Jenseits der Liebe ist ein Roman von Martin Walser. Er erschien erstmals 1976 bei Suhrkamp.

Inhalt Franz Horn ist ein Angestellter bei der Firma Chemnitzer Zähne, die von Arthur Thiele geleitet wird. Dieses Unternehmen, in der Nachkriegszeit im Süden der Bundesrepublik Deutschland, in oder bei Ravensburg, gegründet und nach der alten Heimat der Familie Thiele benannt, produziert Zahnersatz aus Kunststoff. Horn ist für die in- und ausländischen Geschäftsverbindungen und Lizenzverträge zuständig. Offenbar schon seit Anbeginn oder jedenfalls ziemlich lange – 17 Jahre – in diesem Unternehmen tätig, hat Horn ein Netz von Verbindungen im In- und Ausland aufgebaut, das mittlerweile von einem ganzen Stab von Angestellten Thieles betreut werden muss.

Einst von Thiele sehr geschätzt, muss Horn feststellen, dass sein Stern inzwischen gesunken ist: Auf dem Tennisplatz und beim Segeln ist er für Thiele entbehrlich geworden und in der Firma hat mittlerweile der erst 29 Jahre alte Volljurist Dr. Horst Liszt aus Norddeutschland seinen Aufgabenbereich übernommen. Dementsprechend ist auch Liszts Gehalt gestiegen, während Horn sich als herabgestuft und auf die Armut zusteuernd empfindet. Als Thiele eines Tages Horn und Liszt von neuen Entwicklungen seines Dentallabors berichtet, in deren Folge neue Lizenzverträge mit ausländischen Partnerfirmen ausgehandelt werden sollen, erteilt er Horn einen Verweis, weil dieser in einem unpassenden Moment gegrinst habe. Horn ist sich dessen nicht bewusst, wohl aber seiner immer mehr auch ins Physische übergreifenden Reaktionen auf Situationen, unter denen er leidet. Schon vor fünf Jahren hat er sich von Frau und Kindern getrennt, nachdem er feststellen musste, dass er imstande war, gegen diese gewalttätig zu werden. Nun lebt er allein in der Wohnsiedlung Galgenhalde, trinkt allabendlich größere Mengen Bier, nachdem er den Kampf gegen das Dickwerden aufgegeben hat, unterhält einige Verhältnisse mit Frauen, die samt und sonders Schlimmes durchgemacht haben, und muss immer wieder feststellen, dass seine Kiefer verkrampfen und seine Zähne schmerzhaft fest aufeinandergebissen sind. Wenn sein Unterkiefer einst mit genügend Druck gegen den oberen gepresst wird, so stellt er sich vor, kann dieses Phänomen tödlich enden: Die unteren Zähne werden sich dann, malt er sich aus, ins Gehirn schlagen.Martin Walser, Jenseits der Liebe, suhrkamp taschenbuch 1979, ISBN 978-3-518-37025-4, S. 77

Thiele schickt Liszt zu Geschäftspartnern nach Italien und Frankreich, Horn soll mit dem Lizenznehmer Keith Heath in England verhandeln, selbst will er nach New York fliegen. In einer Woche, so ordnet er an, solle man sich wieder im Büro treffen und über die Ergebnisse berichten.

Horn fliegt also nach London und fährt weiter nach Coventry, wo er übernachtet, um anderntags Heath in seinem Betrieb in Walsgrave aufzusuchen. Aber als er dort ankommt, trifft er, obwohl angemeldet, Heath nicht an. Die Sekretärin kann ihm nur berichten, dass Heath seit einiger Zeit schon nicht mehr im Geschäft erschienen sei und auch am Telefon immer nur seine Frau und seine Tochter zu erreichen seien. Momentan sei auch Tom, der Fahrer, nicht im Hause, der Horn zur Wohnstatt der Familie Heath bringen könne. Horn macht sich auf, um diesen Tom im Working Men’s Club in Cheylesmore, wo er sich um diese Tageszeit immer aufhalten soll, zu erreichen, und trinkt längere Zeit mit einem Tommy O’Sullivan Bier, ehe sich herausstellt, dass dieser nicht der gesuchte Tom ist. Heaths Fahrer ist offenbar gerade an diesem Tag nicht zur Stelle.

Daraufhin beschließt Horn, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Querfeldein und durch mehrere Hindernisse wie Bäche oder sumpfige Wiesen immer wieder aufgehalten, marschiert er tatsächlich bis zum House Engadine, in dem Heath wohnt, findet dort aber nur dessen Tochter vor, die ihm mitteilt, der Vater halte sich in seinem zwei Autostunden entfernten Cottage in den Cotswolds auf. Immerhin lässt die wortkarge junge Frau sich überreden, Horn die Adresse aufzuschreiben. Er zieht sich ins Hotel zurück und mietet anderntags ein Auto, mit dem er nach langem Suchen auch endlich das Cottage, das oberhalb des Dorfes Cam liegt, erreicht. Aber nun verlässt ihn die Initiative: „Das war doch klar, Mr. Heath wollte nicht mit ihm sprechen. Mr. Heath war offenbar in einer Lage, in der er nicht einmal mehr ausdrücken konnte, daß er nicht mit Horn sprechen wolle. Er floh einfach. Und Horn, nicht faul, verfolgte ihn bis zu seinem Schlupfwinkel.“Martin Walser, Jenseits der Liebe, suhrkamp taschenbuch 1979, ISBN 978-3-518-37025-4, S. 70 „Plötzlich spürte er, daß es unverschämt war, Mr. Heath hierher gefolgt zu sein. Er traute sich nicht, den Klopfer zu betätigen. Das hieße: Sehen Sie, Sie können uns nicht entgehen. Er genierte sich seiner Tüchtigkeit. Aber wenn er von Coventry wieder heimgefahren wäre, ohne Mr. Heath überhaupt erreicht zu haben, würde Herr Thiele gesagt haben: Franz, Sie haben schon bessere Witze gemacht.“Martin Walser, Jenseits der Liebe, suhrkamp taschenbuch 1979, ISBN 978-3-518-37025-4, S. 69

Horn lässt sich auf der Steintreppe vor der Haustür nieder, wo ihn Heath entdeckt, der ihn dann tatsächlich ins Haus bittet. Heath, eindeutig gesundheitlich angeschlagen, berichtet dem schweigenden Horn, sein bisheriger Geschäftspartner Rob Dorset habe ihn verlassen und sei zur Konkurrenzfirma London Dentures übergegangen, doch unverhofft habe sich in Gestalt eines neuen Geschäftspartners namens Steve McPherson wieder eine Perspektive für ihn ergeben. Er werde seinen Betrieb in Walsgrave schließen und mit McPherson in Glasgow produzieren, vollautomatisch, ohne Personal. Auch habe er seine Familie verlassen und werde sich mit McPhersons Tochter zusammentun. Eine Änderung der Lizenzverträge mit Thieles Firma sei im Augenblick undenkbar. Nachdem Heath seinen Monolog gehalten hat, schläft er ein.

Horn verlässt nach diesem Zusammentreffen Heaths Haus, fährt nach London zurück und quartiert sich im Hotel Crofton in Kensington ein. Ihm ist klar, wie Thiele auf diese grotesken Vorkommnisse reagieren würde. Er würde Horn die Schuld daran geben, sich auf den unsicheren Kandidaten Heath eingelassen zu haben, und umgehende Reaktionen fordern. D. h., Horn müsste sofort Heath die Lizenzen kündigen und eine Geschäftsverbindung mit London Dentures anstreben und, falls dies misslänge, mit Wright Dental Supply in Dundee. Doch es besteht noch Klärungsbedarf mit Heath. Und als Horn sich einen weiteren Besuch bei diesem Mann vorstellt und in allerlei Einzelheiten ausmalt, wird er wieder von körperlichen Symptomen überfallen: „So fand er sich noch am Morgen. Bei zugezogenen Vorhängen. Im ungeheizten Zimmer. Barfuß. Nein, nackt. In der Ecke. Die kühlen Wände an den Nieren. Zähne im Knie.“Martin Walser, Jenseits der Liebe, suhrkamp taschenbuch 1979, ISBN 978-3-518-37025-4, S. 78 Horn ist nicht mehr in der Lage, sich mit den Lizenzverträgen zu befassen, um die er sich kümmern sollte. Er kann nur noch über Liszt und Thiele nachdenken und schließlich nur noch darüber, was geschehen würde, wenn er einfach heimkehrte, seinen Misserfolg eingestände und darum bäte, die Reisespesen von seinem Gehalt abzuziehen, mit der Begründung, er habe keine Lust mehr auf den Aufgabenbereich, der ihm zugefallen sei, und wäre mit einer Stelle in der EDV ohnehin viel glücklicher gewesen.

Aber, so malt er sich aus, weder Thiele noch Liszt würden auf dieses Ansinnen einfach eingehen und ihn künftig in Ruhe lassen. Sie „würden von Runde zu Runde liebenswürdiger, freundschaftlicher werden, und Horn würde ein immer hoffnungsloserer Fall werden unter dieser Behandlung und sie müßten sich ihm deshalb immer noch intimer zuwenden, bis sie aus ihm einen Haufen Elend gemacht haben würden“,Martin Walser, Jenseits der Liebe, suhrkamp taschenbuch 1979, ISBN 978-3-518-37025-4, S. 94 so stellt sich Horn seine Zukunft im Betrieb unter diesen Voraussetzungen vor. Mit derartigen entwürdigenden Maßnahmen Liszts hat er in der Vergangenheit schon Erfahrungen gemacht. Dennoch unternimmt Horn in England keinen Versuch mehr, für Chemnitzer Zähne Verträge auszuhandeln. Er fliegt schließlich einfach nach Deutschland zurück.

In Ravensburg angekommen, lässt er sein Auto vor dem Bahnhof stehen und macht sich zu Fuß auf den Weg in seine Wohnsiedlung. Immer noch ist er mit dem Thema Liszt und Thiele beschäftigt. Es ist keineswegs so, dass Liszt sich immer nur solidarisch mit seinem Vorgesetzten Thiele zeigen würde, im Gegenteil: Horst Liszt und seine Ehefrau, eine geborene von Müller, die beide ihren Aufenthalt in Süddeutschland unter ihrer Würde finden, haben sich schon in Gegenwart Horns ausgiebig über Thiele, den lärmenden Sachsen, mokiert. Und auch Thiele hat, Horn gegenüber, schon geäußert, dass „Dr. Liszt eben doch ein Spinner sei, vielleicht sogar ein echt Verrückter und ein ganz und gar rechthaberischer und selbstgefälliger und egozentrischer Mensch, einer, mit dem auf die Dauer keine Gemeinschaft möglich sei“.Martin Walser, Jenseits der Liebe, suhrkamp taschenbuch 1979, ISBN 978-3-518-37025-4, S. 120 Aber dass Horn dennoch ein Spielball dieser beiden Männer geworden ist, sich von ihnen ständig beobachtet, korrigiert und gedemütigt fühlen muss, lässt sich auch angesichts dieser Differenzen zwischen Thiele und Liszt nicht ausblenden.

Horn, in seine Wohnung zurückgekehrt, kann nicht aufhören, über dieses Dilemma nachzudenken. Wieder fängt sein Unterkiefer an, schnappende Bewegungen zu machen und sich gegen den Oberkiefer zu pressen. Franz Horn holt schließlich drei Röhrchen Tabletten aus seinem Medizinschrank und beginnt lustvoll, eine Handvoll Tabletten zu kauen, die er dann mit Bier hinunterspült. Diesen Vorgang wiederholt er mehrere Male. Schon in einer Art Delirium sieht er Thiele und Liszt vor sich, wie sie seinen Selbstmordversuch beobachten. Zunächst hält Thiele eine Abschiedsrede, in der er bedauert, dass Horn sich aufgegeben hat und deswegen auch bei der Arbeit immer weniger leisten konnte. Sie endet mit dem Fazit: „Sie hätten sich erstens nicht von Ihrer Familie trennen dürfen. Ein Gemütsbolzen wie Sie muß zwanzigmal soviel verdienen wie Sie, wenn er so eine Trennung erträglich gestalten will. Zweitens hätten Sie in puncto Weiblichkeit am Ball bleiben müssen, Sie Idiot [...] Mit anderen Worten: Sie sind der Vollversager wie er im Buche steht. Über Sie geht das Leben hinweg. Auf leisen Sohlen. Immer weiter. Ins Unabsehbare. Und es gehört den Starken und den Schwachen, aber nicht den Miesen, in Ewigkeit, Amen.“Martin Walser, Jenseits der Liebe, suhrkamp taschenbuch 1979, ISBN 978-3-518-37025-4, S. 148 Liszt fasst sich in Horns Visionen kürzer als Thiele und fordert ihn markig auf: „Beenden Sie Ihre Vorbereitungen. Erklären Sie sich vor uns bereit, die normale Last weiter tragen zu wollen. Wo kämen wir hin, wenn jeder einfach abhaute.“Martin Walser, Jenseits der Liebe, suhrkamp taschenbuch 1979, ISBN 978-3-518-37025-4, S. 149 Im Abgehen allerdings sagt Liszt noch seine eigene Zukunft voraus: Er sei Horst, der Säufer...

Horn deliriert weiter. Er bedeutet Thiele und Liszt, er habe sie endgültig satt und wünsche nur, er hätte sie nie getroffen. Als er wieder etwas zu Bewusstsein kommt, stellt er fest, dass er wohl in einem Krankenhausbett liegt. Statt seiner Frau Hilde, auf die er im Wachwerden gehofft hat, sind Thiele und Frau im Raum und er hört, wie Thiele sagt: „Er lebt.“Martin Walser, Jenseits der Liebe, suhrkamp taschenbuch 1979, ISBN 978-3-518-37025-4, S. 155

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