mini|hochkant=1.2|Die SchutzbefohlenenBurgtheater Wien, 2015

Die Schutzbefohlenen ist ein Sprachkunstwerk von Elfriede Jelinek aus dem Jahr 2013, in dem sich die Nobelpreisträgerin kritisch mit der herrschenden Flüchtlingspolitik und ihren Folgen auseinandersetzt. Die Urlesung fand am 21. September in Hamburg statt, die Uraufführung als Theaterstück am 23. Mai 2014 in Mannheim. Am 28. März 2015 fand die österreichische Erstaufführung des Stücks im Wiener Burgtheater statt. Das Werk ist viel beachtet worden. Im Herbst und Winter 2015 aktualisierte Jelinek ihren Text durch drei Anhänge.

Thema Thematisiert wird der geheuchelte Menschenrechtsdiskurs im zeitgenössischen Mainstream des öffentlichen Geredes. Dem wird ein thematisch verwandter, aber positiver Ausgang in der ältesten überlieferten griechischen Tragödie gegenübergestellt und bezweifelt, dass heutige Regierungspolitiken der EU-Staaten noch den vielgepriesenen humanistischen Idealen der Antike verbunden sind. Jelinek entlarvt in Einzel- und Chorstimmen die aktuellen Menschenrechtsverletzungen, indem sie eine archaisierend-hohe Sprache immer wieder ins Ironische abgleiten lässt, unter anderem wenn es um Äußerungen xenophober Gierbürger und das „Walten der mächtigen Willkür-Götter der Ökonomie“ geht.

Der Text wurde für Nicolas Stemanns Produktion Kommune der Wahrheit bei den Wiener Festwochen 2013 geschrieben, fand dort aber keine Verwendung.

Politische Ereignisse als Hintergrund mini|hochkant=1.1|links|Refugee Protest Camp Vienna, 2012 mini|hochkant=1.1|links|Protestlager in der Votivkirche, 2012

Flüchtlingsproteste in Wien (2012) Am Internationalen Tag der Migranten, dem 24. November 2012, langte eine Gruppe von Asylwerbern nach einem mehrstündigen Protestmarsch aus dem Flüchtlingslager Traiskirchen im Sigmund-Freud-Park vor der Wiener Votivkirche ein. Sie schlugen ein Protestlager auf, bekannt geworden als Refugee Protest Camp Vienna, und demonstrierten damit gegen menschenunwürdige Bedingungen im Aufnahmelager Traiskirchen. „Als ihre Forderungen nannten die Protestierenden unter anderem Grundversorgung für alle Asylwerber unabhängig von ihrem Rechtsstatus, freie Wahl des Aufenthaltsortes sowie die Anerkennung von sozioökonomischen Fluchtmotiven neben den bisher anerkannten Fluchtgründen.“Heute: , 19. Dezember 2012 Auch forderten sie den Austausch sämtlicher Dolmetscher in Traiskirchen und eine bessere Verköstigung. Unterstützt wurden die Demonstrierenden von breiten Schichten der Zivilgesellschaft, darunter die Flüchtlingshelferin Ute Bock und der Kabarettist Josef Hader: „Bock zeigte sich in einem kurzen Statement verärgert, dass es nicht möglich sein solle, ausreichend Quartiere zu finden, um den Belag in Traiskirchen zu reduzieren. Denn das Geld dafür sei da und der Platz auch. Hader fand es gut, dass sich die Flüchtlinge in die Innere Stadt begaben, damit ihre Probleme in den Blickpunkt der Gesellschaft rückten.“Kronenzeitung: Josef Hader und Ute Bock unterstützen Flüchtlingscamper, abgerufen am 26. April 2015 Das Innenministerium wies die Kritik der Asylwerber zurück: „Die Unterbringung in Traiskirchen sei menschenwürdig und die Leistungen der Dolmetscher in Ordnung. Entsprechende Kritik an den Übersetzern sei jüngst sogar von der Hilfsorganisation Asyl in Not relativiert worden.“ Verköstigt und mit winterfester Kleidung versorgt wurden die Flüchtlinge mittels Spenden. Die Asylwerber suchten die Votivkirche als symbolischen „Schutzraum“ auf, da sie meinten, dass ihre Stimmen drei Wochen lang nicht gehört wurden. Der Pfarrer der Kirche versuchte, die Asylwerber unter Zuhilfenahme der Polizei und der Caritas zum Verlassen der Kirche zu bewegen. Sie blieben jedoch dort.Franz Wille: Nur die ganze Welt. Theater der Welt in Mannheim eröffnet mit investigativer Aufklärung, Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen", einer Tschechow-Revue, der neuen Chelfitsch-Premiere und japanischen Generationsproblemen. in: Theater heute, 55. Jahrgang, Nr. 7, Juli 2014, S. 6–10, S. 7.

Humanitäre Katastrophen (2012/13) Hunderte von Flüchtlingen aus Somalia und Eritrea, die sich in Booten aus Afrika auf den Weg nach Europa gemacht hatten, ertranken 2013 bei einem Bootsunglück vor der Küste der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa, in deren Nähe es auch in den Vorjahren schon viele Tote gegeben hatte. Die Überlebenden wurden von den italienischen Behörden in den europäischen Norden geschickt.

Blitzeinbürgerungen von Prominenten (2006, 2009) Auf der anderen Seite hatten bekannte und zahlungskräftige Ausländer trotz der strengen Einwanderungsrichtlinien die österreichische Staatsbürgerschaft in den zurückliegenden Jahren schnell und ohne Umstände erhalten, etwa 2006 die Opernsängerin Anna Netrebko und 2009 Tatjana Borissowna Jumaschewa, die Tochter von Boris Jelzin, ihr Mann Valentin Jumaschew, ehemaliger Leiter der russischen Präsidentschaftskanzlei, und die gemeinsame Tochter.Einbürgerung: Jelzin-Tochter ist Österreicherin., in: Spiegel Online, 25. April 2013, abgerufen am 19. April 2015. Das österreichische Magazin News berichtete, der Jelzin-Clan habe als Hauptwohnsitz für das Jahr vor der Einbürgerung eine keineswegs standesgemäße Adresse angegeben, ein heruntergekommenes, gemietetes Haus an einer stark befahrenen Durchgangsstraße in Winden am See. Für eine behördliche Überprüfung, ob die Familie dort jemals tatsächlich gewohnt hat, fanden sich keine Belege.

Inhalt und Stil

Inhalt und Motive In dem Stück findet keine Handlung statt und es gibt auch keine Einteilung in Akte oder Szenen. Es lassen sich 27 Textabschnitte unterscheiden, die jeweils durch einen Zeilendurchschuss voneinander getrennt sind. Es finden sich vielfache thematische Überschneidungen zwischen den Abschnitten, sodass keine klare Abgrenzung möglich ist.

Anfangssituation In den Abschnitten 1 bis 4Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, in: Theater heute, Band 55 (2014), 7, S. 3–6 geht es schwerpunktmäßig um die aktuelle Situation der Sprechenden, aber auch um die Geschichte ihrer Familie und ihrer Flucht.

Wertediskussion Im Zentrum der Abschnitte 5Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, in: Theater heute, Band 55 (2014), 7, S. 6–7, 6Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, in: Theater heute, Band 55 (2014), S. 7–8, 7 und 8Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, in: Theater heute, Band 55 (2014), 7, S. 8–9 steht die Auseinandersetzung mit Wertvorstellungen wie Menschenwürde, Meinungsfreiheit und Nachhaltigkeit, von denen die meisten in einer Broschüre des österreichischen Innenministeriums, die sich an Migranten richtet, aufgeführt sind.

Ungerechtigkeit Die Ungleichbehandlung von Prominenten und Namenlosen bei der Einbürgerung durch die österreichischen Behörden wird in den Abschnitten 9 mit 14Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, in: Theater heute, Band 55 (2014), 7, S. 9–13 angeprangert. Bei der Tochter von Boris Jelzin, im Text als die Tochter bezeichnet, werden politischer und wirtschaftlicher Einfluss der Familie als Gründe genannt, bei Anna Netrebko, im Text die andere Tochter, ihre Stimme und damit ihre Bekanntheit.

Rolle der politisch Verantwortlichen Den Flüchtlingen werden schon im ersten Abschnitt die Mächtigen gegenübergestellt. Davon gibt es übergeordnete, „einen Präsidenten, einen Kanzler, eine Ministerin“Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, in: Theater heute, Band 55 (2014), 7, S. 4, „die Fürsten dieses Landes“, vor allem aber viele untergeordnete, die „Stellvertreter von Stellvertretern“, und diese verschließen sich („aber es will ja keiner, nicht einmal ein Stellvertreter eines Stellvertreters will es hören“) gegen das Leid. Es geht um „moralisches versus paragrafisches Asylrecht.“

Rolle der Religion In der Wiener Inszenierung leuchtet aus dem schwarzen Bühnenhintergrund ein weißes, schmales, deckenhohes Kreuz heraus, „Ortsangabe und Symbol, der Echoraum einer angeblich christlich geprägten Gesellschaft, in dem die Rufe der Schutzbefohlenen ungehört verhallen.“Barbara Burckhardt: Die Heimholung. Michael Thalheimer lässt Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen im Wiener Burgtheater im Reich der Kunst verschwinden., in: Theater heute, Nr. 5, Mai 2015, S. 26 Am Ende ist das Licht hinter dem Kreuz ausgegangen, „die Hoffnung auf christliche Nächstenliebe, sie ist dahin.“Barbara Burckhardt: Die Heimholung. Michael Thalheimer lässt Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen im Wiener Burgtheater im Reich der Kunst verschwinden., in: Theater heute, Nr. 5, Mai 2015, S. 27

Wasser als Motiv mini|hochkant=1.2|Wasser auf der Bühne:Die Schutz­be­foh­lenen, Burgtheater 2015

Die Begriffe Wasser und Meer finden sich im Text häufig, meist erscheinen sie für die Sprechenden als tödliche Bedrohung: „das Meer ist ein Loch, ein Schlund, eine Schlucht“ oder „das Meer trägt uns auch nicht“Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, in: Theater heute, Band 55 (2014), 7, S. 17. Die Wiener Inszenierung nimmt dies auf, die Bühne ist „knöchelhoch geflutet, ein Wasserbecken“.

Situation am Ende Im letzten AbschnittElfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, in: Theater heute, Band 55 (2014), 7, S. 18–19 kristallisiert sich die Hoffnungslosigkeit der Situation der Flüchtlinge heraus: Sie werden nicht in Österreich geduldet, sie sind „ein paar Stück Fleisch, nicht mehr.“Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, in: Theater heute, Band 55 (2014), 7, S. 19.

Intertextuelle Bezüge und ihre Funktion Jelineks „Poetik der Intertextualität“Juliane Vogel: Intertextualität, in: Pia Janke (Hrsg.): Jelinek-Handbuch, Verlag J. B. Metzler Stuttgart, 2013, ISBN 978-3-476-02367-4, S. 47. kann als ein Verfahren bezeichnet werden, „das einen schwachen Autorschaftsbegriff voraussetzt und in wechselnden Anordnungen die Anwesenheit fremder Texte im eigenen in Szene setzt“. Die verwendeten Textelemente werden präzise bearbeitet. Jelineks „polemische Haltung gegenüber dem literarischen Kanon [...] äußert sich in erster Linie in Formen der entstellenden Transformation“Juliane Vogel: Intertextualität, in: Pia Janke (Hrsg.): Jelinek-Handbuch, Verlag J. B. Metzler Stuttgart, 2013, ISBN 978-3-476-02367-4, S. 51.: Textstellen der Quellentexte werden ersetzt, durch Ironie gebrochen, Metaphern wörtlich genommen. All dies soll „niedere und gewaltsame Bedeutungsschichten am zitierten Material freilegen.“

Die Autorin nennt am Ende ihres Textes folgende Bezüge:

Aischylos: Die Schutzflehenden