Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ ist ein lutherisches Kirchenlied aus der Reformationszeit. Der Text wird Johannes Agricola zugeschrieben;"Ein neuwes lied zu bitten vmb Glauben, Liebe, vnd Hoffnung Vnnd vmb ein stetiges leben gemacht durch Jon Eyßleben des Hertzzoch Hans von sachsen pridiger" (DKL 1LBl AgrJ um 1526/27; Wackernagel, Kirchenlied I, S. 392, Nr. XXXIV). Vgl. Wackernagel, Kirchenlied III, S. 54f und EG 343. lange galt er als Werk von Paul Speratus.Gesangbuch 1836. Vgl. Carl Johann Cosack: Paul Speratus, Leben und Lieder, Braunschweig 1861, S. 266. Der Komponist der ist unbekannt; sie erschien erstmals, zusammen mit dem Erstdruck des Textes, in einem Hagenauer Liedblatt von 1526/27. Im Evangelischen Gesangbuch steht das Lied unter der Rubrik Rechtfertigung und Zuversicht (Nr. 343).Wochenlied am 13. Sonntag nach Trinitatis

Form Die Strophenform ist einmalig, sie begegnet bei keinem anderen Lied. Jede Strophe besteht aus acht jambischen und einer trochäischen Zeile (der siebten). Das metrische Schema ist:

Das Reimschema ist .

Auffällig ist, dass in den älteren Drucken das Reimschema nicht in allen Strophen durchgehalten, in der EG-Fassung jedoch überall hergestellt ist.In Strophe 2 hat die vorletzte Zeile eine Silbe zu wenig; im EG ausgeglichen.

In Strophe 3 reimt „wann Unglück geht daher“ nicht auf „dein Wort mein Speis lass allweg sein“; EG stattdessen: „wenn Unglück schlägt herein“.

In Strophe 4 reimt „durch Werke deine Gnad“ nicht auf „und wem du’s gibst, der hat’s umsonst“; EG stattdessen: „durch Werke deine Gunst“.

Inhalt Die fünf Strophen sind das Gebet eines Einzelnen zu Jesus Christus. Leben gemäß dem Wort Jesu (Strophe 1), Bewahrung in der Hoffnung bis zur Todesstunde (Strophe 2), Vergebung, Kraft zum Vergeben und Stärkung im Unglück (Strophe 3), beständiges Vertrauen auf die unverdienbare göttliche Gnade (Strophe 4) und Schutz in Versuchung und Anfechtung (Strophe 5) sind die Inhalte der Bitte. Das Gebet schließt mit dem Bekenntnis: „Ich weiß, du wirst’s nicht lassen.“ mini|Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ in einem brandenburgischen Gesangbuch von 1699 mini|Autograph von J. S. Bachs Orgelbearbeitung BWV 639 Heutiger Text 1. Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ, ich bitt, erhör mein Klagen; verleih mir Gnad zu dieser Frist, lass mich doch nicht verzagen. Den rechten Glauben, Herr,1699: „den rechten Weg, o Herr“ ich mein, den wollest du mir geben, dir zu leben, meim Nächsten nütz zu sein, dein Wort zu halten eben.

2. Ich bitt noch mehr, o Herre Gott – du kannst es mir wohl geben –, dass ich nicht wieder werd zu Spott; die Hoffnung gib daneben; voraus, wenn ich muss hier davon, dass ich dir mög vertrauen und nicht bauen auf all mein eigen Tun,1699: „auf alles mein Tun“ sonst wird’s mich ewig reuen.

3. Verleih, dass ich aus Herzensgrund den Feinden mög vergeben; verzeih mir auch zu dieser Stund, schaff mir ein neues Leben; dein Wort mein Speis lass allweg sein, damit mein Seel zu nähren, mich zu wehren, wenn Unglück schlägt herein,1699: „geht daher“ das mich bald möcht verkehren.1699: „abkehren“; aber Eccard 1597 und Stobaeus 1634: verkehren

4. Lass mich kein Lust noch Furcht von dir in dieser Welt abwenden; beständig sein ans End gib mir, du hast’s allein in Händen; und wem du’s gibst, der hat’s umsonst, es mag niemand erwerben1699: „ererben“; aber Eccard 1597 und Stobaeus 1634: erwerben noch ererben1699: „erwerben“; aber Eccard 1597 und Stobaeus 1634: ererben durch Werke deine Gunst,1699: „Gnad“ die uns errett’ vom Sterben.

5. Ich lieg im Streit und widerstreb, hilf, o Herr Christ, dem Schwachen; an deiner Gnad allein ich kleb, du kannst mich stärker machen. Kommt nun Anfechtung her,1699: „Herr“; aber Eccard 1597 und Stobaeus 1634: her so wehr, dass sie mich nicht umstoße;1699: „umstoßen“; aber Eccard 1597 und Stobaeus 1634: umstoße (der korrekte Konjunktiv) du kannst machen,1699: „maßen“ (im Sinn von „mäßigen“) dass mir’s nicht bringt Gefähr. Ich weiß, du wirst’s nicht lassen.

Melodie und Bearbeitungen mini|Orgeleinspielung: EG 343 Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ Die ruhige, weitgehend syllabische Melodie scheint für den Text komponiert zu sein. Der dorische Modus ist durch zweimalige Berührung des ‘b’ – besonders ausdrucksvoll auf „Klagen“ und „verzagen“ in Strophe 1 – an d-Moll angenähert und hellt sich in den Zeilen 5 und 8 nach F-Dur auf.

Entsprechend seiner einstigen Bedeutung ist das Lied im Barock vielfach bearbeitet worden, z. B. von Dietrich Buxtehude (BuxWV 196), Johann Pachelbel (mehrere) und Jan Pieterszoon Sweelinck. Johann Sebastian Bach legte den vollständigen Text seiner gleichnamigen Choralkantate BWV 177 zugrunde. Seine expressiv harmonisierte dreistimmige f-Moll-Bearbeitung im Orgelbüchlein () war ein Lieblingsstück der Romantik und gehört bis heute zu den Favoriten der Orgelschüler und Konzertprogramme. Auch in dem Film Solaris von Andrei Tarkowski von 1972 findet die Orgelversion in einer romantisierenden Szene der Schwerelosigkeit Verwendung.

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Kirchenlied (protestantisch) Kategorie:Religion 1527 Kategorie:Lied (16. Jahrhundert)