Kamp Erika (auch Kamp Ommen, später Kamp Erica) war während des Zweiten Weltkriegs ein durch Niederländer geführtes Lager unter Kontrolle der deutschen Besatzungsmacht in der Nähe von Ommen. Kamp Erika diente als Straflager für Verurteilte der niederländischen Justiz und später als Durchgangs-, Umerziehungs- und Sammellager. Im Lager gab es erhebliche Misshandlungen und zahlreiche Todesfälle.

Gründung Gegründet wurde das Lager im Jahr 1924. Philip Dirk Baron van Pallandt vermachte 1923 sein Schloss und ein etwa 2000 Hektar großes Waldstück dem Orden des Sterns des Ostens, der in Ommen unter der spirituellen Führung von Krishnamurti seine Zentrale einrichtete. 1924 versammelten sich die Anhänger des Ordens zu einem ersten „Sternlager“ in wenigen Kilometern Entfernung zum Schloss. Diese jährlich stattfindenden Sternlager mit mehreren Tausend Teilnehmern wurden bis einschließlich 1939 durchgeführt. Es gab eine große Anzahl von Holzbaracken für die Verwaltung, Küche, Sanitäranlagen und Lagerung. Während des Sternlagers im Jahr 1929 sagte sich Krishnamurti von der Bewegung los, die Treffen wurden jedoch weiterhin jährlich durchgeführt. Das für 1940 geplante Sternlager wurde wegen des drohenden Einmarsches der Deutschen verschoben.Guusta Veldman (1993), S. 11–15.

Zweiter Weltkrieg Nach dem Einmarsch im Mai 1940 beschloss Fritz Schmidt, Generalkommissar zur besonderen Verwendung, im Herbst 1940 die Auflösung aller Organisationen, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden. Die Durchführung der Auflösungen oblag Werner Schwier, einem ehemaligen Pferdemetzger und damaligen Leiter des Referats Internationale Organisationen. Das Lagergelände mitsamt den Gebäuden wurde Schwier übertragen. Von Juni 1941 bis Juni 1942 hatte es allerdings zunächst keine Verwendung.

Werner Schwier ernannte den Niederländer Karel Lodewijk Diepgrond zum Lagerführer. Dieser rekrutierte die Wachmannschaft, die zumeist aus Arbeitslosen und vereinzelten SS-Mitgliedern bestand, und gab dem Lager den deutschen Namen „Arbeitseinsatzlager Erika“, vermutlich nach dem Heidekraut, das in der Umgebung des Lagers wuchs. Diese niederländische Wachmannschaft nannte sich Kontroll-Kommando (KK) und erhielt deutsche Rangbezeichnungen wie Anwärter, Wachmann, Oberwachmann, Unterführer, Halbzugführer, Zugführer, Hauptzugführer und Lagerführer. Berichte und Befehle erfolgten auf Deutsch. Die Wachen wurden jedoch mit Uniformen und Arbeitskleidung der niederländischen Armee ausgestattet. Allerdings ersetzte man die Knöpfe mit dem niederländischen Löwen durch solche aus Beständen der SS. Die erste Wachmannschaft, bestehend aus 48 Mann, erreichte am 13. Juni 1941 das Lager. Man errichtete die Umzäunung, fällte Bäume und baute Baracken. Einmal täglich wechselten sich zwei Gruppen der Wachmannschaft beim Exerzieren und beim „Arbeitskommando“ ab. Die Exerzierübungen leitete als „Exerzierführer“ ein niederländisches SS-Mitglied.

Die Bestimmung des Lagers war im Jahr 1941 unklar. Im Verlauf des Jahres wuchs die Wachmannschaft auf 100 Mann an, ohne dass es jemanden zu bewachen gab. Schwier selbst plante anfänglich ein Ausbildungslager für Führungspositionen in der besetzten Ukraine. Diepgrond erläuterte diesen Plan am 31. August der versammelten Wachmannschaft. Generalkommissar Schmidt vom Kommissariat zur besonderen Verwendung plante hingegen ein Übungslager für jüdische Aufseher über noch zu schaffende Arbeitslager für arbeitslose Juden. Die Aufseher sollten die notwendige „Lagerdisziplin“ erwerben.

Im Niederländischen Kriegsdokumentationszentrum (Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie, RIOD, 1945 gegr.; seit 1999 Nederlands Instituut voor Oorlogs-, Holocaust- en Genocidestudies - NIOD) findet sich auch der Bericht eines Bewachers, wie er sich ein solches "Arbeitslager für Juden" vorstellt:

Der Plan für ein jüdisches "Arbeitslager" wurde dem Jüdischen Rat von Amsterdam vorgelegt. Er wurde durch Hitler persönlich verworfen.Louis de Jong (1978), S. 628.

Ende Juli 1941 wurden auf Geheiß des Beauftragten für Rotterdam Völckers 15 Mitglieder der Nationaal-Socialistische Beweging (NSB) zur Strafe im Lager untergebracht. Weil er ein NSB-Ratsmitglied aus der Sitzung hatte entfernen lassen, hatten sie aus Rache den Bürgermeister Rotterdams überfallen und ihn zwangsweise mit Maurerschurz-Imitat samt Judenstern mit dem betreffenden Ratsmitglied fotografiert. Die Männer wurden bei ihrem Eintreffen geschlagen und man riss ihnen die NSB-Insignien herunter. Am nächsten Tag beendete Schwier die rüde Behandlung. Er betrachtete sie als Ehrenhäftlinge und sie genossen gute Unterkunft sowie Verpflegung und Bewegungsfreiheit. Drei von ihnen blieben anschließend als Mitglied des „Kontroll-Kommandos“ im Lager.Guusta Veldman (1993), S. 17–40.

Justizlager Das Lager war nunmehr fertig, aber die Gefangenen fehlten, und viele Wachen kündigten. 38 Wachen wechselten nach Musterung durch die SS zu dem im August 1941 eröffneten KZ "Durchgangslager Amersfoort".

Mit Hilfe der niederländischen Justiz versuchten die deutschen Besatzungsbehörden den im Land florierenden Schwarzhandel zu unterbinden. Zu diesem Zweck wurden eigene Gerichte für Wirtschaftsdelikte eingerichtet. Doch die Gefängnisse waren überfüllt, die Zahl der Verurteilten stieg an und die verfügbaren Häftlingsplätze waren durch Gefangene der „Sicherheitspolizei“ weitgehend belegt. Daher verfügte Reichskommissar Seyß-Inquart am 5. Juni 1942 die Verwendung von Kamp Erika als Justizlager für verurteilte Niederländer. Lagerleiter blieb Schwier, der Generalkommissar Wimmer unterstellt war. Die Niederländische Arbeitsfront warb neue Wachen, und das KK wurde um ca. 100 Mann aufgestockt. Die offizielle Eröffnung des Lagers erfolgte am 22. Juni 1942.

Ursprünglich sollten nur wegen Wirtschaftsdelikten (illegale Schlachtungen, Schwarzhandel) Verurteilte, die ihre Strafe mit einem Mindeststrafmaß von drei Monaten noch nicht angetreten hatten, im Kamp Erika untergebracht werden. Doch bereits im August wurden dort auch wegen Mordes, Vergewaltigung, Totschlags oder „Unzucht“ Verurteilte untergebracht, einige von ihnen auch wegen Verstoßes gegen die Verordnung 81/40, die homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte. Das Lager füllte sich allmählich mit Häftlingen. Anfang August war mit 1380 Gefangenen die Kapazität bereits überschritten. Am 7. August wurden 800 Gefangene nach Heerte bei Wolfenbüttel abtransportiert, zum Lager 35 der Reichswerke Hermann Göring.

Aus der Korrespondenz zwischen dem Reichsminister der Justiz und Seyß-Inquart geht hervor, dass bereits vor Inbetriebnahme vereinbart worden war, dass niederländische Gefangene in „kriegswichtigen Betrieben des Altreiches“ eingesetzt werden sollten. Jaap Schrieke, Staatssekretär im Justizministerium, der die Direktoren der Gefängnisse und der Untersuchungshaftanstalten (Huis van Bewaring) und die übrigen Stellen über die baldige Eröffnung informierte, verschwieg die geplante Weiterverschickung niederländischer Gefangener.Guusta Veldman (1993), S. 38 ff.

Drei Wochen nach dem ersten Transport wurden weitere 125 Gefangene nach Heerte geschickt. Ende Oktober 1943 wurden ca. 500 Häftlinge nach Köln und Siegburg abtransportiert. Ende November waren bereits 52 der 925 nach Heerte verschickten Sträflinge gestorben und 350 zurückgekehrt. Die Zahl der anwesenden Gefangenen betrug zu diesem Zeitpunkt 994 bei 251 Wärtern. Im Januar 1943 kehrten auf Befehl von Schwier alle Gefangenen aus Heerte nach Ommen zurück. Gründe waren die dortige schlechte Behandlung und hohe Sterblichkeit. Die Häftlinge in Siegburg und Köln mussten in den Klöckner-Werken, in der Firma Soennecken in Hangelar und in der Kraftstoff-Union in Wesseling Zwangsarbeit leisten. Kamp Erika stellte Personal ab, um seine Häftlinge in Heerte, Köln und Siegburg zu beaufsichtigen und zu bewachen.

Die Insassen – allesamt Männer – wurden „Knackers“ genannt. Nach den Aufzeichnungen Schwiers in seinem Diensttagebuch bedeutete „Knackers“: Laus, unwürdiges, lästiges Tier oder Parasit. Die Häftlingskleidung nannte man „knackerspakkie“. Sie bestand aus einem ausgemusterten Arbeitsanzug der niederländischen Armee, einer Mütze, einem Paar Socken, Hemd, Unterhose und Holzschuhen. Die Insassen wurden geschoren.

Kern des Lagers bildete ein Palisaden-Camp. Innerhalb der Umzäunung befanden sich ein Appellplatz, ein Wachturm und im Halbkreis angeordnet etwa 15 Holzbaracken, die rund 60 Mann aufnahmen. Schlafplätze waren zumeist Hängematten, die zwischen zwei Stangen gespannt waren, oft mehrere übereinander. Pro Häftling gab es zwei Molton-Decken.

Tagesablauf Den Tagesablauf schilderten Insassen folgendermaßen: morgendlicher Appell, „Frühstück“, bestehend aus einem Stück Brot und wässrigem Kaffee, und anschließender Einteilung für Arbeitskolonnen von ca. 20 Mann auf dem Appellplatz. Danach ging es zur Arbeit wie etwa der Urbarmachung von Wald. Die Häftlinge fällten Bäume, entasteten und entrindeten sie und transportierten sie ab. Andere mussten im Lager arbeiten. Teilweise arbeiteten die Männer bei Bauern in der Umgebung. Es gab ein Außenlager eigens für die Zwangsarbeit in der Umgebung von Mariënberg, das Kamp Junne. Dort war die Behandlung leidlich besser als in Ommen. Die dortigen Häftlinge kamen lediglich sonntags zum Duschen nach Kamp Erika.

Die Männer arbeiteten bis 12 Uhr, dann gab es eine einstündige Mittagspause. Das Mittagessen bestand für die Arbeiter außerhalb des Lagers aus einem morgens zugeteilten Stück Brot. Häftlinge, die im Lager arbeiteten, nahmen das Essen im Palisadenlager zu sich. Die warmen Mahlzeiten bestanden oft aus Hutspot oder einer dicken Suppe. Anschließend arbeiteten sie bis 17 Uhr, dann folgte der Appell. Danach erhielten die Lagerinsassen ein „stuk Kuch“, ein hartes deutsches Brot. Um 22 Uhr war Nachtruhe. Es kam regelmäßig vor, dass Wärter die Häftlinge aus vorgeschobenen Gründen oder grundlos nachts weckten und sie Runden um die Baracke rennen ließen.

Behandlung Die Häftlinge trafen in Begleitung von Marechaussee-Angehörigen per Zug im Bahnhof Ommen ein und marschierten die drei Kilometer zum Lager zu Fuß. Beim Eintreffen wurden sie oft geschlagen, getreten, beschimpft oder machten auf andere Weise Bekanntschaft mit den Praktiken des KK. Ein Zeuge, der Sanitäter A. de V., berichtete nach dem Krieg, dass Wärter die Gefangenen mit Gewehrkolben und Stöcken bis zur Bewusstlosigkeit prügelten und ihnen dabei in die Geschlechtsteile traten; dabei habe es mehrere Todesfälle gegeben. Diepgrond dokumentierte unter anderem folgende Fälle von Prügeleien:

Diepgrond dokumentierte am 22./23. Februar 1943 den Schusswaffengebrauch gegen einen Sträfling, weil dieser seine Ausscheidung in den Büschen verrichtet hatte. Eine verbreitete Züchtigung war das „Robben“. Dabei mussten sich Häftlinge auf den Ellenbogen mit Hilfe der Zehenspitzen fortbewegen. Bei Zuhilfenahme der Knie wurden die Opfer getreten oder geschlagen. Zur Bestrafung von Häftlingen gab es den Bunker, einen Keller aus Beton, der sich außerhalb des Palisadenzauns befand. Im Bunker befanden sich mehrere Zellen, in denen man kaum stehen konnte. Licht gab es dort über vier Röhren, die durch die Decke nach oben führten. Das Grundwasser bildete eine ständige Wasserlache auf dem Boden und vermischte sich mit den Ausscheidungen. Essen und Trinken erhielt man nicht. Die Bunkerhaft konnte mehrere Tage dauern. Auch Wärter erhielten bei Nachlässigkeiten Bunkerhaft. Es ist allerdings ungeklärt, ob dazu derselbe Bunker verwendet wurde.