Die Gaudo-Kultur war eine äneolithische, archäologische Kultur Süditaliens mit Hauptverbreitungszeit zwischen 3150 und 2950 v. Chr. Sie wird vorwiegend über ihre Nekropolen definiert.

Typlokalität mini|300px|Keramik der Gaudo-Kultur Die Gaudo-Kultur, italienisch cultura del Gaudo, ist nach ihrer eponymen Typlokalität, der Nekropole Spina-Gaudo benannt. Die Fundstätte liegt in Mündungsnähe des Sele in Kampanien (Provinz Salerno), nur einen Kilometer von der berühmten Tempelanlage von Paestum entfernt. Sie besteht aus einer Nekropolis von 2000 Quadratmeter Grundfläche, die sich aus insgesamt 34 Grabanlagen zusammensetzt. Entdeckt wurde die Anlage gegen Ende des Jahres 1943, als die Alliierten im Zuge der Operation Avalanche das Gaudo-Flugfeld erweiterten. Erste Untersuchungen wurden vom britischen Luftwaffenoffizier und Archäologen Lieutenant John G. S. Brinson schriftlich festgehalten. In den folgenden Jahren wurden mehrere Grabungskampagnen insbesondere unter der Leitung von P. C. Sestieri vorgenommen und auch in den 1960er Jahren ging die Forschung weiter.

Verbreitungsgebiet Die Gaudo-Kultur entwickelte sich vorwiegend im Süden Kampaniens. Sie breitete sich aber auch bis nach Latium aus, wo sie zwischen 3130 und 2870 v. Chr. mit der Rinaldone-Kultur und der Ortucchio-Kultur koexistierte. Abgelegenere Vorkommen finden sich im Norden Kalabriens, in Apulien, in den Abruzzen und auf Ischia.

Nekropolis mini|300px|Rekonstruktion einer Grablegung im Archäologischen Nationalmuseum Paestum

Jede einzelne Grabeinheit, die sich aus ein bis zwei ovalen Grabkammern mit flach gewölbter Decke zusammensetzt, wurde backofenförmig aus dem Fels geschlagen. Jede der Kammern enthielt mehrere menschliche Skelette, die in der Fötalposition entweder in Seiten- oder in Rückenlage beigesetzt worden waren. Der Zugang erfolgte von oben über einen mehr oder weniger kreisrunden Schacht, der in einer vestibülartigen Vorkammer endete. Es gibt Hinweise, dass die Begräbniszeremonien von einer größeren Gruppe vollzogen wurden, die dann am Ende den Zugang mit einem großen Stein verschloss. Offensichtlich wurden die Grabkammern auch mehrmals wiederverwendet – erkennbar daran, dass der Zuletztbestattete immer am Kammerende niedergelegt wurde, umlagert von den Vorgängern.

Als Grabbeigaben fungierten feine Keramikgegenstände wie beispielsweise Askoi, Waffen wie Pfeil- und Lanzenspitzen, aber auch Messer aus Feuerstein und Kupfer.

Kulturelle Einflüsse Die Gaudo-Kultur belegt zahlreiche kulturelle Fremdeinflüsse, insbesondere aus dem östlichen Mittelmeer wie beispielsweise dem Ägäisraum oder dem Küstenbereich Anatoliens. Die Ähnlichkeiten in den Charaktermerkmalen der Keramiken und der Waffen aus Metall verleiteten manche Forscher, den Ursprung der Gaudo-Kultur gar in der Ägäis oder in Anatolien selbst zu suchen. Derartige Hypothesen finden jedoch mittlerweile keine Unterstützung mehr. In Italien können die Wechselbeziehungen zwischen der Gaudo-Kultur und ihren zeitgleichen Nebenkulturen an mehreren Fundstätten beobachtet werden, insbesondere an den Fundstätten des Randbereichs. So wurden beispielsweise an der Fundstätte Tenuta della Selcetta 2 südlich von Rom im selben Grabmal Keramiken der Rinaldone-Kultur zusammen mit denen der Gaudo-Kultur angetroffen. Andere Fundstätten in Latium zeigen ebenfalls das gleichzeitige Auftreten verschiedener kultureller Einflüsse. Beispielsweise waren in Maccarese – Le Cerquete Fianello Keramiken des Canelle-Typs zusammen mit Rinaldone- und Gaudokeramiken vergesellschaftet. Der Einfluss der Gaudo-Kultur ist selbst noch in der Toskana spürbar. In der Sassi Neri-Höhle bei Capalbio wurden Keramiken entdeckt, die in ihrer Formgebung den kampanischen Gefäßen sehr nahestehen. In manchen Grabmälern der Toskana werden südliche Stilelemente der Gaudo- und der Laterza-Kultur spürbar, erkennbar an den flaschenförmigen Vasen, den bikonischen Vasen, den Kielschalen und anderen. Einige Vasen-Typen ähneln hingegen vergleichbaren Gegenständen der sardischen Abealzu-Kultur. Umgekehrt tauchte eine Vase der sardischen Monte-Claro-Kultur auf der Halbinsel unter Gaudo-Material auf. Schließlich sollte auch noch die Verwandtschaft der Keramiken der Gaudo-Kultur mit denen der zeitgleichen Kulturen Siziliens betont werden.

Lebensweise Mehrere Faktoren sprechen für die Annahme, dass die Menschen der Gaudo-Kultur als Nomaden lebten. Darauf verweist auch die extrem niedrige Anzahl bekannter Siedlungen. Wahrscheinlich lebten die Menschen in provisorisch errichteten Strukturen, die keinerlei archäologische Spuren hinterließen. Im Vergleich zu Strukturen aus Stein sind derartige Unterstände ideal für eine sehr mobile Lebensweise.

Vieles deutet auch auf ein Vorherrschen der Tierhaltung. Untersuchungen des Zahnschmelzes von Verstorbenen legen eine fleischliche Ernährung nahe. In den Grabmälern wird dies auch durch Knochenfunde von Haustieren wie Rindern unterstrichen.

Mehrfach waren Hunde neben den Verstorbenen beigesetzt worden. In einer nomadisch lebenden Bevölkerung haben Hüterhunde für den Zusammenhalt der Herde(n) einen hohen Stellenwert.

Auffallend ist auch die hohe Anzahl von Fundstätten auf für Ackerbau ungünstigen Höhenlagen, welche jedoch für die Transhumanz gut geeignet waren. Fundstätten in den fruchtbaren Ebenen sind aber durchaus bekannt.

Insgesamt betrachtet bestand ein Großteil der Bevölkerung der Gaudo-Kultur wohl aus nomadisch lebenden Hirten, dennoch dürfte die damalige gesellschaftliche Realität durchaus etwas nuancierter ausgesehen haben. Interessanterweise wurden in der Nekropole von Pontecagnano neben den Knochenresten von Schafen, Ziegen, Rindern und Hunden auch Schweineknochen angetroffen. Schweine sind wiederum nur schwierig in einen nomadischen Lebensstil integrierbar.

Schließlich sind Dörfer bekannt, welche eine dauerhaft sesshafte Lebensweise nahelegen. In Selva dei Muli in Latium beispielsweise deuten Mühlen und gefundene Mahlsteine auf Getreideverarbeitung. Auch für den Fischfang gibt es in Selva dei Muli anhand gefundener Netzbeschwerer eindeutige Hinweise. Die Jagd wird ihrerseits durch Wildschweinhauer belegt, welche in einigen Grabmälern als Grabbeigaben fungieren.

Die Menschen der Gaudo-Kultur gingen neben dem reinen Nahrungserwerb auch kunsthandwerklichen Tätigkeiten nach wie z. B. der Keramikherstellung oder der Anfertigung von Werkzeugen und Waffen aus Feuerstein oder aus Metall.

Siedlungen Im Hauptverbreitungsgebiet der Gaudo-Kultur in Kampanien sind nur sehr wenige Siedlungsplätze bekannt. Seltene Ausnahmen wie Fratte bei Salerno sind nur schlecht dokumentiert. Am Verbreitungsrand in Latium werden die Siedlungen etwas häufiger. Sie liegen hier gewöhnlich in für den Ackerbau geeigneten Landstrichen, wie z. B. die Fundstätte Le Coste am Fuciner See in den Abruzzen. In der Gegend von Neapel wurden außerdem auch natürliche Höhlen aufgesucht.

Selva dei Muli bei Frosinone im Süden Latiums hat wichtige neue Informationen zu Tage gefördert. Die Siedlung war von einer Palisade umgürtet, deren defensive Aufgabenstellung keinerlei Zweifel hinterlässt. Auch eine rechteckige, 10 Meter lange Hütte wurde ausgegraben. Da nur noch Pfostenlöcher identifiziert werden konnten, war sie offensichtlich aus vergänglichem Material erbaut worden, wahrscheinlich aus Holz. Weitere vorgefundene Pfostenlöcher ermöglichten überdies die Rekonstruktion von Nebengebäuden, in denen das Vieh untergebracht war. Weitere indirekte Informationen über die Hütten liefern Keramikreste. So wurden in verschiedenen Gräbern Topfdeckel aus Terrakotta entdeckt, die in Morphologie und Dekor als Nachbildungen der Hütten anzusehen sind. Letztere waren demzufolge zylindrischer Natur mit einer Dachform in Gestalt eines etwas zusammengedrückten Kegels.

Eine globale Analyse sämtlicher Fundstätten inklusive der Nekropolen zeigt, dass die Fundstätten mehrheitlich an natürlichen Verkehrswegen wie beispielsweise Tälern lagen, welche die Einzelregionen miteinander verbanden. Hierzu gehört auch die Fundstätte Toppo Dagguzzo, die aber eventuell bereits zur Taurasi-Kultur zu rechnen ist. Toppo Dagguzzo lag befestigt auf einer strategischen Anhöhe und kontrollierte die hier aus Kampanien, Apulien und der Basilikata einmündenden Seitentäler.

Die Küstenzone hatte mit Ausnahme der Typlokalität Spina-Gaudo keine besondere Vorrangstellung. Dennoch lassen neuere Entdeckungen erkennen, dass ein Teil des Außenhandels über das Meer erfolgt war. Von großem Interesse ist hierbei der Handel mit Kupfer, welches als Metallbarren oder in Erzform verschifft wurde.

Keramik mini|300px|Keramik der Gaudo-Kultur

In den Grabanlagen tritt Keramik recht häufig auf. Ihre Ausführung ist meist recht ordentlich, gelegentlich können jedoch auch Brennfehler bemerkt werden, welche sich durch abwechselnd rötliche und dunkle Flecken auszeichnen. Die Vasen besitzen ein breites Formenspektrum wie beispielsweise Askoi, Urnen, langhalsige Flaschen, Amphoren, Kochtöpfe, Pyxiden, Weckgläser, Tassen, Gläser, Teller, Schüsseln und doppelhalsige Salzstreuer. Auch Miniaturformen sind bekannt. Die Keramik ist gewöhnlich nur wenig dekoriert, einige Vasen ausgenommen, welche durch zickzackartige, geometrische Muster bildende Einschnitte und Einstempelungen verziert wurden. Mit Ausnahme der bereits weiter oben erwähnten Hausmodelle aus Terrakotta finden sich keinerlei figürliche Darstellungen. Sehr selten sind Verzierungen aus schuppenartig aufgetragenem Ton.

Steinartefakte mini|links|300px|Obsidianfragmente der Gaudo-Kultur

Steinartefakte wurden vorwiegend in Grabmälern aufgefunden, in Siedlungen sind sie selten. So wurden in der Siedlung Selva dei Muli trotz intensiver Ausgrabungen insgesamt nur 40 Steinartefakte entdeckt, mehrheitlich mittels Abschlagtechnik bearbeitete Feuersteinknollen sowie 3 oder 4 Pfeilspitzen. Die Fundstätte Le Coste in den Abruzzen besaß hingegen eine eigene Werkstatt für Pfeilspitzen aus Feuerstein.

Neben den vor Ort anstehenden Gesteinen importierten die Menschen der Gaudo-Kultur auch andere Gesteinstypen wie den seltenen Obsidian. In Selva dei Muli wurden drei Artefakte aus Obsidian entdeckt, welche aus Palmarola und Lipari stammten. Eine Pfeilspitze aus Obsidian kam in der Grabanlage Tor Pagnota bei Rom zum Vorschein.

Die Steinartefakte in den Gräbern bestehen hauptsächlich aus dem Feuerstein des Gargano. Möglicherweise wurde der Feuerstein von den Menschen der Gaudo-Kultur dort selbst abgebaut, da im ehemaligen Bergwerk von Valle Sbernia/Valle Guariglia bei Peschici Grablegungen gefunden wurden, die der Gaudo-Kultur zugeordnet werden. Diese Zuordnung wird aber nicht allgemein anerkannt, da es sich auch um Gräber der Laterza-Kultur handeln könnte.

Der Feuerstein des Gargano wurde zur Herstellung großer Klingen verwendet, welche mittels Drucktechnik erzeugt wurden und bis zu 21 Zentimeter lang und 4,1 Zentimeter breit waren. Ihre durchschnittliche Dicke betrug 11 Millimeter. Mehr als 200 Klingen sind bisher bekannt. Die meisten wurden systematisch zu Dolchen retuschiert, viele fanden aber auch als Messer Verwendung. Abgenutzte Klingenränder wurden überarbeitet.

Zweiseitige Dolche (franz. Bifaces) wurden ebenfalls vorwiegend aus Gargano-Feuerstein gearbeitet und nur selten aus anderem Material. Von ihnen existieren mehrere Zehner an Fundstücken. Sie gingen aus groben Abschlägen großer Feuersteinknollen hervor und sind 10 bis 30 Zentimeter lang. Die Retuschierung wurde sehr sauber ausgeführt und bedeckt die gesamte Oberfläche. Die zweiseitigen Dolche wurden teilweise auch als Messer eingesetzt.

Die meist sehr sauber gearbeiteten Pfeilspitzen sind weit zahlreicher als Dolche. Auch sie bestehen vorwiegend aus Gargano-Feuerstein. Ihre enorme Größe (mehr als 10 Zentimeter!) lässt jedoch einen Gebrauch für Jagdzwecke anzweifeln, sondern legt wohl eher einen rituellen Verwendungszweck nahe.