Michael „Bommi“ Baumann (* 25. August 1947 in Berlin-Lichtenberg;Michael Sontheimer: Nachruf auf Bommi Baumann: Wie alles endete. taz, 20. Juli 2016, abgerufen am 22. Juli 2016. † 19. Juli 2016 in Berlin-Friedrichshain) war Mitbegründer der terroristischen Vereinigung Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen, abgerufen am 22. Juli 2016. Bewegung 2. Juni. Er war eine der zentralen Figuren der zunehmend gewaltbereiten linksradikalen Szene West-Berlins, die sich aus der 68er-Bewegung entwickelt hatte.

Leben Kindheit und frühe Jugend Michael Baumann wurde im Berliner Bezirk Lichtenberg geboren. Er war gelernter Betonbauer und Sohn überzeugter Nationalsozialisten und Hitleranhänger. Seinen Spitznamen erhielt er schon als Schüler nach der Aquavitmarke Bommerlunder. Nach eigener Aussage war Baumann vor Aufkommen der APO (Außerparlamentarische Opposition) ein „ganz normaler Mensch, ein vollkommen angepasster Schüler eben“. Nach der Volksschule begann er eine Lehre zum Betonbauer, die er aber 1965 vorzeitig abbrach. Anschließend schlug er sich mit verschiedensten kleinen Jobs durch. Vor allem über die Musik hörte Baumann dann auf, „konform“ zu leben. Er ließ sich lange Haare wachsen und traf sich mit Gleichgesinnten an der Gedächtniskirche und anderen Orten, die von vielen abschätzig „Gammlertreffs“ bzw. die sich dort Treffenden selbst „Gammler“ genannt wurden.1966 Zeitzeugen, Alltag, West Gammler an der GedächtniskircheBerlin in den Sechzigern Als die Polizei "Gammler" jagte, von Michael Sontheimer und Peter Wensierski 8. März 2018. Auch Baumanns exzessiver Drogenkonsum begann zu dieser Zeit.

Subkultur, Politik und Terror Erste politische Aktivitäten

Wegen seiner entstandenen Auflehnung gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft, ihrer Einschnitte und Regeln bezog Baumann immer mehr auch politische Opposition z. B. gegen die Berichterstattung des Springerverlags, die sich auch unmittelbar gegen die „Gammler“ richtete. Ab 1966 besuchte Baumann die Abendschule „Gabbe“, über die er schließlich die ersten Kontakte zu Mitgliedern des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) knüpfte; Ende selben Jahres stieß er selbst zum SDS. Während ihn „dieses reine Studententum, diese reinen Bücherwürmer“ gelangweilt haben, sprachen ihn hingegen der Lebensstil und die Vorstellungen der K1 (Kommune I) sehr an.

Kommune I und Wielandkommune

Generell wurde zu dieser Zeit innerhalb der Linken viel darüber diskutiert, inwiefern der Einsatz von Gewalt in Form von „direkten Aktionen“ seine Legitimation findet. Baumann hielt Gewalt schon sehr früh „für ein adäquates Mittel […]“, bei welchem er „[…] nie Hemmungen gehabt habe.“ Damit wurde er sogar innerhalb der radikalen K1 zu einer der radikaleren Stimmen. Dies zeigte sich schließlich 1968 in seiner Reifenstecheraktion, bei der er in einer bürgerlichen Siedlung, die auch als „Polizistensiedlung“ abgestempelt war, die Reifen von über 100 Autos zerstach. Angetrunken wurde Baumann schließlich erwischt. Vor Gericht sagte er aus, es sei „eine spontane Sache […]“ gewesen, da sich bei ihm „[…] seine ganze Abneigung zu diesem Firlefanz“ entladen habe. Er wurde letztendlich zu einer neunmonatigen Haftstrafe verurteilt, welche er nicht antrat, und musste den entstandenen Schaden bezahlen.

Bereits der tödliche Schuss eines Polizisten auf den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 hatte einiges in Baumann bewegt, das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 allerdings traf ihn nochmal härter, da Baumann sowohl persönlich als auch politisch viel von ihm hielt, und stellte für ihn und viele andere eine Änderung des politischen Umgangs dar, da man sich dadurch innerhalb der Szene zunehmend radikalisierte. Am selben Abend noch wurde vor dem Springerwerk in der Kochstraße in West-Berlin und vielen anderen west-deutschen Städten demonstriert, da man der Berichterstattung der Mainstreammedien und allen voran der Bild eine Mitschuld am Attentat gab. In seinem Buch schrieb Baumann später: „Die Kugel war genauso gegen dich, da haben sie das erste Mal nun voll auf dich geschossen. […] Da war nun natürlich klar, jetzt zuhauen und kein Pardon mehr geben.“

Baumann glaubte zu dieser Zeit, dass eine Revolution nur eine Chance habe, wenn es zu den Massen eine entschlossene Gruppe gibt, die die Bewegung durch Terror unterstützt. Die Kommune I ist etwas später in die Stephanstraße umgesiedelt. Allerdings entdeckten zu dieser Zeit die Mitglieder die Drogen für sich und da Baumann diese als zentrales Thema bereits abgehakt hatte und für ihn Terrorismus in den Fokus rückte, wohnte er in der „neuen“ Kommune nicht mehr.

Danach fanden schon einzelne kleinere Aktionen statt, bei denen „hier mal ein Molli (Molotowcocktail) reingeflogen ist und da schon mal was passiert ist“. Allgemein begannen mehrere Leute, Gewalt als legitimes Mittel zu sehen. Es bildete sich ein Kreis um die Wielandkommune, die allgemein eine offenere Gruppe war und in der das Kommuneleben viel intensiver praktiziert wurde. Man finanzierte sich durch Ladendiebstähle, Überfälle und Raubdrucke anarchistischer Schriften und Werke. Innerhalb der Kommune wurde dann begonnen, eine „erste Keimzelle für Stadtguerilla zu schaffen.“ Man begann, Bomben zu bauen und mit ähnlichen Gruppen für technische und logistische Zwecke zusammenzuarbeiten. Bei etlichen Hausdurchsuchungen und Razzien wurden vermehrt Personen aus Kommunen und ähnlichen Gruppen festgenommen. Außerdem wurden oft Demonstrationen für deren Freiheit veranstaltet, die regelmäßig zu Straßenschlachten ausarteten. Das hob bei vielen die Militanz und die Gewaltbereitschaft, sodass der Anteil derer, die Gewalt akzeptierten, ebenso anstieg wie der derer, die selbst gewalttätig wurden.

Haschrebellen, Tupamaros West-Berlin und Bewegung 2. Juni

Nach der Auflösung der Wielandkommune wegen Uneinigkeiten über das weitere Vorgehen gründete der militante Kreis der Kommune 1969 den „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“. Es wurden Treffen, „Smoke-Ins“, Demonstrationen und allgemein kleinere Aktionen organisiert, jedoch alles sehr vage in der Ausführung und offen in der Handhabung. Abgesehen von Baumann ging der größere Teil des Kerns der Gruppe dann nach Jordanien, um sich dort einer militärischen Ausbildung durch palästinensische Guerillas zu unterziehen. Der Aufenthalt in Jordanien war offenbar so prägend, dass sofort nach der Rückkehr der Gruppe mit dem bewaffneten Kampf begonnen werden sollte. Baumann und einige weitere gründeten die Tupamaros West-Berlin (TW), welche sich personell erst mal wenig von den Haschrebellen unterschieden, sich allerdings sowohl bezüglich der Gruppenstruktur als auch der konkreten Aktionen und Ziele stark von ihnen abhoben.

Am Jahrestag der Reichspogromnacht 1969 im Jüdischen Gemeindehaus wurde eine Bombe gelegt, um mit einem erklärenden Flugblatt auf von der Gruppe so gesehene Probleme im Nahen Osten aufmerksam zu machen. Täter war Albert Fichter, Planer und Initiator Dieter Kunzelmann. Der Zünder versagte jedoch. Es gab einige weitere kleine Anschläge und schließlich den Überfall auf den Quick-Reporter Horst Rieck, da dieser einen „ganz bösartigen Artikel geschrieben und den letzten Dreck über die Leute verbreitet [habe]“, bei dem dieser in seiner Wohnung zusammengeschlagen wurde. Durch ein schnelles Alarmieren der Polizei durch die Nachbarn wurden Baumann und eine Hand voll weiterer der Gruppe verhaftet.

Nachdem nach Baumann wegen anderer Delikte und Taten eh schon gefahndet worden war und noch eine weitere Haftstrafe gegen ihn ausstand, saß Baumann infolgedessen eineinhalb Jahre in den Gefängnissen Moabit und Plötzensee. Baumann war der einzige, der eine Haftstrafe bekam, die über das Maß von ein paar Wochen hinausging. Während seiner Haftzeit erlangte Baumann dann mehr mediale Aufmerksamkeit und allgemeine Bekanntheit und wurde von vielen als der „Chef von TW und Haschrebellen“ angesehen. Da Baumann damals der einzige Gefangene der linksradikalen Szene in West-Berlin war, wurde die Stadt mit Parolen wie „Free Bommi“ oder „Freiheit für Bommi“ geradezu zugepflastert. Der heute noch bekannte Ausdruck „Macht kaputt was euch kaputt macht“ wurde auch im Zusammenhang mit genannten Plakaten erstmals bekannt.

Im Sommer 1971, nach knapp 16 Monaten Haft, fand der Prozess von Baumann, von Rauch und Weisbecker statt, bei dem bis auf von Rauch beide freigesprochen wurden. Von Rauch war aber aufgrund einer zuvor verhafteten Bekannten, welche diesen verraten und damit schwer belastet hatte, zu einer Haftstrafe von rund zehn Jahren verurteilt worden. Während des Prozesses, welcher über mehrere Tage ging, überlegte man sich, dass Weisbecker und von Rauch – welche sich optisch aufgrund dunkler, lockiger Haare und eines langen Barts ähnlich sahen – nach der Urteilsverkündung die Rollen tauschen. So verließen Baumann und der eigentlich verurteilte von Rauch den Gerichtssaal und der eigentlich freigesprochene Weisbecker ließ sich abführen. Einige Zeit später gab dieser jedoch seine wahre Identität preis und musste ebenfalls freigelassen werden, bevor auch nach diesem wieder wegen Gefangenenbefreiung gefahndet wurde, nun bereits aber wieder untergetaucht.

Abkehr vom Terrorismus und Flucht Bei der Umsetzung eines gestohlenen – und von der Polizei beobachteten – Fahrzeugs vom Berliner Winterfeldtplatz versuchte die Polizei, von Rauch festzunehmen. Dieser wurde dabei – neben Baumann stehend – erschossen. Auf die Frage, wer zuerst geschossen habe, antwortete Baumann in seinem Spiegel-Interview im Februar 1974: „Klar Georg, aber geschossen wurde fast gleichzeitig.“ Ein Jahr später schrieb er in seiner Autobiografie, dass er nicht mehr wisse, „wer die Knarre zuerst gezogen hat“. Des Weiteren kritisierte er, dass die Linke davon ausgehe, von Rauch habe die Waffe überhaupt nicht gezogen. Man versuchte, sie in die Opferrolle zu stecken, obwohl sie das nicht waren und auch nicht sein wollten. „Er war genau der Typ, der gesagt hat, ‚Klar schießen wir!‘ […] Mein Bruder ist im Kampf gefallen, für die Sache, für die Leute, die mit den roten Fahnen auf die Straße gehen. Dafür ist er im Kampf gefallen, mit der Waffe in der Hand. Als so einen Anarchisten sollen sie ihn sehen und nicht als christlichen Märtyrer!“

Wenige Monate später starb zuerst der als Hausmeister tätige Bootsbauer Erwin Beelitz durch eine von Baumann mitgebaute Bombe im Britischen Yachtclub in Berlin-Gatow, die eigentlich nur Sachschaden anrichten sollte, und dann einen weiteren Monat später Baumanns Freund Thomas Weisbecker. Diesem waren Polizisten auf die Schliche gekommen und wollten ihn festnehmen. Dabei wurde Weisbecker durch einen Schuss ins Herz tödlich getroffen. Nach späteren Angaben der Polizisten sei aus Notwehr geschossen worden, da Weisbecker anscheinend auch seine Waffe ziehen wollte. Diese Ereignisse bewogen Baumann dazu, sich von der Terror-Szene zu lösen.

Ab 1972 begann seine Flucht durch verschiedene Länder, unter anderem Syrien, Iran, Afghanistan und Indien. In einem vielbeachteten Interview mit dem Titel Freunde, schmeißt die Knarre weg erklärte er 1974 aus dem Untergrund im Magazin Der Spiegel, dass er Gewalt als Irrweg erkannt habe, und forderte seine ehemaligen Mitstreiter zur Aufgabe der Gewalt auf. Da er einige von ihnen für die Bewegung 2. Juni rekrutiert habe, zum Beispiel Verena Becker,Wolfgang Kraushaar: Verena Becker vor Gericht: Ein RAF-Prozess als Farce. In: taz, 7. Juni 2011, S. 15; abgerufen am 22. Juli 2016. sei er ihnen dies schuldig.

Haft und Publikationen

Im Februar 1981 verhaftete Scotland Yard Baumann in einem besetzten Haus im Londoner Stadtteil Hackney. Ein halbes Jahr später verurteilte das Landgericht Berlin ihn wegen zweier Banküberfälle und eines Bombenanschlags auf das Landeskriminalamt Berlin zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und zwei Monaten.

Im Gefängnis schrieb er eine weitere autobiografische Schrift, die nach seiner Freilassung erschien.