Abū Muhammad al-Aschʿath ibn Qais al-Kindī (; * ca. 599; † 5. März 661 in Kufa) war der letzte König aus dem arabischen Stamm der Kinda im Hadramaut und spielte eine wichtige Rolle in der frühen Geschichte des Islams. Nachdem er sich im Jahre 631 dem Propheten Mohammed angeschlossen hatte, führte er während der Ridda-Kriege den Widerstand der Kinda gegen die muslimischen Truppen von Medina an, wurde von diesen jedoch besiegt und gefangen genommen. Von Abū Bakr begnadigt, nahm er unter ʿUmar ibn al-Chattāb an den wichtigsten arabischen Eroberungsschlachten teil und ließ sich mit seinem Stammesgefolge in der neu gegründeten Lagerstadt Kufa nieder. Während des Kalifats von ʿUthmān ibn ʿAffān, mit dem er freundschaftlich verbunden war, fungierte er als Statthalter von Aserbaidschan. Nach der Schlacht von Siffin drängte er ʿAlī ibn Abī Tālib dazu, das von Muʿāwiya I. vorgeschlagene Schiedsgericht zu akzeptieren, was die Abspaltung der Charidschiten hervorrief. Schiitische Quellen verdächtigen ihn, an dem Komplott zur Ermordung ʿAlīs beteiligt gewesen zu sein. Allgemein wurde al-Aschʿath und seiner Familie nachgesagt, eine Neigung zum Verrat zu haben.
Al-Aschʿaths eigentlicher Name (ism) war Maʿdīkarib. Den Laqab-Beinamen al-Aschʿath („der Struppige, Zerzauste“) soll er erhalten haben, weil er stets ungekämmt war.Vgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. Bd. II, S. 38. Aufgrund seines Kontaktes zum Propheten Mohammed wird al-Aschʿath den Sahāba zugerechnet.Vgl. Ibn Saʿīd al-Maġribī: Našwat aṭ-ṭarab fī ǧāhilīyat al-ʿArab. Ed. Nuṣrat ʿAbd ar-Raḥmān. Maktabat al-Aqṣā, Amman, 1992. S. 264. Digitalisat
Abstammung und Stellung innerhalb des Stammes Kinda Al-Aschʿath gehörte dem Zweig der Banū Muʿāwiya ibn Kinda an, der neben den Banū Aschras einen der beiden Zweige der Kinda darstellte. Die Banū Muʿāwiya ibn Kinda waren derjenige Zweig des Stammes, dem die gekrönten Könige (al-mulūk al-mutauwaǧūn) der Kinda entstammten. Nach al-Hamdānī haben die Banū Muʿāwiya insgesamt siebzig gekrönte Könige hervorgebracht, von denen al-Aschʿath der letzte war.Vgl. al-Hamdānī: Kitāb Ṣifat ǧazīrat al-ʿarab. Ed. D.H. von Müller. Brill, Leiden, 1884. S. 88f. Digitalisat
Die Banū Muʿāwiya gliederten sich zur Zeit von Aschʿath in zwei bedeutende Untergruppen, die Banū l-Hārith ibn Muʿāwiya und die Banū ʿAmr ibn Muʿāwiya. Erstere wurden durch den Clan der Banū Dschabala angeführt, letztere durch die vier Brüder der Banū Walīʿa, die im Hadramaut verschiedene Talgründe besaßen und als „die vier Könige“ (al-mulūk al-arbaʿa) bezeichnet wurden.Vgl. al-Balādhurī: Kitāb Futūḥ al-Buldān. 1866. S. 101. Dt. Übers. O. Rescher S. 101. Al-Aschʿath gehörte in väterlicher Linie den Banū Dschabala an.Vgl. Caskel: Ǧamharat an-nasab. 1966, Bd. II, S. 381a. Während die meisten arabische Quellen nur davon berichten, dass die Banū Dschabala die Führerschaft (riʾāsa) über die Banū l-Hārith ibn Muʿāwiya innehatten, geben andere an, dass sie seit der Zeit von al-Aschʿaths Großvater Maʿdīkarib ebenfalls den Königstitel führten.So zum Beispiel Ibn Saʿīd al-Maġribī: Našwat aṭ-ṭarab fī ǧāhilīyat al-ʿArab. Ed. Nuṣrat ʿAbd ar-Raḥmān. Maktabat al-Aqṣā, Amman, 1992. S. 264. Digitalisat Nach Ibn Abī Usaibiʿa war al-Aschʿaths Vater Qais ibn Maʿdīkarib sogar König über den gesamten Stamm Kinda. Diese Angabe muss jedoch angezweifelt werden, weil es zu seiner Zeit mit den Banū Walīʿa mindestens noch vier andere Könige bei den Kinda gab.Vgl. Lecker: “Kinda on the eve of Islam”. 1994, S. 346f.
Sowohl al-Aschʿaths Vater als auch dessen Schwester Warda waren Juden. Das Judentum war zu jener Zeit unter den Kinda und im Jemen allgemein stark verbreitet. Deswegen vermutet Michael Lecker, dass auch al-Aschʿath selbst ursprünglich Jude war.Vgl. Lecker: “Judaism among Kinda”. 1995, S. 642. Dafür spricht auch, dass ʿAlī ibn Abī Tālib einmal al-Aschʿath im Zorn als „Juden“ bezeichnet haben soll.Vgl. Sayed: Die Revolte des Ibn al-Ašʿaṯ. 1977. S. 113.
Al-Aschʿaths Mutter Kabscha bint Yazīd gehörte den Banū ʿAmr ibn Muʿāwiya an und war eine Nachfahrin des kinditischen Königs Hudschr Ākil al-Murār.Vgl. Lecker: “Kinda on the eve of Islam”. 1994, S. 348. Al-Aschʿath heiratete selbst später in die Banū ʿAmr ibn Muʿāwiya ein, indem er die Tochter von einem der Banū-Walīʿa-Könige ehelichte. Seine Frau war die Tochter von Dschamd ibn Maʿdīkarib ibn Walīʿa.Vgl. Lecker: “Kinda on the eve of Islam”. 1994, S. 350.
Als Nasab geben die arabischen Quellen für al-Aschʿath an: al-Ashʿath ibn Qais ibn Maʿdīkarib ibn Muʿāwiya ibn Dschabala ibn ʿAdī ibn Rabīʿa ibn Muʿāwiya al-Akramūn ibn al-Hārith ibn Muʿāwiya ibn Thaur ibn Murtaʿ ibn Muʿāwiya ibn Kinda.Vgl. Caskel: Ǧamharat an-nasab. 1966, Bd. I, Tafel 236 und aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. Bd. II, S. 37.
Leben Der Loskauf von den Bal-Hārith Al-Aschʿath begann seine militärische Karriere mit einem Rachefeldzug gegen die Banū Murād aus dem Stamm der Madhhidsch, die seinen Vater getötet hatten, stieß aber unterwegs mit den Bal-Hārith (Banū l-Hārith ibn Kaʿb), einem anderen Zweig der Madhhidsch, zusammen, wurde von ihnen gefangen genommen und musste sich mit einer großen Anzahl von Kamelen freikaufen.Vgl. Caskel: Ǧamharat an-nasab. 1966, Bd. II, S. 381a. Die meisten Quellen sprechen von 3.000 Kamelen und betonen, dass es die größte Anzahl von Kamelen war, die jemals zum Loskauf eines Arabers verwendet wurdeVgl. Ibn al-Kalbī: Nasab Maʿadd wa-l-Yaman al-Kabīr. Ed. Nāǧī Ḥasan. ʿĀlam al-kutub, Beirut, 1988. Bd. I, S. 146. und der dreifachen Anzahl, die sonst für einen Stammeskönig aufgewendet wurde, entsprach.Vgl. Ibn Qutaiba: Kitāb al-Maʿārif. Ed. Ṯarwat ʿUkkāša. Dār al-Maʿārif, Kairo, 1969. S. 555f. Dieser hohe Betrag, den man für al-Aschʿath entrichtete, wurde sprichwörtlich.Vgl. Lecker: “Judaism among Kinda”. 1995, S. 640.
Delegationsreise nach Medina Im Jahre 10 der Hidschra (= 631 n. Chr.) kam al-Aschʿath mit einer Delegation der Kinda zu Mohammed in Medina und nahm den Islam an. Während die meisten Quellen angeben, dass al-Aschʿath die Delegation anführte, heißt es in einem Bericht, der auf al-Aschʿath selbst zurückgeht, dass man ihn nicht als die hochrangigste Person der Gruppe betrachtete.Vgl. at-Tabarānī: al-Muʿǧam al-kabīr. Bd. I, S. 235. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass, wie aus anderen Quellen hervorgeht,Vgl. z. B. Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Ed. E. Sachau. 9 Bde. Leiden 1904–1940. Bd. V, S. 7, Z. 3–4 Digitalisat. neben ihm auch die Banū Walīʿa, die vier königlichen Brüder, die die Banū ʿAmr ibn Muʿāwiya, anführten, der Delegation angehörten. Sie standen auf einer noch höheren Stufe als er, auch wenn er zu dieser Zeit bereits gekrönt (mutauwaǧ) war, wie in den im 8. Jahrhundert kompilierten Mufaddalīyāt berichtet wird.Vgl. The Mufaḍḍalīyāt, an anthology of ancient Arabian odes, compiled by al-Mufaḍḍal, son of Muḥammad. Ed. J. Ch. Lyall. Clarendon Press, Oxford, 1921. Bd. I, S. 441, Z. 4 Digitalisat.
Über die Größe der Delegation gibt es unterschiedliche Angaben. Während Muhammad ibn Saʿd unter Berufung auf Ibn Schihāb az-Zuhrī (gest. 742) angibt, dass es nur einige mehr als zehn waren,Vgl. Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1904–1940. Bd. I/2, S. 44. umfasste die Delegation nach Ibn Ishāq 80 Berittene.Vgl. Ibn Hišām: Kitāb Sīrat Rasūl Allāh. 1858-59, S. 953. Die Männer machten dem Propheten in prunkvollem Aufzug in der Moschee von Medina die Aufwartung: Sie hatten ihre Haare frisiert und die Augenlider mit Antimon (kuḥl) bestrichen und trugen lange Obergewänder aus Goldbrokat mit Palmblattmustern und Kapuzen, die mit Seide gesäumt waren.Vgl. Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1904–1940. Bd. I/2, S. 44. Es wird berichtet, dass Mohammed die Delegation bei dieser Gelegenheit auf das islamische Verbot, Seide zu tragen, erinnert habe. Die Männer sollen daraufhin die Kapuzen von ihren Gewändern abgetrennt haben.Vgl. Ibn Hišām: Kitāb Sīrat Rasūl Allāh. 1858-59, S. 953.
Ibn Hischām berichtet, dass al-Aschʿath bei dieser Begegnung Mohammed ebenfalls eine Abkunft von seinem mütterlichen Vorfahren Ākil al-Murār zuschrieb. Mohammed soll diese Versuche, eine genealogische Gemeinsamkeit zwischen ihm und den Kinda herzustellen, jedoch mit einem Lächeln zurückgewiesen und geantwortet haben, dass sich zwar sein Onkel al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib und sein Cousin Rabīʿa ibn al-Hārith auf ihren Handelsreisen durch Arabien mit einer Zugehörigkeit zu den Kinda gebrüstet hätten, er jedoch seine wahre Herkunft nicht verleugne. Mohammed wird in diesem Zusammenhang mit den Worten zitiert: „Nein, wir sind die Nachkommen von an-Nadr ibn Kināna (= Quraisch). Die Abkunft unserer Mutter verfolgen wir nicht, fallen aber auch nicht von unserem Vater ab.“Vgl. Ibn Hišām: Kitāb Sīrat Rasūl Allāh. 1858-59, S. 953.
Bei dem Besuch wurden auch Heiratsallianzen geschmiedet: Al-Aschʿath bot Mohammed seine Schwester QutailaZum Namen vgl. Maʿmar ibn Muṯannā Abū ʿUbaida: Tasmiyat azwāg an-nabī wa-aulādi-hī. Ed. in Maǧallat Maʿhad al-maḫṭūṭāt 13 (1967) 272. Digitalisat zur Ehe an, und Mohammed nahm das Angebot an.Vgl. Muḥammad ibn Ḥabīb: al-Muḥabbar. Ed. Ilse Lichtenstädter. Dār al-Āfāq al-Ǧadīda, Beirut, ca. 1985. S. 94f. Umgekehrt gab Abū Quhāfa, der Vater Abū Bakrs, al-Aschʿath seine Tochter Umm Farwa, die blind war, zur Frau.Vgl. Lecker: “Kinda on the eve of Islam”. 1994, S. 353. Allerdings ließ er nicht zu, dass al-Aschʿath sie in den Jemen mitnahm.Vgl. Ibn ʿAsākīr: Tāʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 135. Nach dem Bericht von Ibn Saʿd machte Mohammed außerdem den Mitgliedern der Delegation, als diese zur Rückreise aufbrachen, Geschenke: al-Aschʿath erhielt zwölf Unzen Gold, die anderen Mitglieder der Delegation jeweils zehn.Vgl. Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1904–1940. Bd. I/2, S. 44.
Mohammed stellte al-Aschʿath und den Banū Walīʿa mit Ziyād ibn Labīd al-Baiyādī, der zu den Ansār gehörte, einen eigenen Statthalter an die Seite, der sie in den Hadramaut begleitete.Vgl. Abū Hilāl al-ʿAskarī: al-Awāʾil. 1408h, S. 309 und Ibn Abī l-Ḥadīd: Šarḥ Nahǧ al-balāġa. 2001, Bd. I, S. 185. Nach seiner Rückkehr in den Hadramaut stattete al-Aschʿath seine Schwester zur Heirat mit Mohammed aus und trat die Reise nach Medina an, um sie ihm zuzuführen. Noch bevor er den Jemen verlassen hatte, erreichte ihn jedoch die Nachricht vom Tode des Propheten, so dass er sie zurückbrachte.Vgl. Muḥammad ibn Ḥabīb: al-Muḥabbar. Ed. Ilse Lichtenstädter. Dār al-Āfāq al-Ǧadīda, Beirut, ca. 1985. S. 95.
In verschiedenen Quellen ist davon die Rede, dass Mohammed auch einen Rechtsstreit entschied, an dem al-Aschʿath beteiligt war. Hierbei ging es um den Besitz eines Tales im Hadramaut. Prozessgegner von al-Aschʿath war Wā'il ibn Hudschr, ein anderer südarabischer Stammeskönig. Mohammed soll diesen Streit nach Anhörung verschiedener Augenzeugen zugunsten von Wā'il entschieden haben.Vgl. al-Madʿaj: The Yemen in early Islam. 1988, S. 12. Al-Aschʿath wird mit der Aussage zitiert, dass dieser Rechtsstreit der Offenbarungsanlass für das Koranwort in Sure 3:77 gewesen sei: „Siehe, diejenigen die Gottes Bund und ihre Eide um geringen Preis verkaufen, die haben am Jenseits keinen Anteil.“Vgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. Bd. II, S. 38.
Untergang der Banū Walīʿa und (zweite) Krönung von al-Aschʿath