls 2008 erhielt sie den Prix de la langue française für ihr Gesamtwerk. mini|Annie Ernaux, 2011 2011 veröffentlichte sie L’Autre Fille, einen Brief an ihre Schwester, die als Sechsjährige, zweieinhalb Jahre vor der Geburt der Autorin, an Diphtherie gestorben war. Von der Existenz der Schwester erfuhr Ernaux im Alter von zehn Jahren zufällig aus einem von ihr belauschten Gespräch ihrer Mutter mit einem Feriengast, der im Laden ihrer Eltern einkaufte. (S. 12-15) Mit Ernaux sprachen die Eltern nie über die Verstorbene, aber wie sie in ihrem Buch Der Platz festhält, hat sie Verständnis dafür, dass die Eltern es als „ökonomische Notwendigkeit“ verstanden, „nur ein einziges Kind zu haben“. (S. 57) So gelangt sie als Erwachsene zu dem Schluss: „Ich wurde geboren, weil du gestorben warst, ich habe dich ersetzt“, und arbeitet ihre Gedanken und Erlebnisse in Form eines Briefes auf. Gegen Ende des Buches denkt sie über die Motivation ihres Aufschreibens nach:
Ebenfalls 2011 erschien L’Atelier noir, eine Sammlung von Notizen, Plänen und Gedanken zu ihrem Werk. Die Anthologie Écrire la vie erschien im selben Jahr. Darin sind neben den meisten ihrer autobiografischen Texte Fotos und Tagebuchausschnitte enthalten.Les Armoires vides; La Honte; L’Événement; La Femme gelée; La Place; Hôtel Casanova, Histoires, Retours; Journal du dehors; Littérature et politique; Une femme; Cesare Pavese, Images, questions d’URSS; Je ne suis pas sortie de ma nuit; Passion simple; Leipzig, passage, De l’autre côté du siècle; Se perdre; L’Occupation; Le Chagrin, L’Homme de la poste à C., La fête; Les Années. Mit 100 Seiten Fotos und Auszügen aus Journal intime, bis dato nicht publiziert.
Im April 2016 veröffentlichte Ernaux ein weiteres autobiografisches Werk, Mémoire de fille,Fiche de l’ouvrage Mémoire de fille, Gallimard. in dem sie sich mit ihren ersten sexuellen Erfahrungen im Jahr 1958 und deren lebenslangem Nachklang auseinandersetzt. Sie schreibt vom „Gedächtnis einer Scham“:
Ihre Arbeitsweise beschreibt Ernaux programmatisch wie folgt:
Im Jahr 2022 gab Ernaux gemeinsam mit ihrem Sohn, David Ernaux-Briot, ihr Debüt als Filmregisseurin. Bei den Filmfestspielen von Cannes stellte sie den autobiografischen Dokumentarfilm Les Années super-8 (dt. Titel: Annie Ernaux – Die Super-8-Jahre) vor. Dabei verwendete sie Filmaufnahmen aus ihrem Familienleben, die ihr damaliger Ehemann, Philippe,Bericht der Neuen Zürcher Zeitung, abgerufen am 6. Februar 2023. zwischen 1972 und 1981 gemacht hatte. Das Werk ist im Kontext der Sehnsüchte der französischen Mittelschicht nach dem Pariser Mai von 1968 zu sehen.. In: arte.tv, 13. September 2022 (abgerufen am 6. Oktober 2022).
Rezeption mini|hochkant|Ernaux bei der Verleihung des Premio Strega Europeo 2016 für Les Années Annie Ernaux gilt als „eine der prägendsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur“. Sie wird im universitären Umfeld positiv rezipiert; ihr Werk ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten. In der Literaturkritik wird ihr Werk vorwiegend anerkennend aufgenommen, von einzelnen Stimmen hingegen als „Zurschaustellen des Elends“ oder „banale und unglaubliche Anmaßung“ beurteilt. So wurde Mémoire de fille „ein Geruch nach Mottenkugeln“ attestiert, man habe „den Eindruck, dasselbe schon tausendmal“ von ihr gelesen zu haben. Andere wiederum führen die große Popularität und die unmittelbare Verbundenheit von Autorin und Leserschaft auf das große Talent Ernaux’ zurück, die den schneidenden Stil ihrer ersten Romane zu einer klassischen Strenge weiterentwickelt habe. Ihre trockene, minimalistische und kalt erscheinende „écriture plate“ verberge vielleicht die Tränen: „Cette froideur cache peut-être des larmes.“Marie-France Savean: La Place et Une Femme d’Annie Ernaux. Paris, Gallimard, 1994, S. 192. Zitiert nach Lucie Chytilová: «L’écriture plate» dans les œuvres La Place, Une Femme et La Honte d’Annie Ernaux. Brno 2011, S. 6. Nathalie Crom in der Zeitschrift Télérama lobt Les Années als großes und schönes Buch, in dem Ernaux’ Meisterschaft zur Blüte komme. Ernaux erhalte seither außerordentliche Aufmerksamkeit durch Literaturkritik und Leserschaft; die Publikation von Les Années habe allgemeinen Beifall ausgelöst.Sergio Villani: Éditorial. In: LittéRéalité, 2008. Das Buch wurde zum Bestseller.Tobias Schwartz: „Die Jahre“ von Annie Ernaux. Etwas von der Zeit retten. Der Tagesspiegel online, 17. Oktober 2017.
Im Wochenmagazin Der Spiegel bewertete Nils Minkmar die im September 2017 veröffentlichte deutschsprachige Fassung von Les Années, Die Jahre, unter der Überschrift Ein weiblicher Proust als „Meisterwerk“. Ernaux habe „eine Klasse, die vielen ihrer männlichen Kollegen fehlt“. Laut Ruth Fühner vom Hessischen Rundfunk unternimmt Ernaux den weitgehend „großartig“ gelungenen Versuch, ihre „eigene Lebenszeit als Epoche“ darzustellen.Ruth Fühner: . Hessischer Rundfunk 2 Kultur, 12. September 2017, ausgestrahlt am 13. September 8.30 Uhr. Im Deutschlandfunk Kultur kommentierte Peter Urban-Halle: „In unserer Zeit des autobiografischen Romans schreibt die Französin Annie Ernaux eine Anti-Autobiografie. Da sich für sie das Individuelle und das Kollektive gegenseitig beeinflussen, gibt es in ihrem einzigartigen Buch kein Ich.“ Die Schriftstellerin schreibe „sachlich“, „ohne Metaphern und ohne Beurteilungen“ aus soziologischer Perspektive, beeinflusst von Pierre Bourdieu und anhand von Fotos aus ihrem Leben.Peter Urban-Halle: Annie Ernaux: „Die Jahre.“ Erinnerungen ohne Ich-Erzähler. Deutschlandfunk Kultur, 10. Oktober 2017. Buchkritik zum Hören und Lesen. Meike Feßmann bezeichnete in der Süddeutschen Zeitung Ernaux als „herausragende Schriftstellerin“. Als Vorbilder für dieses „eigenständige“ Werk nennt Feßmann neben Proust und Virginia Woolf die Soziologen Michel Foucault und Pierre Bourdieu sowie Roland Barthes.Meike Feßmann: Französische Literatur. Ich und das Mittagessen. Süddeutsche Zeitung online, 11. Oktober 2017. In der taz bezieht sich Klaus Bittermann in einer Rezension mit dem Titel Als die Leichen durch Paris schwammen auf das Massaker von Paris: „Nachkriegszeit, Algerienkrise, Mai ’68, Mitterrand, Frauenbewegung – Annie Ernaux hat ein ungewöhnliches Stück Gedächtnisliteratur geschrieben, in dem die persönliche Geschichte eine kollektive Geschichte erzählt. Keine klassische Autobiografie, weil, wie Annie Ernaux sagt: Man ist nicht allein.“ Bittermann urteilt, es handele sich um ein „großes Buch“, merkt jedoch an, der hintere Teil der Erzählung sei teilweise banal, weil die Ereignisse keinen unmittelbaren Bezug mehr zu der Autorin hätten. Ab der Jahrtausendwende stellt er einen melancholischen Unterton und eine Distanz zu den Geschehnissen fest.Klaus Bittermann: Als die Leichen durch Paris schwammen. Die Tageszeitung online, 10. Oktober 2017. Die Buchbesprechung von Tobias Schwartz im Tagesspiegel zitiert in ihrer Überschrift Etwas von der Zeit retten den letzten Satz von Ernaux’ Buch. Schwartz postuliert, man könne Ernaux eine Soziologin nennen. Gemeinsam mit dem Soziologen Didier Éribon, der sich ausdrücklich auf sie beziehe, war sie auf der Frankfurter Buchmesse 2017 aufgetreten., Evangelische Akademie Frankfurt, 12. Oktober 2017. Ernaux sehe sich als „Ethnologin ihrer selbst“. Schwartz hebt hervor, der Text sei „experimentell“, „anspruchsvoll“, teilweise „gewagt“ und dennoch publikumswirksam.Tobias Schwartz: „Die Jahre“ von Annie Ernaux. Etwas von der Zeit retten. Der Tagesspiegel online, 17. Oktober 2017.
Auch die Fernsehsendung Das Literarische Quartett von der Frankfurter Buchmesse hatte Ernaux’ Buch Die Jahre zum Thema. Drei Diskutanten, Volker Weidermann, Christine Westermann und Johannes Willms, sprachen sich für das Buch aus, Thea Dorn dagegen. Willms nannte es eine „Soziographie“, die Emanzipationsgeschichte eines Mädchens aus der Provinz, das in Paris ein Lehramtsstudium absolviert. Westermann bezeichnete den Text als Zeitreise in ihr eigenes Frauenleben. Für Weidermann ist Die Jahre bis 1989 ein „Aufbruchsbuch“, das ihn nach anfänglicher Irritation gepackt habe. Dorn hingegen wandte sich gegen die Verwendung von „man“ statt „ich“; damit behaupte Ernaux, ein Mädchen aus kleinen Verhältnissen dürfe keine Subjektivität haben. Das „quasi soziologische“ statt literarische Buch sei politisch, links und poststrukturalistisch.
Im Südwestrundfunk analysierte Michael Kuhlmann Ernaux’ Sprache und wies auf die glückliche Hand ihrer Übersetzerin, Sonja Finck, hin.Michael Kuhlmann: . SWR2, Reihe Lesenswert, 13. November 2017, das Manuskript kann beim Sender eingesehen werden. Ein Interview von Beate Tröger mit Finck zu den Anforderungen an die Übersetzung erschien in der Wochenzeitung Der Freitag.Beate Tröger: „Vom Tod her denken.“ Wir haben mit der deutschen Übersetzerin gesprochen. Der Freitag, 16. November 2017, S. 17.
Laut Magnus Klaue in einer Beilage zur Jungle World gelingt Ernaux in Die Jahre, was Éribon in Rückkehr nach Reims nur versprochen habe: „die glückliche Allianz von Autobiographie und Historiographie.“Magnus Klaue: Unbewegte Bilder. In: Dschungel. Beilage zur Jungle World, Nr. 51–52, 21. Dezember 2017, S. 10 f, online, 2. Januar 2018. Laut Christoph Vormweg vom Deutschlandfunk ist das Buch eine provozierende Aufforderung zur Selbstbesinnung. Er zitiert Ernaux’ Intention, „etwas von der Zeit (zu) retten, in der man nie wieder sein wird.“Christoph Vormweg: Annie Ernaux: „Die Jahre.“ Provozierende Aufforderung zur Selbstbesinnung. Deutschlandfunk, Audio und Print, 15. Januar 2018.