300px|mini|Ostfriesische Neujahrskuchen (Rullekes) werden am Jahresende gerne zum Tee gereicht. Als Ostfriesische Küche bezeichnet man die Regionalküche der friesischen Kulturregion Ostfriesland. Sie zeichnet sich traditionell durch eine meist bodenständige und zum Teil sehr deftige und mit großem Fettanteil versehene Kost aus, die als so genannte Redelköst (= Regelkost) bezeichnet wurde.Cirk Heinrich Stürenburg: Ostfriesisches Wörterbuch. Aurich 1857, S. 197. Lange Zeit waren breiige Suppen und Eintöpfe, deren Zubereitung sich seit dem Mittelalter kaum verändert hat, die Hauptmahlzeiten.Gerhard D. Ohlig: Der Rahmen der Kultur. III. Speis und Trank. S. 183. In: Entwässerungsverband Emden, Jannes Ohling, Gerhard Steffens (Hrsg.): Die Acht und ihre sieben Siele. Kulturelle, wasser- und landwirtschaftliche Entwicklung einer ostfriesischen Küstenlandschaft. 2., erweiterte Auflage. Leer 1987, S. 182–196. Hauptgrund dafür waren die beschränkten Kochmöglichkeiten über den offenen Feuerstellen in den Häusern. Erst nachdem Stangenöfen Einzug in die Haushalte hielten, änderte sich dies.
Typisch ist die Verwendung von Hülsenfrüchten und getrockneten Bohnen, von Speck und Pökelfleisch.Süddeutsche Zeitung: Essen & Trinken Ostfriesland. Pinkel und Granat. Abgerufen am 14. Dezember 2015. Frisches Fleisch gab es nur in den Wintermonaten, wenn geschlachtet wurde. Fisch wurde dagegen, außer an den unmittelbar an die Küste grenzenden Bereichen, kaum gegessen. Wild war für viele Jahrhunderte dem Adel vorbehalten und kam daher bei den meisten Ostfriesen selten auf den Tisch.
Sie weist große Überschneidungen zu den Küchen benachbarter Regionen auf, so beispielsweise der Oldenburger, der Jeverländer oder der Groninger Küche. Wirtschaftliche und kulturelle Gemeinsamkeiten führten zu diesen Parallelen.Hanne Klöver: Ostfriesland kocht: Van Pottjekiekers un Pottjeslikkers. Verlag Soltau Kurier, Norden 2008, ISBN 978-3-928327-53-4, S. 10. Bis heute sind jahrhundertealte, besondere Ess- und Trinkgewohnheiten erhaltenHanne Klöver: Küchengeschichten aus Ostfriesland (1/4). Schlachtfest und Snirrtjebraa. Auf: 3sat.de. Abgerufen am 30. November 2015. und es gibt zudem genuin ostfriesische Spezialitäten. Zu den bekanntesten zählen die Ostfriesische Teekultur, der Snirtjebraten, Updrögt Bohnen und der Buttermilchbrei. Einige Spezialitäten haben exotische Namen wie Olle Wieven (Alte Weiber),Ein Gebäck aus gekochtem Sirup und Roggenmehl. Siehe Hanne Klöver: Ostfriesland kocht: Van Pottjekiekers un Pottjeslikkers. Verlag Soltau Kurier, Norden 2008, ISBN 978-3-928327-53-4, S. 151. Peter in de Büx (Peter in der Hose)Ein Buchweizenpfannkuchen mit Speck. Siehe: Sven Bremer: DuMont Bildatlas Ostfriesland Oldenburger Land. Ostfildern 2015, ISBN 978-3-7701-9857-3, S. 113. Pirrel in de Püttein breiiges Gericht aus Biestmilch (das ist die besonders nahrhafte Milch, die die Kuh in den ersten Tagen, nachdem sie ein Kalb geboren hat, gibt), normaler Milch und Mehl, das traditionell in ein Leinensäckchen (Pütt) gefüllt und im Wasserbad gegart wurde. Siehe Spezialitäten aus Niedersachsen: Pirrel in de Pütt. Abgerufen am 14. Dezember 2015. (Kloß im Leinensäckchen), Ollerweltsk (altmodisch, veraltet)Ein Gericht aus gepökelten Mettwürsten, Rippchen und Eisbein. Siehe Hanne Klöver: Ostfriesland kocht: Van Pottjekiekers un Pottjeslikkers. Verlag Soltau Kurier, Norden 2008, ISBN 978-3-928327-53-4, S. 32. oder Rebbedi, der auch Lei-Wieven-Köst (Faule-Weiber-Kost) genannt wird.Ein einfach zuzubereitender Brei aus Milch sowie Buchweizen-, Weizenmehl oder Gries. Siehe Hanne Klöver: Ostfriesland kocht: Van Pottjekiekers un Pottjeslikkers. Verlag Soltau Kurier, Norden 2008, ISBN 978-3-928327-53-4, S. 68. Andere vermeintlich traditionell ostfriesische Delikatessen wie etwa die Ostfriesentorte sind jüngeren Ursprungs. Wiederum andere wie das in Wintertagen beliebte Grünkohlessen oder Gröner Hein (Grüner Heinrich)Siehe Hanne Klöver: Ostfriesland kocht: Van Pottjekiekers un Pottjeslikkers. Verlag Soltau Kurier, Norden 2008, ISBN 978-3-928327-53-4, S. 85. sind lokale Varianten von in ganz Norddeutschland beliebten Speisen.
Jahrhundertelang hatten die Gerichte und Getränke der ostfriesischen Küche außerhalb der Region einen schlechten Ruf. Inzwischen erfreuen sie sich größerer Beliebtheit, so dass sie auch in den Touristenorten in typischen Melkhuskes, Cafés und Restaurants auf der Karte stehen.
Geschichte Was in Ostfriesland verzehrt wurde, ist bis weit in das Mittelalter fast ausschließlich über die Archäologie, die Archäobotanik oder die Archäozoologie nachzuweisen. Aus der Römischen Kaiserzeit liegen vereinzelte Berichte über die Lebensweise der damals in Ostfriesland siedelnden Chauken vor. Danach versiegt die schriftliche Überlieferung und setzt erst wieder mit dem Mittelalter ein. Kochbücher mit Rezepten aus Ostfriesland liegen seit dem 19. Jahrhundert vor.Paul Weßels: Buch des Monats der Landschaftsbibliothek: Neues Ostfriesisches Kochbuch. Abgerufen am 30. Dezember 2015.
Besiedelung in der Jungsteinzeit mini|Steinartefakte der Federmesser-Gruppen Die ersten Menschen, die sich im heutigen Ostfriesland zumindest für längere Zeit aufgehalten haben, waren jungpaläolithische Jäger der Hamburger Kultur. Sie folgten den Rentierherden, welche durch eine weite Tundra geprägte die Region in den Sommermonaten aufsuchten. Das Ren war ihre Hauptnahrungsquelle. Daneben fingen und verzehrten sie Fische, Vögel und Niederwild. Vermutlich aßen die Menschen auch den vorverdauten Mageninhalt ihrer Beute als willkommenes Gemüse, da pflanzliche Nahrung nahezu vollkommen fehlte und ohnehin nur in bescheidenem Maße in den Sommermonaten gesammelt werden konnte. Im Bölling-Interstadial erweiterte sich das Nahrungsangebot für etwas mehr als 100 Jahre um Wildpferd und Wildrind, ehe sich das Klima erneut verschlechterte.Wolfgang Schwarz: Die Urgeschichte in Ostfriesland. Leer 1995, ISBN 3-7963-0323-4, S. 20.
In einer weiteren kurzen Warmphase kurz vor dem Ende der Letzten Kaltzeit, dem Alleröd-Interstadial, jagten Menschen, die den Federmesser-Gruppen zugeordnet werden, in der Tundren- und Buschlandschaft Wisent, Rothirsch, Elch, Reh, Wildschwein, Biber und Bär. Danach verschlechterte sich das Klima abermals. Vermutlich verließen die Menschen Ostfriesland am Beginn der Kälteperiode der jüngeren Tundrenzeit.Wolfgang Schwarz: Die Urgeschichte in Ostfriesland. Leer 1995, ISBN 3-7963-0323-4, S. 23.
Zu Beginn des Atlantikums ging die Doggerbank allmählich als Lebensraum für Fischer und Jäger verloren. Die Menschen wichen in benachbarte Regionen aus, unter anderem nach Ostfriesland. Dort siedelten sie sich an den Küsten und an Flussläufen an, in denen sie ihre Hauptnahrungsquellen Fisch und Meeresfrüchte fingen. Erstmals finden sich bei auf der von ihnen verwendeten Keramik Abdrücke von Kulturpflanzen. Archäologische Hinweise, ob sie selbst Ackerbau und die Haltung von Haustieren betrieben, liegen dagegen nicht vor.Wolfgang Schwarz: Die Urgeschichte in Ostfriesland. Leer 1995, ISBN 3-7963-0323-4, S. 34. Im Mesolithikum bedingte eine Klimaverbesserung eine Veränderung der Lebensgewohnheiten. Die Menschen mussten nicht mehr weit umherziehen, sondern konnten Hirsch, Wildrind, Wildschwein sowie Niederwild von den Hauptwohnplätzen ihres durch die bessere Verfügbarkeit der Nahrung kleiner gewordenen Territoriums jagen. Die Jahreszeiten bestimmten dabei ein wechselndes Angebot. Fisch fingen sie mit Angel, Reusen und Netzen. Wichtigste Frucht dieser Wildbeuterkultur war die Haselnuss, die durch Röstung zudem beschränkt für den Winter haltbar gemacht werden konnte. Zudem verzehrten die Menschen Muscheln und wahrscheinlich alle essbaren Pflanzen wie wilde Beeren, Wurzeln, Gemüse und die heute in Ostfriesland nicht mehr vorkommende Wassernuss. Auch dabei bestimmten die Jahreszeiten das Angebot. Ihre Speisen bereiteten sie in Kochgruben zu, wie sie z. B. in Menstede-Coldinne, in Neermoor und Utarp entdeckt wurden.Wolfgang Schwarz: Die Urgeschichte in Ostfriesland. Leer 1995, ISBN 3-7963-0323-4, S. 35/36.
Die Neolithische Revolution mini|hochkant|Emmer. Ackerbau, Viehhaltungzucht und Sesshaftigkeit setzten sich in Mitteleuropa von Süd nach Nord seit dem 6. Jahrtausend v. Chr. durch. Die Jäger- und Sammler des Nordens und damit auch Ostfrieslands standen mit den südlicheren Kulturgruppen in Verbindung, ohne zunächst deren Lebensweise anzunehmen.Jan Kegler: Der Steinzeitmensch. Aurich 2014. Abgerufen am 2. Dezember 2015. Mit der Neolithisierung wurden die Menschen, die der Rössener Kultur zugerechnet werden, ab Mitte des 4. Jahrtausends sesshaft und begannen mit Ackerbau und ViehhaltungWolfgang Schwarz: Die Urgeschichte in Ostfriesland. Leer 1995, ISBN 3-7963-0323-4, S. 40. in Form einer Subsistenzwirtschaft.Wolfgang Schwarz: Die Urgeschichte in Ostfriesland. Leer 1995, ISBN 3-7963-0323-4, S. 76. Zur Fleischgewinnung hielten sie Rinder, Schafe, Pferde, Schweine und Ziegen. Dieser Bestand an Haustieren blieb über die folgenden Jahrtausende hinweg nahezu gleich.Karl-Ernst Behre: Ostfriesland – Die Geschichte seiner Landschaft und ihrer Besiedelung. Brune-Mettcker Druck- und Verlags-GmbH, Wilhelmshaven 2014, ISBN 978-3-941929-09-8, S. 73. Bei den angebauten Getreidearten handelte es sich um Emmer und Einkorn, die mehrzeilige Spelzgerste sowie die Nacktgerste. Wahrscheinlich nutzten die Menschen diese als Brotgetreide.Karl-Ernst Behre: Die Entstehung der Natur- und Kulturlandschaft der ostfriesischen Halbinsel. In: Karl-Ernst Behre und Hajo van Lengen (Hrsg.): Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Aurich 1995, S. 5–38. Hier S. 23.
Bronzezeit mini|hochkant|Nacktgerste Während der älteren und mittleren Bronzezeit unterschied sich die Lebensweise in Ostfriesland im Ergebnis archäologischer Spuren kaum von der des Neolithikums. Die Ernährung der Menschen basierte weiterhin auf Feldbau und Viehhaltung. Dazu sammelten sie in der unmittelbaren Umgebung ihrer Wohnplätze je nach Jahreszeit Eier, Muscheln, Honig sowie Wildfrüchte und betrieben Fischfang.Wolfgang Schwarz: Die Urgeschichte in Ostfriesland. Leer 1995, ISBN 3-7963-0323-4, S. 123. Wie sie die unterschiedlichen Biotope zur Nahrungsgewinnung nutzten, ist noch unzureichend erforscht. Zur Beantwortung der Frage, welche Feldfrüchte die Menschen dieser Zeit anbauten, fehlen aussagefähige Befunde aus Ostfriesland. Es ist anzunehmen, dass die angebauten Getreidesorten gleich blieben. Aus Nachbarregionen ist bekannt, dass die Menschen in den sandigen Böden des Flachlands nördlich der Mittelgebirge vor allem Nackt- und Spelzgerste und in geringem Maße Weizen anbauten, wobei in Norddeutschland teilweise Gerste als einziges Getreide vorkommt, während im Bereich der Niederlande auf manchen Fundplätzen nur Nacktgerste entdeckt wurde. Dazu kam als Hülsenfrucht die Erbse. Die wenigen Spuren von Ackerbohne, Dinkel und Hafer belegen offenbar noch nicht den Anbau dieser Getreidesorten, sondern sind wohl als Unkraut auf den bronzezeitlichen Feldern anzusehen.Wolfgang Schwarz: Die Urgeschichte in Ostfriesland. Leer 1995, ISBN 3-7963-0323-4, S. 122. Als Ergänzung der Nahrung wurden Haselnüsse sowie Brom- und Himbeeren gesammelt.Wolfgang Schwarz: Ältere und mittlere Bronzezeit. In: Rolf Bärenfänger: Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland Bd. 35 Ostfriesland, Stuttgart 1999, ISBN 3-8062-1415-8, S. 54–62. Hier S. 62.
mini|hochkant|Die Pferdebohne. Geöffnete, unreife Hülsenfrucht mit nierenförmigen Samen