Mehrere Religionsangehörige des Judentums haben teils abhängig, teils unabhängig voneinander zentrale bzw. grundlegende Prinzipien () des jüdischen Glaubens formuliert.
Die bekannteste Zusammenstellung ist die von Moses Maimonides, auf die wiederum verschiedentlich reagiert wurde und die verschiedene Vorläufer hatte. Maimonides führte damit ein Verständnis der Emuna (Glaube) ein, das auf der Anerkennung von Aussagen beruht anstelle eines Vertrauens in Gott. Ablehnung eines der Prinzipien bedeutet dementsprechend Ausschluss aus der Gemeinschaft Israels. Eine solche dogmatische Bedeutung aufgestellter Prinzipien konnte sich im Judentum jedoch nie allgemein durchsetzen.
Bezugspunkt solcher Überlegungen zu Prinzipien des jüdischen Glaubens ist in erster Linie die Tora. Deren Studium sowie die Befolgung der Gebote und Verbote sind für das Judentum seit jeher grundlegend.Ferdinand Dexinger, Der Glaube der Juden, Kevelaer 2003, S. 74.
Hintergrund der jüdischen Religion Durch ihren Bund, () mit JHWH dem „Ewigen“ erfüllt das Volk Israel seine Gebote (Tora, Mitzwot). In der jüdischen Religion ist die im Tanach angelegte Unterscheidung in „rein“ () und „unrein“ () eine zentrale Ordnungskategorie.Simone Paganini, Boris Repschinski: Kontinuität und Diskontinuität in der Reinheitsthematik vom Judentum des Zweiten Tempels zum Neuen Testament. Zeitschrift für katholische Theologie Vol. 134, No. 4, Synagoge und Kirchen (2012), S. 449–470 Die durch bestimmte Handlungen, Gegenstände oder Zustände ausgelöste Unreinheit verhindert die Teilnahme am Kult oder Leben der Gemeinschaft. Darüber hinaus ist Reinheit eine Voraussetzung für die individuelle Kommunikation mit Gott (Gebet). Nur allein der „Ewige“ ist rein, nur er ist „heilig“ (, Wajikra (), , Bemidbar ()). Das Wort beschreibt diesen Sachverhalt.Kaufmann Kohler: Holiness. (Hebr. "ḳodesh" and "ḳedushah," from a root preserved in the Assyrian "ḳudusu" ="bright")., auf jewishencyclopedia.com Kein Mensch kann solch eine „absolute Reinheit“ erreichen, denn der Mensch kann nie wie der „Ewige“ sein. Zwischen Mensch und dem „Ewigen“ existiert gewissermaßen eine „Trennmembran“.Ilse Müllner: Räume - Körper - Heiligkeit. Dynamiken von Raum und Geschlecht aus exegetischer Sicht. In: Angela Kaupp (Hrsg.): Raumkonzepte in der Theologie Interdisziplinäre und interkulturelle Zugäng. Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2016, ISBN 978-3-7867-3089-7, S. 72–74Beate Ego: Reinheit / Unreinheit / Reinigung (AT). Erstellt: April 2007, auf bibelwissenschaft.de hier „2. Rein / unrein bzw. Reinigung als priesterliche Konzeption“ Deshalb werden der menschliche GeistAnnette M. Böckler: Die Seele im Judentum. Bibel heute, Band: 48, Heft: 189, 2012, S. 22–24 Yanki Tauber: Was ist eine Seele? Jüdische Info, auf de.chabad.org und Körper auch immer der Sünde ()Jörn Kiefer: Sünde / Sünder (AT). Erstellt: Aug. 2017, auf hier „2. Der Sprachgebrauch der Hebräischen Bibel“ verfallen, die eine Folge der Nichtbeachtung der Gebote ist.Isaac Herzberg: „Mein Judentum“. Die hauptsächlichsten unterscheidenden Merkmale des Judentums und des Christentums. M. W. Kaufmann, Leipzig 1918, auf d-nb.info.de hier S. 25; 32–33 Der Mensch wird niemals die „reine Wahrheit“ erfassen können; sein „Herz“ wird nie ohne Leidenschaften sein. Es ist also der Bund den der „Ewige“ mit dem Volk Israel, (), geschlossen hat, damit es rein werde und bleibe, indem es die Gebote einhält.
Vorläufer in Texten des Tanach und der Rabbinen Bereits im Tanach sind Spuren einer innerjüdischen Diskussion über die wichtigsten Inhalte des Judentums zu finden. So sind die letzten Verse des Pentateuch als ein erstes, frühes Glaubensbekenntnis zu lesen: „Mose wird als großer Prophet anerkannt, damit wird indirekt auch die Pflicht zur Annahme der Tora und ihres Inhalts angedeutet.“ Mit werden viele andere Werke aus dem Kanon des Judentums ausgeschlossen, gleichzeitig aber eine mündliche und schriftliche Tora akzeptiert.Asher Finkel, Artikel Glaubensbekenntnis(se) III, Judentum. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 13, Berlin 1984, S. 388–392.
Rabbinisches Judentum
In den Jahrhunderten nach der Abfassung und Kanonisierung der Schrift folgten vor allem Auslegungen ebendieser, die sich gegen Häretiker wendeten und ein „Königreich im Himmel“, den Monotheismus, die Vorsehung betonten. Darüber hinaus wurden weitere Prinzipien der Rabbinen aufgestellt, die sich dadurch ausweisen, dass ethische (z. B. Verbot von Blutvergießen und bestimmten Sexualbeziehungen) und theologische (z. B. Götzendienst) Lehrsätze gleichberechtigt verhandelt werden. Eine „Art kleines Credo“Günter Stemberger: Glaube VI. Judentum, Antike. in: Religion in Geschichte und Gegenwart. 4. Auflage, Band 3, Tübingen 2000, Sp. 977–979. ist im Mischna-Traktat Sanhedrin zu finden: „Keinen Anteil hat an der kommenden Welt, wer sagt, es gebe keine Auferstehung der Toten und die Tora sei nicht vom Himmel, und der Epikuräer“ (mSan 10,1; Letzteres hier nicht im Sinne eines tatsächlichen Anhängers Epikurs, sondern als "Freidenker oder Ungläubiger..., der sich in irgendwelcher Beziehung mit den Lehren des Judenthums in Widerspruch setzt"J. Guttmann, Ueber zwei dogmengeschichtliche Mischnastellen, in: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Jahrg. 42 (N. F. 6), H. 7 (1898), 289-305, 297. Vgl. auch Michael Zank: Apikoros, in: Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur: "Im engeren Sinn des Worts bezeichnet der Epikureismus den Versuch, die Furcht vor den Göttern zu überwinden, indem deren Macht über die Menschen bestritten wird. In späteren jüdischen Quellen ist dieser ursprünglich präzise Sinn der Bezeichnung nicht länger geläufig; sie zeigt nun verschiedenartigste Abweichungen von der jeweiligen Norm an.".)
Philon von Alexandria Philon von Alexandria hält in seinem Hexaemeron-Kommentar De opificio mundi fünf Grundlehren der jüdischen Religion fest:De opificio mundi c. 61, nn. 170–172, ed. Leopold Cohn, Breslau 1889, Bd. 4/4, S. 66f. ; ed. und engl. Übers. F. H. Colson, G. H. Whitaker, Loeb Classical Library, London u. a. 1929, Bd. 1, S. 134–137; engl. Übers. Charles Duke Yonge: e-Text; vgl. dazu Alan J. Avery-Peck: Artikel Creeds. In: Jacob Neusner, Alan Jeffery Avery-Peck, William Scott Green (Hrsg.): The Encyclopaedia of Judaism. Bd. 1: A–I. Brill, Leiden 2000, S. 546–561, hier 549f; Artikel Articles of faith. In: Jewish Encyclopedia.; Harry A. Wolfson: Philo, Foundations of Religious Philosophy. 1947, Bd. 1, S. 164. Gott existiert in Ewigkeit. Gott ist einer. Die Welt ist geschaffen. Auch die Welt ist eine, wie ihr Schöpfer, der sie ihm in ihrer Einzigkeit gleichgestaltete […]. Gott übt seine Vorsehung umwillen der Welt aus. AndernortsDe vita Mosis II, 3, 12–14 (vgl. De decalogo 4, 15; Quod omnis probus liber sit 12, 80); De specialibus legibus I, 60, 327–363. finden sich weitere Prinzipien, darunter noch die Existenz unkörperlicher Ideen, die Offenbarung des Gesetzes und dessen Ewigkeit, so dass in der Zusammenschau insgesamt acht resultieren.Harry A. Wolfson: Philo, Foundations of Religious Philosophy. 1947, Bd. 1, S. 164ff; Alan J. Avery-Peck: Artikel Creeds. In: Jacob Neusner, Alan Jeffery Avery-Peck, William Scott Green (Hrsg.): The Encyclopaedia of Judaism. Bd. 1: A–I. Brill, Leiden 2000, S. 546–561, hier S. 549.Alexander Altmann: Articles of faith. In: Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage, Bd. 2, 2007, S. 529–532.
Diese Glaubenssätze sind, genau wie die Vorläufer aus vorherigen Jahrhunderten nicht losgelöst von der Umwelt zu betrachten, sondern dienten dazu, schon vorhandene jüdische Glaubenssätze zu bündeln und der hellenistischen Umwelt verständlich zu machen. Glauben wird von ihm verstanden als „vollkommenste Tugend“.
Mittelalter Die antike jüdische Diskussion war mitgeprägt vom hellenistischen Umfeld. Mit Christentum und Islam und deren Versuchen einer Systematisierung und Institutionalisierung theologischer Diskussion treten weitere Traditionen und Kontexte hinzu, die zu wechselseitigen Beeinflussungen und Abgrenzungen führen. Gemeinsame Herausforderungen sind etwa Ausarbeitungen von Aufweisen des Daseins Gottes (in Aufnahme bereits antiker Argumentationsformen), seines Charakters als Schöpfer von Allem (u. a. in Abgrenzung von philosophischen Auffassungen einer ewigen Materie), Stellungnahmen zum Status von Gottes Wesen und Eigenschaften und hierbei insbesondere der Umgang mit Redeweisen von Gott, welche einen Anthropomorphismus nahelegen würden, womit sich auch systematische und methodische Fragen bezüglich der konstitutiven Texten der eigenen Tradition verbinden: Inwiefern sind diese dem Wortlaut bzw. Sachgehalt – insb. auch in religionspraktischen Belangen – nach von bleibend normativem Rang (zumal als „Offenbarung“ bzw. „Prophetie“) und wann ist nach welchen Kriterien ggf. eine rationalisierende Lesart möglich oder notwendig? Ein Teilbereich dieser fortschreitenden Klärungsversuche besteht darin, Kernbereiche der jeweiligen religiösen Überzeugungen auszumachen, was u. a. in Formulare von „Glaubensbekenntnissen“ mündet, wie sie etwa im Islam je nach theologischer Schule in unterschiedlicher Akzentuierung und unter Aufnahme zentraler Überlieferungen wie vorrangigst der SchahādaVgl. Rudolf Macuch: Zur Vorgeschichte der Bekenntnisformel lā ilāha illā llāhu. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG), Band 128 (1978), S. 20–38. hervorgebracht werdenVgl. nach wie vor A. J. Wensinck: The Muslim Creed: Its Genesis and Historical Development, New York 1932, 2. Aufl. 1965., während im Christentum v. a. seit der Frühscholastik im Anschluss primär an das apostolische Glaubensbekenntnis u. a. Untergliederung und theologisch-methodologischer Status christlicher „Glaubensartikel“ diskutiert werden.Vgl. J.M. Parent: La notion de dogme au 13e siècle. In: Étude d’histoire littéraire et doctrinale du XIIIe siècle (Paris, hg. Institut d’études médiévales d’Ottawa) 1 (1932), 141-163. Demgegenüber formulieren zwar u. a. einige Autoren, die im Rahmen der jüdischen Scholastik mitbeeinflusst sind von Autoren und Texten der islamischen Scholastik (ʿIlm al-Kalām), gleichfalls zentrale Elemente jüdischen Glaubens; deren Charakter bleibt aber weitenteils umstritten, insb. was etwaige Entsprechungen zu christlichen und islamischen „Dogmen“, „Glaubensartikeln“ oder „Glaubensbekenntnissen“ beträfe.
Chananel ben Chuschiel Rabbi Chananel ben Chuschiel (Akronym: ; dt. RaCh) zählt in seinem Kommentar zu Schemot vier Glaubensprinzipien auf:aus רבינו חננאל בפירושו לשמות י״ד ל״א הוא מונה ד׳ עקרים auf daat.ac.il
Der Glaube an Gott Der Glaube an die Propheten Der Glaube an das Jenseits, an Belohnung und Strafe Der Glaube an das Kommen des Erlösers
Der Kommentar war insbesondere gegen die Karäer gerichtet und wird von vielen späteren Bibelkommentatoren zitiert, so durch Bachja ben Ascher (). Abraham Rapoport (1584–1651) hat alle Zitate, die Bachja ben Ascher von Chananel ben Chuschiel zugeschrieben werden, gesammelt und sie in der Bikkurei ha-Ittim (),aus Bikkurei ha-Ittim auf jewishvirtuallibrary.org herausgegeben, ebenso Abraham Berliner in Migdal Chananʾel ().aus Chananʾel ben Chuschiel auf jewishencyclopedia.com.
Judah Hadassi
Judah Hadassi entwickelte im 12. Jahrhundert zehn Glaubensprinzipien für das karäische Judentum. Sie behandeln: die Existenz des Schöpfers die Unendlichkeit und Einheitlichkeit des Schöpfers die Schöpfung der Welt das Priestertum von Mose und den anderen Propheten die Wahrheit der Tora die Verpflichtung, Hebräisch zu lernen den Tempel als Ort von Gottes Herrlichkeit und Gegenwart die Wiederauferstehung der Toten die Verpflichtung, Rechenschaft abzulegen Belohnung und Strafe
Hadassi gilt als erster jüdischer Autor, der eine systematische und detaillierte Liste von religiösen Dogmen zusammenstellte. Inhaltlich wiederholen sie Aussagen von karäischen Gelehrten des 8. bis 12. Jahrhunderts.
Abraham ibn Daud