Werner Heyde, Pseudonym Fritz Sawade (* 25. April 1902 in Forst/Lausitz; † 13. Februar 1964 in Butzbach/Hessen) war ein deutscher Psychiater und Neurologe.

Heyde war Klinikdirektor und Professor für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Würzburg, hochrangiges SS-Mitglied und Gutachter für die Gestapo. Als Leiter der medizinischen Abteilung der Tarnorganisation „Zentraldienststelle T4“ und erster T4-Obergutachter während der Zeit des Nationalsozialismus war er für die Ermordung von Zehntausenden Menschen mit Behinderungen bzw. psychischen Erkrankungen aus Psychiatrien und Pflegeheimen sowie Konzentrationslagerhäftlingen verantwortlich.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges praktizierte er unter dem Pseudonym Dr. Fritz Sawade mehrere Jahre als Arzt. Fünf Tage vor der Eröffnung des Prozesses wegen seiner Verbrechen beging Heyde in der Untersuchungshaft Suizid.

Leben Kindheit, Jugend und Berufsausbildung Werner Heyde war Sohn eines Tuchfabrikanten. Im Herbst 1914 zog die Familie in das nahegelegene Cottbus, wo Heyde im März 1920 als Klassenbester sein Abitur ablegte.

Während der Schulzeit meldete er sich als Kriegsfreiwilliger für die Teilnahme am Ersten Weltkrieg. Spätestens ab Sommer 1918 war er bei der Gruppenfernsprechabteilung 656 in Reval in Estland eingesetzt. Auch nach dem Waffenstillstand im November 1918 blieb er bis Anfang 1919 als Angehöriger eines Freikorps in Estland. Beim Kapp-Putsch im März 1920 beteiligte er sich auf Seite der Putschisten an Kämpfen im Raum Cottbus. Heyde hatte sich für zwei Monate als Zeitfreiwilliger zum Infanterieregiment 52 unter Major Bruno Ernst BuchruckerLebenslauf Heydes anlässlich seiner Ernennung zum Ordinarius. In: Würzburger Generalanzeiger, 1. Februar 1940. gemeldet.

Ab Mai 1920 studierte Werner Heyde Medizin in Berlin, Freiburg, Marburg, RostockSiehe dazu den Eintrag der Immatrikulation von Werner Heyde im Rostocker Matrikelportal und Würzburg. Das Physikum legte er im Juli 1922 in Marburg ab, im Mai 1925 promovierte er nach dem Staatsexamen mit Note 1 in Würzburg. Anschließend war er für ein Jahr als Medizinalpraktikant an den städtischen Krankenanstalten in Cottbus, den Wittenauer Heilstätten in Berlin und der Würzburger Universitätsnervenklinik tätig. Am 8. Juni 1926 erhielt Heyde die Approbation, anschließend war er Hilfsassistent bei Martin Reichardt, der ihn förderte. Zeitweise war er auch als Forschungsstipendiat an der Psychiatrischen Klinik in Würzburg tätig.Werner E. Gerabek: Heyde, Werner. 2005, S. 592. Ab November 1928 wechselte er für zwei Jahre an das chemische Institut der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Zurück in Würzburg habilitierte sich Werner Heyde mit der Habilitationsschrift Untersuchungen über Gehirnfermente. Am 10. August 1932 wurde Heyde als Privatdozent für Psychiatrie und Neurologie an der Würzburger Universität aufgenommen, nachdem er schon seit Juli 1931 als planmäßiger Assistent an der dortigen Nervenklinik beschäftigt gewesen war.

Im Februar 1931 heiratete Heyde Erika Precht. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.

Eintritt in die NSDAP und in die SS-Totenkopfverbände Im März 1933 traf Werner Heyde mit einem prominenten Patienten zusammen: Der SS-Oberführer Theodor Eicke aus Ludwigshafen war wahrscheinlich nach Streitereien mit innerparteilichen Gegnern auf Veranlassung des Gauleiters der bayerischen Pfalz, Josef Bürckel, zur Untersuchung seines Geisteszustands in die Würzburger Klinik eingewiesen worden. Eicke sollte vermutlich über eine „Psychiatrisierung“ aus dem Verkehr gezogen werden. Heyde, mit einem amtsärztlichen Gutachten beauftragt, sah jedoch keinerlei Anzeichen von Geistes- oder Gehirnkrankheit bei Eicke. Im Gegenteil, so Heyde in einem Schreiben an Heinrich Himmler, Eicke habe sich „hier musterhaft geführt und fiel durch sein ruhiges, beherrschtes Wesen sehr angenehm auf, er machte keinesfalls den Eindruck einer intrigierenden Persönlichkeit.“Schreiben Heydes an Heinrich Himmler vom 22. April 1933, in Unterlagen des Berlin Document Center zu Eicke, zitiert bei: Tuchel: Konzentrationslager, S. 136. In seinem Antwortschreiben an Heyde bat Himmler, Eicke mitzuteilen, dass er ihn „in irgendeiner, möglichst sogar Staatsstellung“ verwenden wolle. Wenige Wochen später wurde Eicke zum ersten Kommandanten des KZ Dachau ernannt, wo er das Regime der SS über Häftlinge organisierte, ehe er Inspekteur der Konzentrationslager sowie Führer der SS-Totenkopfverbände wurde. Nach Heydes eigenen Angaben trat er zum 1. Mai 1933 auf Empfehlung Eickes in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3.068.165).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/14160328

Von Oktober 1934 bis Mai 1936 war Heyde Mitarbeiter des Rassenpolitischen Amtes Würzburg, ab 1935 als Kreisamtsleiter. Parallel dazu entschied er als Beisitzer im dortigen Erbgesundheitsgericht über Anträge auf Zwangssterilisationen. Im Mai 1936 wandte sich Heyde mit einer Denkschrift zur Praxis der Erbgesundheitsgerichte an Arthur Julius Gütt, den Mitverfasser des offiziellen Kommentars zum Sterilisierungsgesetz. Gütt vermittelte Heyde an den damaligen Chef des Sanitätsamts im SS-Hauptamt, Ernst-Robert Grawitz. Heyde und Grawitz kamen überein, dass Heyde zum 1. Juni 1936 als Hauptsturmführer der SS (SS-Nummer 276.656) beitrat.

Heyde wurde der Sanitätsabteilung der SS-Totenkopfverbände zugewiesen und erhielt den Titel „Leiter der psychiatrischen Abteilung beim Führer der SS-Totenkopfverbände / Konzentrationslager“ – war also bei Eicke beschäftigt. Er baute die Überprüfung der „Erbgesundheit“ der KZ-Häftlinge auf, eine Aufgabe, die – so Heyde – „angesichts der psychischen und körperlichen Minderwertigkeit des weitaus größeren Teils der Lagerinsassen ganz besonders vordringlich war.“Lebenslauf Heydes vom 1. Januar 1939, zitiert in Vormbaum: Anklageschrift, S. 3. Zu Heydes Tätigkeit in den Konzentrationslagern vor 1939 siehe Tuchel: Konzentrationslager, S. 289 ff. Heyde erstellte Gutachten, die den Erbgesundheitsgerichten zugeleitet wurden und Grundlage für deren Entscheidungen über die Sterilisation oder Kastration der Häftlinge war. Daneben war Heyde als Obergutachter für die kasernierten SS-Truppen (SS-Verfügungstruppe und SS-Totenkopfverbände) und als beratender Facharzt im SS-Lazarett Berlin tätig und erstellte Gutachten für das Geheime Staatspolizeiamt.

Seine umfangreiche Tätigkeit für die SS tat Heydes weiterer Karriere an der Universität Würzburg keinen Abbruch: Sie wird im Vorfeld von Heydes Ernennung zum außerordentlichen Professor am 5. April 1939 ausdrücklich als „ehrenvoll“ erwähnt und diente gleichzeitig als Begründung für die nur geringe Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Zuvor, am 1. April 1934, war Heyde Oberarzt der Universitätsnervenklinik und Leiter der angeschlossenen Poliklinik geworden. Mit Wirkung zum 1. Dezember 1939 wurde Heyde – bestimmt durch die Reichsgesundheitsbehörde und gegen den ausdrücklichen Willen der Medizinischen FakultätJobst Böning: Von Reichardt bis Beckmann: Würzburger Psychiatrie im 20. Jahrhundert. In: Tempora mutantur et nos? Festschrift für Walter M. Brod zum 95. Geburtstag. Mit Beiträgen von Freunden, Weggefährten und Zeitgenossen. Hrsg. von Andreas Mettenleiter, Akamedon, Pfaffenhofen 2007, S. 413–419; hier: S. 413. – Nachfolger Martin Reichardts auf dem Würzburger Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie und Direktor der Psychiatrischen- und NervenklinikUte Felbor: Rassenbiologie und Vererbungswissenschaft in der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg 1937–1945 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, Beiheft 3). Königshausen & Neumann, Würzburg 1995, ISBN 3-88479-932-0 (Zugleich: Dissertation Würzburg 1995), S. 42. der Universität Würzburg. Für seine Berufung hatten sich zuvor die „Kanzlei des Führers“ und das Reichserziehungsministerium eingesetzt.Hennermann: Heyde, S. 56.

Heyde war homosexuell, was für ihn ein Problem war. Er wurde von Arthur Kronfeld behandelt, dem Mitbegründer des Instituts für Sexualwissenschaft.Martin Krupinski: Werner Heyde: Psychiater und Massenmörder. Eine forensisch-psychiatrische Perspektive. In: Der Nervenarzt, 5/2019, S. 528–533. Am 24. Oktober 1939 wurde ein SS-internes Untersuchungsverfahren gegen Heyde eingestellt:Anonymisierte Darstellung bei Burkhard Jellonnek: Homosexuelle unter dem Hakenkreuz. Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich. Schöningh, Paderborn 1990, ISBN 3-506-77482-4, S. 268f. Den Namen Heydes nennt, inhaltlich bezugnehmend auf Jellonnek: Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum. MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 1998, ISBN 3-928983-65-2, S. 352 f. Aussagen Hefelmanns bei Thomas Vormbaum, S. 362. Anschuldigungen, Heyde habe homosexuelle Handlungen begangen, hätten sich als unrichtig erwiesen. Derartige Vorwürfe gegen Heyde hatte Ende 1935 der SS-Untersturmführer Süttinger, seine Studienzeit in den Jahren 1927 und 1928 betreffend, im Zuge der Ermittlungen gegen den Würzburger Weinhändler Leopold Obermayer erhoben. Die damaligen Ermittlungen der Gestapo und der Justiz wurden im Januar 1936 nicht weiter verfolgt, da Heyde als Sachverständiger in einem Mordprozess benötigt wurde oder möglicherweise durch Eicke beschützt wurde. Süttinger wurde am 3. November 1939 aus der SS entlassen.

Mittäter bei der Aktion T4 VermutlichDie nachfolgende Darstellung folgt weitgehend der Anklageschrift vom 22. Mai 1962, vgl. Vormbaum: Anklageschrift. Es sei darauf hingewiesen, dass dies eine nachträgliche Rekonstruktion ist, die auf unvollständigen Dokumenten – vieles wurde 1945 vernichtet oder nie schriftlich festgehalten – und Zeugenaussagen beruht. Der Wahrheitsgehalt der Aussagen ist immer vor dem Hintergrund der drohenden Strafverfolgung zu betrachten. ab Ende Juli 1939 war Werner Heyde an der Vorbereitung der Tötung von Geisteskranken und Behinderten, der sogenannten „Aktion T4“, beteiligt. Zuvor hatte die Kanzlei des Führers (KdF) unter Philipp Bouhler von Hitler den mündlichen Auftrag zur Durchführung der „Erwachsenen-Euthanasie“ erhalten. Die KdF war bereits mit der sogenannten „Kinder-Euthanasie“ beauftragt. Mit den Vorbereitungen zur Aktion T4 befasste sich ein Beratungsgremium, dem Mitarbeiter der Kanzlei, ein Vertreter des Reichsministeriums des Innern und mehrere einflussreiche Psychiater, darunter Heyde, angehörten. Themen der Beratungen dürften die Organisation, das Verfahren und die Geheimhaltung der geplanten Massentötungen und die Abgrenzung und Auswahl der Kranken gewesen sein.

Zur Verschleierung der Verantwortlichkeit von Staats- und Parteidienststellen wurde die Zentraldienststelle T4 gegründet, die im Schriftverkehr unter diversen Tarnbezeichnungen auftrat, darunter als „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ (RAG). Die RAG entstand etwa im Oktober 1939 als medizinische Abteilung der Zentraldienststelle, spätestens ab Mai 1940 war Werner Heyde ihr medizinischer Leiter. Nach Zeugenaussagen konnten alle grundsätzlichen Fragen nicht ohne ihn entschieden werden. Er führte den gesamten Schriftwechsel mit den Gutachtern und Heil- und Pflegeanstalten und erarbeitete Stellungnahmen zu Protesten gegen die Krankenmorde.

Ab 9. Oktober 1939 wurden an alle Heil- und Pflegeanstalten Meldebögen versandt, mit denen folgende Patienten erfasst werden sollten: an Schizophrenie, Epilepsie, „Schwachsinn“ und neurologischen Endzuständen Erkrankte, soweit sie nicht zur Arbeit in Anstaltsbetrieben oder nur zu mechanischen Arbeiten herangezogen werden konnten; alle kriminellen Geisteskranken; Patienten, die sich seit mindestens fünf Jahren in Anstalten befanden; alle nichtdeutschen Patienten unter Angabe der Rasse.

mini|Schreiben Heydes an den Gutachter Hermann Pfannmüller vom 12. November 1940