Unter Silbenlänge versteht man in der Linguistik die Zahl der Einheiten, aus denen eine Silbe aufgebaut ist. Als Maß für die Silbenlänge kommen infrage: Zahl der Schriftzeichen, aus denen eine Silbe im Schriftbild besteht; Zahl der Laute oder Phoneme, aus denen eine Silbe in der gesprochenen Sprache besteht.
Silbenlänge (Zahl der Laute pro Silbe) im Deutschen Eine Silbe besteht aus drei Teilen: dem Silbenanfang, es folgt der Silbenkern und schließlich das Silbenende, die Koda.
Den Anfang einer Silbe können im Deutschen höchstens 3 Laute ([ʃtʀ-]) bilden, den Kern 1 Laut (Vokal oder Diphthong), die Koda bis zu 4 Laute (z. B. [-lçst]. Es können damit bis zu 8 Laute in einer Silbe vorkommen; wenn Affrikaten (z. B. [pf]) und Diphthonge (z. B. [aɪ̯]) als Lautfolge und nicht als Einzellaut angesehen werden, entsprechend mehr).Duden. Die Grammatik. 7., völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage. Dudenverlag, Mannheim u. a. 2005, S. 40f.: Das allgemeine Silbenbaugesetz. ISBN 3-411-04047-5.Peter Eisenberg: Grundriss der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. Metzler, Stuttgart/Weimar 1998, ISBN 3-476-01639-0, S. 102. Beispiel: „(du) strolchst“ [ʃtʀɔlçst] (= 8 Laute).Das Transkriptionssystem ist vom deutschen Wiktionary übernommen.
Die minimale Silbenlänge besteht – phonetisch gesehen – entweder aus einem Vokal oder Diphthong. Beispiele dafür wären etwa die Interjektion „oh“ [oː] oder das Wort „Ei“ [aɪ̯].
Beispiele
Silbenlängen im Wörterbuch Menzerath hat ein Aussprachewörterbuch des DeutschenWilhelm Viëtor: Deutsches Aussprachewörterbuch. Reisland, Leipzig 1921. mit 20.453 Stichwörtern ausgewertet und darin folgende Verteilung der Längen von 2245 Einsilbern gefunden:
Laute pro SilbeAnzahl einsilbiger Wörter mit dieser LautzahlAnteil in Prozent 1 9 0.40 2 114 5.08 3 645 28.73 4 962 42.85 5 444 19.78 6 69 3.07 7 2 0.09
Die Verteilung der Silbenlängen dieses Wörterbuchs ist deutlich: am häufigsten sind die Silben mit 3–5 Lauten.Menzerath, Seite 71. Mittelwert der Silbenlängen in diesem Wörterbuch: M = 3,86. Ein einsilbiges Wort mit 8 Lauten kam im ausgewerteten Wörterbuch nicht vor.
Silbenlängen in Texten Bei Untersuchungen zu Silbenlängen in Pressetexten zeigt sich ein anderes Bild: deutlich bevorzugt sind Silben mit 2–3 Phonemen. Ausgezählt wurden in den folgenden Untersuchungen Phoneme pro Silbe und nicht wie bei Menzerath Laute; das macht zahlenmäßig einen gewissen Unterschied, da Menzerath zwar keine Knacklaute zählt, aber Affrikate und Diphthonge als Lautfolgen und nicht als einheitliche Laute wertet; bei den folgend genannten Untersuchungen wurden Affrikate und Diphthonge als Einheiten und nicht als Folgen von Einheiten erfasst.Karl-Heinz Best: Silbenlängen in Meldungen der Tagespresse. In: Karl-Heinz Best (Hrsg.): Häufigkeitsverteilungen in Texten. Peust & Gutschmidt, Göttingen 2001, Seiten 15–32.Falk-Uwe Cassier: Silbenlängen in Meldungen der deutschen Tagespresse. In: Karl-Heinz Best (Hrsg.): Häufigkeitsverteilungen in Texten. Peust & Gutschmidt, Göttingen 2001, Seiten 33–42.
Addiert man die Daten der beiden Untersuchungen zu den insgesamt 42 Pressetexten, so kommt man auf 7382 Silben, die sich folgendermaßen verteilen:
Phoneme pro SilbeAnzahl der Silben mit dieser PhonemzahlAnteil in Prozent 1 216 2.93 2 2952 39.99 3 3321 44.99 4 790 10.70 5 90 1.22 6 13 0.18
Silben mit 7 oder gar 8 Phonemen kamen in den untersuchten Pressemeldungen nicht vor. Mittelwert der Silbenlängen in den Pressemeldungen: M = 2,68.
Einige weitere Daten zum Vergleich:Karl-Heinz Best: Silbenlängen im Deutschen. In: Glottotheory 4, 2013, Seite 36–44, Daten Seite 42.
TextklasseAnzahl der SilbenMittelwert (Phoneme/Silbe) Lichtenberg, Sudelbuch H 5113 2.64 Pestalozzi, Fabeln 5145 2.63 DPA-Meldungen 4138 2.67 Magazin: Musikexpress 7745 2.65 Magazin: Rolling Stone 9550 2.67 Magazin: Vision 8387 2.68 (Pressemeldungen) 7382 2.68
Will man die Silbenlänge nicht durch die Zahl der Laute, sondern durch die der Buchstaben bestimmen, kann man auf die gegebenen Daten etwa 10 % aufschlagen. Laut Meier kommen im Deutschen auf 100 Laute 112 Buchstaben.Helmut Meier: Deutsche Sprachstatistik. 2., erweiterte und verbesserte Auflage. Olms, Hildesheim 1967, 1978, ISBN 3-487-00735-5, Seite 321.
Silbenlängen in anderen Sprachen Die Silbenstrukturen und damit verbunden die Silbenlängen sind ein Merkmal, in dem sich Sprachen deutlich unterscheiden können. Die Möglichkeit, Konsonanten und Vokale im Wort miteinander zu kombinieren, sind sehr verschieden ausgeprägt. So verweist Stiberc darauf, dass das Japanische die Silbenstruktur Konsonant plus Vokal (KV) bevorzugt, so dass aus den ins Japanische entlehnten deutschen Wörtern „Ablaut“ und „Umlaut“ apurauto beziehungsweise umurauto wird.Andrea Stiberc: Sauerkraut, Weltschmerz, Kindergarten und Co. Deutsche Wörter in der Welt. Herder, Freiburg/Basel/Wien 1999, ISBN 3-451-04701-2, Seite 44.
Silbenlänge in Abhängigkeit von der Wortlänge Gemäß dem Menzerath-Altmann-Gesetz ist zu erwarten, dass die Silben umso kürzer sind, je mehr Silben ein Wort hat.
Zur Überprüfung dieser Hypothese wurden die benötigten Daten gewonnen, indem aufgrund der Tabelle in Menzerath (1954, S. 96; Basis: 20453 Stichwörter eines Aussprachewörterbuchs) die Mittelwerte für die ein- bis neunsilbigen Wörter gebildet wurden; daran wurde dann das Menzerath-Altmann-Gesetz in seiner einfachsten Form angepasst.Laila Asleh, Karl-Heinz Best: Zur Überprüfung des Menzerath-Altmann-Gesetzes am Beispiel deutscher (und italienischer) Wörter. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft 10/11, 2004/2005, Seite 9–19. Tabelle S. 11.
Abhängigkeit der Silbenlänge von der Wortlänge:
Wortlänge (in Silben)durchschnittliche Silbenlänge in Lauten beobachtetdurchschnittliche Silbenlänge in Lauten berechnet 1 3,86 3,63 2 2,87 3,06 3 2,57 2,76 4 2,41 2,57 5 2,36 2,43 6 2,32 2,33 7 2,38 2,24 8 2,25 2,17 9 2,30 2,10
Der Tabelle ist zu entnehmen, dass die Silben einsilbiger Wörter durchschnittlich eine Länge von 3,86 Lauten aufweisen. Passt man das oben genannte Modell an die Beobachtungswerte der ein- bis neunsilbigen Wörter an, so erhält man für die einsilbigen Wörter einen Wert von 3,63.
Ergebnis: a = 3,6332; b = −0,2487; D = 0,8938. Das Testergebnis ist mit einem Determinationskoeffizienten von D = 0,8938 sehr gut; er kann im besten Fall den Wert D = 1,00 erreichen.
Tests zu indonesischen, italienischen und serbokroatischen Daten unterstützen ebenfalls die Annahme des Menzerath-Altmann-Gesetzes.Asleh, Best, S. 13.
Siehe auch Einsilbler Gesetz der Verteilung von Silbenlängen Silbendauer
Literatur Duden. Die Grammatik. 7., völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage. Dudenverlag, Mannheim u. a. 2005, S. 40f.: Das allgemeine Silbenbaugesetz. ISBN 3-411-04047-5. Paul Menzerath: Die Architektonik des deutschen Wortschatzes. Dümmler, Bonn/Hannover/Stuttgart 1954; zu den deutschen Einsilbern Seite 18–69.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Silbe Kategorie:Quantitative Linguistik Kategorie:Theoretische Linguistik