mini|Flagge der Paneuropa-Union Die Paneuropa-Union (alternative Schreibweise Paneuropaunion) wurde 1922 gegründet und ist damit die älteste noch bestehende europäische Einigungsbewegung. Sie hatte den historischen Sitz in ihrem Zentralbüro in der Wiener Hofburg und gilt als Panbewegung. Die Paneuropa-Union tritt im Sinne des europäischen Föderalismus für ein politisch und wirtschaftlich geeintes, demokratisches und friedliches Europa auf Grundlage des christlich-abendländischen Wertefundaments ein.
Politisch wurde die Vereinigung seit 1933 in Deutschland und ab 1938 auch in Österreich durch die Nationalsozialisten verfolgt und gleichsam ausgelöscht.Walter Göhring: Richard Coudenhove-Kalergi. Ein Leben für Paneuropa. Kremayr & Scheriau, Wien 2016, ISBN 978-3-218-01047-4. Sie versank danach in der BedeutungslosigkeitBirgit Kletzin: Europa aus Rasse und Raum. Die nationalsozialistische Idee der Neuen Ordnung. Lit, Münster 2000, ISBN 3-8258-4993-7, S. 18.A. Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas und wurde nach dem Tod von Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi 1972 zu einem weitgehend einflusslosen Honoratiorenverband.Emmanuel Richter: Die Paneuropa-Idee. Die aristokratische Rettung des Abendlandes. In: Jürgen Nautz (Hrsg.): Die Wiener Jahrhundertwende. Einflüsse, Umwelt, Wirkungen. Böhlau, Wien 1993, ISBN 3-205-98038-7, S. 788–812, hier: S. 808.
Mit der Übernahme der Leitung durch Otto von Habsburg im Jahr 1973 blieb der Führungsanspruch des ehemaligen österreichischen Adels in der Bewegung erhalten und das politische Spektrum der Verbandsmitglieder beschränkte sich zunehmend auf das stark konservative Lager.
Verbreitung Die Paneuropa-Union ist eine der größten Europaorganisationen und hat im Jahr 2026 Mitgliedsorganisationen in folgenden Landern:Liste der Mitgliedsorganisationen auf der offiziellen Website, abgerufen am 26. August 2026. Albanien Andorra Belgien Bosnien-Herzegowina Bulgarien Deutschland Estland Finnland Frankreich Italien Kosovo Kroatien Lettland Luxemburg Montenegro Nordmazedonien Österreich (Paneuropa-Bewegung Österreich) Polen Rumänien San Marino Serbien Slowakei Slowenien Spanien Schweden Schweiz Tschechische Republik Ungarn
Geschichte und politisches Wirken Die Vereinigung wurde 1922 von Richard Coudenhove-Kalergi unter dem Eindruck der Schrecken des Ersten Weltkriegs gegründet. 1923 kam es zur Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen. Als Maßnahme zur Deeskalation unterstützten europäisch interessierte Unternehmer die Paneuropa-Union. Als erster spendete der deutsche Bankier Max M. Warburg. Um eine regelmäßige Förderung zu leisten, gründete man eine Paneuropa-Fördergesellschaft unter dem Vorsitz von Robert Bosch. In ihrem Vorstand saßen ferner der Generaldirektor der Deutschen Linoleum-Werke, Richard Heilner, das Aufsichtsratsmitglied der IG Farbenindustrie, Wilhelm Ferdinand Kalle, und Hermann Bücher, Geschäftsführer beim Reichsverband der Deutschen Industrie und späterer AEG-Vorstand. links|mini|264x264px|Gedenktafel am Eingang des Schlosses Poběžovice in Westböhmen Mit seinem 1923 erschienenen Buch Pan-Europa brachte Coudenhove-Kalergi eine Welle der Gründung von Netzwerken für europäische Verständigung ins Rollen (z. B. Paneuropa-Bewegung, Verband für europäische Verständigung). Er forderte eine europäische Monroe-Doktrin nach dem Motto „Europa den Europäern!“Vgl. Michael Gehler: Europa von den Ideen zu den Institutionen. 2003. Coudenhove-Kalergi gründete 1924 die Zeitschrift Pan-Europa und rief einen Verein ins Leben, wofür ihm auf Fürsprache des tschechoslowakischen Präsidenten Tomas Masaryk der österreichische Bundeskanzler Ignaz Seipel Räumlichkeiten in der Wiener Hofburg zur Verfügung stellte.Vgl. Matthias Schulz: Europa-Netzwerke und Europagedanke in der Zwischenkriegszeit (2010). 1927 entstand dann unter dem Dach der Paneuropa-Union noch ein „Deutsch-französisches Wirtschaftskomitee“ aus Unternehmern beider Länder, die sich hier mit dem Ziel eines wirtschaftlichen europäischen Wiederaufbaus zusammentaten.
Der deutsche Außenminister Gustav Stresemann unterstützte die Paneuropa-Idee ebenso wie der französische Ministerpräsident Aristide Briand. Spätere Unterstützer waren Winston Churchill, Robert Schuman und Konrad Adenauer.Vgl. dazu Anfänge der europäischen Einigung. In: Der Spiegel, 3. Oktober 2007. Die österreichische Sektion, die durch Bereitstellung von Ressourcen tatkräftig gefördert wurde, wurde damals von Karl Renner und Ignaz Seipel angeführt.Coudenhove-Kalergi fast vergessen. ORF-Science, 23. Oktober 2013. Als Unterstützer der Paneuropa-Union traten auch Albert EinsteinVgl. Peter Galison, Gerald James Holton, Silvan S. Schweber: Einstein for the 21st Century: His Legacy in Science, Art, and Modern Culture. 2008, S. 7ff., Heinrich Mann mit dem Artikel „V. S. E.“ (Dezember 1924) und Thomas Mann schon 1925 für die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa ein.Europa, dieses große Versprechen. In: Die Zeit, 4. März 2016. Weitere Förderer und Unterstützer der Paneuropa-Union waren Carl Bosch, Benedetto Croce, Sigmund Freud, Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Selma Lagerlöf, José Ortega y Gasset, Max Reinhardt, Rainer Maria Rilke, Arthur Schnitzler, Richard Strauss, Franz Werfel und Stefan Zweig.Vgl. Emanuel Richter in Die Wiener Jahrhundertwende. Hrsg. Jürgen Nautz, 1996, S. 804. Als historische Mitglieder und Förderer sind auch Salvador de Madariaga, Charles de Gaulle, Konrad Adenauer, Alfons Goppel, Franz Josef Strauß, Bruno Kreisky und Georges Pompidou anzuführen.Vgl. Die Paneuropäische Union. In: Der Standard, 16. August 2009. Im Gegensatz zum 1924 gegründeten „Komitee für die Interessensgemeinschaft der europäischen Völker“ (später auch Bund für Europäische Cooperation) vertrat die Paneuropa-Idee aber eine Einigung Europas ohne Großbritannien und die UdSSR.Vgl. Oliver Burgard: Europa von oben. In: Die Zeit, 13. Januar 2000. Gemäß Karl Popper waren es damals in Europa liberale Internationalisten, die nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung nach dem Ersten Weltkrieg gegen den aufkommenden „narrow-minded tribalism“ (engstirnigen Tribalismus) und den Totalitarismus ankämpften.Vgl. dazu Popper in Diskussion zu Hegel: Karl Popper: The Open Society (2 Bde.), S. 30ff. – zitiert in Dina Gusejnova: European Elites and Ideas of Empire, 1917–1957. 2016, S. 72ff. 1926 bildeten sich in Budapest und Warschau nationale Paneuropa-Komitees unter Beteiligung zahlreicher Intellektueller.
Von 3. bis 6. Oktober 1926 tagte in Wien der erste Paneuropa-Kongress. Ungefähr 2.000 Delegierte aus 24 Staaten nahmen an diesem Treffen teil. Die Delegierten wählten Coudenhove-Kalergi zum Präsidenten der Union. Das Ehrenpräsidium bestand aus Edvard Beneš, dem Außenminister der Tschechoslowakei, Joseph Caillaux, dem späteren französischen Finanzminister, Paul Löbe, dem deutschen Reichstagspräsidenten, Francesco Nitti, dem ehemaligen Ministerpräsidenten Italiens, Nicolaos Politis, dem ehemaligen griechischen Außenminister, und dem mehrmaligen österreichischen Bundeskanzler Ignaz Seipel. Auf diesem Kongress stellte Coudenhove-Kalergi sein politisches Programm vor: Abbau der Grenzen zwischen europäischen Staaten, Schaffung eines europäischen Staatenbundes, Gleichberechtigung und Verständigung unter den Völkern als Voraussetzung für Frieden, Freiheit und Wohlstand.Vgl. dazu Anfänge der europäischen Einigung. In: Der Spiegel, 3. Oktober 2007. 1927 beschäftigte sich Ludwig von Mises ausführlich zustimmend mit der Paneuropa-Idee, wobei er einen Staatenbund begrüßte, jedoch die Zollschranken und allfällige europäische Weltmachtpolitik ablehnte.siehe Ludwig von Mises: Liberalismus. 1927, S. 126ff.mini|hochkant=0.85|Otto von Habsburg 1991 bei der Verleihung des Coudenhove-Kalergi-Preises der Paneuropa-Union an Helmut Kohl
In Deutschland fand die Paneuropa-Idee ihre wichtigste Basis bei den Parteien der Weimarer Koalition, verfügte aber niemals über eine Mehrheit in der Öffentlichkeit. 1930 gab es einen zweiten Paneuropa-Kongress in Berlin, 1932 in Basel und 1935 in Luzern, wobei die meisten Regierungen und Medien die Paneuropa-Bewegung sehr positiv bewerteten.Dazu Thomas Neumann: Die europäischen Integrationsbestrebungen in der Zwischenkriegszeit. 1999, S. 58. In Frankreich ließen sich vor allem die linksliberalen Radikalen, an der Spitze Edouard Herriot, für das Konzept einnehmen. Der von Herriot auch unter Eindruck der Paneuropa-Idee eingeleitete Wandel führte dann unter Aristide Briand im Oktober 1925 zum Abschluss der Verträge von Locarno. Bemerkenswert ist auch, dass die meisten Paneuropäer in beiden Ländern sich für eine Mitgliedschaft Großbritanniens in den zu schaffenden Vereinigten Staaten von Europa aussprachen. In Großbritannien blieb das Echo aber sehr verhalten. Anders als in Frankreich und Deutschland schaffte es die Paneuropa-Idee im Vereinigten Königreich nicht einmal auf die Titelseite einer Zeitung. 1935 gab es in Wien noch einen Paneuropa-Kongress, wo die Möglichkeit eines Defensiv-Blockes bzw. Donau-Europas besprochen wurde.Vgl. Dietmut Majer, Wolfgang Höhne: Europäische Einigungsbestrebungen vom Mittelalter bis zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957. 2014, S. 146. Zur Realisierung des Staatenbundes kam es nie, aber Coudenhove-Kalergi warnte fortwährend eindringlich vor dem Nationalsozialismus, Antisemitismus und Bolschewismus und attackierte deren Geisteshaltung.Vgl. Matthias Schulz: Europa-Netzwerke und Europagedanke in der Zwischenkriegszeit. 2010.
In Deutschland wurde die Bewegung 1933 von den Nationalsozialisten verboten und erst nach dem Zweiten Weltkrieg wiedergegründet. Mit dem Anschluss Österreichs war Coudenhove-Kalergis Projekt vorläufig am Ende. Er floh im März 1938 aus Österreich und die Nationalsozialisten beschlagnahmten sein Zentralbüro in der Wiener Hofburg. 1945 gelangten die Unterlagen als Beuteakten nach Moskau.Vgl. Andreas Rödder: Im luftleeren Raum – Die Paneuropa-Bewegung in der Zwischenkriegszeit. In: FAZ, 28. Juni 2005. Ein Paneuropäischer Kongress in New York im März 1943 bewirkte eine Zusammenführung der verstreuten paneuropäischen Exilanten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützte die Paneuropa-Union aktiv die europäische Integration. Gleichzeitig übte sie Kritik an der einseitig wirtschaftlichen Ausrichtung und dem technokratischen Funktionalismus der sich bildenden Institutionen. Auch das christlich-konservative Profil der Paneuropäer grenzte sie von anderen proeuropäischen Organisationen ab. Churchill nannte 1946 in seiner oft zitierten Rede in Zürich die Paneuropaidee als Vorbild und warb für einen europäischen Staatenbund.Vgl. Dietmut Majer, Wolfgang Höhne: Europäische Einigungsbestrebungen vom Mittelalter bis zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957. 2014, S. 156. Als Spin-off zur Paneuropa-Union gründete Coudenhove-Kalergi 1947 die Europäische Parlamentarier-Union, die 1949 bei der Schaffung des Europarates die Einrichtung einer Parlamentarischen Versammlung durchsetzte. Damit war der europäische Parlamentarismus geboren.Vgl. Coudenhove-Kalergi fast vergessen. In: ORF-Science, 23. Oktober 2013, abgerufen am 18. September 2016. 1965 kam es zum Bruch mit der Europäischen Bewegung, als diese sich während des französischen Präsidentschaftswahlkampfes offen für den sozialistischen Herausforderer François Mitterrand aussprach, während die Paneuropa-Union den konservativen Charles de Gaulle unterstützte.
Für den Gründer der Paneuropa-Union Richard Coudenhove-Kalergi gab es zwischen 1931 und 1965 43 vergebliche Nominierungen für den Friedensnobelpreis.Nobelpreiskandidaten: Von Freud bis Franz Joseph. science.ORF.at/APA, 29. September 2016.