Satzschrift ist ein Zeichensatz, der in einer bestimmten Schriftart entworfen und entsprechend den jeweiligen technischen Bedingungen realisiert ist. Sie dient der Textherstellung und -verarbeitung, dem Satz und dem Druck und bildet die Grundlage der Typografie.Albert Kapr und Hans Fischer: typoart – typenkunst. VEB Fachbuchverlag, Leipzig 1973, S. 27.

Eine Satzschrift besteht aus einzelnen Zeichen, den Glyphen: in der Regel aus Kleinbuchstaben, Großbuchstaben, Umlauten, Akzentzeichen, Ziffern, Ligaturen, Satzzeichen, Sonderzeichen und Kapitälchen. Diese werden manuell, maschinell oder elektronisch zum Wort, zur Zeile und komplexeren Ordnungen zusammengesetzt. Der Umfang eines solchen Zeichensatzes ist von der Technik und dem beabsichtigten Anwendungsradius einer Satzschrift abhängig.

Die Funktionstüchtigkeit der Figuren einer Satzschrift hat bei den westeuropäischen Alphabetschriften zur Voraussetzung, dass diese waagerecht, in Nachbarschaft mit anderen Zeichen des Inventars, nach einem einheitlichen rhythmischen und stilistischen Prinzip durchgestaltet sind. Erst dadurch lassen sie sich zu einem stimmigen, grafisch ausbalancierten Schriftbild zusammenfügen.

Entstehung der ersten Satzschriften Die erste Satzschrift wurde um 1450 von Johannes Gutenberg geschaffen, der zusammen mit dem Handgießinstrument die beweglichen Lettern (Typen) entwickelte. Durch seine Erfindung konnten die einzelnen in Metall geschnittenen Buchstaben formidentisch vervielfältigt und dann zu unterschiedlichen in sich homogenen Druckformen zusammengesetzt werden. Damit war es möglich, die Vorzüge des alphabetischen Schriftsystems technisch zu nutzen. Mit einem überschaubaren Zeichenvorrat konnten beliebige Texte in unterschiedlicher Anordnung gesetzt, gedruckt und damit vervielfältigt werden. Dieses Baukastenprinzip findet auch bei digitalen Schriften Anwendung. Ob Netzkommunikation (Chat, SMS, E-Mail) oder Desktop Publishing: Schriftlich verfasste Aussagen werden aus einzelnen Buchstaben zusammen-„gesetzt“.

Die Produktion von Satzschriften war in Zeiten des Bleisatzes ein hochspezialisiertes, teilweise von Berufsgeheimnissen durchdrungenes Handwerk,Fred Smeijers: the show goes on … In: tino graß: schriftgestalten. über schrift und gestaltung. Niggli Verlag, Zürich 2008, ISBN 978-3-7212-0653-1, S. 62. das von einem kleinen ausgewählten Personenkreis qualifizierter Schriftgestalter und Stempelschneider ausgeübt wurde. Der Entwurf und die technische Realisierung einer Schrift nahmen nicht selten mehrere Jahre in Anspruch. Dessen ungeachtet gab es bereits fünfzig Jahre nach der Erfindung Gutenbergs schon etwa 2000 verschiedene Satzschriften.Leo Kohut: Das Abkommen zum Schutze der typografischen Schriftzeichen. In: Der Druckspiegel 5/1980, S. 500.

Vom Bleisatz zum Digitalsatz Bis in die 1980er Jahre – d. h. mehr als 500 Jahre lang – wurde eine Satzschrift in Blei gegossen. Von Anfang an diente sie ausschließlich dem Druck. Deshalb wurden die verschiedenen Satzschriften umgangssprachlich auch als Druckschrift bezeichnet.

Dabei blieben das Gießen, Setzen und Drucken noch mehr als 350 Jahre nach Gutenberg Handarbeit. Der Übergang zur industriellen Fertigung setzte erst in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein, als die erste Setzmaschine in England zum Patent angemeldet wurde. Weitere Entwicklungen bereiteten die Zeilengussmaschine Linotype (1886) von Ottmar Mergenthaler vor. Diese vereinigte das Gießen der Typen und das Setzen zu einem Arbeitsgang und wurde vorwiegend für den Zeitungsdruck verwendet. Umfangreicher Text konnte schnell über eine Tastatur eingegeben werden. 1897 wurde die Monotype-Setzmaschine erfunden, bei der die Buchstaben vermittels Speicherung auf Lochstreifen einzeln gegossen und zusammengesetzt wurden. Diese Maschinen wurden teilweise erst mit dem Desktop-Publishing abgelöst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde intensiv daran gearbeitet, die Herstellung von Druckformen aus Blei zunächst durch optomechanische Verfahren zu ersetzen. Anstelle der Gießeinrichtung trat eine Filmbelichtungskammer. Mit der Entwicklung der Fotosatztechnik begann sich die Satzschrift nicht nur von ihrer Bindung an das Blei, sondern danach auch von der an Filmmaterial zu lösen. Mit der zunehmenden Verwendung elektronischer Bauteile statt mechanischer wurde das optomechanische Prinzip auf digital arbeitende Systeme übertragen. 1965 wurde von Rudolf Hell die digitalelektronische Fotosetzanlage Digiset erfunden, in der die Schriftzeichen elektronisch erzeugt wurden. Ab Mitte der achtziger Jahre kam das Desktop-Publishing (DTP) auf, das die Produktionsweisen von und mit Schrift revolutionierte. Die technischen Grundlagen dafür haben bis heute ihre Gültigkeit. Im Zuge dieses Umbruchs änderte sich auch mehrfach die Entwurfs- und VorlagentechnikBeispiel für eine Reinzeichnung von Adrian Frutiger: Groteskentwurf in drei Fetten entstanden von 1950–1951 in Walter Käch’s Unterricht. Ausschnitt in Leseprobe: Heidrun Osterer, Philipp Stamm; Schweizerische Stiftung Schrift und Typographie (Hrsg.): Adrian Frutiger – Schriften: Das Gesamtwerk. 2., erweiterte Auflage. Verlag Birkhäuser, Basel 2014, S. 20/21 (online, abgerufen am 3. Februar 2015). von Satzschriften.

300px|mini|Font-Editor FontForge zum Erstellen eigener Schriften, Details mit Bézierkurven Heute werden Satzschriften elektronisch hergestellt und genutzt. Mit Hilfe adäquater Software werden sie pixel- oder vektorbasiert entworfen und codiert in digitalen Datenformaten abgespeichert. In Gestalt von Fonts (digitale Schriftträger)Ralf Herrmann: Unterschiede zwischen Schriftart/Font/Zeichensatz bilden sie das Ausgangsmaterial für Schriftanwendungen im Druck und in der virtuellen Textdarstellung/-verarbeitung im Desktop-Publishing und im Web, sowie für schriftliche Informationen auf elektronischen Bildschirmen von Computern und den Displays von Alltagsgeräten.

Entsprechend den Anforderungen an die Auflösung der jeweiligen Geräte werden Bildschirm- bzw. Screen-Schriften einerseits und Druck- bzw. Printschriften andererseits zum Teil in gesonderten Dateien dargestellt.Phil Baines, Andrew Haslam: Schriftentwurf heute. In: Lust auf Schrift. Basiswissen Typografie. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2002, ISBN 3-87439-593-6, S. 96. So werden beispielsweise spezielle Satzschriften für Mini-Displays von mobilen Ausgabegeräten wie z. B. Tablets, Smartphones, MP3-Player und Digitalkameras gestaltet.

Der Wegfall technischer und ökonomischer Barrieren hat zur Folge, dass jedermann eine Satzschrift mit einem Schrifteditor – fachsprachlich auch Font-Editoren (Fontlab, Fontographer oder der freie Editor FontForge) – entwickeln und im Internet zum Verkauf anbieten kann. Gegenwärtig schätzt man, dass Millionen von FontsPhil Baines, Andrew Haslam: Schriftentwurf heute. In: Lust auf Schrift. Basiswissen Typografie. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2002, ISBN 3-87439-593-6, S. 95. auf dem Markt sind. Es entstehen weltweit täglich neue.

Entwicklung der Schriftgattungen Die Gestaltung von Satzschriften folgte zunächst den Vorbildern der schönsten handgeschriebenen Buchschriften des Spätmittelalters. Diese waren in zwei Gruppen geschieden: nördlich der Alpen im Allgemeinen die gotischen/gebrochenen und südlich, vorwiegend in Italien, die humanistischen/runden Schriften. Bei der Herstellung von Drucktypen setzte sich diese Teilung fort und vertiefte sich. Gutenberg gestaltete 1454 für die 42-zeilige Bibel die Typen nach dem Vorbild einer in gotischer Schrift geschriebenen Bibel, in der Textura. Ab 1467 kristallisierte sich in Italien durch Übergangsformen (vgl. Konrad Sweynheym und Arnold Pannartz) die Antiqua als humanistische runde Schriftform heraus. 1470 gestaltete Nicolas Jenson die erste vollausgebildete Antiqua. Sie war das Ergebnis der Vereinigung von zwei stilistisch sehr unterschiedlichen Alphabeten zu einem Zeichensatz: den Großbuchstaben (römische Kapitale, z. B. Trajanssäule (113 n. Chr.)) und den Kleinbuchstaben (humanistische Minuskel, 15. Jahrhundert). Diese Vereinigung war bereits durch die Humanisten in den handgeschriebenen Kopien antiker Literatur (vgl. Poggio Bracciolini) vorbereitet worden. Mit der Satzschrift von Jenson waren nun die Grundformen der Antiqua endgültig festgelegt, kanonisiert. Sie wirken bis in die Gegenwart hinein als Standard und haben die Seh- bzw. Lesegewohnheiten vieler Generationen geprägt.

Mit den gebrochenen und den runden Schriften in den Wiegendrucken waren grundlegende stilistische Richtungen markiert, in denen sich danach die gestalterische Ausformung von Satzschriftarten vollziehen sollte.

Eine besondere Rolle spielte die Kursive. Die erste Kursive wurde 1501 von dem Stempelschneider Francesco Griffo für Aldus Manutius in Venedig geschnitten. Zunächst diente sie als selbständige Buchschrift (z. B. in den Aldinen), bis sie ab 1702 als „Schwesternschrift“ der Antiqua die Funktion als Auszeichnungsschrift zugewiesen bekam. Seitdem gehört sie als Schriftschnitt zu einer Schriftfamilie der Antiqua.

250px|mini|Kursive von Griffo/Manutius 1501 Auf vielfältige Weise wurden in Europa die beiden Schriftgattungen „gebrochen“ und „rund“ interpretiert, differenziert, ihre Grenzen ausgelotet aber auch versucht, diese zu überschreiten. Im Zusammenhang mit technischen Neuerungen und Erfindungen waren es immer wieder die grafisch-ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten, der Eigenwert der Schriftform, die Schriftgestalter und Stempelschneider motivierten, inspirierten und herausforderten, vorhandene Schriftarten weiterzuentwickeln und neue zu entwerfen. Gleichzeitig entwickelten sich auch neue Bedürfnisse und Anwendungsbereiche für die Satzschrift. Dabei war der Prozess der Formgebung immer in die großen stilgeschichtlichen Bewegungen eingebunden.

So entwickelte sich im Verlaufe der Jahrhunderte ein facettenreiches Spektrum von Satzschriften, das allerdings immer mehr von den Antiquaformen dominiert wurde. Die geringere Anzahl von gebrochenen Schriften erklärt sich zum einen aus der Sonderstellung, die dieser Schrifttyp nach der Renaissance in Europa einnahm. Zum anderen kam es in Deutschland, wo die gebrochenen Schriften sehr lange identitätsstiftend (vgl. „Deutsche Schrift“) das Aussehen nicht nur von Druckerzeugnissen beherrschten, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu langwierigen politischen Auseinandersetzungen, dem sogenannten Antiqua-Fraktur-Streit. Dieser wurde durch den Normalschrifterlass von 1941 jäh beendet. Aus politischem Kalkül verbot Hitler die Verwendung gebrochener Schriften. Damit setzten sich auch in Deutschland die Antiqua-Satzschriften endgültig als Verkehrsschrift durch. Um die Vielfalt der Schriftarten für die Arbeit von Typografen praktikabel ordnen zu können, entstanden verschiedene Modelle der Schriftklassifikation, darunter 1964 die Klassifikation nach DIN 16518 durch das Deutsche Institut für Normung e. V.

Entwicklung von Satzschriften heute Qualitativ hochwertige, d. h. ästhetisch anspruchsvolle und damit auch langlebige Satzschriften werden von professionellen Type-Designern entwickelt und meist von Schriftenherstellern (Fontherstellern, Font Foundries)Liste von Schriftherstellern vermarktet. Die Ausbildung von Typedesignern erfolgt an entsprechenden Hochschulen, so z. B. an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, die auf eine 100-jährige Tradition in der Schriftausbildung zurückblicken kann.Studiengänge Buchkunst/Grafik-Design abgerufen am 18. Januar 2015. Darüber hinaus werden in anderen Ausbildungsstätten im Rahmen des Kommunikationsdesigns studienbegleitend Kurse im Typedesign angeboten, um visuelle Systeme für komplexe Informationen auf den verschiedenen kommunikativen Plattformen wie Print, Film, Web und Raum entwickeln zu können.Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg