mini|Anna von Sachsen, Gemälde von Anthonis Mor aus den 1560er Jahren, Nationalmuseum Breslau mini|Anna von Sachsen (um 1562). Kreidezeichnung von Jacques Le Boucq. Musée des Beaux-Arts, Arras. Anna von Sachsen (* 23. Dezember 1544 in Dresden; † 18. Dezember 1577 ebenda) war die Tochter des Kurfürsten Moritz von Sachsen und der Agnes von Hessen und die zweite Frau von Wilhelm von Oranien.

1561 heiratete Anna den aus Nassau-Dillenburg stammenden Wilhelm von Oranien, den wohlhabendsten und einflussreichsten Adeligen der Niederlande, und zog mit ihm auf Schloss Breda. Die Verbindung von Anna und Wilhelm entwickelte sich zur „fürstlichen Ehetragödie des 16. Jahrhunderts“ (Hans Kruse).

Nachdem das Paar 1567 vor der Verfolgung durch den Herzog von Alba und seinen Blutrat aus den Niederlanden nach Dillenburg hatte fliehen müssen und Anna eine Affäre mit Jan Rubens, dem Vater des Malers Peter Paul Rubens, begonnen hatte, zerbrach die Ehe nach mehreren vorhergehenden Krisen endgültig. Anna verbrachte die Jahre von 1571 bis 1575 wegen des Ehebruchs mit Jan Rubens, von dem sie auch ein Kind bekam, unter Hausarrest auf den Schlössern Siegen und Beilstein, zunehmend von seelischer und körperlicher Krankheit gezeichnet, die vermutlich mit wachsendem Alkoholmissbrauch zusammenhing. Als sich Wilhelm von Oranien 1575 von Anna scheiden ließ und erneut heiratete, holte ihr Onkel Kurfürst August sein früheres Pflegekind Anna nach Sachsen zurück. Im Dezember 1577 starb sie fünf Tage vor ihrem 33. Geburtstag in Dresden, in zwei Räumen des Schlosses eingesperrt, psychisch und körperlich schwer krank, an inneren Blutungen.

Aktuelles Interesse

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist ein stark auflebendes Interesse an Anna von Sachsen zu verzeichnen, nicht nur – naturgemäß – in den Nassauischen Annalen, in denen 2005 und 2007 zwei auf der Auswertung umfangreichen Quellenmaterials basierende Aufsätze zu Einzelaspekten ihres Lebens und ihrer Ehe erschienen sind. Seit 2008 wurden vier Biographien veröffentlicht, zwei in Deutschland, eine in den USA von der Historikerin Ingrun Mann sowie eine in Amsterdam von der niederländischen Historikerin Femke Deen.

In die Erörterungen über eine Neubewertung der Prinzessin schalteten sich Vertreter des sächsischen Hochadels ein. Elmira von Sachsen (1930–2022), Ehefrau des 2012 verstorbenen Albert von Sachsen (1934–2012), zog aus den Erkenntnissen der 2013 von Hans-Joachim Böttcher verfassten Biografie den wohl nicht von vielen Historikern geteilten Schluss, „dass Anna – wäre sie als Knabe geboren – (…) der Griff nach der deutschen Kaiser-, zumindest der Königskrone“ möglich gewesen wäre und „die Geschichte Sachsens und Deutschlands, vielleicht sogar Europas sodann anders verlaufen wäre.“Böttcher, Vorwort S. 9.

Auch die Illustrierte Bunte meinte eine aktuelle Relevanz von Anna von Sachsen zu erkennen, allerdings mit einem gänzlich anderen erkenntnisleitenden Interesse als dem Verlauf der europäischen Geschichte: Das Blatt erklärte 2016 seinen Lesern in der Serie „Royals weltweit“ die „leidenschaftliche Sex-Affäre“ von Anna mit Jan Rubens und ihre grausamen Folgen.Anna von Sachsen († 1577). Nach Sex-Affäre lebendig eingemauert. Abgerufen am 14. April 2019. Dabei wurde die sächsische Prinzessin zu einer frühen Protagonistin weiblicher sexueller Selbstbestimmung stilisiert.

Hingegen warnte Ingrun Mann in der Biografie Anna of Saxony. The Scarlet Lady of Orange davor, Anna von Sachsen zu einer Ikone („poster-child“) der Frauenbewegung zu machen. Auf der einen Seite sei sie mutig und stark gewesen und habe die damals herrschende sexuelle Doppelmoral offen in Frage gestellt. Auf der anderen Seite habe sie Menschen niederen Standes mit abstoßender Arroganz behandelt und ihre Diener und Mägde blutig geschlagen.Mann, S. 2 Ähnlich wie Ingrun Mann sieht auch Femke Deen in Anna von Sachsen „eine intelligente und mutige Frau“, der es aber nicht gelang, mit den damals für Frauen geltenden „Grenzen, Normen und Konventionen umzugehen“.„Dat ze, hoe hoog geboren ook, nu eenmaal te maken had met grenzen, normen en conventies.“ Interview mit Femke Deen. In: de Volkskrant, 9. Oktober 2018.

Kindheit mini|Annas Eltern Moritz und AgnesDoppelporträt von Lucas Cranach d. J. (1559) mini|Verschwenderische Eleganz von Schloss Moritzburg, einem der Wohnsitze von Annas Kindheit.

Die Kindheitsjahre der Anna von Sachsen waren von unbeschreiblichem Luxus geprägt. Die Schlösser in Dresden und Moritzburg gehörten zu den wohlhabendsten Residenzen in ganz Europa und eine Heerschar von Dienern und Dienerinnen kümmerte sich um die kleine Anna, die mit sechs Jahren schon ihren eigenen Hofstaat hatte. Dass sie einziges Kind ihrer Eltern war, muss ihre privilegierte Position in ihrem eigenen Gefühl noch verstärkt haben.

Ingrun Mann, an der Universität von Arizona lehrende Historikerin, sieht in der verschwenderischen Pracht dieser Kindheitserfahrungen, als Anna wohl geglaubt habe, sie gehöre ebenfalls der Sphäre der die Wände verzierenden Halbgötter an, einen Schlüssel für das Verständnis ihres späteren Lebens:

Einen ersten Schicksalsschlag gab es, als Annas Vater Moritz von Sachsen 1553 in der Schlacht bei Sievershausen starb. Annas Mutter heiratete 1555 Johann Friedrich II. von Sachsen. Dessen Residenz in Weimar bot nicht ganz die Prachtentfaltung, die Anna vorher gewöhnt war, dafür aber einen ungewöhnlich freundlichen Stiefvater.

mini|Die Dresdener Residenz: Wohnsitz von Anna vor der Übersiedlung nach Breda. Schon ein halbes Jahr später, im November 1555, starb auch die Mutter Agnes. Die davon schwer getroffene Waise wurde vom Bruder ihres Vaters, Kurfürst August von Sachsen, zurück nach Dresden an seinen Hof geholt. Dort kam sie, nun elfjährig, in die Obhut ihrer Pflegemutter Anna von Dänemark, die August im Jahre 1548 geheiratet hatte.

mini|Annas Pflegemutter Anna von Dänemark als Kurfürstin von Sachsen Anna von Dänemark war eine Frau von unbändiger Energie und Tatkraft, aber auch von großer Strenge gegen andere wie gegen sich selbst. Sie hinterließ 25.000 Briefe, revolutionierte nebenbei die Landwirtschaft und war als Arznei- und Heilkundige europaweit bekannt und begehrt – ein Jahrhunderttalent.

Gegensätzlicher hätten die Charaktere nicht sein können, die hier mit Tante und Pflegetochter aufeinanderprallten. Die Gründe für die entbrennenden Konflikte werden in der Literatur unterschiedlich gesehen, mal sieht man in Anna ein Kind, das „schwer erziehbar“ und „exzentrisch“ war,Kruse, S. 13 mal wird die lutherisch strenge Erziehung angeführt, die auf ein traumatisiertes und zerbrechliches Kind traf.Mann, S. 35 Hinweise, dass Anna mit einer besonderen „Grausamkeit“ behandelt wurde, gibt es in den Quellen allerdings keine.

Die häusliche Bildung umfasste Bibelkunde, Lesen, Schreiben und Rechnen sowie diverse Handarbeiten. Musik und Tanz, mit denen sie später am Hofe von Wilhelm von Oranien konfrontiert wurde, gehörten wahrscheinlich nicht dazu. Anna hatte aber wohl Zugang zu den umfangreichen Bibliotheken ihrer Pflegeeltern, zu denen bei August auch Werke wie die Ritterromane des Amadis von Gallien gehörten, die später noch eine Rolle spielen sollten. Und bei aller sittlich strengen Erziehung gab es im Leben am Hof auch genug Zerstreuungen wie Ausflüge und Theateraufführungen.

Anna vermochte aber nicht, sich der Regentin zu fügen und vielleicht sogar von ihr zu profitieren, sondern schlug den Weg einer erbitterten Feindschaft ein – wie so oft in ihrem späteren Leben.

Die Suche nach einem Bräutigam Anna war eine reiche Erbin und kam aus einem der mächtigsten Fürstenhäuser im Reich. So kamen nur hochgestellte Bewerber als mögliche Ehepartner in Frage.

1556 scheiterte ein erstes Heiratsprojekt mit Erik, dem Sohn des schwedischen Königs Gustav Wasa, aber wohl eher aus politischen GründenMann, S. 40–41 auf Seiten der Schweden. Auch mit einigen anderen Kandidaten verliefen die Gespräche, die vor allem Annas Onkel August führte, zunächst erfolglos.

Annas Chancen waren eingeschränkt dadurch, dass man an den europäischen Höfen zwar ihren „großen Verstand“ kannte,Kruse, S. 12–13; Dönges, S. 129; Vetter, S. 51 aber auch über ihre Sturheit und ihren Jähzorn informiert war. Hinzu kamen ihr nicht gerade vorteilhaftes Aussehen und eine Behinderung (eventuell eine deformierte Schulter oder Hüfte). Sie sei „ungeschickten Leibes“.So Hans Kruse, S. 13

Ihre geringe Attraktivität führte zu Problemen bei der Suche nach einem Bräutigam, da es alleine schon schwierig war, ein passendes Porträt zu erstellen, wie es damals zur Werbung den in Frage kommenden Kandidaten vorgelegt wurde. Mal befand der Kurfürst, sie sei auf einem Gemälde „zu hübß und glatt“, mal sei das Bild hässlicher als die Portraitierte.Spies, S. 238 Der so gescholtene Künstler war immerhin Lucas Cranach der Jüngere.Der von Maike Vogt-Lüerssen auf den Titel ihres Print-on-Demand-Buches Anna von Sachsen platzierte Ausschnitt aus dem Gemälde Venus mit Amor zeigt nicht Anna von Sachsen als nackte, wunderschöne und verführerisch lächelnde Circe, zumal der Künstler Heinrich Bollandt, dem das Werk neuerdings zugeordnet wird, sie nie gesehen hat. Dass die Kunsthistoriker die nach Ansicht der Autorin von ihr entdeckte, wahrhaft Portraitierte nicht erkennen wollen, führt Frau Vogt-Lüerssen auf „Willkür“ der Gelehrten dieses Faches zurück, nicht auf ihre eigene.

Wilhelm von Oranien mini|Wilhelm von Oranien (1555) Dann trat Wilhelm von Oranien auf den Plan.

Wilhelm hatte mit seiner ersten Frau Anna von Egmont eine außergewöhnlich glückliche Ehe geführt. Heiratsverbindungen im Hochadel wurden prinzipiell aus Gründen der Sicherung und Ausweitung von Macht und Ansehen geschlossen und waren vergleichbar mit Verträgen zwischen „Staaten“, da die Heirat auch gegenseitige Erbschaftsansprüche bis hin zum Eintritt in landesherrliche Rechte über das gesamte Territorium begründen konnte.

Wie Briefe beider Ehepartner belegen, hatte sich jedoch zwischen Oranien und Anna von Egmont eine liebe- und respektvolle Beziehung entwickelt.Vetter 1987, S. 26–28 Anna von Egmonts früher Tod am 24. März 1558 war neben dem Ableben seiner Mutter Juliana von Stolberg 22 Jahre später mit das erschütterndste Ereignis im Leben des Wilhelm von Oranien.

Die durchaus reichliche Mitgift von Anna von Sachsen spielte nach Ansicht aller Historiker zwar eine nicht unerhebliche Rolle für Wilhelm von Oranien. Entscheidend war jedoch die Aussicht auf eine Verbindung mit den beiden einflussreichen Fürstentümern Sachsen und Hessen.Vetter 1987, S. 51

Anna selbst muss nach dem ersten Treffen mit Wilhelm zwar gewisse Zweifel gehabt haben, sich aber gleichfalls so verliebt haben, dass sie schrieb:

Außerdem war er auch für eine Prinzessin, die sogar „einen König hätte heiraten können“, wie sie sich später bitter beklagte, eine gute Partie. Als Herr von Oranien (der südfranzösischen Grafschaft Orange) war er souveräner Fürst und einer der wohlhabendsten Adeligen der reichen Niederlande.

Als die Pläne bekannt wurden, gab es heftigen Widerstand von fast allen Seiten. Der Grund: Wilhelm war zwar zunächst lutherisch aufgewachsen, aber nach seiner Übersiedlung in die Niederlande im Alter von zwölf Jahren katholisch erzogen worden. So wollten Annas Onkel Kurfürst August von Sachsen und ihr Großvater Landgraf Philipp von Hessen nicht, dass die damals 16-jährige Prinzessin den „Papisten“ in die Hände fiel. Und auf der anderen Seite erklärten die Berater von Philipp II., Katholiken sei die Ehe mit „Ketzern“ verboten.Kruse, S. 16

Ein weiteres Problem stellte die Tatsache dar, dass Wilhelm aus seiner Ehe mit Anna von Egmont bereits einen Sohn hatte, der vor Kindern mit Anna von Sachsen erbberechtigt war.