Die Luftangriffe auf Nagoya in den letzten neun Monaten des Zweiten Weltkrieges zerstörten die japanische Stadt Nagoya zu großen Teilen. In der Zeit von Dezember 1944 bis Juli 1945 war Nagoya über 20-mal das Ziel von Bombereinheiten der United States Army Air Forces (USAAF). Auf keine weitere japanische Stadt außer Tokio erfolgten mehr Luftangriffe.

Wirtschaftliche Bedeutung der Stadt mini|Nagoya im Jahr 1945 nach der Bombardierung

Im Jahr 1944 war Nagoya die drittgrößte Stadt sowie das drittgrößte Industriezentrum auf den japanischen Hauptinseln. Daneben war sie Sitz der Verwaltung der Region Tokai. Zu dieser Zeit hatte die Stadt rund 1,2 Millionen Einwohner und eine Bevölkerungsdichte von 95.830–194.250 Einwohner pro km². Das Stadtgebiet und die Agglomeration umfasste eine Fläche von rund 104 km2 und nahezu alle Wohnhäuser waren aus Holz gebaut. Die Stadt hatte zwei große Industrieviertel: Ein knapp 39 km2 großes Areal nördlich des Hafengebietes der Stadt. Das zweite Industrieviertel war halbmondförmig mit einer Länge von rund 3,2 km und lag im Nordosten der Stadt. Im Süden der Stadt befand sich eine große Hafenanlage, die bis zu vierzig Großschiffe aufnehmen konnte. In den Industrievierteln befanden sich 45 große Industriebetriebe. Diese umfassten unter anderem Betriebe für die Rüstungsproduktion, Fahrzeugproduktion sowie für die Stahlproduktion. Daneben existierte noch eine Vielzahl von Kleinbetrieben, welche sich auf das ganze Stadtgebiet verteilten. Nagoya war besonders wichtig für die zivile und militärische Luftfahrtindustrie. In den Industrievierteln waren Fertigungshallen der Flugzeughersteller Mitsubishi, Kawasaki, Nakajima und Aichi angesiedelt. Daneben war Nagoya der Eisenbahnknotenpunkt von vier Hauptlinien.United States Strategic Bombing Survey: The Effects of Air Attack in the City on Nagoya. 1947, S. 4–9.United States Strategic Bombing Survey: Effects of Incendiary Bomb Attacks on Japan. 1947, S. 226–231.

Im Vergleich zu anderen Städten auf den japanischen Hauptinseln hatte Nagoya eine Berufsfeuerwehr mit einer vergleichsweise großen Anzahl Feuerwehrmännern. Daneben hatte die Stadt eine gut organisierte Zivilverteidigung. Die Region von Nagoya zählte zu den am besten verteidigten Gebieten in Japan. Als wichtiger Industrie- und Wirtschaftsstandort war Nagoya eine vergleichsweise große Anzahl Flieger- und Flakeinheiten zugeteilt.United States Strategic Bombing Survey: The Effects of Air Attack in the City on Nagoya. 1947, S. 12–13.United States Strategic Bombing Survey: Effects of Incendiary Bomb Attacks on Japan. 1947, S. 226–227.

Chronologie der Luftangriffe Das vorrangige Ziel der Luftangriffe war die Zerstörung der Industrieviertel von Nagoya. Das zweite Ziel war die Bevölkerung der Stadt. Mit der Vernichtung der Arbeitskräfte erhofften sich die Planer massive Einbußen in der Industrieproduktion sowie eine Schwächung der Moral (Arbeitsmoral, Durchhaltewillen usw.). Vom 13. Dezember 1944 bis zum 24. Juli 1945 erfolgten über 20 Bombenangriffe auf die Stadt. Von diesen wurden 14 Angriffe als „Präzisionsangriffe“ durchgeführt. Das Ziel dieser war, einzelne Industriebetriebe punktgenau zu bombardieren. Die anderen sechs Angriffe erfolgten als Flächenbombardement. Diese Angriffe richteten sich gegen die Industrie- und Wohnviertel sowie die Hafenanlagen von Nagoya. Die Luftangriffe lassen sich in drei Phasen gliedern: die erste Phase vom 13. Dezember 1944 bis zum 15. Februar 1945, die zweite Phase vom 12. März 1945 bis zum 17. Mai 1945 und die dritte Phase vom 9. Juni 1945 bis zum 24. Juli 1945. Jede Phase war hinsichtlich der Angriffsziele, der Taktik und den verwendeten Bombentypen unterschiedlich.United States Strategic Bombing Survey: The Effects of Air Attack in the City on Nagoya. 1947, S. 8.

18. April 1942 Ein erster Luftangriff auf Nagoya erfolgte am 18. April 1942 im Rahmen des Doolittle Raid. Zwei mittlere Bomber B-25 Mitchell warfen je vier 500-Pfund-Bomben (227 kg) auf die Industrieviertel. Die angerichteten Schäden waren gering.Clayton K. S. Chun: The Doolittle Raid 1942: America’s First Strike Back at Japan, 2006.

Phase eins Die erste Phase begann am 13. Dezember 1944 und dauerte bis zum 15. Februar 1945. In dieser Phase wurden Präzisionsangriffe aus großer Höhe mit wenigen Bombern durchgeführt. Die Angriffe wurden sowohl am Tag wie auch in der Nacht geflogen. Ziele dieser Angriffe waren die Produktionsstandorte der Flugzeughersteller. Die erste Angriffsphase begann, nachdem im Oktober 1944 die ersten Einheiten des XXIth Bomber Command der Twentieth Air Force (20th AF) auf den Marianen stationiert wurden. Dieser Verband war mit dem fortschrittlichen Bomber B-29 Superfortress ausgerüstet. Die B-29 konnte schwere Bombenlasten über weite Distanzen und in großer Höhe transportieren. Kommandeur des XXIth Bomber Command war Brigadegeneral Haywood Hansell.Curtis LeMay und Bill Yenne: Superfortress: The Boeing B-29 and American airpower in World War II., 2007. Während der ersten Phase wurden acht Luftangriffe auf Nagoya geflogen.

Von der United States Army Air Forces wurden später die Präzisionsangriffe des XXIth Bomber Command in dieser Phase als wenig erfolgreich gewertet. Die Bombardements konnten die Flugzeugwerke nicht nachhaltig zerstören, schwächten aber immerhin das Vertrauen der japanischen Zivilbevölkerung in die Luftverteidigung des Landes.Wesley Frank Craven und James Lea Cate (Hrsg.): The Pacific: Matterhorn to Nagasaki. 1953, S. 559–560. Verschiedene Faktoren werden zur Erklärung der geringen Effektivität herangezogen. Den wichtigsten stellt das Wetter dar, da die Angriffe häufig durch über Japan vorherrschende Höhenwinde und dichte Bewölkung behindert wurden, welche einen akkuraten Bombenabwurf erschwerten. Schlechtwetterfronten zwischen den Marianen und Japan führten überdies dazu, dass sich die Bomberformationen auflösten und Navigationsprobleme hatten. Daneben waren schlechte Wartung und eine Überbelegung der verfügbaren Stützpunkte weitere Gründe. Sie reduzierten die für Angriffe verfügbare Anzahl an Bombern und verkomplizierten den komplexen Start- und Landeprozess großer Bomberformationen.Wesley Frank Craven und James Lea Cate (Hrsg.): The Pacific: Matterhorn to Nagasaki. 1953, S. 575–576.

13. Dezember 1944 Am 13. Dezember erfolgte der erste Angriff mit schweren Bombern vom Typ B-29 Superfortress. Für die Mission 12 der 20th AF waren 90 B-29-Bomber des 73rd Bomb Wing auf den Marianen gestartet. 15 Flugzeuge mussten den Flug frühzeitig abbrechen. 71 Bomber warfen ihre Bombenlast über dem Primärziel, dem Mitsubishi-Flugzeugmotorenwerk Nr. 4 ab. Jedes Flugzeug war mit zehn 500-Pfund-Sprengbomben (227 kg) beladen. Jeweils eine Staffel von jeder Gruppe war mit Stabbrandbomben vom Typ AN-M50 beladen. Der Angriff erfolgte aus einer Flughöhe von 8.062–9.845 m und richtete beträchtliche Schäden auf dem Fabrikgelände an. Die Besatzungen konnten im Zielgebiet rund 230 Bombeneinschläge ausmachen und rund 40 % des Fabrikgeländes wurde getroffen. Jedoch blieb die überwiegende Anzahl der Produktionshallen weitgehend intakt. Während des Luftangriffes flogen japanische Jagdflugzeuge 106 Angriffe auf die Bomberformation. Nach amerikanischen Angaben wurden vier japanische Jagdflugzeuge abgeschossen. Bei diesem Angriff wurden 31 B-29 beschädigt und vier B-29 gingen verloren, wobei nur ein Verlust auf Feindeinwirkung zurückzuführen ist. Der Angriff forderte 264 Tote und 105 Verletzte am Boden.Wesley Frank Craven und James Lea Cate (Hrsg.): The Pacific: Matterhorn to Nagasaki. 1953, S. 562.Kit C. Carter und Robert Mueller: U.S. Army Air Forces in World War II: Combat Chronology 1941–1945. 1991, S. 567.F. J. Bradley: No Strategic Targets Left. 1999, S. 10.Twentieth Air Force Association. Zugriff: 13. Januar 2015. Zugriff: 13. Januar 2015.

18. Dezember 1944 Am 18. Dezember erfolgte die Mission 13 der 20th AF. Ziel dieser Mission war das Mitsubishi-Flugzeugwerk Oe-machi. Von 89 gestarteten B-29-Bomber luden 63 ihre Bombenlast über dem Ziel ab. Infolge starker Bewölkung musste rund die Hälfte der Bomber das Ziel mittels Radar anfliegen. Zehn Flugzeuge konnten das Ziel nicht finden und luden ihre Bombenlast über den Wohngebieten der Stadt ab. Der Angriff des 73rd BW erfolgte aus einer Flughöhe von 8.534–9.753 m und jedes Flugzeug war mit zehn 500-Pfund-Sprengbomben (227 kg) beladen. Bei diesem Luftangriff traf nur ein kleiner Teil der Bombenlast das Mitsubishi-Flugzeugwerk. Vom Fabrikgelände wurde eine Fläche von rund 0,03 km2 zerstört. Lediglich rund 18 % der Fabrikhallen wurden beschädigt oder zerstört. Daneben wurden rund 0,2 km2 angrenzende Wohngebiete beschädigt oder zerstört. Während des Luftangriffes flogen japanische Jagdflugzeuge 188 Attacken auf die Bomberformation. Nach dem Angriff beanspruchten die Amerikaner für sich, bei Verlusten von vier B-29, fünf japanische Flugzeuge abgeschossen sowie weitere 12 beschädigt zu haben. Der Angriff forderte 464 Tote und Verletzte am Boden.Wesley Frank Craven und James Lea Cate (Hrsg.): The Pacific: Matterhorn to Nagasaki. 1953, S. 563.Kit C. Carter und Robert Mueller: U.S. Army Air Forces in World War II: Combat Chronology 1941–1945. 1991, S. 572.F. J. Bradley: No Strategic Targets Left. 1999, S. 10–11.

22. Dezember 1944 Bei der Mission 14 der 20th AF am 22. Dezember kamen 500-Pfund-Napalmbomben (227 kg) vom Typ AN-M76 zum Einsatz. Jede B-29 war mit elf diesen Bomben beladen. Ziel war wiederum das Mitsubishi-Flugzeugmotorenwerk Nr. 4 wie bei dem Angriff vor vier Tagen. Am 22. Dezember herrschte schlechtes Wetter und die Stadt Nagoya lag unter einer nahezu kompakten Wolkendecke, so dass die Bomber das Ziel mittels Radar anfliegen mussten. Von den gestarteten 78 Bombern luden nur 48 ihre Bomben aus einer Höhe von 8.778–9.936 m über dem Ziel ab. Im Zielgebiet wurden lediglich 252 Bombeneinschläge ausgemacht und an den Werkhallen entstanden nur geringe Schäden. Bei diesem Angriff waren die Abwehrversuche durch japanische Jagdflugzeuge heftiger. Es wurden 508 Attacken gezählt. Nach US-Angaben gelang es den B-29, neun Jagdflugzeuge abzuschießen und 15 weitere zu beschädigen. Bei diesem Einsatz verlor das 73rd BW zwei B-29 durch Unfälle. Ein weiteres Flugzeug wurde durch die Flak abgeschossen.Wesley Frank Craven und James Lea Cate (Hrsg.): The Pacific: Matterhorn to Nagasaki. 1953, S. 563–564.Kit C. Carter und Robert Mueller: U.S. Army Air Forces in World War II: Combat Chronology 1941–1945. 1991, S. 575.F. J. Bradley: No Strategic Targets Left. 1999, S. 11.

3. Januar 1945