mini|William Sears empfiehlt Müttern, Säuglinge so viel wie möglich am Körper zu tragen.

Unter Attachment Parenting (kurz oft AP; englisch für „Bindungserziehung“; deutsch auch: bindungsorientierte Erziehung und bedürfnisorientierte Erziehung) versteht man eine in den 1980er Jahren in den Vereinigten Staaten entstandene Erziehungslehre, deren Methoden nach Auffassung ihrer Vertreter die Mutter-Kind-Bindung fördern. Zu diesem Zwecke wird die Mutter dazu angehalten, möglichst viel Zeit in enger körperlicher Nähe mit dem Kind zu verbringen und sich dem Kind gegenüber maximal responsiv zu verhalten (= auf sämtliche Signale des Säuglings zu reagieren).Bill Sears, Martha Sears: The Attachment Parenting Book. A Commonsense Guide to Understanding and Nurturing Your Baby. Little, Brown and Company, New York / Boston, 2001, ISBN 0-316-77809-5, S. 2–3, 5, 8–10 und 110. Der Begriff „Attachment Parenting“ stammt von dem amerikanischen Kinderarzt William Sears, der bis heute auch der bedeutendste Vertreter der Lehre ist.

Es gibt eine Kontroverse über die Machbarkeit, den Nutzen und die theoretischen Grundlagen von Attachment Parenting.

Geschichte Kontext Das Attachment Parenting ist nur eine von vielen Erziehungsideen mit Orientierung an Rapport und Nestwärme, die in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg im pädagogischen Mainstream angekommen sind, und verdankt verwandten älteren Lehren manche Anregungen, darunter etwa Benjamin Spocks 1946 publiziertem Erziehungsratgeber Säuglings- und Kinderpflege. Spock hatte Müttern empfohlen, Säuglinge nach Maßgabe eigener Intuition und mit viel Körperkontakt aufzuziehen – ein Rat, der den bis dahin herrschenden Lehren von L. Emmett Holt und John B. Watson radikal widersprach; das Buch wurde zum Bestseller und Spocks pädagogische Auffassungen hatten in den USA auf die Erziehung der Nachkriegsgenerationen großen Einfluss.

Dreißig Jahre später erregte Jean Liedloff mit einem Kontinuum-Konzept Aufsehen, das sie der Öffentlichkeit in ihrem Buch Auf der Suche nach dem verlorenen Glück (1975) vorstellte. Liedloff hatte in Venezuela die Ye’kuana-Indianer studiert und empfahl westlichen Müttern, Säuglinge zu stillen, zu tragen und im gemeinsamen Bett schlafen zu lassen. Als Begründung gab sie an, die übliche Erziehung mit Flaschenfütterung, Kinderwagen usw. trage den – evolutionsgeschichtlich noch nicht in der Moderne angekommenen – Bedürfnissen von Kindern nicht Rechnung. Weitere Beiträge zur Ethnopädiatrie lieferten später unter anderem Sharon Heller und Meredith F. Small.

1984 publizierte die Entwicklungspsychologin Aletha Solter ihr Buch The Aware Baby über eine Erziehungsphilosophie, die ähnlich wie später Sears auf Bindung, Langzeitstillen und Verzicht auf Strafe setzt; ein besonderer Schwerpunkt liegt bei Solter aber auf der Förderung des emotionalen Ausdrucks zur Heilung von Stress und Traumata des Kindes. Deutsch: ;

In den 1990er Jahren belebte T. Berry Brazelton die Diskussion, indem er aktuelle Forschungsergebnisse zur Kompetenz von Säuglingen, sich selbst und ihre Gefühle von Geburt an zum Ausdruck zu bringen, öffentlich machte, Eltern für diese Signale sensibilisierte und – wie Spock – ermutigte, in der Erziehung ihrem eigenen Urteil zu folgen.

Entstehung des Attachment Parenting William Sears kam zu diesem Thema 1982 nach intensiver Kenntnisnahme der Schriften Liedloffs.William Sears: Creative parenting : how to use the new continuum concept to raise children successfully from birth through adolescence, Everest House, New York, 1982 Sears nannte die Lehre zunächst „Kontinuumkonzept“ und „Immersionsmutterschaft“ (immersion mothering).William Sears: Creative Parenting: How to use the new continuum concept to raise children successfully from birth to adolescence, Dodd, Mead & Company, New York, 1983, ISBN 0-396-08264-5 (Taschenbuchausgabe), S. 87, 164, 166, 174, 176, 181ff, 184, 238f; Bill Sears, Martha Sears: The Attachment Parenting Book. A Commonsense Guide to Understanding and Nurturing Your Baby, Little, Brown and Company, New York, Boston, 2001, ISBN 0-316-77809-5, S. 112 In seinem 1982 publizierten Buch Creative Parenting war das Konzept bereits weitgehend ausgearbeitet. Die „7 Baby-Bs“ waren noch nicht explizit als Kanon gefasst, als Grundelemente der Lehre aber bereits deutlich zu erkennen.William Sears: Creative Parenting: How to use the new continuum concept to raise children successfully from birth to adolescence, Dodd, Mead & Company, New York, 1983, ISBN 0-396-08264-5 (Taschenbuchausgabe) 1985 brachten William Sears und seine Frau Martha Sears die Lehre ex post mit der Bindungstheorie in Verbindung, die sie in dieser Zeit erstmals rezipierten,Explizite Verweise auf die Schriften John Bowlbys und Mary Ainsworths finden sich in Sears’ Publikationen erst seit 1987. William Sears: Growing together: A parent's guide to baby's first year, La Leche League International, Franklin Park, Illinois, 1987 und begannen, von „Attachment Parenting“ zu reden:William Sears: Christian Parenting and Child Care, T. Nelson, Nashville, 1985

1994 entstand in Alpharetta, Georgia die erste Attachment-Parenting-Organisation, Attachment Parenting International, gegründet von Lysa Parker und Barbara Nicholson.; Die erste Buchpublikation, die den Terminus „Attachment Parenting“ im Titel trug, war 1998 ein Werk von Tammy Frissell-Deppe, einer Mutter, die darin von ihren persönlichen Erfahrungen und denen befreundeter Eltern berichtet. 1999 folgte ihr Katie Allison Granju, für deren Buch William Sears das Vorwort schrieb, bevor er 2001, gemeinsam mit Martha Sears, sein eigenes Werk The Attachment Parenting Book veröffentlichte. Die von Spock ausgehende Entwicklungslinie weg von einer krud behavioristischen Säuglingsanthropologie hin zu einer kontingenzorientierten Erziehung fand in diesen Veröffentlichungen ihre Zuspitzung und nahm gleichzeitig Ideen einer instinktgeleiteten bzw. „natürlichen“ Erziehung im Sinne von Liedloff auf.

Im selben Jahr wie Sears’ Attachment Parenting Book erschien Jan Hunts Essaysammlung The Natural Child. Parenting from the Heart (2001). Hunt, die sich als Kinderrechtlerin versteht, empfiehlt darin über die Methoden des Attachment Parenting hinaus auch Unschooling.The Natural Child Project Jan Hunts Webseite

Methoden Babyreading Wie vor ihm bereits die Vertreter der Bindungstheorie, besonders Mary Ainsworth, lehrt Sears, dass stabile Mutter-Kind-Bindungen auf der Kontingenz – der harmonischen Gefühlskommunikation – von Mutter und Kind aufbauen, die wiederum Responsivität der Mutter zur Voraussetzung hat. Sears spricht in diesem Zusammenhang von „Babyreading“, einem „Lesen“ der kindlichen Signale durch die Mutter,Bill Sears, Martha Sears: The Attachment Parenting Book. A Commonsense Guide to Understanding and Nurturing Your Baby, Little, Brown and Company, New York, Boston, 2001, ISBN 0-316-77809-5, S. 5–9 und von „to be in the groove“, einem Slangbegriff, der einen Zustand emotionaler Feinabstimmung (Attunement) ausdrückt.Bill Sears, Martha Sears: The Attachment Parenting Book. A Commonsense Guide to Understanding and Nurturing Your Baby, Little, Brown and Company, New York, Boston, 2001, ISBN 0-316-77809-5, S. 18

Die 7 Baby-Bs Sears ist davon überzeugt, dass es Praktiken des Umgangs mit einem Säugling gibt, die dem „Babyreading“ entgegenkommen und die die Sensibilität der Mutter für die Signale ihres Kindes steigern.Bill Sears, Martha Sears: The Attachment Parenting Book. A Commonsense Guide to Understanding and Nurturing Your Baby, Little, Brown and Company, New York, Boston, 2001, ISBN 0-316-77809-5, S. 5, 7 Die Methode des Attachment Parenting besteht in sieben Verhaltensweisen, die laut Sears ein synergetisches Ensemble bilden und die, wie er schreibt, auf den biologischen Bedürfnissen des Kindes basieren.Bill Sears, Martha Sears: The Attachment Parenting Book. A Commonsense Guide to Understanding and Nurturing Your Baby, Little, Brown and Company, New York, Boston, 2001, ISBN 0-316-77809-5, S. 27 Weil diese Praktiken im Englischen mit dem Buchstaben „B“ beginnen, spricht Sears von den „7 Baby-Bs“:The Seven Baby Bs: (); Bill Sears, Martha Sears: The Attachment Parenting Book. A Commonsense Guide to Understanding and Nurturing Your Baby, Little, Brown and Company, New York, Boston, 2001, ISBN 0-316-77809-5, S. 5f, 11 Aufnahme des Körper- und Augenkontakts zwischen Mutter und Kind sofort nach der Geburt () Stillen statt Flaschennahrung () (möglichst häufiges) Tragen des Kindes am Körper () Schlafen in Nähe des Kindes () Beachten des Schreiens des Kindes () Kein Schlaftraining () Balance der Bedürfnisse von Kind und Mutter ()

Bis 1999 gab William Sears nur 5 Baby-Bs an. Die beiden letztgenannten kamen erst 2001 mit dem Attachment Parenting Buch hinzu.

Kontaktaufnahme sofort nach der Geburt mini|Mutter mit Neugeborenem

William Sears geht davon aus, dass es ein kurzes Zeitfenster unmittelbar nach der Geburt gibt, in dem enger Kontakt von Mutter und Kind der Bindung besonders zuträglich ist, bezeichnet dies als „Prägung“ und beruft sich auf eine Studie von Marshall Klaus und John Kennell aus dem Jahre 1967, die ihre ursprüngliche Annahmen, auf die Sears und Sears sich hier berufen, später allerdings mehrfach modifiziert haben.William Sears: Creative Parenting: How to use the new continuum concept to raise children successfully from birth to adolescence, Dodd, Mead & Company, New York, 1983, ISBN 0-396-08264-5 (Taschenbuchausgabe), S. 47ff, 52, 54, 183; Bill Sears, Martha Sears: The Attachment Parenting Book. A Commonsense Guide to Understanding and Nurturing Your Baby, Little, Brown and Company, New York, Boston, 2001, ISBN 0-316-77809-5, S. 36–47; Marshall H. Klaus, John H. Kennell: Maternal-Infant Bonding: The Impact of Early Separation or Loss on Family Development, St. Louis: C.V. Mosby, 1976 (Titel bei Sears&Sears fehlerhaft angegeben); Sears empfiehlt Frauen, während der Geburt auf ein medikamentöses Schmerzmanagement zu verzichten, da Analgetika auch das Kind betäuben und damit die Bindung, die unmittelbar nach der Geburt stattfinden soll, behindern.William Sears: Creative Parenting: How to use the new continuum concept to raise children successfully from birth to adolescence, Dodd, Mead & Company, New York, 1983, ISBN 0-396-08264-5 (Taschenbuchausgabe), S. 51;

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