Die Wirmer-Flagge (im Handel auch als Flagge Deutscher Widerstand 20. Juli oder Stauffenberg-Flagge)Christina Hebel: Pegida und die Wirmer-Flagge: „Ich bin entsetzt“. In: Spiegel Online, 3. August 2015. Abgerufen am 19. Oktober 2015.Tagesspiegel: Warum die AfD keine konservative Partei ist, 9. September 2016, abgerufen am 15. März 2018. ist ein Entwurf Josef Wirmers, eines Widerstandskämpfers des 20. Juli 1944. Sie sollte gemäß seiner Idee nach dem erfolgreichen Attentat gegen Hitler und Machtübergang auf die Verschwörer die neue Flagge Deutschlands werden. Vom Parlamentarischen Rat 1948/49 als Bundesflagge diskutiert, diente der Entwurf in modifizierter Form der CDU von 1953 bis etwa 1970 als Parteifahne und der FDP als Vorbild für ihre Parteisymbole. Dann verschwand die Wirmer-Flagge aus der öffentlichen Wahrnehmung.

1999 wurde die Flagge dann von Reinhold Oberlercher, dem Vordenker des neonazistischen Deutschen Kollegs, in seinem Überarbeiteten Verfassungsentwurf vom 9. November 1999 zur Flagge des vom Deutschen Kolleg angestrebten Vierten Reichs erklärtAndreas Speit (Hg.): Reichsbürger. Die unterschätzte Gefahr, Berlin 2017, S. 24. und war fortan die Flagge des Deutschen Kollegs. Zum Deutschen Kolleg gehörte auch Horst Mahler, der am 14. Dezember 2003 die Verkündigung der Reichsbürgerbewegung veröffentlichte. Dadurch wurde die Fahne im damals medial und gesellschaftlich wenig beachteten Reichsbürgermilieu populär und somit verstärkt von rechtsextremen und -populistischen Gruppierungen verwendet, was auf Kritik von verschiedenen Seiten stieß.Wirmer-Flagge Pegida und das Symbol der Hitler-Attentäter, Süddeutsche Zeitung 3. August 2015Geschichte Schwarz-Rot-Gold Pegida maßt sich das Erbe des 20. Juli an, von Sven Felix Kellerhoff, Die Welt 20. Januar 2015Symbolik bei Demos Warum bei Pegida die Kreuz-Fahne weht, von Christina Hebel, Der Spiegel 29. Juli 2015 Wegen ihrer hohen Präsenz auf den Dresdner Pegida-Demonstrationen wurde die Flagge in einigen Medienberichten auch als „Pegida-Fahne“ bezeichnet.Ein rechtes Rätsel, Der Spiegel 20. Februar 2016„Auge um Auge“ MDR schneidet Pegida-Fahne aus Dresden-„Tatort“, Mitteldeutsche Zeitung 26. Oktober 2017Panne beim MDR Weil Pegida-Anhänger auftauchen: Dresdner „Tatort“ muss umgeschnitten werden Focus 27. Oktober 2017

Entstehung Ottfried Neubeckers Entwurf mini| Ottfried Neubecker zugeschriebener Vorschlag aus dem Jahr 1926 In der Broschüre Die Reichseinheitsflagge schlug der Vexillologe Ottfried Neubecker 1926 als Kompromiss im Streit um die deutsche Nationalflagge eine Flagge in der Farbfolge Schwarz-Gold-Rot vor.Arnold Rabbow: Ottfried Neubecker wird 100. flaggenkunde.de, 22. März 2008. Abgerufen am 3. November 2015. Dafür machte er zwei Vorschläge: zum einen eine Trikolore in dieser Farbfolge, zum anderen ein rotes Philippuskreuz, goldumrandet, auf schwarzem Grund.Jan Schlürmann 2015, S. 333–334. Dieser Entwurf kursierte auch als Doppelstander als Vorschlag für eine neue Reichskriegsflagge.Proposals for a German national flag 1919–1933 (page 5) – Perhaps the work of Ottfried Neubecker. In: Flags of the World, abgerufen am 3. November 2015. Es wird vermutet, dass der Neubecker-Entwurf Wirmer später beeinflusst haben könnte.Jan Schlürmann 2015, S. 334.

Josef Wirmers Entwurf mini| Vorschlag nach Angaben von Ernst Wirmer Wie Neubecker entwarf auch Josef Wirmer die nach ihm benannte Flagge nach Vorbild der skandinavischen Kreuzflaggen. Seine favorisierte Farbreihung entstand durch Herumprobieren mit den drei Grundfarben. Das christliche Kreuz war nach seiner Ansicht als Symbol des neuen Staates am besten geeignet.Jan Schlürmann 2015, S. 337. Die Flagge sollte nach dem Attentat auf Adolf Hitler durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg, dessen erfolgreiche Durchführung Wirmer erhoffte, und der Übernahme der Regierungsgewalt durch die beteiligten bürgerlichen Widerstandsgruppen (siehe Schattenkabinett Beck/Goerdeler) als neue Nationalflagge dienen, da man die schwarz-rot-goldene Trikolore der Weimarer Republik nicht übernehmen wollte. Die Farben sollten aber die demokratischen Kräfte einbinden, während durch die Anlehnung an die Flaggen der skandinavischen Länder und die christliche Symbolik auch die konservativen Kreise unter den Offizieren angesprochen werden sollten, denen die Weimarer Republik mit ihrer Flagge verhasst war. Ganz nebenbei behob der Wirmer-Entwurf den heraldischen Fehler in der Farbfolge der Trikolore. Diese verstieß gegen die heraldische Regel, dass zwischen „Farben“ (hier Schwarz und Rot) immer ein „Metall“ (Gold/Gelb oder Silber/Weiß) liegen muss. Nicht belegt ist, dass Wirmer seinen Entwurf den anderen Verschwörern jemals vorlegte. Das Scheitern des Attentats und der Machtübernahme verhinderte die Einführung der Flagge. Wirmer wurde verhaftet, zum Tode verurteilt und am 8. September 1944 hingerichtet.

Dass die „Kreuzflagge“ eine Ähnlichkeit im Aufbau mit der Reichskriegsflagge hatte und so auch bei der Wehrmacht Akzeptanz finden sollte, ist spekulativ. Allerdings bekräftigt ein Bericht von Ernst Wirmer, Josefs jüngerem Bruder, diese Vermutung. Demnach habe Josef Wirmer seinen Entwurf noch einmal überarbeitet und durch eine dünne, schwarze Linie zwischen Gold und Rot ergänzt, was dem Balkenkreuz der deutschen Kriegsflaggen entspricht. Fälschlicherweise wird der zweite Entwurf immer wieder Ernst Wirmer selbst zugerechnet.Josef Wirmer’s „Resistance Flag“ proposal 1944. In: Flags of the World, abgerufen am 19. Oktober 2015.

Spätere Adaptionen Vorschlag als Nationalflagge der Bundesrepublik Deutschland mini| Endvorschlag der CDU von 1948 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf dem Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee, der zwischen dem 10. und 25. August 1948 tagte, auch über die zukünftige Nationalflagge der Bundesrepublik Deutschland diskutiert. Die Teilnehmer einigten sich zwar auf die Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold, doch die Gestalt der Nationalflagge blieb ein Streitpunkt. Man betonte sogar, dass die Farbenwahl nicht mit einer Rückkehr zur alten Trikolore der Weimarer Republik gleichzusetzen sei. Die CDU, CSU und Deutsche Partei befürchteten dadurch das Heraufbeschwören eines „verhängnisvollen Flaggenstreits“. Zudem hatte die SED bereits in ihrem Verfassungsentwurf vom 22. November 1946 die Trikolore von 1919 als Flagge der DDR vorgesehen. Ernst Wirmer, nun Mitglied des Parlamentarischen Rates, brachte die Delegierten der Unionsparteien und der Deutschen Partei am 16. Oktober 1948 dazu, den zweiten Entwurf seines Bruders zu übernehmen und am 5. November vorzuschlagen, während die SPD die alte Trikolore der Weimarer Republik bevorzugte und sich damit schließlich durchsetzte.Jan Schlürmann 2015, S. 338.Bundeszentrale für politische Bildung: Ernst Wirmer (CDU). Abgerufen am 10. September 2016.

Eine weitere Version der „Kreuzflagge“ wurde von der CDU eingereicht.Flagmaster. In: The Flag Institute Bulletin, Nr. 77, 1994, S. 8/9. Der Entwurf zum Gesetzestext lautete: Das Institut für Demoskopie Allensbach befragte im Dezember 1948 rund 1000 Personen in den drei Westzonen nach deren Präferenz für eine Nationalflagge. Die Trikolore der Weimarer Republik erhielt 35 Prozent der Stimmen, 15 Prozent sprachen sich für die „Kreuzflagge“ aus, 10 Prozent wollten keinen der beiden Vorschläge und 40 Prozent zeigten sich unentschieden oder desinteressiert. Theodor Heuss sah in der Kreuzflagge „graphisches Kunstgewerbe“ und eine „Verkünstelung“. Bei einer Umfrage im Parlamentarischen Rat stimmten 25 Prozent der Mitglieder für die Rückkehr zur schwarz-rot-goldenen Trikolore in der Tradition der Weimarer Republik, 35 Prozent hatten keine Meinung oder enthielten sich der Stimme. Der Unionsantrag wurde abgelehnt und die alte Trikolore mit großer Mehrheit zur neuen Bundesflagge bestimmt.Peter Reichel: Schwarz – Rot – Gold. Kleine Geschichte deutscher Nationalsymbole nach 1945. C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-53514-3.Sven Felix Kellerhoff: Pegida maßt sich das Erbe des 20. Juli an. In: Die Welt, 20. Januar 2015. Abgerufen am 19. Oktober 2015.

Parteiflaggen von CDU und FDP

mini|links|hochkant|CDU-Wahlplakat von 1957 mit schwarz-rot-goldenem Wappenschild mini|FDP-Flagge ab 1952 Auf dem Parteitag vom 18. bis 22. April 1953 nahm die CDU als Parteiflagge und Wappenschild eine Kreuzflagge an, basierend auf dem Entwurf Josef Wirmers. Diese hatte das Kreuz nicht mehr im skandinavischen Stil zum Liek versetzt, sondern mittig mit gleich langen waagerechten Armen. Zudem überspannte ein ebenfalls zentrierter goldener Adler mit Blickrichtung (heraldisch) nach rechts das Motiv. Bundestagspräsident Hermann Ehlers deutete das Abzeichen wie folgt:CDU-Parteitag. Sternstunde der Menschheit. In: Der Spiegel, 29. April 1953. Abgerufen am 21. Oktober 2015.

Die Junge Union nahm als Symbol ein Abzeichen mit Farbreihung wie bei Neubeckers Entwurf an: ein rotes, goldumrandetes Kreuz auf schwarzem Grund. Bis 1962 ist die Verwendung häufig nachzuweisen, dann verschwand das Kreuzsymbol und wurde wohl nur noch aus Kostengründen in Orts- und Kreisverbänden bis in die 1970er Jahre hinein verwendet.Jan Schlürmann 2015, S. 340.Christian Democratic Union 1953–c1970 (Germany). In: Flags of the World, abgerufen am 19. Oktober 2015.

Auch die FDP nahm auf ihrem Parteitag in Bad Ems 1952 eine von der Wirmer-Flagge abgeleitete Parteiflagge an. Ihr goldenes, schwarzumrandetes Kreuz auf rotem Grund behielt die skandinavische Verschiebung. Auf dem Kreuz ruhte ein Adler mit den Parteiinitialen und Blickrichtung nach (heraldisch) links. Ihr saarländischer Ableger, die Demokratische Partei Saar (DPS), kehrte die Blickrichtung des Adlers nach (heraldisch) rechts um. Spekuliert wird darüber, ob die heraldisch falsche Blickrichtung des FDP-Adlers ein Vermächtnis ehemaliger NSDAP-Funktionäre ist, die sich zahlreich in der jungen Partei fanden. Auch der NSDAP-Adler blickte nach links – mit der Begründung, der Osten sei das geographische Ziel der „Bewegung“. Die DPS begründete den Blick nach rechts mit der Darstellung der „Wacht am Rhein“ gen Westen.Jan Schlürmann 2015, S. 340–341.

Mit dem Ende der Verwendung als Parteisymbol verschwanden die verschiedenen Kreuzflaggen in Schwarz-Rot-Gold aus dem Alltag. Bekannt blieb die Wirmer-Flagge in Kreisen von Vexillologen und taucht in entsprechenden Veröffentlichungen auf.Jan Schlürmann 2015, S. 341. So befragte 1981 der Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg Ernst Wirmer zu den Flaggenentwürfen seines Bruders. Im Ostpreußenblatt vom 31. Oktober 1987 wurde in der Serie „Deutsche Nationalflaggen“ die Wirmer-Flagge und ihre Geschichte von Harry S. Schurdel behandelt.Harry D. Schurdel: „Symbol der Freiheitsidee. Die geschichtliche Entwicklung der Farben in Deutschland“, Teil V der Serie „Deutsche Nationalflaggen“ in Ostpreußenblatt vom 31. Oktober 1987, S. 10. online-Ausgabe (PDF, 13,5 MB)

Verwendung durch rechtsextreme und rechtspopulistische Gruppierungen mini|Wirmer-Flaggen auf einer Pegida-Demonstration in Dresden (April 2015)