mini|N. A. Bernstein mit seinem Sohn (verstorben) in den 60er Jahren. Das Foto befindet sich im Bestand des Archivs der Enkelin Bernsteins.
Nikolai Alexandrowitsch Bernstein (, wissenschaftliche Transliteration Nikolaj Aleksandrovič Bernštejn, * 1896 in Moskau; † 16. Januar 1966 ebenda) war ein russischer Physiologe und Biomechaniker. Er gilt als einer der Begründer der modernen Bewegungswissenschaften.
Leben Bernstein wurde im Jahre 1896 in Moskau geboren. Sein Vater Alexander Nikolajewitsch Bernstein (1870–1922) war ein bekannter Psychiater und sein Onkel Sergei Natanowitsch Bernstein (1880–1968) ein berühmter Mathematiker (siehe Feigenberg, 2014).Josef M. Feigenberg: Nikolai Bernstein: From Reflex to the Model of the Future. Translator: Julia Linkova, Editors: Eberhard Loosch; Vera Talis. LIT, Münster 2014. Sein Bruder war der Bauingenieur Sergei Alexandrowitsch Bernstein. Bernstein widmete sich an der Moskauer Universität u. a. historisch-philologischen Studien, der Medizin und Mathematik. Von 1919 bis 1921 war er Angehöriger der Roten Armee. Seine eigentliche wissenschaftliche Laufbahn begann im Jahre 1922 mit einer Anstellung am neu eröffneten Labor für Biomechanik des Zentralinstituts für Arbeit (ЦИТ/CIT; Центральный институт труда) in Moskau, welches im Rahmen der HOT (russ. Научной организации труда / Wissenschaftliche Arbeitsorganisation) 1920 mit direkter Unterstützung Lenins gegründet wurde. Gastew war der langjährige Leiter des CIT. Er wurde am 8. September 1938 wegen „konterrevolutionärer terroristischer Aktivitäten“ verhaftet und am 15. April 1939 in einem Moskauer Vorort erschossen. Bernstein arbeitete von 1922 bis 1925 am CIT und war einer der führenden Köpfe. Bereits in den ersten Arbeiten setzte sich Bernstein mit seinen Befunden und Vorstellungen von den mechanischen Ansichten Gastews ab und misstraute dessen Analogievorstellung von menschlicher Bewegung und Maschine.Sirotkina, 2009, S. 72–74. 1925 verließ Bernstein das CIT und nahm eine Stellung am Moskauer staatlichen Institut für experimentelle Psychologie an, in welchem er mit phasenweiser Unterbrechung 20 Jahre arbeitete. Die Vertreter der berühmten kulturhistorischen Schule der Psychologie, Lurija, Wygotski und Leontjew, waren seine Kollegen.
1948 erhielt Bernstein den Stalinpreis für Wissenschaft, der in den Jahren 1941 bis 1954 verliehen wurde. Es war die höchste zivile Auszeichnung, die es für herausragende Leistungen in Kunst, Kultur und Wissenschaft in der Sowjetunion damals gab. Damit wurde explizit Bernsteins 1947 veröffentlichte Monographie "О построении движений" (Über den Aufbau der Bewegung) gewürdigt.Feigenberg, 2004, S. 130. Nach 1949 wurde Bernstein politisch verfolgt und seiner Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten beraubt. Es gehört zu den großen Paradoxien des sowjetischen Wissenschafts- und Kulturbetriebes, dass auch hochkarätige Auszeichnungen und Würdigungen nicht vor Repressalien schützten (Beyrau, 2014).Dietrich Beyrau: Die Macht und die Wissenschaften in der UdSSR. In: Jürgen Court, Eberhard Loosch, Arno Müller (Hrsg.): Jahrbuch 2012 der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Sportwissenschaft e. V. LIT, Berlin 2014, ISBN 978-3-643-12437-1, S. 9–27.
Von 1950 bis 1953 sind aus der Feder Bernsteins keine Publikationen bekannt geworden. Ihm wurden ab 1949 im Rahmen politischer Verfolgung die Möglichkeiten einer experimentell-empirischen Arbeit sowie der Zutritt zu den wissenschaftlichen Einrichtungen verwehrt. Nach Stalins Tod im Jahre 1953 kam es zu einer teilweisen Rehabilitation. 1956 ging Bernstein offiziell in den Ruhestand. Ein gewichtiger Teil seiner theoretischen Abhandlungen mit beeindruckenden Ausblicken auf ein verändertes Verständnis der menschlichen Bewegung entstand in den Jahren danach. Sein Wirken orientierte sich nun stärker an der Integration von bewegungswissenschaftlichen, neurophysiologischen, biokybernetischen und philosophischen Erkenntnissen in das Konzept einer Physiologie und Biologie der Aktivität, das sich als Gegenentwurf zur klassischen Reflextheorie verstand und wichtige Denkanstöße für die weitere Erforschung der menschlichen Bewegung geliefert hat.Bernstein, N.A.: Auf den Wegen zu einer Biologie der Aktivität. In: Pickenhain, L. & Schnabel, G. (Hrsg.), 1988, S. 233–247 (Original veröffentlicht in Voprosy filosofi, 19 (10), 1965, S. 65–78).Feigenberg, 2004.
Die erste geschlossene Biographie zu diesem Forscher wurde 2004 von Josef M. Feigenberg verfasst.Josef M. Feigenberg: Nikolai Bernstein: Ot refleksa k modeli buduŝego (Nikolai Bernstein: Von den Reflexen zur Modellierung der Zukunft). Smysl, Moskau 2004, ISBN 5-89357-161-4. In einem Beitrag von Haralds Jansons (1992) finden sich zudem diverse Fotos von Bernstein und seiner Familie sowie seiner Arbeitsorte.Haralds Jansons: Bernstein: The Microskopy of Movement. In: Aurelio Cappozzo, Marco Marchetti, Virgilio Tosi (Hrsg.): Biolocomotion: A century of research using moving Pictures. Promograph, Rom 1992, S. 137–174.
Werk und Bedeutung Insgesamt sind ca. 140 Publikationen nachweisbar. Ein chronologisches Verzeichnis aller Schriften, zusammengestellt vom Bernstein-Schüler Josef M. Feigenberg, findet sich im Anhang der „Bewegungsphysiologie“, einem Sammelband mit wichtigen Beiträgen Bernsteins.Bernstein: Bewegungsphysiologie. 1. Auflage. 1975, 2. Auflage. 1988. Eine erweiterte Zusammenstellung mit der zusätzlichen Angabe von Manuskripten aus seinem persönlichen Bernstein-Archiv in Riga veröffentlichte Haralds Jansons 1992.vgl. Haralds Jansons, 1992, S. 161–174. Nur ein Bruchteil von Bernsteins Texten wurden ins Englische oder Deutsche übersetzt. Diese wenigen Übersetzungen reichten aus, ihn weltweit als einen der führenden Bewegungswissenschaftler auszuweisen.
Seine erste wissenschaftliche Publikation aus dem Jahre 1922 beschäftigte sich mit Fragen der Größenwahrnehmung. In den folgenden Jahren befasst er sich intensiv mit der Untersuchung von musikalischen und Arbeitsbewegungen (u. a. zum Hammerschlag und der Biodynamik des Klavieranschlags), der Funktionsweise des Zentralnervensystems und der Physiologie der Muskelkontraktion. Weiterhin finden sich Veröffentlichungen zu Fragen der Ermüdung, der Entwicklung von Untersuchungsmethoden, mathematischen Beschreibungsmöglichkeiten der Bewegung sowie zu theoretischen und praktischen Aspekten einer Biomechanik. 1926 erschien seine erste Monografie „Obscaja biomechanika“ (Allgemeine Biomechanik). Ein inhaltlicher Schwerpunkt seiner Forschungen lag auf der Analyse der Variabilität und Stabilität von Bewegungen. Bis einschließlich des Jahres 1930 lagen bereits 37 Publikationen wissenschaftlichen Inhalts vor. Einige dieser Arbeiten finden sich in deutschsprachigen Zeitschriften, so in der „Zeitschrift für angewandte Mathematik und Mechanik“, in „Pflüger's Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere“ und in der Zeitschrift „Arbeitsphysiologie“. Die frühen Jahre waren von einer großen Breite wissenschaftlicher Betätigung, Weltoffenheit und Kreativität geprägt.
In den 1930er Jahren fokussierten seine Forschungen zunehmend stärker auf Aspekte der Lokomotion, des Gehens und Laufens in sportlichen und Alltagsbewegungen. Als eine Zäsur und Höhepunkt in seinem Schaffen kann die 1947 erschienene Monografie О построении движений (Über den Aufbau der Bewegung) gelten.
Zumindest vier wissenschaftliche Kernideen Bernsteins sollen explizit hervorgehoben werden:
die Betonung des ganzheitlichen Charakters und der strukturelle Kompliziertheit der lebendigen Bewegung die Idee der Nichteindeutigkeit von Zentrum und Peripherie in der motorischen Aktivität die begriffliche Unterscheidung in metrische und topologische Dimensionen der Bewegungsregulation umfangreiche Beobachtungen zu Phänomenen der Variabilität in den kinematischen und dynamischen Parametern der Bewegung.
Bernstein erkannte, dass Bewegungen nicht starr durch festgeschriebene neuro-motorische Programme gesteuert, sondern flexibel an die aktuelle Situation angepasst werden. Daher sei die Hauptaufgabe bei der Koordination von Bewegungen die Steuerung der vielfältigen Freiheitsgrade, die der menschliche Körper zulässt. Bernsteins Veröffentlichungen wurden erst mit erheblicher Verzögerung in die englische und deutsche Sprache übersetzt und somit westlichen Wissenschaftlern zugänglich. Sie sollten jedoch einen tiefgreifenden Einfluss auf die wissenschaftlichen Strömungen der Bewegungsforschung nehmen. Sie gelten u. a. als Grundlage für die Anwendung der dynamischen Systemtheorie auf die motorische Koordination. Seit den 80er Jahren wird Bernstein in den Lehrbüchern zur Biomechanik, Bewegungs- und Sportwissenschaft oder Physiologie mit einer durchgängigen Kontinuität zitiert. In aktuellen Projekten zur Robotik (Runbot, 2007)Poramate Manoonpong, Geng, T., Kulvicius, T., Porr, B. & Wörgötter, F.: Adaptive, Fast Walking in a Bipedal Robot under Neuronal Control and Learning. In: PLoS Computational Biology.Vol. 3, Issue 7, 2007, S. 1–16. wurde seine Mehrebenenvorstellung der Bewegungssteuerung umgesetzt. Beachtung finden heutzutage auch seine Klavierstudien aus den 20er Jahren.Kursell, 2010. Zudem wird seine Mehrebenenvorstellung der menschlichen Bewegung aktuell in der Physiotherapie genutzt (Maximova, 2013).Elena V. Maximova: Corrective exercises for children, with autism spectrum disorders, on the basis of the movement's construction theory of N.A. Bernstein. In: Proceedings of the All-Russian Scientific and Research Anniversary Conference „Theoretical and Applied Problems of Medical (Clinical) Psychology (to 85leti. Yu.f. Polyakova)“, held from 14-15 February 2013 in SEI HPE „The Moscow City University of Psihologopedagogieskij“ and NMHC RAMS under General Ed. N. Zvereva, I.f. Ro.inoj. Moscow, 2013. -197 p. (pp. 83-84)
Bernsteins Kontroverse mit Pawlow Im Manuskript einer Monografie von 1936, das der Fachwelt viele Jahrzehnte unbekannt war und erst 2003 in Russland offiziell gedruckt wurde, positioniert sich Bernstein klar gegen die Theorie bedingter Reflexe von Iwan Petrowitsch Pawlow.Meijer, 2002.Loosch 2012, S. 41–74. Hierbei ging es Bernstein nicht um eine generelle Negierung des Gesamtkonzepts, vielmehr zeigt er dessen Grenzen und Einengungen auf. Sein Fazit lautet:
„Der radikale Fehler der Mehrheit der Ideologen aus der Schule der bedingten Reflexe besteht eben darin, dass sie Prozesse des Einpaukens erforschen und denken, sie würden Prozesse des Verhaltens studieren.“Bernstein, 1936/2003, S. 178.
Bernstein äußert sich zudem kritisch zu den Grenzen des Konzepts der bedingten Reflexe bei der Erklärung von künstlerisch-kreativen Leistungen des Menschen. Allerdings stand er mit seiner Kritik nicht allein. Lew Wygotski schrieb bereits 1925:
„Der Reflex ist ein abstrakter Begriff von sehr hohem methodologischem Wert; er kann jedoch nicht zum Grundbegriff einer als konkrete Wissenschaft vom Verhalten des Menschen geltenden Psychologie werden. Der Mensch ist auf keinen Fall ein mit Reflexen angefüllter Lederbeutel und das Gehirn kein Gasthof für zufällig gleichzeitig einkehrende bedingte Reflexe.“Lew Wygotski: Das Bewußtsein als Problem der Psychologie des Verhaltens. In: Joachim Lompscher (Hrsg.): Lew Wygotski. Arbeiten zu theoretischen und methodologischen Problemen der Psychologie. Band 1. Volk und Wissen, Berlin 1985, S. 204. (Original veröffentlicht in Konstantin Nikolajewitsch Kornilov: Psychologie und Marxismus. Moskau-Leningrad 1925.)