miniatur|Mader Heide Die Ausgrabung auf der Mader Heide war 1708Dolff-Bonekämper: Die Entdeckung des Mittelalters, S. 9, nennt versehentlich das Jahr 1709. eine der frühesten „wissenschaftlichen“ archäologischen Ausgrabungen in Deutschland.
Befund Ausgrabung mini|Landgraf Karl I. von Hessen-Kassel mini|Funde aus der Grabung von 1708 Landgraf Karl ließ 1708 auf der Mader Heide bei Maden, östlich von Gudensberg in Nordhessen, Ausgrabungen durchführen.Schmincke: De urnis sepulchralibus, S. 4; Dolff-Bonekämper: Die Entdeckung des Mittelalters, S. 9. Der Platz bot sich für eine Forschung zur frühesten Geschichte Hessens an: Hier hatten die Landstände der Landgrafschaft Hessen getagt und der Ort war bis ins Mittelalter Thingplatz gewesen. Zudem hielt man den Ort für einen chattischen Kultplatz und das Zentrum des „Chattengaues“, also das historische Zentrum Hessens. Man vermutete, dass er identisch mit dem von Tacitus erwähnten Mattium sei.
Im Beisein des Landgrafen wurden mehrere Grabhügel geöffnet. Zu Tage kamen Steingeräte, Gefäße und drei Skelette. Letztere lagen in Bauchlage im größten der Hügel, etwa einen Meter über den Keramikgefäßen.Schmincke: De urnis sepulchralibus, S. 4. Die Gegenstände wurden in das Ottoneum in der Residenzstadt Kassel gebracht, das der Landgraf als „Kunsthaus“ zur Aufbewahrung seiner Sammlungen nutzte. Steingeräte und Gefäße gelangten so in das Hessische Landesmuseum in Kassel und sind dort erhalten.Niemeyer (Hrsg.): Johann Hermann Schminckes und Johannes Österlings Dissertation, S. 65. Derartige Grabungen waren damals nichts Ungewöhnliches und sind auch andernorts, auch in Hessen,Trogillus Arnkiel: Cimbrische Heiden-Begräbnisse. Hamburg 1702, S. 263, berichtet von Funden aus dem Jahr 1674, die bei „Hirschfeld“ (gemeint ist vermutlich: Hersfeld) ergraben wurden. bezeugt.
Deutung Es war mit dem Wissensstand und den Methoden, die Anfang des 18. Jahrhunderts verfügbar waren, nicht möglich, die Funde zutreffend einzuordnen. Heute dagegen können sie mit einiger Sicherheit drei Zeitstufen zugeordnet werden:Niemeyer (Hrsg.): Johann Hermann Schminckes und Johannes Österlings Dissertation, S. 65. Steingeräte und der überwiegende Teil der Gefäße der Schnurkeramik, einige Gefäße der Hallstattzeit; sie stammen vermutlich aus Nachbestattungen und die drei Skelette. Sie stammten vermutlich von Hinrichtungen aus dem späten Mittelalter oder der frühen Neuzeit.
Die damaligen Deutungen versuchten, den Fund an bekannte Textquellen anzuhängen.So Mel: Urnae Mattiacae; vgl.: Niemeyer (Hrsg.): Johann Hermann Schminckes und Johannes Österlings Dissertation, S. 59. So wurden sie als römisch oder als von den Chatten stammend eingestuft,So Mel: Urnae Mattiacae; vgl.: Niemeyer (Hrsg.): Johann Hermann Schminckes und Johannes Österlings Dissertation, S. 62. die Mader Heide als das campus Mattiacus, die Hauptstadt der Chatten, gedeutet.So Mel: Urnae Mattiacae; vgl.: Niemeyer (Hrsg.): Johann Hermann Schminckes und Johannes Österlings Dissertation, S. 62. Das Neolithikum war noch nicht bekannt.
Wirkungsgeschichte
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Grabung erfolgte 1714 in der Dissertation „De urnis sepulchralibus et armis lapideis veterum Cattorum“. Deren Autorenschaft ist umstritten. Die gründlichste Untersuchung dazu weist sie Johann Hermann Schmincke (1684–1724) zu. Aber auch Johann Österling (1691–1751)Niemeyer (Hrsg.): Johann Hermann Schminckes und Johannes Österlings Dissertation, S. 59. wurde als Autor vermutet. Der Bearbeiter ging erstmals über den Ansatz hinaus, die Funde an bekannte Textquellen anzuhängen. Vielmehr versuchte er, die Funde selbst als Quelle zu nutzen, so wie das die Archäologie als Wissenschaft noch heute tut.Niemeyer (Hrsg.): Johann Hermann Schminckes und Johannes Österlings Dissertation, S. 63. Der Autor erkannte klar, dass die Skelette nach den Keramikgefäßen in den Boden gekommen sein müssen, weil sie über ihnen lagen. Er schloss daraus auf die Kontinuität des Bestattungsplatzes über die Christianisierung hinaus: Die Keramikgefäße deutete er als Überreste von Brandbestattungen heidnischer Chatten,Schmincke: De urnis sepulchralibus, S. 11, 24f. die Körperbestattungen als die von christianisierten Nachkommen der Brandbestatteten. Dagegen hatte er erhebliche Schwierigkeiten in der Deutung der Steingeräte. Er hielt sie für Waffen, die aus Stein gefertigt wurden, weil Eisen knapp gewesen sei.Schmincke: De urnis sepulchralibus, S. 27.
Die Ausgrabung auf der Mader Heide gilt wegen dieses damals neuen methodischen Ansatzes als Ursprung moderner hessischer Urgeschichtsforschung.Niemeyer (Hrsg.): Johann Hermann Schminckes und Johannes Österlings Dissertation, S. 63. Sie wurde deshalb in der Fachliteratur vielfach rezipiert.Niemeyer (Hrsg.): Johann Hermann Schminckes und Johannes Österlings Dissertation, S. 66f. listet 29 Werke mit den Erscheinungsjahren 1719 bis 1960, die auf die Ausgrabungen in der Mader Heide Bezug nehmen.
Literatur Gabriele Dolff-Bonekämper: Die Entdeckung des Mittelalters. Studien zur Geschichte der Denkmalerfassung und des Denkmalschutzes in Hessen-Kassel bzw. Kurhessen im 18. und 19. Jahrhundert. Hessische Historische Kommission, Darmstadt / Historische Kommission für Hessen, Marburg 1985, ISBN 3-88443-149-8 (= Dissertation Marburg 1984). Conrad Mel: Urnae Mattiacae oder Gedancken über die Madische Töpffe, welche Anno 1708 auf dem Drisch zwischen Gudensberg und Maden ausgegraben wurden, auß denen Historischen Antiquitäten erkläret und vorgestellt. (Verlorenes handschriftliches Manuskript)Angeführt nach Niemeyer, S. 37 Anm. 12. Wilhelm Niemeyer (Hrsg.): Johann Hermann Schminckes und Johannes Österlings Dissertation über die Graburnen und Steinwaffen der alten Chatten vom Jahre 1714. 250 Jahre Vorgeschichtsforschung in Kurhessen (= Kurhessische Bodenaltertümer 4). Marburg 1964. Johann Hermann Schmincke: De urnis sepulchralibus et armis lapideis veterum Cattorum. Leipzig 1714 (Digitalisat).
Einzelnachweise
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