mini|Karte mit eingezeichneter Frontlinie und dem lokalisierten Ort des Giftgasangriffs bei Chan Schaichun in Syrien. Bei dem Giftgasangriff am 4. April 2017 starben in der syrischen Stadt Chan Schaichun während des Bürgerkriegs in Syrien durch Giftgas mindestens 86 MenschenSyria regime responsible for gas attack on rebel-held town, UN finds, The Guardian, 25. Oktober 2017 und weitere wurden verletzt.
In Syrien findet seit Jahren ein Bürgerkrieg statt; die Provinz Idlib wurde damals von einem syrischen Rebellenbündnis kontrolliert und galt als wichtigste Hochburg der Rebellen.
Die Regierungen zahlreicher Länder, darunter USA, Frankreich, Großbritannien und Deutschland, machten die syrische Regierung für den Giftgas-Angriff verantwortlich.
Verlauf Am Morgen des 4. April erschienen hunderte Fotos und Videos (sie zeigen Verletzte mit Atemnot und Erstickungsanfällen sowie Tote) sowie Augenzeugenberichte in den sozialen Medien. Regionale Nachrichtenagenturen und die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldeten den Luftangriff eines Kampfflugzeugs um etwa 6 Uhr 30 Ortszeit.Gift für das syrische Volk, Spiegel Online, 4. April 2017
Einige Stunden später fand ein zweiter Luftangriff statt;New York Times: Worst Chemical Attack in Years in Syria; U.S. Blames Assad. New York Times, 4. April 2017 eine Rakete traf das Krankenhaus der Stadt, in dem viele Opfer des Giftgases behandelt wurden. Auch die lokale Zentrale der syrischen Weißhelme wurde getroffen.
Ärzte ohne Grenzen meldete nach dem Angriff, dass Patienten Symptome zeigten, die typischerweise bei Opfern von Sarin oder ähnlichen Giftgasen auftreten.
Die Weltgesundheitsorganisation ging am 5. April aufgrund von Autopsien an drei Leichen durch türkische Ärzte davon aus, dass es sich um einen Nervenkampfstoff, vermutlich Sarin oder ein anderes Nervengas handelte.WHO alarmed by use of highly toxic chemicals as weapons in Syria, Weltgesundheitsorganisation, 5. April 2017Autopsie von Leichen bestätigt Giftgaseinsatz, Spiegel Online, 6. April Der türkische Justizminister Bekir Bozdağ äußerte sich nicht zu der Frage, um welchen Nervenkampfstoff es sich gehandelt haben könnte.
Einen Tag nach dem Angriff behauptete der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, ein Kampfjet der syrischen Luftwaffe habe eine Chemiewaffenfabrik und ein großes Munitionslager im Osten von Chan Schaichun getroffen; letzteres sei explodiert.spiegel.de: Russland präsentiert eigene Erklärung
Sarin wird normalerweise aber in zwei Vorstadien gelagert; erst durch die Mischung der zwei Stoffe wird es zum Giftgas und diese Vorstadien würden bei einem Luftangriff wirkungslos in Flammen aufgehen.Giftgaseinsatz in Syrien – «Sie atmen noch, das ist alles» NZZ, 5. April 2017 Der Luftangriff habe, so der russische Sprecher, zwischen 11:30 und 12:30 Uhr Ortszeit stattgefunden. Diese Behauptungen passen nicht zu den hunderten schon einige Stunden zuvor veröffentlichten Fotos und Videos.spiegel.de 5. April 2017 / Christoph Sydow: Eine Lüge und viele Ungereimtheiten
Ebenfalls am 5. April 2017 tagte der UNO-Sicherheitsrat und beriet über den Giftgasangriff. Russland legte sein Veto gegen eine Resolution ein, in welcher die syrische Regierung nicht einmal genannt wurde. Die syrischen Streitkräfte wären darin jedoch aufgefordert worden, ihre Einsätze dieses Tages offenzulegen.Mutmaßlicher Giftgasangriff: Syrien-Resolution scheitert im Uno-Sicherheitsrat, Spiegel Online, 5. April 2017.
Am 7. April 2017 ließ US-Präsident Donald Trump als Reaktion auf den Giftgas-Angriff den Militärflugplatz asch-Schaʿirat mit Marschflugkörpern angreifen.
Die russische Regierung sprach von einer Belastung für die Beziehungen zwischen Russland und den USA und verlegte die Fregatte Admiral Grigorowitsch ins Mittelmeer.Russland verlegt Kriegsschiff an syrische Küste. Die Welt, 7. April 2017. Russland wolle den Angriff in Syrien untersuchen lassen.
Die syrische Regierung und Russlands Präsident Putin bestritten eine Verantwortung syrischer Streitkräfte für den Giftgaseinsatz. Syriens Außenminister Walid al-Muallim behauptete, die Streitkräfte Syriens hätten nie Chemiewaffen gegen das eigene Volk eingesetzt und würden das auch in Zukunft nicht tun. Syriens Präsident Assad bezeichnete den Chemiewaffenangriff als zu „hundert Prozent konstruiert“.Chemiewaffenangriff zu „hundert Prozent konstruiert“. Spiegel Online, 13. April 2017.
Am 11. April veröffentlichte die Regierung Trump ein detailliertes Statement.Anne Barnard, Michael R. Gordon / nytimes.com, 11. April 2017: Declassified U.S. Report on Chemical Weapons Attack (mit Digitalisat des Statements)
Die internationale Organisation OPCW (Organisation für das Verbot chemischer Waffen) teilte am 19. April 2017 mit, laut ihren Untersuchungen seien die Opfer vom Kampfstoff Sarin oder einem sarinähnlichen Stoff verletzt oder getötet worden. Sie kündigte zugleich an, weitere Recherchen vor Ort zu betreiben, sobald die Sicherheitslage dies zulasse.OPCW Director-General Shares Incontrovertible Laboratory Results Concluding Exposure to Sarin. Pressemitteilung der OPCW vom 19. April 2017. (englisch)
Am 21. April 2017 teilten die Chefermittler der unabhängigen Syrien-Kommission der Vereinten Nationen mit, dass sie davon überzeugt sind, dass das eingesetzte Giftgas Sarin war.UN-Kommission zu Syrien: Von Giftgaseinsatz überzeugt., euronews, 22. April 2017 In der letzten Aprilwoche erklärte Frankreich aufgrund von Proben vom Angriffsort und Opfern, die Herstellungsmethode des gefundenen Sarins trage „die Signatur des Regimes“.
Eine Sonderkommission der Vereinten Nationen (UN), die „Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic“, veröffentlichte im September 2017 ihren Bericht. Die Kommission war nicht selbst vor Ort. Fotos hätten jedoch Splitter einer chemischen Bombe gezeigt, wie sie zu Sowjetzeiten üblich war. Sie sei von einem Kampfflugzeug vom Typ Su-22 abgeworfen worden, wie es von den syrischen Luftstreitkräften eingesetzt wird. Aufgrund dieser Erkenntnisse, die auch auf Satellitenaufnahmen und Augenzeugenberichten beruhten, machte die Untersuchungskommission die syrische Regierung für den Angriff verantwortlich.Wiener Zeitung vom 7. September 2017, Seite 7.
Weitere Reaktionen Am 19. April zitierte die US-Zeitung The Nation das oben erwähnte vierseitige Papier, für welches nicht die Geheimdienste, sondern die Trump-Regierung zeichnete. Das Papier lieferte offenbar dem Angriff mit den Cruise-Missiles am 7. April eine Legitimation. Es bestand gerade nach den Angriff in den USA weiterhin Skepsis bezüglich des genauen Hergangs des Vorfalls in der Zeit bis zum Erscheinen des Berichts der OPCW, der innert zwei Wochen erwartet wurde. The Nation, 19. April 2017.
Das kanadische Außenministerium hat am 29. Juni 2017 mitgeteilt, dass Kanada der OPCW außer-budgetmäßig CAN$ 2,5 Millionen (etwa US-$ 1,9 Millionen) zur Verfügung stellt. Außenministerin Chrystia Freeland zufolge dient das Geld dazu, dass die OPCW ihre Untersuchungskapazitäten in Syrien erhöht.Le Canada annonce un soutien supplémentaire pour l’interdiction des armes chimiques en Syrie, Affaires mondiales Canada, 29. Juni 2017
Sonstiges Bereits 2013 wurde das von Aufständischen gehaltene Ghuta mit Sarin angegriffen.Assads Giftgas? Deutsche Welle, 6. April 2017.
Angeblich setzte die syrische Regierung im Zeitraum 1. Januar bis 4. April 2017 fünf Mal das Giftgas Chlor ein.Christian Weisflog: Zahl der Toten nach Giftgasangriff steigt auf 72, NZZ, 5. April 2017; der Report unter ohchr.org (docx)
Asianews.it veröffentlichte am 8. Juli 2017 einen Artikel des Journalisten Uri Avneri. Averi schrieb, bis dato lägen keine Belege für die Urheberschaft des Assad-Regimes vor und die Motivlage spräche dagegen.Uri Avnery: The ‚bizarre case‘ of Bashar al-Assad and nerve gas In: Asianews.it, 8. Juli 2017
Die Ermittler haben nicht nur Proben überprüft, die von Aufständischen in Chan Scheichun gesammelt wurden, sondern auch Proben, die von der syrischen Regierung übergeben wurden. Das syrische Regime hatte die Proben vor der Übergabe an die OPCW selbst in einem Labor untersuchen lassen (wobei Sarin-Rückstände gefunden wurden) und diese Ergebnisse der OPCW weitergeleitet. Damit ist ausgeschlossen, dass die OPCW-Ermittler die Proben manipulierten. Assad-Anhänger haben Vorwürfe dieser Art im Internet verbreitet.spiegel.de 5. Juli 2017: Assad-Regime liefert selbst Beweis für Sarin-Attacke
Siehe auch Chronik des Bürgerkriegs in Syrien 2017#April
Weblinks
Hintergründe zu dem Fall auf faktenfinder.tagesschau.de
www.opcw.org: REPORT OF THE OPCW FACT-FINDING MISSION IN SYRIA REGARDING AN ALLEGED INCIDENT IN KHAN SHAYKHUN, SYRIAN ARAB REPUBLIC APRIL 2017 (PDF, 78 Seiten, 29. Juni 2017)
Fußnoten
Kategorie:Kriegsverbrechen im Bürgerkrieg in Syrien seit 2011 Chan Schaichun Kategorie:ABC-Kriegsführung Kategorie:Konflikt 2017 Kategorie:Gouvernement Idlib