mini|hochkant|Esther Bejarano bei einer Kundgebung in Berlin-Köpenick gegen die rechtsextreme NPD, 2009 mini|hochkant|Esther Bejarano, 2018 Esther Bejarano (geboren als Esther Loewy am 15. Dezember 1924 in Saarlouis; gestorben am 10. Juli 2021 in HamburgRuhe in Frieden, Esther!, hinzundkunzt.de, abgerufen am 10. Juli 2021) war eine deutsche jüdische Überlebende des KZ Auschwitz-Birkenau. Mit Anita Lasker-Wallfisch und anderen spielte sie im Mädchenorchester von Auschwitz. Einige Jahre nach ihrer Befreiung durch die Alliierten, Emigration nach Israel und Rückkehr nach Deutschland engagierte sie sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Sie trat bis zu ihrem Tod noch aktiv im Internationalen Auschwitz-KomiteeOffener Brief an die Regierenden und alle Menschen, die aus der Geschichte lernen wollen, erstellt am 26. Januar 2020. und als Sängerin auf, ab 2009 vor allem mit der Rapgruppe Microphone Mafia aus Köln. Esther Bejarano schrieb u. a. mehrere autobiografische Romane. 2013 erschien im Hamburger Laika-Verlag ihre Biografie Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts, die autobiografische Kapitel enthält, aber auch ein Interview mit Antonella Romeo.

Leben Kindheit und Jugend Esther Loewy wurde als Tochter des aus Freienwalde stammenden Kantors und Lehrers Rudolf Loewy (1893–1941) und der aus Thüringen stammenden Lehrerin Margarete Loewy, geb. Heymann (1896–1941), in Saarlouis geboren. Ihr Vater war als Sohn des Juden Max Loewy und dessen nichtjüdischer Frau jüdisch erzogen worden. Er hatte Musik in Berlin studiert, konnte aufgrund einer Handverletzung im Ersten Weltkrieg jedoch die Pianistenkarriere nicht weiter verfolgen. Ihre Mutter war seine Klavierschülerin gewesen, die er 1916 heiratete. Esther war das Jüngste von fünf Geschwistern, wobei der jüngste Bruder Georg (*/† 1922) noch vor ihrer Geburt von einer Haushaltshilfe mit Essigessenz vergiftet wurde. 1925 zog die Familie innerhalb des damals vom Deutschen Reich abgetrennten Saargebietes nach Saarbrücken, da ihr Vater dort eine Stelle als Oberkantor angenommen hatte. Außerdem unterrichtete er an einigen Oberschulen jüdische Religion. Eine enge Bindung entwickelte sie zu ihrem Kindermädchen Katharina Schäfer, genannt Kätchen. Der Vater weckte früh ihr Interesse für Musik und sie lernte Klavierspielen. Bejarano beschrieb ihre Kindheit später als unbeschwert:

1934 begannen im Saargebiet die ersten antisemitischen Vorfälle. Nach dessen Rückgliederung in das Deutsche Reich als Ergebnis der Saarabstimmung im Jahr 1935 waren schnell auch im Haushalt Loewy die ersten Repressionen bemerkbar. Katharina Schäfer durfte nicht mehr bei der Familie wohnen bleiben, betreute sie aber noch weiter bis zum sogenannten „Blutschutzgesetz“, das „arischen“ Dienstmädchen unter 45 Jahren untersagte, für jüdische Familien zu arbeiten. Die jüdische Gemeinde in Saarbrücken begann zu schrumpfen, immer mehr Juden flohen aus dem Deutschen Reich. Rudolf Loewy, der sich selbst als Patriot sah und im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient und das Eiserne Kreuz, 1. Klasse erhalten hatte, hielt den Antisemitismus und den Nationalsozialismus zunächst nur für eine Phase und blieb deshalb mit seiner Familie in Deutschland. 1936 entschied er sich jedoch für einen Umzug nach Ulm, wo er eine neue Stelle als Kantor fand.

In der Nähe von Ulm besuchte Esther Loewy das Jüdische Landschulheim Herrlingen. Im jüdischen Kulturbund hatte sie mehrere Auftritte, sie sang und steppte wie Shirley Temple, sang aber auch deutsche Schlager und jüdische Lieder. 1937 wanderten die beiden ältesten Geschwister aus: ihr Bruder Gerhard (1916–1991) in die USA, die ältere Schwester Tosca (1918–2001) nach Palästina. Auch ihre zweite Schwester Ruth (1920–1942) ging ein Jahr später in ein Vorbereitungslager für eine Auswanderung nach Palästina. Damit blieb Esther Loewy alleine bei ihren Eltern, die nach Neu-Ulm zogen.

Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 verlor ihr Vater endgültig die Hoffnung auf eine Verbesserung der politischen Lage. Er wurde verhaftet, entkam einer Überweisung in das Konzentrationslager Dachau aber, da er als „Halbjude“ galt, und wurde drei Tage später aus dem Gefängnis entlassen. Nun bereitete er seine Familie auf eine schnelle Ausreise vor. Er bewarb sich in Zürich, wurde jedoch abgelehnt, da er als Sohn einer nichtjüdischen Mutter nicht als Jude akzeptiert wurde. Ohne Ersparnisse blieb die Familie zunächst in Ulm. Esther Loewys Schule wurde geschlossen und sie musste in die jüdische Volksschule wechseln. Dort war ihr Vater Lehrer, was die familiäre Beziehung belastete. Schließlich wurde ihr Vater nach Breslau versetzt. Esther Loewy kam nach Berlin und besuchte dort zunächst die Jugend-Aliah-Schule, anschließend das zionistische Vorbereitungslager für eine Auswanderung nach Palästina „Gut Winkel“ bei Spreenhagen, das der Jewish Agency for Israel gehörte. Als dieses geschlossen wurde, kam sie in ein weiteres Lager nach Ahrensdorf.

Der Kriegsbeginn verhinderte eine Ausreise. Im Juni 1941 wurden alle Auswanderungslager geschlossen und Loewy kam ins Landwerk Neuendorf, wo sie als Zwangsarbeiterin in einem Fleurop-Blumenladen in Fürstenwalde arbeiten musste. Diese Zeit betrachtete sie später trotz der zahlreichen Einschränkungen als schön. Ihre Arbeitgeber behandelten sie gut, zudem führte sie ihre erste ernsthafte Beziehung.Mitteilung Esther Bejarano (22. Juli 2014)

Ihre Eltern wurden im November 1941 in Kowno von den Nationalsozialisten ermordet, ihre Schwester Ruth, die in die Niederlande geflohen war, nachdem die Ausreise nach Palästina unmöglich geworden war, im Dezember 1942 in Auschwitz.Esther Bejarano bei Anne Will Zur Ermordung ihrer Eltern sagte sie später in einem Interview:

Mädchenorchester von Auschwitz Kurz darauf verschärften sich auch die Zustände im Landwerk Neuendorf sowie die Bestimmungen für die Arbeit im Blumengeschäft, wo sie nur noch im Lager arbeiten durfte. Im April 1943 wurde das Arbeitslager geschlossen und sie kam in das Berliner Sammellager in der Großen Hamburger Straße. Von dort wurde sie am 20. April 1943 nach Auschwitz deportiert. Dort erhielt sie die Häftlingsnummer 41948, die ihr tätowiert wurde.Esther Bejarano, Birgit Gärtner: Wir leben trotzdem: Esther Bejarano. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Künstlerin für den Frieden. Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2004, ISBN 3-89144-353-6, S. 79. In den 1980ern ließ sie sich die Tätowierung entfernen. In Auschwitz musste sie in einem Arbeitskommando Steine schleppen. Für einige Blockälteste trug sie Lieder von Schubert, Mozart oder Bach vor und erhielt so zusätzliche Essensrationen. Die Blockältesten schlugen sie daher für das im Aufbau befindliche Mädchenorchester von Auschwitz vor. Sie wurde als Akkordeonspielerin verpflichtet, da es kein Klavier gab. Die Anordnung der Tasten auf der rechten Seite des Akkordeons waren wie beim Klavier, die mit den Knöpfen auf der linken Seite zu spielenden Bässe waren ihr allerdings fremd. Hilfreich war der Knopf, der mit C-Dur markiert war, da sie daraus die anderen Bässe ableiten konnte.Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano: Die Musik rettete ihr das Leben. Innerhalb weniger Minuten lernte sie, Akkordeon zu spielen, ohne jemals ein solches Instrument vorher in der Hand gehabt zu haben, und so spielte sie auf Anhieb beim Vorspielen den Schlager Bel Ami. Esther Loewy gehörte zur ersten Besetzung mit unter anderem Hilde Grünbaum und Sylvia Wagenberg unter der ersten Dirigentin Zofia Czajkowska sowie unter Alma Rosé. Das Orchester musste u. a. zum täglichen Marsch der Arbeitskolonnen durch das Lagertor spielen. Für Esther Loewy bedeutete das Orchester Verschonung von der Zwangsarbeit sowie eine bessere Versorgung mit Essen und Kleidung. In der Darstellung des Orchesters widerspricht sie in vielen Punkten der Beschreibung von Fania Fénelon in deren autobiografischem Roman. So sprach sie von einer großen Solidarität unter den „Mädchen“ und auch innerhalb des Lagers. Zudem gab sie an, das Orchester habe auch bei den Selektionen an den Rampen gespielt.

Esther Loewy erkrankte anschließend an Bauchtyphus und wurde auf die Krankenstation verlegt. Auf Betreiben des SS-Hauptscharführers Otto Moll wurde sie in die christliche Krankenstation verlegt, wo sie eine bessere Versorgung erhielt und deshalb wieder gesundete. Als sie nach vier Wochen zurückkam, war ihr Platz als Akkordeonspielerin jedoch belegt; so wechselte sie an die Blockflöte. Sie erkrankte kurz darauf an Keuchhusten und anschließend an Avitaminose. Nach einem halben Jahr im Orchester wurden Juden mit „arischem Blut“ in Auschwitz gesucht, Loewy meldete sich und wurde als „Viertelarisch“ anerkannt. Sie wurde zusammen mit etwa 70 anderen Frauen im November 1943 ins KZ Ravensbrück verlegt.

KZ Ravensbrück und Befreiung In Ravensbrück erhielt sie die Häftlingsnummer 23139.Esther Bejarano, Birgit Gärtner: Wir leben trotzdem: Esther Bejarano. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Künstlerin für den Frieden. Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2004, ISBN 3-89144-353-6, S. 86. Sie wurde zunächst vier Wochen unter Quarantäne gestellt und dann in einen der regulären Blöcke verlegt. Dort wurde sie als Zwangsarbeiterin im Siemenslager Ravensbrück verpflichtet, wo sie Montagearbeiten durchführen musste. In ihren Erinnerungen gibt sie an, dort auch Sabotage unternommen zu haben, indem sie bewusst die Schalter falsch zusammenbaute.

Nach zwei Jahren Zwangsarbeit wurde ihr im Januar 1945 der Judenstern abgenommen und sie erhielt einen roten Winkel, der eigentlich die politischen Gefangenen kennzeichnete. So konnte sie sich die Zeit des Endkampfs erträglicher gestalten. Sie durfte Essenspakete und Kleidung erhalten und hatte mehr Freiheiten im Lager.

Als die Alliierten immer näher rückten, war Loewy gezwungen, an den berüchtigten Todesmärschen von KZ-Häftlingen teilzunehmen. Von Ravensbrück ging es zum KZ-Außenlager Malchow und dann weiter von der Front weg. Zwischen Karow und Plau am See konnte sie zusammen mit Freundinnen fliehen. Am 3. Mai 1945 erlebte sie in Lübz die Befreiung durch US-amerikanische Truppen. Dann kam sie nach Lüneburg in ein Displaced Persons Camp und suchte nach Möglichkeiten, aus Deutschland auszureisen. Der Weg führte sie zunächst nach Bergen-Belsen, wo sie auch erfuhr, dass ihre Eltern ermordet worden waren. Lebende Verwandte konnte sie in Deutschland nicht finden. Zusammen mit Freundinnen trampte sie nach Frankfurt am Main und recherchierte dort die Adresse ihres Bruders, der in der US-amerikanischen Armee gekämpft hatte, verwundet worden war und nun in den Vereinigten Staaten lebte. Ihre Schwester Tosca hatte ebenfalls den Krieg überlebt und war in Palästina ansässig. So entschloss sie sich zur Ausreise.

Sie lebte danach einige Wochen mit etwa 70 anderen KZ-Überlebenden, darunter auch Karla Wagenberg, einem weiteren Mitglied des Mädchenorchesters von Auschwitz, auf dem Gehringshof bei Fulda. Der Gehringshof wurde von seinen Bewohnern auch Kibbuz Buchenwald genannt und diente der Vorbereitung auf die Auswanderung.

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