Frederick John Bellenger (* 23. Juli 1894 in Bethnal Green, London; † 11. Mai 1968) war ein britischer Politiker der Conservative Party sowie später der Labour Party, der mehr als 32 Jahre lang bis zu seinem Tod den Wahlkreis Bassetlaw als Abgeordneter im House of Commons vertreten hatte und vom 4. Oktober 1946 bis zum 7. Oktober 1947 als Kriegsminister amtierte. Bellenger war mit einer Tochter des Kölner Schokoladenfabrikanten Carl Stollwerck verheiratet.

Leben Herkunft, Erster Weltkrieg und Kommunalpolitiker der Conservative Party Frederick Bellenger, Sohn des Milchmanns Eugene Bernard Bellenger, arbeitete nach dem Grundschulbesuch in einem Teehandelshaus, als Botenjunge sowie in verschiedenen kaufmännischen Berufen, und besuchte daneben die Abendschule. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges begann er 1914 freiwillig den Militärdienst und diente 1915 als Kanonier bei der Royal Artillery an der Westfront. Nach der Schlacht an der Somme wurde er 1917 zum Leutnant befördert und zwei Mal bei Gefechtseinsätzen verwundet.

Nach Kriegsende wurde er zu den Besatzungstruppen nach Köln verlegt, wo er Maria Theresa Stollwerck, die Tochter des Kölner Schokoladenfabrikanten Carl Stollwerck kennenlernte und 1922 heiratete. Anschließend arbeitete er als Grundstücksvermesser und Immobilienmakler im Westen Londons.

Zu Beginn der 1920er begann Bellenger sein politisches Engagement im Ortsverband der Conservative Party in East Fulham, wenngleich der Gemeinderat des Metropolitan Borough of Fulham seit November 1919 von der Labour Party beherrscht wurde. Bei den darauf folgenden Wahlen im November 1922 errangen die konservativen Tories unter der Bezeichnung Municipal Reformers die Mehrheit im Gemeinderat, während die Labour Party nur noch drei Sitze erzielen konnten. Er selbst wurde dabei im Stimmbezirk Barons Court Ward zum Mitglied des Gemeinderates gewählt und bei den anschließenden Wahlen im November 1925 wiedergewählt. Dabei verwiesen die Kandidaten der Conservative Party auf ihre Wirtschaftskompetenz und kritisierten die „wilden und visionären Pläne“ der Labour-Kandidaten, die zu „wirtschaftlichem Chaos und finanziellen Ruin“ führen würden. Im November 1928 verzichtete Bellenger jedoch auf eine erneute Kandidatur bei den Gemeinderatswahlen, da er nicht für eine Kandidatur für den London County Council (LCC) nominiert worden war.

Wechsel zur Labour Party und Unterhausabgeordneter Verzicht auf eine Kandidatur im Wahlkreis Bethnal Green South West im Oktober 1931 Kurz darauf trat Bellenger der Labour Party als Mitglied bei und wurde bereits im Juni 1930 als möglicher Kandidat bei den Unterhauswahlen vom 27. Oktober 1931 für den Wahlkreis Bethnal Green South West benannt, der seit 1922 von Percy Harris von der Liberal Party gehalten wurde. Trotz den Verlusten der Labour Party bei den vorausgegangenen Wahlen vom 30. Mai 1929 hatte Bellenger Aussichten auf ein gutes Stimmergebnis in diesem zu den letzten Londoner Hochburgen des Liberalismus, wenngleich es innerhalb der örtlichen Labour Party-Organisation einen starken Einfluss eines kommunistischen Flügels gab.

Obwohl Bellinger sich rund ein Jahr lang in der örtlichen Politik engagierte, verzichtete er letztlich Mitte 1931 aus gesundheitlichen Gründen auf eine Kandidatur bei den Unterhauswahlen und Percy Harris konnte sich mit 10.176 Stimmen (59,6 Prozent) deutlich gegen den Labour-Kandidaten, W. J. Humphreys, durchsetzen, auf den nur 3923 Wählerstimmen (23 Prozent) entfielen.

Wahlkampf November 1935 im Wahlkreis Bassetlaw Nachdem der Vize-Generalsekretär der Vereinigten Gewerkschaft der Lokomotivführer und Heizer (Associated Society of Locomotive Engineers and Firemen), W. R. Squance, auf eine Kandidatur als Unterhausabgeordneter im Wahlkreis Bassetlaw verzichtete, da seine Gewerkschaft dann eine Niederlegung seiner Gewerkschaftstätigkeit gefordert hätte, wurde Bellenger, der zu der Zeit ehrenamtlicher Sekretär der Vereinigung der Labour-Kandidaten war, im November 1933 zum Kandidaten der Labour Party für diesen Wahlkreis nominiert. Im Wahlkampf zu den Unterhauswahlen vom 14. November 1935 sprach er sich wegen des Italienisch-Äthiopischen Krieges gegen eine Aufrüstung und einen Kriegseintritt Großbritanniens aus. Kurz zuvor war der Vorsitzende der Labour Party, George Lansbury, wegen seiner pazifistischen Haltung auf dem Parteitag in Brighton zurückgetreten und durch Clement Attlee abgelöst worden. Obwohl Bellinger für Lansburys Haltung Sympathien zeigte, trat er in der Sicherheitspolitik jedoch für einen kollektiven Schutz durch den Völkerbund ein. Andererseits unterstützte er den 1932 verabschiedeten Parteitagsbeschluss zur Verstaatlichung der Banken ein und war der Überzeugung, dass durch staatlichen Grundbesitz die ländliche Armut verringert werden könnte, wenn dadurch die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft gesteigert werden könnte.

Das herausragende Thema im Wahlkampf war jedoch der Status der Bergbauindustrie, für die die Bergarbeitergewerkschaft MFGB (Miners’ Federation of Great Britain) Lohnerhöhungen forderte. Wenngleich der Wahlkreis Bassetlaw in Nottinghamshire lag, gab es in dem Gebiet mehrere gewerkschaftliche Interessenvertretungen. In Harworth wurde die lokale Nottinghamshire Miners’ Industrial Union von dem Bergwerksbesitzer Barber Walker unterstützt. Wie in anderen Teilen der Grafschaft wurde die örtliche Schwestergewerkschaft der MFGB, die Nottinghamshire Miners’ Association (NMA), nicht von den Bergwerksgesellschaften anerkannt. So waren beispielsweise in Harworth nur sechs der 2355 Beschäftigten in der NMA gewerkschaftlich organisiert. In anderen Teilen des Wahlkreises wie Manton, Shireoaks und Firbeck Main waren die Bergarbeiter in der Yorkshire Miners’ Association organisiert, während die Bergleute in Warsop Main vorwiegend von der Derbyshire Miners’ Association vertreten wurden. Den Unterhauswahlen im November 1935 waren dreimonatige Arbeitsniederlegungen in Manton sowie fünfmonatigen Streiks in Firbeck vorausgegangen.

Bellenger, der sich eigentlich als Vertreter der Industrie verstand, wurde in dieser Situation zu einem Symbol der Abneigung der Bergleute gegenüber den Bergwerksbetreibern, der National Government von Premierminister Ramsay MacDonald von der National Labour Organisation sowie den örtlichen Vertretern der Regierung. Dies wurde unter anderem deutlich, als der frühere Generalsekretär der Eisenbahnergewerkschaft NUR (National Union of Railwaymen) und damalige Minister für Angelegenheiten der Dominions (Secretary of State for Dominion Affairs), James Henry Thomas, bei Wahlkampfauftritten in Worksop und Retford ausgebuht wurde.

Bei den Unterhauswahlen vom 14. November 1935 trat Bellenger im Wahlkreis Bassetlaw gegen den Sohn von Premierminister Ramsay MacDonald, Malcolm MacDonald, an, der seit 1929 Abgeordneter dieses Wahlkreises war und im Kabinett seines Vaters seit dem 7. Juni 1935 das Amt des Kolonialministers (Secretary of State for the Colonies) bekleidete.

Dabei gelang es Bellenger, MacDonald mit einer Mehrheit von 1139 Stimmen zu schlagen: Während er als Kandidat der Labour Party 21.903 Wählerstimmen (51,3 Prozent) erhielt, entfielen auf MacDonald 20.764 Stimmen (48,7 Prozent).

Kritik an Premierminister Chamberlain und Offizier in der Schlacht von Dünkirchen mini|Die Appeasement-Politik von Premierminister Neville Chamberlain wurde von Bellenger scharf kritisiert Nur knapp eine Woche nach der Wahl wurde Bellenger am 20. November 1935 zusammen mit anderen neugewählten Abgeordneten wie Ellen Wilkinson, von Hugh Dalton zu einem Treffen mit dem linksgerichteten Labour-Politiker Konni Zilliacus eingeladen. Tatsächlich diente das Treffen Dalton jedoch dazu, Unterstützung für Herbert Stanley Morrison bei dessen Kandidatur gegen Clement Attlee um den Parteivorsitz zu sammeln. Bellenger gehörte aber wie Aneurin Bevan zu den Kritikern von Morrison.Nicklaus Thomas-Symonds: Nye: The Political Life of Aneurin Bevan, S. 101 f., 2014, ISBN 0-85773-499-7

Zu Beginn seiner Unterhauszugehörigkeit befasste er sich weiterhin mit de Bergbaukrise, da die Probleme in der Zeche Harworth nach wie vor ungelöst waren, und auch der Konflikt zwischen den Gewerkschaften Nottinghamshire Miners’ Industrial Union und Nottinghamshire Miners’ Association andauerte. Zum anderen befasste er sich auch mit außenpolitischen Fragen und gestand unter anderem dem Deutschen Reich zu, berechtigte Beschwerden gegen den Friedensvertrag von Versailles zu haben. Andererseits kritisierte er die aggressive Politik Deutschlands in Europa und kritisierte Premierminister Neville Chamberlain wegen dessen Appeasement-Politik und der Unterzeichnung des Münchner Abkommens.Susan D. Pennybacker: From Scottsboro to Munich: Race and Political Culture in 1930s Britain, S. 141, 2009, ISBN 0-691-14186-X Seine Ablehnung gegenüber Chamberlain drückte sich auch in der Unterstützung der parlamentarischen Labour Party (PLP) gegen die Einführung einer obligatorischen Ausbildung im Frühjahr 1939 aus. Andererseits lehnte er den Gesetzentwurf für eine Militärausbildung bei den Parlamentsdebatten am 27. April und 8. Mai 1939 nicht ab.

Als Mitglied der Offizier-Ersatzreserve wurde Bellenger im Oktober 1939 zum Militärdienst einberufen und wurde im Februar 1940 zum Hauptmann der Royal Artillery befördert und als solcher im April 1940 als Stabsoffizier nach Frankreich versetzt.

Im Mai 1940 kehrte er nach Großbritannien zurück, um an der Parlamentsdebatte teilzunehmen, die letztlich am 10. Mai 1940 zum Rücktritt Chamberlains als Premierminister führte und die Grundlage für die Bildung der Koalitionsregierung von Premierminister Winston Churchill war. Kurz darauf kehrte Bellinger zum Einsatz nach Frankreich zurück und nahm in der Folgezeit bis zum 5. Juni 1940 an der Schlacht von Dünkirchen teil. Zwei Monate später beendete er im August 1940 seine Militärdienstzeit, um sich auf seine parlamentarische Arbeit zu konzentrieren.

Parlamentarischer Privatsekretär, Hinterbänkler im Zweiten Weltkrieg und Kritik am Kriegskabinett mini|Auch an der Kriegsstrategie von Premierminister Winston Churchill übte Bellenger insbesondere nach dem Fall von Tobruk heftige Kritik Wenngleich Bellinger die Kritik Churchills an der Appeasement-Politik Chamberlains unterstützte und die Bildung der Koalitionsregierung begrüßte, wurde er in der Folgezeit jedoch auch ein Kritiker der Regierung Churchills.

Nachdem er zwischen August 1940 und Ende 1940 Parlamentarischer Privatsekretär von George Hicks war, einem Gewerkschaftsfunktionär, der zu dieser Zeit Parlamentarischer Sekretär im Ministerium für öffentliche Arbeiten war, gehörte er in der Folgezeit als Hinterbänkler dem Unterhaus an. Dabei nahm er als Redner an zahlreichen Debatten zu kriegspolitischen Themen wie der Luftlandeschlacht um Kreta teil.