mini|Nackter Waffenläufer auf einem attisch-rotfigurigen Schalen-Tondo des Colmar-Malers, um 510 v. Chr.; Walters Art Museum, Baltimore Ideale Nacktheit oder heroische Nacktheit sind neuzeitliche Begriffe für die idealisierende, nicht die Realität wiedergebende Nacktheit in der Kunst seit der griechischen Antike. Vielmehr stand sie für Jugend, Schönheit, Kraft, Reinheit und damit verwandte, vorrangig positiv männlich besetzte Eigenschaften. Bei Frauen entstand die Vorstellung einer idealen Nacktheit erst im Mittelalter. In verschiedenen Formen wurde die Vorstellung bis ins 20. Jahrhundert tradiert.
Während die Darstellung idealisierender Nacktheit in der Antike nicht die Wirklichkeit, dafür aber reale Eigenschaften widerspiegelte, orientierten sich entsprechende Bildnisse seit der Renaissance nicht mehr an der Natur, sondern an einer idealisierenden Vorstellungs- und Gedankenwelt. Damit unterscheiden sich ihre Grundlagen in Antike und Neuzeit – trotz optischer Überschneidungen und neuzeitlicher Rückgriffe auf antike Kunst – in diametraler Weise. Andererseits verbindet diese Darstellungsform zwei Epochen der abendländischen Kunst miteinander und unterscheidet sie von anderen Formen der Weltkunst.
Idealisierte Nacktheit in der Antike mini|400px|Prothesis-Darstellung auf der Dipylon-Amphora, Athen mini|hochkant|Knidische Aphrodite in einer römischen Marmorkopie, Palazzo Altemps, Rom Es gibt keine Schriftzeugnisse über die Gründe, warum die Griechen begannen, Menschen nackt zu zeigen. Somit bleibt es der Archäologie sowie der Kunst- und Kulturwissenschaft überlassen, die Gründe für derartige Darstellungen zu erschließen.
Die Idee, den menschlichen Körper in seiner nicht der Realität entsprechenden, sondern als Ideal aufgefassten Nacktheit darzustellen, entwickelte sich im antiken Griechenland. Sowohl im Mythos als auch in der gelebten Realität entspricht Nacktheit weder für Männer noch für Frauen der Norm. Im Gegenteil, abgesehen von Ausnahmesituationen oder aber dem Sport, dem Besuch des Bades oder in kultischen Zusammenhängen waren sowohl komplette als auch teilweise Nacktheit eher die Ausnahme. Doch ausgerechnet die antike Kunst, die Nacktheit in einer nicht-realen, heroisierenden Weise zeigt, sollte das Bild der Antike in nachantiker Zeit in letztlich die Realität verfälschender Weise prägen.
Schon bei frühen Beispielen der attisch-geometrischen Kunst, etwa der Dipylon-Amphora, ist die idealisierte Nacktheit angedeutet. Noch sind die Menschen hier als Silhouetten gestaltet, doch sind bestimmte Aspekte, die Männlichkeit und Stärke symbolisieren, besonders hervorgehoben. Die Oberkörper wirken in ihrer Dreiecksform ebenso athletisch wie die auffälligen Oberschenkel. Kleidung kann man, abgesehen von Schwertern an Gürteln, nicht erkennen. Dennoch ist klar, dass hier keine reale Nacktheit gezeigt werden sollte, denn dies wäre den Konventionen für die dargestellte Szene der Totenaufbahrung zuwidergelaufen. Die Darstellung symbolisierte ethische, aristokratische Werte. Gleichwohl wurde das Schema dieser scheinbaren Nacktdarstellungen, das auch in der gleichzeitigen Kleinplastik begegnet, von nun an in der griechischen Kunst weiterentwickelt. Hauptsächlich syrische Einflüsse waren im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. für eine kurzzeitig produzierte Gruppe von Statuetten in sich geschlossener, nackter Frauen verantwortlich, die vor allem in Lakonien produzierten archaischen nackten Spiegelträgerinnen waren ägyptisch beeinflusst.. Vgl. auch Walter August Müller: Nacktheit und Entblössung in der altorientalischen und älteren griechischen Kunst, Leipzig 1906 Der nächste bedeutende Schritt für die Darstellung männlicher Nacktheit waren die nackten Kouros-Statuen in der Archaik, die sich an bekleideten ägyptischen Vorbildern orientierten. Auch hier spiegelte die Nacktheit keine Realität, sondern ein Ideal von Jugend und Athletik wider. Auffallend ist, dass die weiblichen Gegenstücke, die Kore-Statuen, komplett bekleidet gezeigt wurden. Während die Darstellung nackter Athleten durchaus der Realität entsprach, war die Darstellung nackter Krieger entgegen jeder (gelebter) Realität.
In der Archaik trennten sich verschiedene Wege der Darstellung von Nacktheit. Neben der idealisierten Form gab es auch die Darstellung etwa von Handwerkern (Banausen), die ebenso wenig Heroisches in sich trug wie die von nackten Schauspielern der griechischen Komödie. Auf den Schauspieler darstellenden Phlyakenvasen der rotfigurigen unteritalischen Vasenmalerei des 4. Jahrhunderts v. Chr. wurde die Nacktheit durch Kostüme mit großen Phalloi sogar noch übertrieben und damit karikiert. Auch die Darstellung nackter und beraubter gefallener Feinde spiegelt kein Ideal wider, ebenso wenig die Darstellung nackter Frauen in der Klassik, die keinen direkten Bezug zur Religion oder Mythologie hatten. Sie zeigten keine Idealfälle von Nacktheit, sondern im Allgemeinen Hetären, also Frauen am Rande der Gesellschaft. Sie waren inspiriert von Praxiteles’ Statue der Aphrodite von Knidos nach dem Modell der Hetäre Phryne, der ersten Großplastik, die eine Frau vollständig nackt zeigte. Es wurde die bekannteste Statue der Antike, kein anderes Werk wurde in so vielen Kopien überliefert. Dabei wirkte die Statue auf die Zeitgenossen zunächst geradezu verstörend und wühlte noch spätere Generationen auf. Die entblößten weiblichen Brüste blieben in der griechischen Klassik im Allgemeinen auf göttliche und mythologische Personen beschränkt, es bildete sich sogar ein typisches Schema für die Anordnung heraus. Der Schambereich wurde im Allgemeinen durch Kleidungsstücke oder Accessoires verdeckt oder die Sicht auf ihn zumindest wie beim Typus der Venus pudica mit vorgehaltenen Händen eingeschränkt.
Die verbreitete Darstellung von nackten Göttern begann im 5. Jahrhundert v. Chr. Bis dahin wurden die meisten männlichen Götter bekleidet und bärtig dargestellt. In der Klassik wechselte die Darstellungsform einiger Götter stark. So wurden etwa aus Apollon, Dionysos oder Hermes Götter, die durch ihre Nacktheit und Bartlosigkeit Jugendlichkeit und Kraft in idealer Weise verkörpern sollten. Somit erfolgte eine Verjüngung und Verklärung der Götter. Auch einige Göttinnen, zunächst vor allem Aphrodite, später etwa auch Nike, wurden in einer idealen Verkörperung von Nacktheit gezeigt. Nymphen und Mänaden hingegen verkörperten wie Satyrn eher eine rohe, sexualisierte Nacktheit, die wenig mit dem Ideal zu tun hatte. Diese Bilder der dionysischen tryphe stehen wie auch erotische Abbildungen seit frühhellenistischer Zeit neben den heroisierenden Bildern.
In der Vasenmalerei finden sich auch in der Klassik Beispiele von heroischer Nacktheit, die in einer direkten Linie von der Darstellung auf der Diplon-Amphora gesehen werden können. So gibt es Bilder von Kriegers Abschied, in denen der Krieger nackt, oft nur bekleidet mit seinen Waffen als Insignien der Männlichkeit gezeigt wurde. Auch hier ist kein realer Abschied in nackter Form vorstellbar, sondern die Interpretation als idealisierte Darstellung von Jugend, Schönheit, Kraft, Mut und Kampfeswille sicher. Seit die idealisierte nackte Darstellung von Göttern zur Normalität wurde, war vor allem im demokratischen Athen eine idealisierte Darstellung nackter echter Menschen immer mehr ein Ding der Unmöglichkeit. Es widersprach dem Gleichheitsgebot, einzig im Bereich der Athletendarstellung war Nacktheit weiterhin möglich. Auch andere Regionen Griechenlands folgten dieser Entwicklung. So konnte ein thessalischer Dynast in der Zeit zwischen 336 und 332 v. Chr. in Delphi nur diejenigen seiner Vorfahren durch nackte Statuen ehren, die auch wirklich Erfolge als Athleten erzielt hatten. Anders war es etwa in der Region Böotien, wo die attische Vorstellung der demokratischen Gleichheit und die Ablehnung der Heraushebung Einzelner aus der Masse nicht von Bedeutung war. Hier konnten selbst gefallene Krieger auf ihren Grabmalen nackt und damit idealisiert gezeigt werden.
miniatur|hochkant|Statue wohl eines Römers aus Delos, um 80 v. Chr. Archäologisches Nationalmuseum Athen Bei Männern gab es ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. eine sanft einsetzende Entwicklung, die rein mythische Ebene bei den Dargestellten zu verlassen oder die dargestellten Menschen durch die Darstellungsweisen an Götter und Heroen anzunähern. So feierte etwa der Parthenon-Fries das ideale athenische Menschenbild eben auch durch die Darstellung nackter Athener. Umstritten ist in der Forschung, ob es sich dabei eventuell um attische Strategen handeln könnte. In nachklassischer und hellenistischer Zeit wandelte sich die Konnotation von einer idealisierenden Nacktheit immer mehr zu einer heroisierenden. Menschen wurden nicht mehr so sehr in einer idealen Form als in einer heroischen Form gezeigt. Der erste Mensch, der sich abseits des Athletenwesens in idealer Form nackt darstellen ließ, war wohl Alexander der Große. Auch bei ihm sollte die Nacktheit für Schönheit, Jugend und Kraft stehen. Aufgrund seines frühen Todes waren in Alexanders Fall diese Ideale auch gegeben. Während des Hellenismus wurde die Darstellung nackter Herrscher die Regel. Wie in der hellenistischen Kunst oft üblich, wurden Idealismus und Realität nicht selten verbunden. So wurden die Körper in idealer Form gestaltet, Köpfe, Porträts und Büsten aber oft der Realität angepasst. Die Bildhauer kombinierten in diesen Fällen nackte jugendliche Körper mit offensichtlich Alterszüge – etwa Glatzen – zeigenden Porträts.
In verschiedenen zeitlichen Phasen übernahmen die Römer diese Art der Darstellung. Ausschlaggebend für die Darstellung von Personen und Göttern in idealer Nacktheit war der jeweilige Zeitgeist, der meist durch führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens oder das Kaiserhaus geprägt wurde. Das Aufstellen vollständig nackter Plastiken in der offiziösen Kunst blieb bis in der Frühzeit des Prinzipats sehr selten.Robert West: Römische Porträt-Plastik, Band 1, L’Erma di Bretschneider, Rom 1970. S. 153 Erst im 2. Jahrhundert gewannen überlieferte griechisch-künstlerische Konventionen in der römischen nichtsakralen Vollplastik zeitweilig an Bedeutung. Eine Darstellungsform, wie sie in dieser Form weder zuvor noch danach von den Römern gepflegt wurde. So ließen sich in dieser Zeit bestimmte gräkophile KaiserDetlef Rößler: Das Kaiserportrait im 3. Jahrhundert. In: Klaus-Peter Johne (Hrsg.): Gesellschaft und Wirtschaft des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert. Akademieverlag, Berlin 1993, ISBN 3-05-001991-3, S. 319–375; hier: S. 337 und reiche Privatpersonen in heroischer Nacktheit abbilden. Nackte heroische Statuen mit Kaiserporträts waren somit insbesondere im 2. Jahrhundert n. Chr. möglich, hoben sie den Dargestellten doch in mythische Sphären und vermittelten den Betrachtern nicht den Eindruck der realen Nacktheit der Abgebildeten. Manchmal kam es auch zur Darstellung weiblicher Angehöriger des Kaiserhauses als Venus, auch hier sollte nicht auf das reale Aussehen der Dargestellten referiert werden. Die Adaption dieser Darstellungsformen seit augusteischer Zeit führt zu einer Verselbstständigung der Bildkonventionen. Sie wurden somit von den kulturellen Wurzeln getrennt. Daneben stand trotz einer zunehmenden, durch stoische Philosophie und römische Literaten beeinflussten Körperfeindlichkeit noch bis in die Spätantike und die frühchristliche Zeit immer auch die erotische und dionysische Kunst.