mini|Der Brighton Belle 1964 bei Purley Oaks Der Pullmanzug Brighton Belle verkehrte von 1933 bis 1972 zwischen London und Brighton. Es war weltweit der einzige Pullmanzug, der mit speziell dafür beschafften, besonders komfortabel ausgestatteten Elektrotriebwagen betrieben wurde. Die Zugverbindung hatte mehrere Vorläufer. Ab 1875 wurden in die Züge zwischen London und Brighton erste Pullmanwagen eingestellt. Der erste ausschließlich aus Pullmanwagen bestehende Zug zwischen beiden Städten fuhr 1881. Ab 1908 wurde die Verbindung als Southern Belle bezeichnet.
Geschichte Vorgeschichte Brighton war, seitdem der spätere König George IV. ab Ende des 18. Jahrhunderts dort die Sommersaison verbrachte und den Royal Pavilion hatte errichten lassen, ein beliebtes Seebad für wohlhabende Londoner geworden. Seit 1841 bestand eine Eisenbahnverbindung zwischen beiden Städten. Die London, Brighton and South Coast Railway (LB&SCR) als Betreiber der Brighton Main Line erkannte bald einen zunehmenden Bedarf nach besonders komfortablen Zügen. Vor allem wohlhabende Geschäftsleute begannen früh mit dem Erwerb von Wohnsitzen an der Küste und pendelten zwischen Brighton und ihren Büros in London. Ab 1875 stellte die LB&SCR für diese Kunden Pullmanwagen des britischen Ablegers der Pullman Palace Car Company in ihre Züge ein.
Ab Dezember 1881 bot die LB&SCR mit dem Brighton Pullman Limited zwei komplett aus Pullmanwagen bestehende Expresszugpaare pro Tag zwischen London Victoria Station und dem Bahnhof Brighton ohne Zwischenhalt mit einer Reisezeit des schnellsten Zugs von 75 Minuten an, allerdings die ersten Jahre nicht an Sonntagen. Sonntägliche Vergnügungsfahrten wurden im Viktorianischen Zeitalter vielfach als verwerflich angesehen, einen ersten Versuch musste die LB&SCR daher 1881 nach wenigen Wochen beenden. Die Zuggarnitur des Brighton Pullman Limited erhielt als einer der ersten Züge weltweit von Beginn an eine elektrische Innenbeleuchtung.Stephen Grant, Simon Jeffs: The Brighton Belle. Capital Transport Publishing, Second Edition 2012, S. 6 Ab 1894 schafften die Züge eine Reisezeit von etwas über einer Stunde. Erst ab 1898 fuhren die Pullmanzüge auch sonntags.
Der Spitzenzug der LB&SCR auf der Strecke war schließlich der 1908 eingeführte Pullmanzug Southern Belle. Davison Dalziel, der 1906 die britische Pullmangesellschaft von der amerikanischen Muttergesellschaft erworben hatte, verfolgte die Strategie, mit dem Erfolg der Pullmanzüge bei der LB&SCR Anreize für die Einführung von Pullmanzügen und -wagen bei anderen Eisenbahngesellschaften zu setzen.Stephen Grant, Simon Jeffs: The Brighton Belle. Capital Transport Publishing, Second Edition 2012, S. 8 Den mit neuen, sechsachsigen Pullmanwagen ausgestatteten und zweimal täglich pro Richtung verkehrenden Zug bewarb die Gesellschaft als „the most luxurious train in the world“. Er war exklusiv mit der 1. Wagenklasse ausgestattet. Die Pullmanwagen erhielten zudem eine neue, an die schokoladebraun gestrichenen Lokomotiven der LB&SCR angepasste Farbgebung in schokoladenbraun-elfenbein. Der Erfolg des Zuges führte dazu, dass diese Farbgebung für alle seitdem beschafften britischen Pullmanwagen beibehalten wurde. Als Lokomotiven setzte die LB&SCR ihre neuesten Atlantics der Klassen H1 und H2 ein.Preserved British Steam Locomotives: H2 4-4-2 LBSCR Marsh 32421 – 32426, abgerufen am 3. Juli 2024
Der Erste Weltkrieg unterbrach zunächst nicht den Betrieb der Pullmanzüge, aber ab 1915 bekam der Southern Belle auch Pullmanwagen der 3. Klasse. Zwei Jahre später musste die LB&SCR den Zug zum 1. Januar 1917 einstellen. Nach Kriegsende wurde der Betrieb 1919 wieder aufgenommen. 1923 ging die LB&SCR infolge des Railways Act 1921 in der Southern Railway (SR) auf, die die Pullmanzüge gemeinsam mit der inzwischen in britischem Besitz befindlichen Pullman Car Company weiter betrieb. Die Reisezeit war inzwischen dank stärkerer Lokomotiven auf eine Stunde gesunken. Im Unterschied zu viktorianischen Zeiten verkehrten inzwischen an Sonntagen drei Zugpaare, an Wochentagen nur zwei.
Die Southern Railway und ihre Vorgängergesellschaften hatten in den Jahren seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr Fahrgäste an Straßenbahnen und Omnibusse in den Londoner Vororten verloren. Die Fahrgäste zogen diese sauberen Verkehrsmittel der durch den Ruß der Dampflokomotiven geprägten Eisenbahn vor. Sir Herbert Walker, der General Manager der Southern Railway, beschloss, das verlorene Terrain zurückzuerobern. Mittel dazu waren die weitere Elektrifizierung des umfangreichen Londoner Vorortnetzes der SR sowie der Hauptstrecken zwischen London und dem Kanal sowie ein deutlich komfortablerer Fahrzeugpark. Die SR entschied sich für das Stromschienensystem mit 750 Volt Gleichstrom, das von einer ihrer Vorgängergesellschaften, der London and South Western Railway, eingeführt worden war. Einige bereits von der LB&SCR mit Oberleitung und Wechselstrom elektrifizierte Strecken wurden auf Stromschiene umgestellt, darunter auch ein Teilabschnitt der Strecke nach Brighton. Finanziert wurde der Ausbau durch die Abschaffung einer Steuer auf Fahrscheine für die erste Klasse unter Beibehaltung der bisherigen Preise. Der damalige Schatzkanzler Winston Churchill hatte dies unter der Maßgabe veranlasst, dass die Eisenbahngesellschaften die zusätzlichen Einkünfte investiv zur Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze einsetzten.Stephen Grant, Simon Jeffs: The Brighton Belle. Capital Transport Publishing, Second Edition 2012, S. 16 1932 wurde der Restabschnitt bis Brighton elektrifiziert und am 1. Januar 1933 der elektrische Betrieb aufgenommen. Für die gut nachgefragten Pullmanzüge zwischen London und Brighton beschaffte die Pullmangesellschaft drei Garnituren neuer spezieller Elektrotriebwagen mit besonders luxuriöser Innenausstattung. Daneben erhielten auch die übrigen, aus sechs Wagen bestehenden Triebwageneinheiten für die neu im Stundentakt angebotenen Expresszüge zwischen Brighton und London je einen Pullmanwagen. Wie bereits die seit 1908 eingesetzten Pullmanwagen erhielten die Fahrzeuge die für die britischen Pullmanwagen typische Farbgebung in schokoladenbraun-elfenbein.
Einführung des Brighton Belle Ab 1. Januar 1933 verkehrten die neuen Pullman-Triebwagen als Southern Belle zwischen Brighton und London. Mit den beschafften drei Garnituren wurden drei Zugpaare täglich angeboten, die in den Stundentakt der Expresszüge eingeordnet wurden. Ab London Victoria verkehrten die Züge um 11, 16 und 19 Uhr, in der Gegenrichtung ab Brighton um 13:25, 15:25 und 21:25 Uhr. Ihre fahrplanmäßige Reisezeit wurde auf sechzig Minuten festgelegt. Dies war zwar kaum ein Fortschritt gegenüber dem Dampfbetrieb und schnellere Fahrtzeiten wären technisch problemlos erreichbar gewesen, die SR verzichtete jedoch darauf, um den Betrieb auf der Strecke mit ihrer sehr hohen Zugdichte stabil zu gestalten. Wie auch die übrigen Züge auf der neu elektrifizierten Strecke nach Brighton wurden die Pullmanzüge ein schneller Erfolg und die Fahrgeldeinnahmen stiegen bereits im ersten Jahr um 19 %.
Seit 1931 betrieb die SR mit dem Bournemouth Belle einen weiteren Pullmanzug an die englische Südküste. Um Verwechslungen zu vermeiden, benannte die Southern die Pullmanverbindung nach Brighton ab dem 29. Juni 1934 in Brighton Belle um. Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die Züge kurzzeitig eingestellt, aber ab 1. Januar 1940 wieder betrieben. Eine der drei Zuggarnituren wurde am 9. Oktober 1940 bei einem nächtlichen Luftangriff auf London im Bahnhof Victoria schwer beschädigt. Die übrigen zwei Garnituren bedienten bis zum 22. Mai 1942 weiter die Brighton-Belle-Zugpaare. Alle drei Garnituren wurden dann geschützt im Bahnhof Crystal Palace (High Level) abgestellt.
Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg mini|Der Brighton Belle überholt 1958 auf dem Weg nach London im Bahnhof Three Bridges einen mit einer Tenderlokomotive der LSWR-Klasse M7 bespannten Vorortzug Ab dem 7. Oktober 1946 verkehrte der Brighton Belle wieder zwischen London Victoria und Brighton, zunächst als auf sechs Wagen verstärkte einzelne Triebwageneinheit.Stephen Grant, Simon Jeffs: The Brighton Belle. Capital Transport Publishing, Second Edition 2012, S. 36 Die beschädigte Zuggarnitur verstärkte nach ihrer Reparatur ab 1947 wieder den Einsatzbestand. Die Verstaatlichung der vier großen britischen Eisenbahngesellschaften aufgrund des Transport Act 1947 und die Gründung von British Railways blieben ohne Auswirkungen auf den täglichen Betrieb. Angeboten wurden drei Fahrtenpaare an Werktagen und zwei Fahrtenpaare an Sonntagen, später auch an Sonntagen drei Zugpaare. Verbunden mit einer Umstationierung der Züge nach Brighton wurde ab 1963 ein viertes Zugpaar eingelegt, bestehend aus einer Frühfahrt von Brighton nach London und einem spätabends fahrenden Gegenzug. Dieser wurde gern von Theaterbesuchern in London frequentiert. Zu den regelmäßigen Kunden gehörten auch in Brighton und Umgebung wohnende Prominenz wie etwa Flora Robson und Laurence Olivier.Southern Named Trains: 5 Bel - "The Brighton Belle", abgerufen am 13. Januar 2015 Für Laurence Olivier erhielt der Zug bei einer Fahrt 1970 sogar Verspätung, um vor der Abfahrt in der Küche den Vorrat der von ihm bevorzugten Kippers (geräucherter Hering) aufzustocken.Stephen Grant, Simon Jeffs: The Brighton Belle. Capital Transport Publishing, Second Edition 2012, S. 47 Von 1963 bis 1972 wurde folgender Fahrplan angeboten:
Brighton ab 9:25 13:25 17:25 20:25 London Victoria an 10:25 14:25 18:25 21:25 London Victoria ab 11:00 15:00 19:00 23:00 Brighton an 12:00 16:00 20:00 24:00
Weiterhin fuhren die Züge in der Regel ohne Zwischenhalt, lediglich der letzte Zug abends ab London Victoria hielt zusätzlich in Haywards Heath.
Die nach niederländischem Vorbild konstruierten, aber für die Strecken der Southern nicht geeigneten Drehgestelle führten zu einer schlechten Laufqualität, damit verbunden gab es Schäden am Oberbau und massive Fahrgastbeschwerden. British Railways stattete die Zuggarnituren daher 1955 mit neuen Drehgestellen aus, die allerdings nur geringfügig bessere Laufeigenschaften besaßen. Regelmäßige Fahrgäste vermieden daher die Bestellung von Suppe.Stephen Grant, Simon Jeffs: The Brighton Belle. Capital Transport Publishing, Second Edition 2012, S. 45 1969 verloren die Triebwagen ihre Pullman-Farbgebung und erhielten die zu dieser Zeit unternehmensweit eingeführten neuen Farben von British Rail in blau-hellgrau. Das Alter der Fahrzeuge führte schließlich 1972 zur Einstellung des Brighton Belle. Trotz erheblicher öffentlicher Proteste fuhren die letzten Zugpaare am 30. April 1972 zwischen London Victoria und Brighton.
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