Das Erdbeben von Valdivia am 22. Mai 1960, auch Großes Chile-Erdbeben genannt, war ein Megathrust-Erdbeben mit der weltweit größten jemals aufgezeichneten Magnitude und das schwerste Erdbeben des 20. Jahrhunderts. Um 15:11 Uhr Ortszeit (19:11 UT) erreichte das Beben auf der Momenten-Magnituden-Skala einen Wert von Mw 9,5. Die topographische Gestalt großer Gebiete des sogenannten Kleinen Südens Chiles wurde verändert, besonders betroffen war das Gebiet um die Provinzhauptstadt Valdivia.

Das Erdbeben löste einen Tsunami aus, der im gesamten Pazifikraum schwere Zerstörungen anrichtete. Eine Schätzung des United States Geological Survey (USGS) geht von mindestens 1655 Toten, 3000 Verletzten und 2 Millionen Obdachlosen aus, während andere Quellen die Anzahl der Todesopfer bei etwa 6000 ansetzten, aber auf die gleiche Anzahl von Obdachlosen kamen1960 May 21. Huge earthquake hits Chile (engl.) History, aufgerufen am 7. Januar 2022 oder angaben, die USGS hätte die Toten in Folge des Erdbebens in unterschiedlichen Studien auch mit 2231, 3000 oder 5700 Todesopfer angegeben.1960 Valdivia Earthquake or Great Chilean Earthquake (engl.) Tsunami Warning, aufgerufen am 7. Januar 2022

Ein vergleichbar schweres Erdbeben gab es etwa 3800 Jahre zuvor südlich von Caldera.

Tektonischer Hintergrund

Das vom Großen Chile-Erdbeben betroffene Gebiet liegt wie ganz Chile im sogenannten Pazifischen Feuerring, einer Zone hoher seismischer und vulkanischer Aktivitäten, die sich rund um den Pazifischen Ozean erstreckt. In den Küstenregionen Chiles sind starke Erdbeben deshalb nicht ungewöhnlich, das Land gehört sogar zu den am stärksten von Erdbeben betroffenen Gebieten im zirkumpazifischen Raum.Werner Zeil: Geologie von Chile. Bornträger, 1964. S. 142.

Chile befindet sich am Westrand der Südamerikanischen Platte, an der konvergierenden Plattengrenze zur ozeanischen Nazca-Platte. Die beiden Platten bewegen sich im Jahr durchschnittlich etwa 63 mm aufeinander zu,Eric Kendrick et al.: “The Nazca–South America Euler vector and its rate of change”. In: Journal of South American Earth Sciences, Juni 2003, Band 16, Nr. 2, S. 125–131. die Nazca-Platte wird dabei unter die kontinentale Platte subduziert. Die dabei im Untergrund auftretenden Spannungen entladen sich in starken Erdbeben. Seit 1950 ereigneten sich in Chile 28 Erdbeben mit einer Mindestmagnitude von 7, das letzte am 17. September 2015, mit einer Stärke von 8,3.National Oceanic and Atmospheric Administration: Daten über signifikante Erdbeben in Chile zwischen 1950 und 2010

Verlauf mini|upright=1.2|Karte des USGS: Epizentrum des Erd­bebens nach Berechnungen Hiroo Kanamoris

Das Große Chile-Erdbeben stellte den Höhepunkt einer ganzen Reihe von Erdbeben dar, die die südliche Mitte Chiles innerhalb weniger Tage erschütterten. Wissenschaftler der Universidad de Chile sprachen von der „schwersten Erdbeben-Serie, die in Chile jemals beobachtet worden ist“.Der Spiegel 24/1960: Erdbeben: Sprünge im Pazifik (8. Juni 1960)

Die Beben begannen am Morgen des 21. Mai bei Curanilahue und Concepción. Die Erschütterungen mit einer Stärke von jeweils MW 7,25 unterbrachen die Verkehrs- und Telefonverbindung von der Hauptstadt Santiago in den Süden des Landes und lösten zahlreiche Brände aus. Präsident Jorge Alessandri sagte seine Teilnahme an den traditionellen Feierlichkeiten zum Gedenken an die Seeschlacht von Iquique 1879 ab, um sich vor Ort einen Überblick über die Schäden und die Hilfsmaßnahmen zu verschaffen.

Die Organisation der Hilfsmaßnahmen für das Gebiet um Concepción war gerade angelaufen, als am Nachmittag des folgenden Tages ein weiteres heftiges Erdbeben weiter im Süden die Gegend um Valdivia erschütterte. Etwa eine halbe Stunde später, um 15:11 Uhr Ortszeit folgte schließlich das schwerste je aufgezeichnete Erdbeben. Es hielt vier Minuten an und erschütterte Chile zwischen Talca und der Insel Chiloé.

In den Tagen nach dem Hauptbeben kam es in der Region zu hunderten Nachbeben, davon alleine elf der Stärke 6 bis 7.Wolfgang Weischet: „Die geographischen Auswirkungen des Erdbebens vom 22. Mai 1960 im kleinen Süden Chiles.“ In: Erdkunde 14. 1960. S. 275.

Tektonische Interpretation mini|hochkant=1.4|Verteilung des gesamten seismischen Momentes aller zwischen 1906 und 2005 registrierten Erdbeben. Das Große Chile-Erdbeben (unten links) ist für fast ein Viertel der gesamten in 100 Jahren weltweit durch Erdbeben freigesetzten Energie verantwortlich. Das Erdbeben gehört zu den sogenannten Megathrust-Erdbeben. Die Erdkruste brach auf einer Länge von rund 1000 km zwischen Lebu und Puerto Aisén; ein 200 km breiter Block der Erdkruste zwischen dem Kontinentalrand und den Anden wurde ruckartig um 20 m nach Westen bewegt und dabei gekippt.Henning Illies: „Randpazifische Tektonik und Vulkanismus im südlichen Chile“. In: Geologische Rundschau 57/1, Springer, Berlin 1967. S. 81–101. Die Rissgeschwindigkeit (bei einem Erdbeben diejenige Geschwindigkeit, mit der sich die Front eines Risses in der Erdkruste fortbewegt)United States Geological Survey: Earthquake Glossary: rupture velocity, rupture front betrug 3,5 km/s.Hiroo Kanamori, John J. Cipar: (PDF; 662 kB). In: Physics of the Earth and Planetary Interiors, 9 (1974). S. 128–136.

Die genaue Position des Epizentrums ist umstritten. Der USGS beruft sich auf den japanischen Geophysiker Hiroo Kanamori, der 1977 die Koordinaten 38,29° südlicher Breite und 73,05° westlicher Länge ermittelte, eine Position nordwestlich der Stadt Temuco auf dem Gebiet der Gemeinde Lumaco.United States Geological Survey: Largest Earthquakes in the World Since 1900 Das Hypozentrum des Hauptbebens lag in einer Tiefe von 33 km.

Es wurde eine Energie von über 11 Trillionen (11,2 · 1018) Joule freigesetzt – das entspricht einer Explosion von 2,7 Gigatonnen (TNT-Äquivalent) oder etwa 180.000 Hiroshima-Bomben. Die Erschütterung führte zu einer Verschiebung der Erdachse um 3 cm.United States Geological Survey: Table-top earthquakes

Direkte Schäden durch das Erdbeben mini|links|upright=1.6|Schäden in Valdivia durch Bodenverflüssigung

Nach unterschiedlichen Schätzungen wurden ein bis zwei Millionen Chilenen durch das Beben und den Tsunami obdachlos, das entspricht bis zu einem Viertel der damaligen Gesamtbevölkerung des Landes. Die chilenische Regierung gab die Zahl der zerstörten Gebäude mit 58.622 an. Dass durch das Erdbeben selbst nur einige hundert und damit für ein Beben dieser Stärke vergleichsweise wenige Menschen zu Tode kamen, wird unter anderem auf die Vorwarnung durch die unmittelbar vorausgehenden schwächeren Erdbeben zurückgeführt.Cinna Lomnitz: “Casualties and behavior of populations during earthquakes”. In: Bulletin of the Seismological Society of America. August 1970, v. 60; no. 4. S. 1309–1313.

Die Schwere der Gebäudezerstörungen hing vor allem von geologischen Bedingungen wie dem jeweiligen Untergrund ab. In Valdivia wurden Gebäude im Westen der Stadt weit stärker in Mitleidenschaft gezogen, da hier der Untergrund im Gegensatz zum Ostteil weniger stabil ist und sich bei einem Beben stärker bewegt.Universidad Austral de Chile: (PDF; 2,7 MB) Besonders schwer wurden Gebäude zerstört, die auf künstlichen Anschüttungen errichtet worden waren.Wolfgang Weischet, Pierre Saint-Amand: “The distribution of the damage caused by the earthquake in Valdivia in relation to the form of the terrain”. In: Bulletin of the Seismological Society of America. Dezember 1963; v. 53; no. 6. S. 1259–1262. Dort kam es während des Erdbebens zu Bodenverflüssigungen. Auch waren gemauerte Gebäude weit stärker von Zerstörung betroffen als moderne Stahlbeton-Gebäude oder traditionelle Holzhäuser.Ernest Dobrovolny, Richard Lemke: Engineering Geology and the Chilean Earthquakes of 1960. In: Synopsis of Geologic and Hydrologic Results – Geologic Survey Research 1961. U.S. Government Printing Office, Washington 1961. S. C-357.

Die subjektive Stärke eines Erdbebens, die Intensität, wird in der Regel mit einem Wert auf der Mercalliskala dargestellt. Der zur Zeit des Bebens an der Universidad Austral de Chile in Valdivia tätige Geograph Wolfgang Weischet taxierte anhand der Zerstörungen in Valdivia die Intensität auf X („vernichtend“), während in den jeweils nur 20 km entfernten, auf stabilerem Untergrund liegenden Ortschaften Corral und Hueyelhue nur die Mercallistufe VII („sehr stark“) erreicht wurde.Wolfgang Weischet: “Further Observations of Geologic and Geomorphic Changes Resulting from the Catastrophic Earthquake of May 1960, in Chile”. In: Bulletin of the Seismological Society of America. Dezember 1963; v. 53; no. 6; S. 1237–1257. Hier: S. 1238.

Neben Valdivia war das Dorf Puerto Octay am Llanquihue-See der Ort mit der höchsten Erdbeben-Intensität. Hier lag das Zentrum eines Gebietes besonders hoher Intensität, das sich im chilenischen Zentraltal in Form einer Ellipse in Nord-Süd-Richtung erstreckte. Der Hafen der im Süden dieses Bereiches liegenden Stadt Puerto Montt wurde ebenfalls schwer beschädigt.

In den Anden, an Steilküsten und im Seengebiet des Kleinen Südens vom Lago Villarrica bis zum Lago Todos los Santos kam es durch das Erdbeben zu etlichen Erdrutschen. mini|hochkant=1.4|Topographische Karte des Gebiets um Valdivia + Erdbebenintensität an verschiedenen OrtenErdbeben am 21. Mai Ort Mercalli-stufe Schäden Concepción IX 125 Tote, viele Gebäude zerstört Talcahuano IX 65 % aller Gebäude zerstört Coronel IX Lota IX Lebu X Erdbeben am 22. Mai Ort Mercalli-stufe Schäden Valdivia X 40 % aller Gebäude zerstört Puerto Montt(Unterstadt) X–XI 90 % aller Gebäude zerstört Río Negro IX–X Temuco VIII Osorno VII–VIII Puerto Saavedra VII–VIII durch den Tsunami komplett zerstört Llanquihue VII–VIII Villarrica VII

Ausgelöste Naturkatastrophen und Folgeschäden

+ Höchste gemessene Amplitudedes Tsunamis vom 22. Mai 1960 (Auswahl)National Oceanic and Atmospheric Administration: Ort Koordinaten A. Isla Mocha, Chile 38.22°S 74.00°W 25 m Valdivia, Chile 39.80°S 73.24°W 10 m Ancud, Chile 41.91°S 72.76°W 12 m Puerto Saavedra, Chile 38.78°S 73.40°W 9 m Arica, Chile 18.47°S 70.32°W 2,2 m Osterinsel, Chile 27.15°S 109.45°W 6 m Hilo, Hawaii 19.73°N 155.06°W 10,7 m Apia, Samoa 13.81°S 171.75°W 4,9 m Eden, Australien 37.05°S 149.97°O 1,7 m Hongkong 22.30°N 114.18°O 0,5 m Mutsu, Japan 41.31°N 141.23°O 6,3 m Hokkaidō, Japan 42.90°N 145.00°O 5,0 m Pismo Beach, USA 35.14°N 120.66°W 2,4 m

Der Tsunami Das Erdbeben senkte bei Valdivia die Küstenlinie temporär um bis zu 4 m ab und verursachte dadurch eine bis zu 25 m hohe Flutwelle, die die chilenische Küste verwüstete und sich als Tsunami über den gesamten Pazifischen Ozean ausbreitete.

Im Hafen von Valdivia und vor der chilenischen Küste sanken zahlreiche Schiffe oder liefen auf Grund. In der Bucht von Valdivia fiel der Meeresboden für fast eine Stunde trocken, bis das Meer in einer 10 m hohen Welle zurückbrandete. Dabei kamen etliche Menschen ums Leben, die den Meeresboden nach Krebsen absuchten.Wolfgang Dachroth: „Fernwellen“, in: Handbuch der Baugeologie und Geotechnik. Springer, 2002. ISBN 3-540-41353-7. S. 207.

Das 10.000 km entfernte Hilo auf Hawaii, wo die Flutwelle noch eine Amplitude von 11 m erreichte, und Küstenregionen von Japan, den Philippinen und Kamtschatka wurden verwüstet. Auch Kalifornien, die Osterinsel und Samoa waren betroffen.

Der Tsunami ist für die Mehrzahl der Todesopfer des Erdbebens verantwortlich. Außerhalb Chiles wurden durch den Tsunami in Japan 138, auf Hawaii 61 und auf den Philippinen 32 Menschen getötet.

Überflutungen am Lago Riñihue

Das Erdbeben löste an zahlreichen Hängen Erdrutsche aus. Drei große Erdrutsche am Berg Tralcán verschütteten mit dem Río San Pedro den Ausfluss des Lago Riñihue, sodass der Wasserspiegel des Sees in der Folge um bis zu 20 m anstieg.