mini|Hans-Heinrich Herwarth von Bittenfeld (links) Hans-Heinrich Herwarth von Bittenfeld (* 14. Juli 1904 in Berlin; † 21. August 1999 in Küps) war ein deutscher Beamter und Diplomat, der zudem für US-Behörden als Informant in deutschen Regierungskreisen tätig war.

Leben Als Sohn des Hans-Richard Herwarth von Bittenfeld und seiner Ehefrau geb. Ilse von Tiedemann (Tochter des Heinrich von Tiedemann-Seeheim) besuchte er ein Gymnasium in Berlin, danach nahm er von 1922 bis 1924 eine Anstellung in der Lokomotivfabrik Orenstein & Koppel und der Deutschen Erdöl-AG an. Abschließend studierte er Rechtswissenschaften und Nationalökonomie an den Universitäten von Berlin, Breslau und München.

In München begann er 1926 mit dem juristischen Vorbereitungsdienst. Im Mai 1927 nahm er den Dienst im Auswärtigen Amt in Berlin auf. Die diplomatisch-konsularische Abschlussprüfung legte er im Dezember 1929 ab. 1930 wurde er der deutschen Botschaft in Paris zugeteilt.

Attaché in Moskau

Von 1931 bis 1939 war er Attaché und Legationssekretär (Zweiter Sekretär) in der deutschen Botschaft in Moskau. In dieser Zeit lernte er die in Moskau ansässigen US-Diplomaten George F. Kennan, Charles E. Bohlen und Charles W. Thayer kennen. An diese Beziehungen konnte von Herwarth nach 1945 anknüpfen, denn Thayer wurde 1945 zum Leiter des Office of Strategic Services in Österreich ernannt. Weiterhin hatte Herwarth in Moskau einen engen Kontakt zu dem britischen Diplomaten Fitzroy Maclean, der ein Agent des MI 6 war.

Geheimnisverrat 1939–41 Hans von Herwarth hatte sich in seiner Moskauer Zeit unter anderem mit den amerikanischen Diplomaten George F. Kennan, Charles W. Thayer und Charles E. Bohlen angefreundet. Nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes spielte er den US-Diplomaten das geheime Zusatzprotokoll des Paktes zu, welches die Aufteilung Polens im Kriegsfall regelt.Background of Treason by William E.W. Gowen (englisch) Er betrieb nach eigenen Aussagen Hochverrat, indem er 1939 seine alliierten Freunde über den Hitler-Stalin-Pakt und dessen geheimes Zusatzprotokoll unterrichtete.Herwarth: Zwischen Hitler und Stalin. S. 188–189. 1940/41 stand er in Berlin in Verbindung mit den US-Diplomaten George F. Kennan, Alexander Kirk, Charles und Avis Bohlen und mit Handelsattaché Samuel E. Woods. Herwarth sprach z. B. mit Woods unter konspirativen Bedingungen in einem abgedunkelten Kino. Bei einer Moskau-Reise im Herbst 1940 traf er in Moskau den US-Diplomaten Charles Thayer und den britischen Diplomaten John Russel.Herwarth: Zwischen Hitler und Stalin. S. 206–209. Offensichtlich verriet er den Amerikanern und Briten bei diesen Gelegenheiten die ihm bekannten Angriffspläne Hitlers auf die Sowjetunion, von denen er durch seinen Vetter Bernhard von Loßberg im Wehrmachtsführungsstab wusste.Herwarth: Zwischen Hitler und Stalin. S. 200–201. Im Herbst 1940 verriet Bittenfeld alias „Johnny“ auch die geheimen Angriffsplanungen der Wehrmacht auf die Sowjetunion an die Alliierten und leistete somit Beiträge zur Sabotage der nationalsozialistischen Kriegsanstrengungen durch deutsche Spitzenbeamten.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Herwarth 1939 zur Wehrmacht eingezogen. Wegen einer jüdischen Großmutter (Julia von Herwarth geb. Haber) waren seine Karriereaussichten als „jüdischer Mischling zweiten Grades“ eingeschränkt, er wurde jedoch im Laufe des Krieges von Hitler von der Anwendung der Nürnberger Gesetze ausgenommen. Er war innerhalb des OKW-Amtes Ausland/Abwehr in der Abteilung Abwehr II (Diversion, völkische Zersetzung) tätig. Bei der Abwehr wurden die Nürnberger Gesetze nicht angewandt. Gemäß seinen Erfahrungen in der Sowjetunion wurde er bei dem Projekt der Osttruppen des OKH eingesetzt, deren Rahmen auf einer Konferenz – an der Herwarth teilnahmMichael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburg 2003, S. 677. – Anfang März 1943 abgesteckt wurde. Auch an einer Besprechung im Ostministerium am 18. Dezember 1942 war er Teilnehmer, wobei die zukünftige Politik der Judenvernichtung in den eroberten Ostgebieten mit den Vertretern des Reichssicherheitshauptamts abgesprochen wurde.

Innerhalb der Heeresgruppe Süd nahm er an der Anwerbung übergelaufener Sowjetsoldaten teil. So war er als politischer Offizier bei General der Kavallerie Ernst-August Köstring, dem Kommandeur der Osttruppen, eingesetzt und vertrat die Wehrmacht bei der Gründung des Komitees zur Befreiung der Völker Russlands (Komitet Osvobozhdyeniya Narodov Rossii, KONR). Zu den Aktivitäten Herwarths 1944 schreibt der Historiker Christopher Simpson:

Anwerbung durch den US-Geheimdienst Herwarth war bei den Amerikanern willkommen. Der US-Geheimdienst OSS (Office of Strategic Services), Vorläufer der CIA, nahm im Krieg und kurz danach einige Deutsche unter Vertrag, die von OSS-Deutschland-Chef Allen Dulles als „Crown Jewels“ bezeichnet wurden. Vertraute von OSS-Chef Dulles bekamen hohe amtliche Stellungen in der US-Besatzungszone. So wurden der aus der Schweiz bei Kriegsende nach München kommende Wilhelm Hoegner Bayerischer Ministerpräsident und der gleichfalls aus dem Schweizer Exil kommende Michael Freiherr von Godin Polizeipräsident in Bayern. Herwarth gehörte offensichtlich auch dazu, denn nach Kriegsende spürte ihn sein vormaliger Moskauer Freund Charles W. Thayer auf, der inzwischen Leiter des US-Geheimdienstes OSS in Österreich mit Sitz in Salzburg war. So kam es zu einem Wiedersehen der beiden, währenddessen Herwarth von August bis Oktober 1945 über seine Erfahrungen an der Ostfront Auskunft gab, was Herwarth in seinen Memoiren rückblickend folgendermaßen beschrieb:

Die Ergebnisse dieser Befragungen Herwarths sind bisher nicht aus den US-Archiven veröffentlicht worden.

Vernehmung durch die Special Interrogation Mission Der Diplomat DeWitt Clinton Poole war während des Krieges Leiter des Foreign Nationalities Branch des US-Geheimdienstes OSS gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt er im Sommer 1945 einen Spezialauftrag des US State Department. Poole sollte hochgestellte Deutsche befragen, um das Bild der Amerikaner über den ehemaligen Gegner abzurunden. Die Ergebnisse sollten auch in die bevorstehenden Nürnberger Prozesse einfließen. Seine Mission nannte sich „Special Interrogation Mission to Germany“ und bestand von August 1945 bis Januar 1946. Das Gebäude in Wiesbaden, in dem Poole seinen Dienstsitz nahm, erhielt bezeichnenderweise den Codenamen „Interstate“.

Im Anschluss an den Aufenthalt in Salzburg und kurz vor der Auflösung des OSS schickte Thayer seinen Freund Herwarth nach Wiesbaden zu Interstate. In seinen Vernehmungen im November 1945 berichtete Hans von Herwarth insbesondere über die Diplomaten auf dem Balkan, die Ukrainer, deren Freiheitsdrang und ihr Verhältnis zu den Deutschen, Polen und Russen. Herwarth schilderte auch seine Gedanken zum Wiederaufbau Bayerns, über die Entnazifizierung und über das Verhältnis der Bayern zur amerikanischen Besatzungsmacht. Herwarth bereitete also bereits den Boden für seine künftigen Aufgaben in München, die zu diesem Zeitpunkt (9. November 1945) wohl bereits geklärt, aber noch nicht bestätigt waren.State Department Special Interrogation Mission, Interrogation of Hans Heinrich Herwarth and Andor Hencke.

Herwarth wurde in Wiesbaden zusammen mit dem vormaligen Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt Andor Hencke vernommen. Hencke hatte im Auswärtigen Amt einen kleinen Geheimdienst geführt und kam später als Leiter einer besonders geheimen Dienststelle zur Organisation Gehlen, einer deutschen Tochter der CIA.Thomas Wolf: Die Entstehung des BND. S. 424–425. Wolfgang Krieger: Die Auslandsaufklärung des BND. S. 62, 162–163.

Tätigkeiten in der Bayerischen Staatskanzlei Im Verhörzentrum Wiesbaden lernte Herwarth den Architekten Peter G. Harnden kennen. Harnden hatte vor dem Krieg in München studiert und bei Professor Anton Pfeiffer gewohnt; jenem Anton Pfeiffer, der 1945 Leiter der Bayerischen Staatskanzlei werden sollte. Harnden war ein „Ritchie-Boy“.theritchieboys.com So nannte man jene Amerikaner, die während des Krieges im Military Intelligence Training Center in Camp Ritchie, Maryland, eine nachrichtendienstliche Schulung erhielten. Die Sprach- und Landeskenntnisse dieser Geheimdienstler brauchte man im Rahmen der Psychological Warfare Division (PWD) der Alliierten. Dieser Spezialtruppe oblag es während des Krieges, Propaganda zu erstellen, Rundfunksendungen auszustrahlen, die Zensur auszuüben und Gefangene zu vernehmen. Nach Kriegsende entstand daraus die Information Control Division (ICD) der US Forces, European Theater (USFET).Erwin J. Warkentin: History of the Information Control Division OMGUS 1944 to June 30, 1946. S. 156. Harnden war also ein in psychologischer Kriegsführung geschulter Geheimdienstler.

Die US-Militärverwaltung in Bayern (OMGB) hatte Ende September 1945 Wilhelm Hoegner zum neuen Ministerpräsidenten ernannt. Unter Hoegner übernahm Anton Pfeiffer die Führung der Bayerischen Staatskanzlei im Oktober 1945. Herwarth war den beteiligten Amerikanern bestens bekannt und galt als Anti-Nazi. Hans von Herwarth erhielt noch in Wiesbaden ein Angebot für einen Posten in der Bayerischen Staatskanzlei unter Anton Pfeiffer.Tazelaar: Hüter des Freistaats. S. 199. Peter G. Harnden, der ja gleichfalls mit Pfeiffer bekannt war, erfuhr zeitgleich, er solle an das US-Generalkonsulat nach München versetzt werden. Herwarth schilderte das im Gespräch mit Harnden sehr euphorisch:

Eine weniger naive Version dieses Vorgangs würde man so beschreiben: Der US-Informant Hans von Herwarth erhielt über die führenden US-Geheimdienstler und Diplomaten Charles Thayer und DeWitt Clinton Poole mit Peter Harnden einen Führungsoffizier zugewiesen, der außerdem Leiter eines politischen Nachrichtendienstes der Amerikaner war. Denn Harndens Information Control Division hatte folgende Aufgaben: Entnazifizierung, Lizenzvergabe und Kontrolle der in Presse und Rundfunk tätigen Personen, Informationssammlung zum Verhalten der Bevölkerung gegenüber der Besatzungsmacht, Informationssammlung über die politisch aktiven Gruppierungen und Parteien und deren Kontrolle.

Die Besatzungspolitik in den von den Amerikanern eroberten Gebieten Deutschlands wurde zudem vom State Department beeinflusst. Das bedeutet, das State Department war in geheimdienstlichen Fragen in Deutschland immer eingebunden. Somit konnten die für den US-Geheimdienst tätigen Diplomaten des State Department wie Poole und Thayer dafür sorgen, dass die ICD Wünschen des State Department nachkam.

Herwarth nahm im November 1945 seine Arbeit in der Staatskanzlei auf, wurde 1946 zum Regierungsdirektor ernannt und war ab 1949 als Ministerialrat in der Bayerischen Staatskanzlei tätig. Deren Leiter Anton Pfeiffer übernahm 1945 in Personalunion auch die Leitung der Politischen Abteilung der Staatskanzlei. Herwarth erhielt in dieser Abteilung das für die Besatzungspolitik zuständige Referat.Tazelaar: Hüter des Freistaats. S. 199–200, 381. Der Auftrag der Amerikaner an den Gewährsmann Herwarth bestand demnach in der politischen Kontrolle der bayerischen Staatsregierung an strategischer Stelle, also innerhalb der Bayerischen Staatskanzlei. Praktischerweise gehörte zu Herwarths offiziellen Aufgaben in der Staatskanzlei die Verbindungshaltung zur amerikanischen Militärregierung und zu den Konsulaten.Kurzlebenslauf Hans von Herwarth, (PDF) bayerischer-ministerrat.de, Fußnote 67. Damit hatte man zugleich einen unauffälligen Meldungsweg zu den Amerikanern geschaffen. Hans von Herwarth war 1946 auf Drängen von Pfeiffer verbeamtet worden und in der Bayerischen Staatskanzlei für die Verbindung zu den Alliierten und für das Flüchtlingswesen zuständig. Herwarth hielt quasi dienstlich Kontakt zu Peter Harnden. Herwarth war sogar Trauzeuge bei Harndens Hochzeit in Kitzbühel im Januar 1946.Herwarth: Zwischen Hitler und Stalin. S. 355