Public Health oder deutsch Öffentliche Gesundheit, auch Öffentliche Gesundheitspflegewww.gruene-bundestag.de: Öffentlichen Gesundheitsdienst dauerhaft stärken. und öffentliche Gesundheitsfürsorge, ist das anwendungsorientierte Fachgebiet, das sich mit der Gesundheit der Bevölkerung (auch als Bevölkerungsgesundheit oder Volksgesundheit bezeichnet),Vgl. etwa Rosemarie Stein: Gesundheitswissenschaften. Experten: Berlin vernachlässigt die Volksgesundheit. In: Der Tagesspiegel. 11. Mai 2012. insbesondere mit der Vorbeugung von Krankheiten, Förderung der Gesundheit und Verlängerung des Lebens beschäftigt. In den Anfängen (als Fach Hygiene oder Gesundheitspflege) ging es um die Eindämmung von Infektionskrankheiten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus ein umfassendes Verständnis über die Verbreitung und Verhinderung von Krankheiten in der Bevölkerung.
Eine Kernkompetenz von Public Health ist die Interdisziplinarität, bei der die Methoden der unterschiedlichsten Fachdisziplinen Anwendung finden. Diese umfassen beispielsweise folgende Teilgebiete: Epidemiologie, Sozialmedizin, Gesundheitsförderung und Prävention, Versorgungsforschung, Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Medizinethik. Alle Teilgebiete haben das Ziel, die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten, zu verbessern und zu stärken.
Gegenstand Bei der Betrachtung der Gesundheit der Bevölkerung steht die Gesundheit von Personengruppen, Bevölkerungsteilen oder ganzen Bevölkerungen im Vordergrund, nicht die Gesundheit der einzelnen Person. Der konzeptionelle Ansatz von Public Health untersucht die geistigen, körperlichen, psychischen und sozialen Bedingungen von Gesundheit und Krankheit und ihrer systemischen Verknüpfung. Dabei geht es um das Zusammenwirken von Gesellschaft und Individuum und die entsprechenden Rückwirkungen auf die Gesundheit.Klaus Hurrelmann 2010, S. 128, Mann, 1996 Die Gesundheit der Bevölkerung ist mehr als die Summe der Gesundheit der einzelnen Individuen.Dtsch Arztebl 2007; 104(41): A 2788–90
Public Health ist ein Bereich der Gesundheitswissenschaften, unter diesem Sammelbegriff können im Weiteren die Medizin, die Pflegewissenschaft und die Biowissenschaften zusammengefasst werden.
Teilbereiche Bekämpfung der Infektionskrankheiten Infektionskrankheiten waren bis ins frühe 20. Jahrhundert eine Geißel der Menschheit, eine der wichtigsten Ursachen von Krankheit und vorzeitigem Tod. Der deutsche Arzt Johann Peter Frank (1745–1821) gilt als Pionier auf dem Gebiet der Sozialmedizin, der Öffentlichen Gesundheit und als einer der Begründer der Hygiene. Sein Hauptwerk System einer vollständigen medicinischen Polizey erschien in sechs Bänden zwischen 1779 und 1819. Als Vater der aktiven Impfung gilt der englische Arzt Edward Jenner (1749–1823); er experimentierte 1796 mit Kuhpockenlymphe und erfand so die ‚Vakzination‘ gegen Pocken. Auch noch vor der Entdeckung der Bakterien und anderer Krankheitserreger erkannten Ärzte wie John Snow (1813–1858) und William Budd (1811–1880) die Übertragbarkeit als gemeinsames Merkmal der Infektionskrankheiten. Sie gelten als die Pioniere von Public Health. Die Hygiene wurde zum wichtigen Grundlagenfach der Volksgesundheit.Martin Exner: (PDF; 1,8 MB) In Deutschland vertrat der Pathologe Rudolf Virchow (1821–1902) die Ansicht, die Verbreitung der Infektionskrankheiten sei mit sozialen Maßnahmen zu kontrollieren. Später wurde die mathematische Modellierung der Epidemiologie entwickelt, welche die Verbreitungsdynamik der Infektionskrankheiten beschreibt. Wie die Covid-19-Pandemie des Jahres 2020 zeigt, gehören bedrohliche Infektionskrankheiten nicht nur der Geschichte an, sondern Pandemieprävention bleibt weiterhin ein zentrales Arbeitsgebiet von Public Health. Ebenso wird sichtbar, dass wirtschaftlich schlechter situierte Personen, Stadtteile, Regionen und Länder deutlich schwerer unter den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen einer Pandemie leiden.
Sozialmedizin Aus der Sozialhygiene entwickelte sich die Sozialmedizin; diese befasst sich grundsätzlich mit allen sozial bedingten oder mitbedingten Krankheiten und umfasst Schularztdienste, Arbeitsmedizin sowie die medizinische Versorgung verarmter oder sozial isolierter Bevölkerungsgruppen. Allerdings geht es beim öffentlichen Gesundheitswesen nicht allein um die medizinische Versorgung armer Menschen; vielmehr befasst sich Public Health mit der Gesundheit der gesamten Bevölkerung. Die Covid-19-Pandemie zeigte zum Beispiel, dass ein Virus, das sich in armen Ländern stark ausbreitet und so schneller mutieren kann, dann leicht zu den reicheren Ländern zurückkehrt. Die sozialen Determinanten von Krankheit müssen mit populationsbezogenen Versorgungsangeboten und struktureller Prävention beeinflusst werden.
Gesundheitsschutz Die Idee des Gesundheitsschutzes ist, Gefahren für die Gesundheit durch gesetzliche und polizeiliche Maßnahmen einzuschränken und zu kontrollieren. Es existiert eine Vielzahl von Vorschriften zum Schutz der Gesundheit. Beispiele sind die Lebensmittelgesetzgebung, die Regulierung des Straßenverkehrs, wasserrechtliche VorschriftenBayerischer Verfassungsgerichtshof, NVwZ 2009, 298., das ArzneimittelgesetzBundesverwaltungsgericht Buchholz 418.32 AMG Nr. 53 und auch das BetäubungsmittelgesetzBGH StV 2005, 666; ebenso soll in einem Planfeststellungsverfahren die Volksgesundheit mit abgewogen und berücksichtigt werden können.Bundesverwaltungsgericht BVerwGE 131, 274.
Gesundheitsstatistik und Epidemiologie Aus der frühen auf Infektionskrankheiten beschränkten entwickelte sich die heutige Epidemiologie, die sich mit der Verbreitung und den Ursachen von allen Krankheiten befasst. Die Forschungsmethoden wurden systematisch weiterentwickelt mit deskriptiver und analytischer Epidemiologie, deskriptiver und schließender Statistik, aus der sich eine in Ansätzen bereits in der altchinesischen Medizin nachweisbare GesundheitsstatistikPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 5. bzw. die Medizinische Statistik als eigenständige Spezialität entwickelte. Mit Methoden der Befragung, der Surveillance- und der empirischen Sozialforschung mit quantitativen und qualitativen Forschungsansätzen wird in der Gesundheitsberichterstattung die Gesundheit der Bevölkerung erfasst und beschrieben.
Prävention und Gesundheitsförderung Mit dem epidemiologischen Übergang nahmen die Infektionskrankheiten an Bedeutung ab, die chronischen Krankheiten gewannen Überhand. Damit verlagerte sich das Forschungsinteresse auf die Identifikation von verhaltensmäßigen, genetischen, klinischen, umweltbedingten, sozialen und strukturellen Risikofaktoren und die Identifikation von gesundheitsförderlichen Faktoren (Salutogenese).
Gesundheitsversorgung
Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung in Krisen, bei Notfällen und Großschadensereignissen stellt seit langem eine der Aufgaben des öffentlichen Gesundheitswesens dar. Die Versorgungsforschung stellt die Frage nach der besten gesundheitlichen Versorgung einer Bevölkerung.Schwartz, 1998.Hurrelmann, Razum, 2016. Sie analysiert und evaluiert die ambulanten und stationären Versorgungsstrukturen und Prozesse in der kurativen und rehabilitativen Medizin. Dazu können gesundheitsökonomische Analysen mit der Kosten-Nutzen-Analyse, Kosten-Nutzwert-Analyse und Kosten-Effektivitäts-Analyse beitragen. Mit Blick auf die praktische Umsetzung bekommt das Gesundheitsmanagement mehr Gewicht. Neuere Themen sind Qualitätssicherung und -management im Gesundheitswesen, das Health Technology Assessment (HTA) und Public Health Genomics.
Public Mental Health Public Mental Health ist ein sehr junges Teilgebiet, das sich mit der psychischen Gesundheit in der Gesellschaft befasst.Dinesh Bhugra, Torales Julio, João Mauricio Castaldelli-Maia: Public mental health. International Review of Psychiatry 26.4 (2014), S. 391.William W. Eaton: Public Mental Health. Zentral sind Anstrengungen zur Prävention des Suizids, Programme zur Unterstützung von Angehörigen psychisch Kranker, insbesondere Kinder (Child Public Mental Health), sowie die Förderung psychischer Gesundheit ganz allgemein.
Gesundheitssystemforschung Die Gesundheitssystemforschung (Gesundheitssystem) erweitert den Public-Health-Ansatz nochmals, indem sie die kurative Versorgung in den Zusammenhang mit Prävention stellt sowie die besondere Rolle der Krankenpflege durch Fachpersonen und Laien berücksichtigt. M. Harvey Brenner zeigte in den 1980er Jahren die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher Lage und Gesundheit. Die Gesundheitspolitik soll sich nicht auf eine Versorgungspolitik beschränken, sondern die Gesundheit in allen Politikbereichen beachten und bearbeiten.
Interdisziplinäre Methode Aufgrund des umfassenden Anspruchs berücksichtigt Public Health die Erkenntnisse weiterer Wissensdisziplinen, selbstverständlich aus der Medizin, der Gesundheitssoziologie und der Medizinsoziologie, aber zum Beispiel auch solche aus der Ökonomie, Psychologie, der psychosozialen Versorgung (Psychotherapie, Psychosomatik), Sozialarbeit, Politikwissenschaft, Sozialpolitik, aus den Rechtswissenschaften, der Soziologie sowie der Statistik.
Public-Health-Programme Probleme der Gesundheit der Bevölkerung sind vielschichtig. Oft erzielen einzelne Maßnahmen allein, wie etwa Gesundheitserziehung oder ein punktuelles Verbot, keine oder nur eine geringe Wirkung. Bei häufigen oder schwerwiegenden Problemen wie AIDS, Diabetes mellitus, Depressionen, Herzinfarkt, Tuberkulose und dem Rauchen werden deshalb Programme entwickelt. Ein Beispiel ist das Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs. Damit will man die Inzidenz von Lungenkrebs, COPD und der koronaren Herzkrankheit senken. Ein weiteres Beispiel stellen die weltweiten Programme zur Verbesserung der Müttergesundheit dar.
Organisation weltweit und in einzelnen Ländern Die Weltgesundheitsorganisation mit Regionalbüros auf allen bewohnten Kontinenten koordiniert das öffentliche Gesundheitswesen weltweit. Die Standardisierung von medizinischen Diagnosen durch die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme dient der internationalen Verständigung über Krankheiten, wie z. B. der Weltbericht Gewalt und Gesundheit belegt.
In der Europäischen Union ist der Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit für die Fragen der öffentlichen Gesundheit zuständig.
Das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) mit Sitz in Stockholm dient vor allem der Kontrolle und Bekämpfung von Infektionskrankheiten in Europa.
Nationale Gesundheitsbehörde in Deutschland ist das Bundesministerium für Gesundheit, fachlich das Robert Koch-Institut in Berlin. Für den Öffentlichen Gesundheitsdienst vor Ort ist das staatliche oder kommunale Gesundheitsamt zuständig.Jens-Uwe Niehoff, Bernard Braun: Sozialmedizin und Public Health. Nomos, Baden-Baden 2003, ISBN 3-8329-0118-3.
In Österreich sind das Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz sowie die Gesundheit Österreich GmbH und die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit zuständig.
In der Schweiz erfüllt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) einige Public-Health-Aufgaben, insbesondere die Überwachung der Infektionskrankheiten (Surveillance). Da die Steuerung der Gesundheitsversorgung hauptsächlich zum Aufgabenbereich der Kantone gehört, erfüllen deren Gesundheitsdirektionen und die Kantonsärzte viele Aufgaben, insbesondere bei der Versorgungsplanung, der Prävention und Gesundheitsförderung sowie der Aufsicht über das Gesundheitswesen. Die Kantone koordinieren ihre Public-Health-Arbeit in der Schweizerischen Gesundheitsdirektorenkonferenz.Gerhard Kocher, Willy Oggier (Hrsg.): Gesundheitswesen Schweiz 2010–2012. Hans Huber Verlag, Bern 2010, ISBN 978-3-456-84803-7.