mini|hochkant|James Pitcairn Knowles (József Rippl-Rónai, 1899)
James Pitcairn-Knowles (* 28. September 1863 in Rotterdam; † 2. Januar 1954 in Hungen) war ein Maler, Grafiker und Bildhauer schottischer Abstammung, der den überwiegenden Teil seines Lebens in Deutschland verbracht hat. Weil er in Wiesbaden zur Schule ging, in der Kurstadt seine Bilder ausstellte und an deren Rand das Schloss Freudenberg bauen ließ, wird er zu den Wiesbadener Malern gerechnet.
Jugend mini|Sunlit street (1895); Öl auf Leinwand Der Vater von James Pitcairn-Knowles, William, entstammte einer Familie, die in Aberdeen und Umgebung im Nordosten von Schottland durch den Handel mit Wolle, Korn und Kurzwaren reich geworden war.Jeremy Howard: The unfinished monk. In: The life & work of reclusive artist James Pitcairn-Knowles 1863–1954. St Leonards-on-Sea 2013, S. 14 ff. In Rotterdam, wo sich der Vater auf den Wollhandel spezialisierte, heiratete er nach dem Tod seiner ersten Frau 1862 die Opernsängerin Doris Kluge, eine Jüdin, deren Eltern in Berlin ein Bekleidungsgeschäft besaßen. In Rotterdam wurden auch Knowles Geschwister geboren, 1865 seine Schwester Isabella, die mit fünfzehn Jahren starb und sein Bruder Andrew. In Rotterdam war die Familie bei der Britischen Botschaft gemeldet. Die Geschäfte in Rotterdam waren für Vater William so erfolgreich, dass er sich 1873 als Zweiundfünfzigjähriger in der Kurstadt Wiesbaden zur Ruhe setzen und sich auf seine Leidenschaft, seine Kunstsammlung, vornehmlich Alter Meister, konzentrieren konnte.
Nach dem Willen seines Vaters sollte Knowles, der im benachbarten Biebrich-Mosbach auf das private Künklersche Lehrinstitut gegangen war, als Achtzehnjähriger in Manchester in der Textilindustrie Erfahrungen sammeln, um anschließend seinen älteren Stiefbruder, William junior, im Familiengeschäft in Rotterdam zu unterstützen. Dieser Versuch, Knowles in den Wollhandel einzuführen, schlug fehl. Noch 1882 kehrte Knowles nach Wiesbaden zurück und konnte seinen Vater überreden, ihm ein Kunststudium zu finanzieren.Jeremy Howard: The unfinished monk. In: The life & work of reclusive artist James Pitcairn-Knowles 1863–1954. St Leonards-on-Sea 2013, S. 29 f.
Kunststudium in Weimar und München Ab 1883 studierte Knowles an der Akademie der Bildenden Künste München u. a. bei Carl Theodor von Piloty und Fritz von Uhde. Darauf begab er sich an die Kunstschule Weimar, um sich bei Leopold von Kalckreuth einzuschreiben. Alle drei Lehrer dürften den realistischen Malstil von Knowles mitgeprägt haben, den er bis in die 1950er Jahre normalerweise praktizierte.Johanna Gräfin zu Solms-Laubach, an deren Porträt JPK 1953 malte, bat er z. B. um Angaben der genauen Maße ihres Gesichtsprofils, den Abstand zwischen Augenbrauen, Nasenlöcher, Kinn, u. a. m., um die augenblickliche Erscheinung ihres Porträts möglichst realitätsnah darstellen zu können.Jeremy Howard: The unfinished monk. In: The life & work of reclusive artist James Pitcairn-Knowles 1863–1954. St Leonards-on-Sea 2013, S. 196 f.
In Paris mini|Trial proof of The Bath (1896); Gravur auf Holz 1887 ging Knowles nach Paris, um sich an der Académie Julian im Atelier von Jean-Paul Laurens weiterzubilden. Im Anschluss an die in München und Weimar erworbene Ausbildung, betrachtete man Laurens für Knowles als den Werke von Besnard, Burne-Jones, Crane oder Dante Gabriel Rossetti sollen ihn zunächst fasziniert haben.Maximilian Rapsilber, James Pitcairn-Knowles: Ein Charakterbild aus dem modernen Künstlerleben. Berlin 1895, S. 26. Doch in seinem bislang bekannten Werk haben die genannten Künstler keine auffälligen Spuren hinterlassen.
In Paris verkehrte er u. a. auch im Haus des ungarischen Malers Mihály Munkácsy, in dem er deshalb freundschaftlich aufgenommen wurde, weil sein Vater über den Wiener Kunsthändler Charles SedelmeyerJeremy Howard: The unfinished monk. In: The life & work of reclusive artist James Pitcairn-Knowles 1863–1954. St Leonards-on-Sea 2013, S. 35 f. bei ihm Gemälde erworben hatte.Max Watzke, Schloß Freudenberg, James Pitcairn-Knowles, M.S., 2. Oktober 1999, S. 1. Bei einem Empfang lernte er dort József Rippl-Rónai, den später berühmtesten ungarischen Maler der Klassischen Moderne,Ausst. Kat.: József Rippl-Rónai, 1861-1927, Ein Ungar in Paris. Schirn Kunsthalle, Frankfurt 1999. kennen. Mit ihm sollte ihn eine tiefe, lebenslange Freundschaft verbinden, was auch durch fünf Porträts, die Rónai von seinem Freund malte, belegt wird.Jeremy Howard: The unfinished monk. In: The life & work of reclusive artist James Pitcairn-Knowles 1863–1954. St Leonards-on-Sea 2013, S. 47.
Um 1888 kamen Knowles und Ronai in Kontakt mit den Nabis, in deren Gemeinschaft beide aufgenommen wurden. Somit zählten der Schotte und der Ungar, neben Morgens Ballin, Félix Vallotton und Jan Verkade zu den wenigen Nicht-Franzosen in der Gruppe. Nur wenige Arbeiten Knowles, wie z. B. der Holzschnitt „Le Bain“ dokumentieren einen deutlichen, jedoch temporären Einfluss der Devisen der Nabis auf seine Kunst.Jeremy Howard: The unfinished monk. In: The life & work of reclusive artist James Pitcairn-Knowles 1863–1954. St Leonards-on-Sea 2013, S. 61. Die Kunsthistorikerin Mela Escherich, die sich ab den 1920er Jahren als Schriftstellerin u. a. auch für Jawlensky engagierte, erklärte 1912 zu Knowles Verhalten gegenüber Neuerungen in der Kunst: Dazu zählen auch jene, die ihn z. B. mit Aristide Maillol verbanden, den er 1890 auch mit seinem Freund Ronai bekannt machte.In seinen Lebenserinnerungen betont Rónai, dass er seine Freundschaft mit Maillol, Knowles verdankt, vgl.: Bernadette Lenke Tusch (Übersetzung aus dem Ungarischen), József Rippl-Rónai: Erinnerungen, (Ausschnitte), im Ausstellungs-Katalog: József Rippl-Rónai, 1861-1927, Ein Ungar in Paris. Schirn Kunsthalle, Frankfurt 1999, S. 76.
In Paris hatte Knowles Eugénie Victoire Marie Guérinet (1870–1959), eine Tochter von Napoleon III. und einer Hofdame, kennengelernt, deren Taufpatin die Frau Napoleons III., Kaiserin Eugénie war. Knowles, Ronai und seine damalige Freundin und spätere Frau, Lazarine Baudrion, kannten Eugénie Victoire Marie nur unter dem Namen Yvonne. Yvonne hatte ihren wesentlich älteren Mann, einen Herzog, verlassen. Von der Ehe enttäuscht beabsichtigte sie, Nonne zu werden. Im gleichen Zeitraum hatte Knowles, der manisch depressiv veranlagt war, beschlossen, Mönch zu werden. Als sie aufeinander trafen, gaben beide ihr Vorhaben auf. Yvonne kam mit Knowles nach Wiesbaden.Jeremy Howard: The unfinished monk. In: The life & work of reclusive artist James Pitcairn-Knowles 1863–1954. St Leonards-on-Sea 2013, S. 65 ff.
Wieder in Wiesbaden mini|Porträt von James Pitcairn Knowles (József Rippl-Rónai, 1892) mini|300px|Südwestansicht des Schlosses Freudenberg, Wiesbaden-Dotzheim
„Mit grossen Plänen kehrte er 1891 nach Wiesbaden heim. Da warf ihn der Typhus auf das Krankenlager und zehrte jahrelang an seiner Kraft.“Maximilian Rapsilber, James Pitcairn-Knowles: Ein Charakterbild aus dem modernen Künstlerleben. Berlin 1895, S. 28. Erst drei Jahre später konnte Knowles wieder malen. Im Januar 1895 stellte er zusammen mit August von Heyden und Hubert von Heyden im Salon Fritz Gurlitt aus. Als Rippl-Ronai von dem ungarischen Grafen Tivandar AndrássyKatalin Kesrerü, József Rippl-Rónai, Berlin 1983, S. 8. den Auftrag bekommen hatte, für sein Schloss Tiszadob den Speisesaal einzurichten, entwarf er 1897/98 farbige Fenster und eine Glasdecke „unter Mitwirkung meines Freundes Knowles in Wiesbaden“,Ágnes Prékopa, József Rippl-Rónais Arbeiten zur angewandten Kunst, im Ausstellungs-Katalog: József Rippl-Rónai, 1861-1927, Ein Ungar in Paris. Schirn Kunsthalle, Frankfurt 1999, S. 69, Abb. 9–10, 12–13. die unter der Aufsicht beider Künstler in Wiesbaden hergestellt wurden.Max Watzke, Schloß Freudenberg, James Pitcairn-Knowles, M.S., 2. Oktober 1999, S. 3.
Auf der Rückreise nahm Rónai eine Reihe Bilder von Knowles als Geschenke mit nach Ungarn in seine Heimatstadt Kaposvár, wo sein ehemaliges Wohnhaus als Rippl-Ronai-Museum umgestaltet wurde. Dort befinden sich heute eine Reihe der Arbeiten von Knowles. „In dieser Zeit entstand Knowles Plan Vorstellungen von einem irdischen Paradies, der später zu einem Schlossbau [in Wiesbaden] führte.“Max Watzke, Schloß Freudenberg, James Pitcairn-Knowles, M.S., 2. Oktober 1999, S. 3, Dotzheimer Zeitung, 27. Februar 1906. Ab 1902 führte er Verhandlungen zum Kauf eines Geländes auf einer Anhöhe bei Wiesbaden-Dotzheim mit Blick auf den Rhein. Zunächst wurde dort von schwedischen Zimmerleuten ein solides Blockhaus gebaut, das 1903 fertig wurde. Zur Verwirklichung des Schlosses beauftragten Knowles und Yvonne/Eugénie Victoire Marie Guérinet den Architekten Paul Schultze-Naumburg. Im Herbst 1905 war es bezugsfertig und erhielt den Namen Schloss Freudenberg. Dort veranstaltete das Paar großzügige Feste und Bälle, über die die örtlichen Zeitungen mehrfach berichteten. So lautete es z. B. 1906 in einem Artikel: „Bei feenhafter Beleuchtung […] fand abends ein frugales Souper statt, wobei Trinksprüche auf die gütigen Gastgeber Hrn. J. Pitcairn-Knowles nebst seiner werten Frau Gemahlin aufgebracht wurden.“Dotzheimer Zeitung, 27. Februar 1906. Als sich Knowles und Eugénie Victoire Marie Guérinet 1909 trennten, wurde das Schloss verkauft. „Insgesamt dürften für Gelände, Bauten und Park (ohne Wasserversorgung) rund 660.000 M auf-gewendet worden sein.“Max Watzke, Schloss Freudenberg bei Wiesbaden, Ursprung und wechselvolle Geschichte, in: Schriften des Heimat- und Verschönerungsvereins Dotzheim e. V., Nr. 3, 1980, S. 40.
Die Wiesbadener Galerie Aktuaryus richtete Knowles 1912 eine Ausstellung aus, die in der Zeitschrift Der Cicerone eine enthusiastische Besprechung fand: „Der Künstler hat sich seit einiger Zeit in Wiesbaden niedergelassen, wo sich ihm rasch die ersten Kreise öffneten. Pitcair-Knowles ist Frauenmaler. Seine Kunst atmet Hochkultur, sensiblen Geschmack, spiritualistisches Einfühlungsvermögen in das geheime Reich des Femininen. Eine Technik der subtilsten Art. Feine, graue, bis ins Milchige erblassende Töne, im Inkarnat sich manchmal leicht steigernd zu dem Materialton gelblichen oder bräunlichen Marmors oder hinstrebend in einem gleichsam veratmenden, auf den letzten Grad der Wahrnehmbarkeit abgedämpften Rosa.“Ch., Wiesbaden, Der Kunstsalon Aktuaryus, Der Cicerone, Jg. IV, 1912, S. 401.
Im Ersten Weltkrieg war Knowles als Engländer offensichtlich für einige Zeit interniert worden.Jeremy Howard: The unfinished monk. In: The life & work of reclusive artist James Pitcairn-Knowles 1863–1954. St Leonards-on-Sea 2013, S. 132.
Porträt-Aufträge 1919 heiratete Knowles die dreiunddreißigjährige Louise Prinzessin zu Solms-Braunfels (1885–1964). Die darauffolgenden Jahre verlebte das Ehepaar in der Solmser Villa in Bad Homburg. Später folgten Aufenthalte in den Solmser Schlössern in Lich und in Braunfels. Die letzten Jahrzehnte verbrachte Knowles mit seiner Frau im Schloss Hungen im Landkreis Gießen. Nicht nur Verwandte aus dem Hessischen Hochadel luden Knowles in ihre Schlösser ein und ließen sich von ihm porträtieren. Aus einem Brief an seinen Freund Rippl-Ronai in Kaposvár erfährt man, dass Knowles auch in Wiesbaden weiterhin ein geschätzter Porträtist war. So ließ z. B. der Augenarzt Hermann Pagenstecher (1844–1932) seine Frau von Knowles malen, um das Portrait seinen Besuchern zu präsentieren. In einem anderen Brief an Ronai berichtet er, dass er in den späten 1920er Jahren an einem Porträt 6–10.000 Reichsmark verdiente.
In den 1930er Jahren