Qubodijon (; , Kubadijan; auch Kubadijon; englische Umschriften Qabodiyon, Kabodion; früher Mikojanobod/, russisch Mikojanobadski/) ist ein Dorf und Hauptort des gleichnamigen Distrikts (nohija) in der Provinz Chatlon im Südwesten Tadschikistans. Qubodijon ist als Geburtsort des im 11. Jahrhundert lebenden persischen Dichters Nāsir-i Chusrau bekannt. Die eisenzeitliche, gräko-baktrische und mittelalterliche Festungsstadt Kala-i Mir (Калаи-Мир, besiedelt vom 7./6. Jahrhundert v. Chr. bis Anfang 20. Jahrhundert) in der Ortsmitte ist fast völlig abgetragen. Ihr Siedlungshügel wurde in den 1950er Jahren archäologisch untersucht, ebenso wie die befestigte Siedlung Kej-Kobad-Schach (Кей-Кобад Шах, besiedelt vom 3./2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 4./5. Jahrhundert n. Chr.), die außerhalb des Ortes lag und heute unter einem Baumwollfeld eingeebnet ist.
Lage Qubodijon liegt an der Schnellstraße A384, die von der Landeshauptstadt Duschanbe über Obikiik Richtung Süden führt. Unweit von Qurghonteppa erreicht die Straße das Tal des Wachsch und folgt diesem an seiner Westseite flussabwärts bis auf die Höhe der städtischen Siedlung Kolchosobod an der Ostseite des Flusses. Kurz danach wechselt die Straße über ein rund 20 Kilometer breites, nahezu vegetationsloses Hügelgebiet in das westlich gelegene Paralleltal des Kofarnihon nach Qubodijon. Die Entfernung von Duschanbe beträgt rund 165 Kilometer, von Qurghonteppa 81 Kilometer und bis zur nächsten städtischen Siedlung Schahritus im Süden sind es 17 Kilometer. Der Kofarnihon mündet etwa 50 Kilometer südlich von Qubodijon in den Amudarja, der über eine weite Strecke die Grenze zu Afghanistan bildet. Der (geringe) Fernverkehr auf der A384 nach Süden fährt weiter zum usbekischen Grenzübergang und zur nächstgelegenen Stadt Termiz.
Bis um 1930 war der Südwesten des Landes nur auf Erdwegen erreichbar. Der großflächige Anbau importierter Baumwolle in den 1930er Jahren in den Talebenen am Unterlauf des Wachsch und des Kofarnihon machte die Entwicklung der Infrastruktur erforderlich. 1932 wurde die erste Schmalspurbahnlinie vom Verladeort Panzi Pojon am Amudarja nach Qurghonteppa in Betrieb genommen. In diesem Jahr war auch die erste Autostraße von Duschanbe nach Qurghonteppa fertiggestellt.M. V. Hambly: Road vs. Rail. A Note on Transport Development in Tadzhikistan. In: Soviet Studies, Vol. 19, No. 3. Januar 1968, S. 421–425, hier S. 421 Etwa parallel zur A384 verläuft heute eine Bahnlinie, die zwischen 1966 und 1980 konstruiert wurde, vom Anschluss in Termiz über Qubodijon und Qurghonteppa nordwärts bis Jowon (264 Kilometer). 1999 kam die Verbindung von Qurghonteppa nach Osten über Danghara bis Kulob hinzu (132 Kilometer).Railways. In: Abdullaev, Akbarzadeh: Historical Dictionary of Tajikistan, S. 297
Der Ort liegt auf der linken (östlichen) Seite des Kofarnihon in einer breiten Talebene, die im Osten durch eine nord-südlich verlaufende Hügelkette begrenzt wird, deren höchste Erhebung in der Nähe 1632 Meter erreicht. In den Ebenen im Südwesten werden die höchsten Temperaturen des Landes gemessen: Die durchschnittliche Höchsttemperatur beträgt in Schahritus im Juli 37,9 °C, die durchschnittliche Tiefsttemperatur im Januar −1,8 °C. Bei einem überwiegend in den Wintermonaten fallenden Jahresniederschlag von 235 Millimetern in Schahritus ist Feldbau ohne künstliche Bewässerung nicht möglich.Sharitus, Tajikistan. weatherbase.com (Klimatabelle für Schahritus) Nach anderen Angaben liegt der durchschnittliche Niederschlag im Distrikt Kubodjon lediglich bei 157 Millimetern, die mittlere Temperatur beträgt im Januar 1–3 °C und im Juli 32–33 °C.Qubodiyon Nohiya. In: Abdullaev, Akbarzadeh: Historical Dictionary of Tajikistan, S. 291 Es herrscht ein subtropisches Steppenklima.
Distrikt mini|Ortsmitte mit Gärten. Bewässerte Talebene Richtung Nordosten Das Gebiet wird seit dem 7. Jahrhundert in den Quellen mit dem Namen Qubodijon erwähnt. Als der Distrikt (nohija) Kubodjon (Ноҳияи Қабодиён) 1939 gegründet wurde, gehörte er zum Oblast Stalinabad der damaligen Tadschikischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Zwischen 1930 und 1970 hießen Distrikt und Ort Mikojanobod (russisch Mikojanabadski) zu Ehren des sowjetischen Politikers armenischer Herkunft Anastas Mikojan (1895–1978). Zwischen 1944 und 1947 und nochmals von 1977 bis 1992 existierte ein Oblast Kurgan-Tjube (Qurghonteppa), gebildet aus Teilen der Oblaste Kuljab (Kulob) und Stalinabad, zu dem der Distrikt Mikojanabadski gehörte. Nach der Unabhängigkeit des Landes 1991 erfolgte eine Neugliederung der Verwaltungseinheiten. Ende 1992 wurden die Oblaste Kurgan-Tjube und Kuljab zur Provinz (wilojat) Chatlon vereint. Kubodjon ist eine der 24 Distrikte von ChatlonKhatlon. In: Abdullaev, Akbarzadeh: Historical Dictionary of Tajikistan, S. 199 und setzt sich aus sechs Subdistrikten (dschamoat) zusammen.
Der Distrikt Kubodjon grenzt im Osten an den Distrikt Dschilikul, im Süden an die afghanische Provinz Kunduz, im Westen an den Distrikt Schahritus und im Norden an den Distrikt Rudaki, der zur Region Nohijahoi tobei dschumhurij („der Republik unterstellte Bezirke“) gehört. Die Fläche des Distrikts beträgt 1834,4 Quadratkilometer (nach anderer Angabe 1878 QuadratkilometerQubodiyon Nohiya. In: Abdullaev, Akbarzadeh: Historical Dictionary of Tajikistan, S. 290), die Bevölkerungszahl lag bei 145.800 im Jahr 2009. UNDP-UNEP Poverty-Environment Initiative in Tajikistan, Duschanbe 2012, S. 71 Das gesamte Gebiet im Südwesten Tadschikistans wird als Qubodijon-Oase bezeichnet. Hierzu gehören neben Qubodijon die Distrikte Schahritus und Nosiri Chusraw (vormals Beschkent) entlang der usbekischen Grenze.Hafiz Boboyorov: Collective Identities and Patronage Networks in Southern Tajikistan. (ZEF Development Studies) Lit, Münster 2011, S. 176
Qubodijon gehört zu den vier größeren Baumwollanbaugebieten Tadschikistans. Baumwolle ist das landwirtschaftliche Hauptexportprodukt und macht 20 Prozent des landesweiten Exporterlöses aus, auch wenn die Produktion seit 2005 stark rückläufig ist und der Anbau von Obst und Gemüse zunimmt. Der Rückgang ist zu verzeichnen, obwohl die Regionalverwaltungen die Landwirte zwingen, auf 70 Prozent ihrer Ackerfläche Baumwolle anzupflanzen und bei Zuwiderhandlung drohen, das Land zu enteignen.Priorities for Sustainable Growth: A Strategy for Agriculture Sector Development in Tajikistan. World Bank-SECO Report, 2010, S. viii Baumwolle ist für 75 Prozent der ärmeren Bevölkerung die Haupteinnahmequelle. S. 20f Die landwirtschaftlich genutzte Fläche des Distrikts betrug 16.001 Hektar im Jahr 2010, 14 Prozent weniger als im Jahr 2000 (18.589 Hektar). Auf den zu staatlichen oder privaten Großbetrieben gehörenden Baumwollfeldern arbeiten ausschließlich Frauen bei geringem Lohn.Sophie Roche: Domesticating Youth: Youth Bulges and their Socio-political Implications in Tajikistan. Berghahn, New York/Oxford 2014, S. 44 Die meisten Baumwolle produzierenden Betriebe in Qubodijon und in den angrenzenden Distrikten werden von der staatlichen Investitionsgesellschaft TASS verwaltet. TASS verfügt über die Zuteilung von Land, organisiert Steuerbefreiungen, regelt das Einfrieren von Schulden und verteilt Geschenke des Staates. Privatbetriebe sind in dasselbe Patronage-Netzwerk eingebunden, das unter der direkten Führung des Präsidenten Rahmon steht.Hafiz Boboyonorov: Masters and networks of knowledge production and transfer in the cotton sector of Southern Tajikistan. ZEF Working Paper Series No. 97, Universität Bonn, 2012, S. 11, 13
Neben Baumwolle auf 5862 Hektar wurden 2010 nach Angaben der Landwirtschaftsabteilung der Distriktverwaltung Weizen (80 Prozent aller Getreidearten), Mais und Reis auf 5257 Hektar und Gemüse auf 1433 Hektar angebaut. Nach denselben Angaben wurden in diesem Jahr 2 Tonnen Baumwolle pro Hektar geerntet. Diese Menge entspricht dem Ertrag anderer Entwicklungsländer, während für Tadschikistan ansonsten durchschnittlich 1,5 bis 1,8 Tonnen pro Hektar genannt werden. In Qubodijon wurde 2004 bei besonders günstigen klimatischen Bedingungen ein Ertrag von 2,3 Tonnen Baumwolle pro Hektar erzielt. Die Gemüseanbaufläche nahm in der Dekade 2000 bis 2010 um das 1,48-Fache zu, der Ertrag stieg dabei um knapp das Dreifache.
Die Felder werden über kleine Kanäle (arik) aus dem Kofarnihon bewässert. Die Bewässerungssysteme in Tadschikistan haben eine lange Tradition, die bis in die erste Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. zurückreicht. Während der Sowjetzeit befanden sich die Bewässerungsanlagen in staatlichem Besitz und wurden zentral von Moskau verwaltet. Durch den Bürgerkrieg in den 1990er Jahren verfielen die Bewässerungsanlagen und wurden teilweise unbrauchbar. Zwar wurden sie seither wieder instand gesetzt, dennoch fehlt eine ausreichende Wartung, sodass es im Sommer durch die hohen Verdunstungsraten zu einer zunehmenden Versalzung der Böden kommt. Es sind nicht ausreichend Drainagegräben vorhanden, die der Versalzung der Baumwollfelder entgegenwirken könnten. Deshalb wurden unter anderem in den Distrikten Qubodijon und Schahritus Tausende Hektar für den Anbau unbrauchbar.Frank Bliss: (Partizipation in der Landesentwicklung und entwicklungspolitischen Zusammenarbeit in Zentralasien am Beispiel von Kirgistan und Tadschikistan. Project Working Paper No. 5) Universität Duisburg Essen 2013, S. 54
Zwischen 2000 und 2010 nahm der Viehbestand im Distrikt stark zu. Die Zahl der Schafe (überwiegend Karakulschafe) verdoppelte sich von 35.131 (2000) auf 79.320 (2010) und die Zahl der Rinder stieg von 20.572 auf 38.435. Eine Kuh lieferte 670 Liter Milch (2000) gegenüber 1038 Liter (2010). S. 71f
In den 1950er Jahren wurden viele Tadschiken aus dem zentraltadschikischen Rascht-Tal mit dem Hauptort Gharm zur Arbeit in den Baumwollfeldern in die südwestlichen Ebenen zwangsumgesiedelt. Die Gharmi (Ғармӣ) genannten Neuankömmlinge bilden neben den alteingesessenen Tadschiken, Usbeken und einer kleinen Minderheit von Arabern eine eigene ethnische Gruppe. Während des tadschikischen Bürgerkriegs, der von 1992 bis 1997 dauerte, besetzten anfangs die Gharmis die meisten öffentlichen Ämter im Distrikt Qubodijon. Es kam zu ethnischen Spannungen, besonders zwischen Gharmis und Usbeken, und Ende 1992 zu intensiven Kämpfen zwischen den Gruppen. Usbeken und alteingesessene Tadschiken zündeten die Häuser ihrer Gegner an und vertrieben die Gharmis, die überwiegend nach Duschanbe flohen. Im darauffolgenden März wurden viele der Vertriebenen per Eisenbahn zurück nach Qubodijon gebracht, wo sie von Usbeken und Arabern gehindert wurden, den Ort zu betreten oder in ihre Kolchosen zurückzukehren. Laut Schätzungen des UNHCR wurden 1992/93 in den Distrikten Schahritus und Qubodijon 5000 Häuser zerstört.Rachel Denber: Human Rights in Tajikistan in the Wake of Civil War. Human Rights Watch, New York u. a., Dezember 1993, S. 31, 41f
Ortsbild mini|Durchgangsstraße im Marktzentrum Der Ortsname Qubodijon ist von der alten Stadt Kej-Kobad-Schach (Kei-Kobad-Schah, „König Kai Kobad“, auch Kabot Schahnor, kurz Kaikobad oder Kuad) abgeleitet. Deren Name bezieht sich auf den mythischen König Kai Kobad in der iranischen Mythologie, der zur Dynastie der Kayaniden gehörte. Er kommt im Epos Schāhnāme des persischen Dichters Firdausi vor und soll hier gelebt haben. Ein anderer Ortsname mit Bezug auf diesen König ist Tacht-i Kobad („Thron des Kobad“) rund 40 Kilometer südlich am Amudarja. Keine andere Region ist in der Überlieferung so eng mit den Kayaniden verbunden.Hamid Wahed Alikuzai: Concise History of Afghanistan in 25 Volumes: Volume 14. Trafford Publishing, Bloomington 2013, S. 113
An der Durchgangsstraße, die von Nordosten nach Südwesten durch den kompakten Ort führt, reihen sich einige Ladengeschäfte. Es gibt Restaurants und einen Markt im Zentrum. Ein Netz von parallelen Nebenstraßen erschließt die landwirtschaftlichen Gehöfte, die von großen Gärten mit Bäumen umgeben sind.