Die F. Wöhlert’sche Maschinenbau-Anstalt und Eisengiesserei Actien-GesellschaftOffizielle Schreibweise gem. eigenen Wertpapieren; vgl. z. B. gutowski.de war ein bedeutender Hersteller von Lokomotiven, Werkzeugmaschinen, Eisengusswaren, landwirtschaftlichem Gerät, Dampfwagen und Eisenkonstruktionen im 19. Jahrhundert. Das Unternehmen ging aus der F. Wöhlert’schen Maschinenbau-Anstalt hervor.
Friedrich Wöhlert
mini|Zeichnung der ersten Dampflokomotive von Borsig (1840)
Johann Friedrich Ludwig Wöhlert (1797–1877) stammte aus Kiel. Er absolvierte eine Lehre als Tischler, ging 1818 nach Berlin und arbeitete bis 1836 für die Neue Berliner Eisengießerei von Franz Anton Egells (1788–1854). Wöhlert war befreundet mit August Borsig (1804–1854), den er hier kennen gelernt hatte. Nachdem sich Borsig 1836 selbstständig gemacht hatte, holte er Wöhlert bald als Werkmeister in die A. Borsig’sche Eisengießerei- und Maschinenbau-Anstalt. Wöhlert war von 1837 bis 1841 hier tätig und auch am Bau der ersten Lokomotive von Borsig beteiligt. Danach übernahm er die Position des Leiters der Berliner Niederlassung der Königlich Preußischen Eisengießerei, ihrerseits eine Tochtergesellschaft der Preußischen Seehandlungs-Societät.
Unternehmensgeschichte F. Wöhlert’sche Maschinenbau-Anstalt mini|Gebäude der Berliner Wasserwerke mit feuerfestem Dachstuhl, abgebildet 1858 in der Gartenlaube
Das Unternehmen wurde 1842 oder 1843 als F. Wöhlert’sche Maschinenbau-Anstalt gegründet. Das Domizil war an der Chausseestraße,Die meisten Quellen nennen die Hausnummer 29; gemäß albert-gieseler.de Chausseestraße 35/36 und luise-berlin.de Nr. 36/37 Oranienburger Vorstadt (heute Berlin-Mitte). Das Gebiet wurde vom Volksmund wegen seiner zahlreichen mit Dampf betriebenen Industrieanlagen auch Feuerland genannt. Wöhlerts Maschinenbau-Anstalt befand sich sowohl in der Nähe der Borsig’schen Fabrik (Chausseestraße 1) wie auch der Egells’schen Eisengießerei (Chausseestraße 3–4). 1852 bezog die neu gegründete Eisengießerei und Maschinen-Fabrik L. Schwartzkopff ihr Verwaltungsgebäude an der Chausseestraße 19–20.
Bei der Finanzierung half Wöhlert die Preussische Seehandlungs-Societät, hinter der, wie erwähnt, der preußische Staat stand. Das Unternehmen profitierte also von staatlichen Vergünstigungen. Diese Förderung der Maschinenindustrie wurde vor allem vom Leiter des königlich preußischen Gewerbeinstituts, Christian Peter Wilhelm Friedrich Beuth (1781–1853), vorangetrieben, der zuvor auch Egells und andere unterstützt hatte. Preußen versprach sich davon den Anschluss an die damals führende britische Dampftechnologie; bei Egells zeigt sich, dass man dabei auch vor Industriespionage nicht zurückschreckte.
Zunächst wurden bei Wöhlert Werkzeugmaschinen, Dampfmaschinen, dampfbetriebene Pumpen, Dampfhämmer, Kräne, Mühleneinrichtungen und Destilliergeräte hergestellt. Mit der Eröffnung einer eigenen Eisengießerei 1844 kamen auch Eisenkonstruktionen hinzu. 1846 nahm der erste eigene Dampfhammer den Betrieb auf und bereits im folgenden Jahr wurde ein weiterer eingeweiht. Nun konnten auch Gussstücke im Auftrag, Reedereibedarf, ganze Brückenteile und feuerfeste Dachkonstruktionen gefertigt werden. Sogar gusseiserne Kanonen, Sägemühlen und Eisenbahnbedarf wie Weichen oder Drehscheiben verließen zeitweilig das Wöhlert-Werk.
1850 wurde eine Landmaschinenproduktion angegliedert, die an der Chausseestraße 50 untergebracht und von G. Beermann geleitet wurde. Wöhlert hatte auch in diesem Bereich ein breites Angebot vorzuweisen.
Ein eindrückliches Beispiel für Wöhlert’sche Eisenkonstruktionen muss der feuerfeste Dachstuhl des 1856 eingeweihten Neubaus der Berliner Wasserwerke am Stralauer Tor gewesen sein, dessen Pumpen mit Dampfkraft betrieben wurden. Bei Wöhlert entstand aber auch Eisenkunstguss für Bürgerhäuser oder Sakralbauten, etwa das Kreuz der Kirche von Hangelsberg (Brandenburg), wo Friedrich Wöhlert seinen Sommersitz hatte.
Lokomotiven mini|Wöhlert Schnellzuglokomotive 2A der Hannoverschen Staatsbahn, Betriebsnummer 136 (1855)
Natürlich wollte auch Friedrich Wöhlert Lokomotiven bauen, sobald er die Möglichkeit dazu bekam. 1844 begann die Produktion von Schlepptendern und ab 1846 übernahm Wöhlert Aufträge zur Modernisierung und Wartung von Lokomotiven.
1848 verließ die »Marschall Vorwärts« (benannt nach dem Fürsten Gebhard Leberecht von Blücher) als erste das Werk. Abnehmer dieser Dampflokomotive vom Typ Crampton mit der Achsfolge 1A1 war die Mecklenburgische Eisenbahngesellschaft.
Die zweite Lok entstand erst 1851. In diesem Jahr kam Hermann Gruson (1821–1895) als Oberingenieur in die Lokomotivabteilung. Bis 1853 entwarf er Lokomotiven mit der Achsfolge 1A1, 2A (Crampton), 1B und vor allem C. Unter Gruson war auch der spätere Maschinenbauunternehmer Rudolf Ernst Wolf (1831–1910) als Volontär beschäftigt und unter anderem im Lokomotivbau tätig.
Wöhlert spezialisierte sich auf normalspurige und leistungsstarke Lokomotiven. Der Verkauf dieser hochwertigen, aber gegenüber Konkurrenzprodukten, etwa von Borsig, zu teuren Lokomotiven verlief schleppend. Es scheint, dass sich Wöhlert deshalb von Gruson und seinen engeren Mitarbeitern (wie Wolf) trennte. 1857 konnte keine einzige Lok verkauft werden.
Wöhlert entwickelte ein Verfahren zum Verschweißen schmiedeeiserner Räder und fand dafür einen Markt. Zudem produzierte das Unternehmen Räder für Waggon-Hersteller ohne eigene Gießerei.
Die Krise in den 1850er Jahren konnte überwunden werden und ab 1860 verkauften sich die Lokomotiven in zunehmender Zahl. Wöhlert beschäftigte 1864 rund 800 Arbeiter, um 1870 waren es über 1000. In diesem Jahr wurden 90 Lokomotiven produziert. Im Schnitt entstand zwischen 1870 und 1873 jeden zweiten Tag eine neue Lokomotive. Die größte Stückzahl, je nach Quelle 130 oder 151 Exemplare, verließ 1874 das Werk. Beschäftigt waren nun rund 2000 Mitarbeiter. Wöhlert-Loks wurden in den kommenden Jahren auch nach Russland und Österreich verkauft.
Absatzschwierigkeiten mini|Wöhlert Lokomotive der Ungarischen Staatsbahn (MAV 341.012) im Bahnpark Budapest, wahrscheinlich 1882 ausgeliefert. Aufnahme von 2007
Nach diesen Spitzenzeiten kam es neuerlich zu einem starken Absatzeinbruch im Lokomotivbau. Bereits 1876 wurde die Produktion zurückgefahren und Kurzarbeit eingeführt.
Bis zur Einstellung der Lokomotivproduktion 1882 entstanden noch 94 Lokomotiven; 1880 wurde nur eine einzige gebaut, 1881 wahrscheinlich gar keine. 1882 scheinen immerhin zehn Lokomotiven an die Ungarische Staatsbahn ausgeliefert worden zu sein.
Angaben zu den Fabriknummern 712–727 sind nicht überliefert. Außer für Lokomotiven können diese Nummern auch für andere Produkte, etwa aus der noch 1880 erworbenen Elbinger Waggonfabrik in Elbing (Ostpreußen) verwendet worden sein. Wöhlert experimentierte auch mit schienenlosen Dampfwagen, überwiegend nach einem französischen Patent.
Aktiengesellschaft und „Gründungsschwindel“
mini|Prioritäts-Aktie über 600 RM der F. Wöhlert’sche Maschinenbau-Anstalt und Eisengiesserei AG vom 7. November 1881 1870, also zu Beginn der Hochindustrialisierung in Deutschland, war im Königreich Preußen ein gelockertes Aktienrecht in Kraft getreten. Dies löste in Verbindung mit einer Geldflut aus Reparationszahlungen Frankreichs nach dessen Niederlage im Krieg von 1870/1871 und einer allgemeinen wirtschaftlichen Euphorie einen wahren Boom von „Gründungen“ aus. Damit wurde die formal legale Reorganisation eines bestehenden Unternehmens als Aktiengesellschaft (AG) bezeichnet. Allein in Preußen wurden zwischen 1871 und 1872 etwa 780 Aktiengesellschaften „gegründet“, weit mehr als doppelt so viele wie zwischen 1790 und 1870. Oft werden diese Praktiken mit dem „Eisenbahnkönig“ Bethel Henry Strousberg (1823–1884) in Verbindung gebracht; im „Fall“ Wöhlert ist kein direkter Bezug nachgewiesen, die angewendeten Methoden ähnelten sich jedoch.
Das revidierte Aktiengesetz von 1870 wies einige schwerwiegende Mängel zum Nachteil der Anleger auf. Skandale ließen nicht lange auf sich warten. In der Summe waren die unseriösen „Gründungen“ auch volkswirtschaftlich schädlich, weil der Handel mit diesen Papieren den Wert der Gesellschaften künstlich aufblähte und eine Spekulationsblase entstand. Letztlich waren sie eine der Ursachen für den Gründerkrach von 1873, mit einer darauf folgenden, langen Wirtschaftskrise, genannt die Große Depression.
Von dieser Art Beutelschneiderei war 1872 auch die F. Wöhlert’sche Maschinenbau-Anstalt und Eisengiesserei betroffen. Friedrich Wöhlert, mittlerweile 75 Jahre alt, gesundheitlich angeschlagen und ohne Nachfolger, hatte in den Verkauf seines Unternehmens eingewilligt. Als „Vorkäufer“, also Investoren, die das Unternehmen zum Zweck erwarben, es in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, traten die einschlägig bekannten Hermann Geber und Consorten auf. Sie bezahlten einen offenbar stark überhöhten Preis für das Unternehmen und Friedrich Wöhlert zeigte sich danach großzügig:
Geber und Consorten brachten im Februar 1872 den zu dieser Zeit immer noch gut gehenden Betrieb mit Hilfe von Richard Schweder, dem Vorstandsvorsitzenden der Preußischen Boden-Credit-Actien-Bank, an die Börse.Schweder wird von Glagau immer wieder mit Gründungen in Verbindung gebracht; vgl. auch Die Gartenlaube: Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin/4. Die „Prospecte“. S. 170. Die neuen Eigentümer legten Aktien im Nominalwert von fast zehn Millionen Mark auf. Das war noch einmal deutlich mehr als sie selber für das Unternehmen bezahlt hatten. Üblicherweise erhielt auch der mit dem Börsengang beauftragte Bankier eine hohe „Entschädigung“ für seine Bemühungen, die ebenfalls durch die Aktienkäufe aufgebracht wurde. Es überrascht nicht, dass die Manipulationen um diese Wertpapieremission dazu führten, dass der Nominalwert aller ausgegebenen Aktien den Wert des „gegründeten“ Unternehmens beträchtlich überstieg. Begleitet wurde das Spekulationsgeschäft von einem bis ins Detail ausgefeilten Emissionsprospekt und von Marketingmaßnahmen wie einer gesteuerten, wohlwollenden Berichterstattung in den Zeitungen.
Ob auch bei Wöhlert, wie in vielen anderen Fällen zuvor, versucht wurde, die Aktien auch noch über pari zu platzieren, ist nicht bekannt. Jedenfalls verlief diese „Gründung“ ganz und gar nicht reibungslos. Aufgelegt in einer Zeit, in welcher der Aktienhandel noch blühte und es regelmäßig zu Überzeichnungen kam, hatte Geber bereits Mühe gehabt, die Wöhlert-Aktien abzusetzen. Von Ende 1874 bis Ende 1875 berichtete der Journalist Otto Glagau (1834–1892) in einer kritisch-bissigen Artikelserie für die Zeitschrift Die Gartenlaube über den Gründerschwindel, seine Akteure und die volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Dabei nannte er mehrfach auch die Wöhlert-Emission; diese wurde nicht zuletzt deswegen auch ein Fall für die Justiz. Die Staatsanwaltschaft nahm gegen den Verfasser des Emissionsprospekts Ermittlungen auf. Ins Visier geriet auch der prominente Anwalt und Reichstagsabgeordnete Karl Joseph Wilhelm Braun (1822–1893), dessen Name ebenfalls von Glagau ins Spiel gebracht worden war. und der gemäß dieser Quelle an etlichen weiteren „Gründungen“ beteiligt war. Keiner der Unterzeichner des Emissionsprospekts oder anderweitig an der Ausgabe der Wöhlert-Aktien Beteiligten wurde letztlich zur Verantwortung gezogen; im Falle des Emissionsprospekts „einigte“ man sich darauf, dass ein bereits Verstorbener die Verantwortung getragen hätte. Im Nachhinein erwies sich der „Fall Wöhlert“ als einer der bedeutenderen „Gründer“-Skandale.
Weitere Schwierigkeiten Friedrich Wöhlert blieb nach dem Verkauf seines Unternehmens für kurze Zeit Aufsichtsratsvorsitzender. Nach dem Börsengang hielt der Aufschwung des Unternehmens nur noch kurze Zeit an. Als er 1877 verstarb, befand es sich bereits in einem Abwärtstrend, der sich noch dramatisch verschärfen sollte. Es kam zu Kurzarbeit in Teilen der Produktion, von der 450 Arbeiter betroffen waren.