mini|Der Neubau des Hospitalhofs, im Hintergrund die Hospitalkirche mini|Innenhof, links ein Überrest der Südfassade der Hospitalkirche
Der Hospitalhof (genauere Bezeichnung: Hospitalhof Stuttgart) ist ein Gebäude der Evangelischen Kirche in Stuttgart mit Haupteingang in der Büchsenstraße 33 in Stuttgart-Mitte. Das Gebäude dient als Veranstaltungs- und zugleich als Verwaltungszentrum: Es beherbergt das Evangelische Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart sowie Büros für zahlreiche Dienststellen der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart und der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Das heutige Gebäude des Hospitalhofs wurde 2012–2014 nach den Plänen des Architekturbüros Lederer Ragnarsdóttir Oei (LRO) errichtet. Es ersetzte das vormalige Hospitalhof-Gebäude, das für den Neubau abgerissen wurde. Zur Unterscheidung wird das heutige Gebäude gegebenenfalls als „neuer Hospitalhof“ und das vorige Gebäude als „alter Hospitalhof“ bezeichnet.
Das L-förmige Gebäude des Hospitalhofs und die benachbarte Hospitalkirche umschließen einen Innenhof und bilden zusammen ein Geviert im Hospitalviertel, einem Stadtteil am Westrand der Innenstadt.
Der Hospitalhof wurde auf dem Gelände eines ehemaligen Dominikanerklosters aus dem späten 15. Jahrhundert erbaut, das nach der Säkularisation von 1536 bis 1895 als Hospital genutzt wurde und danach als Polizeigebäude und Gefängnis diente. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erbaute Wolf Irion (1909–1981) auf dem Grundstück 1960 den alten Hospitalhof.
Geschichte Der neue Hospitalhof von 2014 steht wie zuvor der alte Hospitalhof von 1960 auf dem Grund eines ehemaligen Dominikanerklosters, das in einem zentralen Geviert des schachbrettartig angelegten Hospitalviertels lag und sich um einen rechteckigen Klosterhof gruppierte. Der Klosterhof war von vier Kreuzgangflügeln umgeben, der südliche Flügel war mit dem Langhaus der Hospitalkirche verbunden.
Kirche und Dominikanerkloster mini|hochkant=1.3|Ansicht der Hospitalkirche und des ehemaligen Klosters von Norden, 1850 mini|hochkant=1.3|Ansicht vom nördlichen Kreuzgang aus, 1900 mini|hochkant=1.3|Bürgerhospitaliten beim Luftschnappen im Kreuzgang, 1850
Stifter der Hospitalkirche und des zugehörigen Dominikanerklosters war Graf Ulrich der Vielgeliebte. Die Hospitalkirche ging aus der kleinen, 1470 errichteten Kapelle „Unserer lieben Frauen“ hervor und erhielt ihren Namen „Unserer lieben Frau und dem heiligen Ulrich“ nach dieser Kapelle und Graf Ulrichs Namenspatron.
Als das Dominikanerkloster 1473 gegründet wurde,Datenbank Klöster in Baden-Württemberg des Landesarchivs Baden-Württemberg war nur der Chor der Kirche fertiggestellt, erst 1493 wurde der Bau der Kirche abgeschlossen. Die Kirche hatte keinen Turm, sondern nur einen Dachreiter über dem Chordach, wie das bei Kirchen von Bettelorden üblich war. Erst 1730–1738 wurde ein Turm an die Kirche angebaut. Das Kloster wurde ebenfalls 1473 eröffnet, aber erst 1504 fertiggestellt.#Sauer 1993.1, S. 11, 14, 24, #Wais 1951.1, S. 70, Nr. 51, #Wais 1956, S. 50, Nr. 52.
Säkularisation Nach der Einführung der Reformation in Württemberg wurde 1536 die Klosterkirche in eine evangelische Kirche umgewandelt. Das Kloster wurde säkularisiert und von Graf Ulrich der Stadt übereignet mit der Auflage, in den Klostergebäuden das St. Katharinenhospital unterzubringen. Dieses war bisher in einem Gebäude in der Breiten Straße untergebracht, das „sehr eng und feuershalber ganz gefährlich gelegen“ war und nicht erweitert werden konnte. Nach dem Einzug des Hospitals wurde die Kirche in Hospitalkirche umbenannt#Wais 1956, S. 42, 46–47. und „für den evangelischen Predigtgottesdienst genutzt. [...] 1684 wurde der reformierten Gemeinde Stuttgarts gestattet, ihren Gottesdienst ebenfalls in der Hospitalkirche zu halten. 1699 zog sie in die Kapelle des Bebenhäuser Hofes um. Nach ihrer Vereinigung mit der evangelischen Landeskirche wählten die Reformierten die Hospitalkirche 1826 erneut zu ihrem Gotteshaus, 1847 stellte man die eigenständige reformierte Pfarrei jedoch wieder her.“Bernhard Neidiger im Stadtlexikon Stuttgart
19. Jahrhundert 1820 wurde der Grundstein für ein neues Krankenhaus gelegt und das bisherige St. Katharinenhospital in Bürgerhospital umbenannt, so dass das neue Krankenhaus auf den Namen der verstorbenen Königin Katharina getauft werden konnte.#Wais 1954.2, S. 82.
1892–1894 wurde anstelle des Bürgerhospitals, das in den Jahren 1839 bis 1844 baulich erneuert und vergrößert worden war#Sauer 2003. und teilweise einen dritten Stock erhalten hatte, ein Neubau zwischen der Tunzhofer Straße und der Wolframstraße errichtet. Schon vorher hatte die Stadt in den Klosterflügeln Kanzleien eingerichtet, „von 1895 bis 1922 war darin das Stadtpolizeiamt Stuttgart untergebracht, nachher das Landeskriminalpolizeiamt Abt. II des Polizeipräsidiums Stuttgart“.#Wais 1956, S. 62. 1895 wurde im ehemaligen Kloster auch ein städtisches Polizeigefängnis eingerichtet, die sogenannte „Büchsenschmiere“, die in der Zeit des Nationalsozialismus zu grausamer Berühmtheit gelangte.„Die Büchsenschmiere“ hospitalhof.de.
1917 wurde an der Südfassade der Kirche aus Anlass der Vierhundertjahrfeier von Luthers Thesenanschlag das Reformationsdenkmal errichtet.
Altes Lapidarium Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurden in der Stuttgarter Altstadt rund 200 Häuser abgebrochen, um die Altstadt zu sanieren und Platz für Neubauten zu schaffen. Bei den Abbrucharbeiten wurden die künstlerisch wertvollen Bauteile gesammelt und ab 1905 im Kreuzgang des ehemaligen Dominikanerklosters magaziniert. Damit wurde das erste städtische Lapidarium begründet.#Wais 1954.1, S. 90.
Zeit des Nationalsozialismus mini|Polizeipräsidium und Gefängnis in der Büchsenstraße 37 (1942) In der Büchsenstraße befand sich der Hauptsitz der Kriminalpolizei, das Polizeipräsidium und ein Polizeigefängnis. In dem Gefängnis wurden nach jüdische Bürger, Sinti und Roma, Kommunisten und andere aus politischen Gründen verfolgte Personen, Homosexuelle sowie missliebige Christen inhaftiert, verhört und gequält. Bekannte Häftlinge waren unter anderem Karl Adler und Lina Haag. Im Herbst 1938 wurden die in Stuttgart und Umgebung lebenden Juden polnischer Staatsangehörigkeit in dieses Gefängnis gebracht, um sie anschließend nach Polen abzuschieben. Während des Krieges wurden Sinti und Roma inhaftiert, die dann in Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten deportiert wurden.
Kriegszerstörung 1944 Im Zweiten Weltkrieg wurden die Hospitalkirche und die verbliebenen ehemaligen Klostergebäude in der Nacht vom 12. zum 13. September 1944 großenteils zerstört. Von der Hospitalkirche blieben lediglich die Chorwände, die Südfassade, die Westfassade und ein Teil des Turmes einigermaßen erhalten.#Hospitalkirche 1960, S. 11, #Sauer 1993.1, S. 71. Auch die Lapidariumsbestände gingen bis auf wenige Objekte verloren.#Wais 1954.1, S. 90.
Wiederaufbau Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die weitgehend zerstörte Leonhardskirche bis 1950 wieder aufgebaut, während das Schicksal der Hospitalkirche ungewiss blieb. Die erhalten gebliebenen Segmente des Chorgestühls mit 57 von ursprünglich 87 Sitzen wurden in der Leonhardskirche aufgestellt, wo sie auch nach dem Teilwiederaufbau der Hospitalkirche weiterhin verblieben.#Hospitalkirche 1960, S. 10, #Möhring 1984, S. 4.
Erst 1956 wurde der Teilwiederaufbau der Hospitalkirche nach Plänen von Rudolf Lempp und die Errichtung des (alten) Hospitalhofs nach den Plänen von Wolf Irion (1909–1981) beschlossen.#Hospitalkirche 1960, S. 15. Der alte Hospitalhof wurde über dem Grundriss des ehemaligen Klosters erbaut. Die beiden Bauprojekte wurden im Jahr 1960 abgeschlossen.
Der alte Hospitalhof (1960–2012) mini|Lageplan alter Hospitalhof
Das zweieinhalbflügelige Gebäude bestand aus einem Verwaltungsbau, einem Zwischenbau und einem Saalbau. Der Verwaltungsbau an der Gymnasiumstraße erstreckte sich als fünfstöckiges Gebäude über die ganze Länge des Blocks. Er war über den zweistöckigen Zwischenbau mit dem halb so langen Saalbau an der Büchsenstraße verbunden, der den Gemeindesaal beherbergte und fast die Höhe des Verwaltungsbaus erreichte. Zwischen Gemeindesaal und Kirche lag (wie auch heute wieder) der Eingang zum Innenhof.
Der neue Hospitalhof (seit 2014) Anlass für den Neubau im Jahr 1980 begann die Arbeit des neu gegründeten Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof Stuttgart im alten Hospitalhof. Das Gebäude war nicht für den Betrieb eines Bildungs-, Kultur- und Tagungszentrums konzipiert worden. Spätestens 20 Jahre nach der Gründung des Bildungszentrums war klar, dass man ein neues Gebäude brauchte.#Renninger 2014, S. 49. Im Januar 2012 wurde der alte Hospitalhof geräumt, dann wurde er abgerissen. Am 27. April 2014 wurde der Neubau eingeweiht.#Renninger 2014, S. 47.
Besondere Merkmale Die Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei (LRO) wollten die Abstammung des Hospitalhofs von einem Klostergebäude verdeutlichen und im südlichen Bereich an die ursprüngliche Größe der Hospitalkirche erinnern. Dazu dienten die folgenden Maßnahmen:#Lederer 2014.1, S. 2.#in 2014, S. 3. Das Gebäude wurde mit auffällig hellen Ziegeln verkleidet. Das Mauerwerk aus hellen Ziegeln ist eine Reminiszenz an den Charakter der ehemaligen Gebäude. Ausrichtung der Gebäudeflügel wie beim ehemaligen Klostergebäude, mit leichter „Verdrehung im Stadtgrundriss“ (siehe unten). Die langgestreckten Foyerflächen im Erdgeschoss orientieren sich an den ehemaligen Kreuzgängen. Verlängerung des „Torsos der Kirchenwand auf die ursprüngliche Ausdehnung“. Für den Bau des alten Hospitalhofs war die nach den Kriegszerstörungen erhalten gebliebene Südfassade der Kirche um zwei Joche verkürzt worden. Zur „Heilung“ dieser historischen Amputation bauten LRO die verlorenen zwei Joche mit jeweils einem Spitzbogenfenster wieder auf. Damit erhielt die Südwand der Kirche am Hospitalplatz ihre ursprüngliche Länge zurück. Im Innenhof erinnern sechs Säulen-Hainbuchen „genau dort, wo früher die Säulen der Kirche waren“, und eine langgestreckte quaderförmige Betonbank an das verlorene Langhaus. Ein Karree von streng gereihten Hochstammrosen in der anderen Hälfte des Hofs lässt Motive des ehemaligen Klostergartens anklingen.
Eine weitere Besonderheit ist die Vielfalt der Fenster (siehe unten).
Die Architekten von LRO lehnen die allgegenwärtigen Glasfassaden ab, weil sie den Menschen das Gefühl geben, sie seien „wieder draußen“, nachdem sie das Gebäude betreten haben.#Nerdinger 2001, S. 6. Sie bevorzugen stattdessen konventionelle Lochfassaden aus Ziegelstein, die „uns auf den ersten Blick vertraut“ vorkommen.#Lederer 2014.1, S. 7. Eine sparsame Verwendung von Öffnungen mit gezielter Lichtführung trage wesentlich zur Vielfalt und Qualität schöner Räume bei.#Nerdinger 2001, S. 18–20. Geschlossene, gedämmte Fassaden aus Mauerwerk oder Beton sind nach Ansicht von LRO auch preiswerter und haltbarer als Fassaden aus Glas und Metall. Zudem benötigen sie langfristig weniger Aufwand für Pflege und Reparaturen.
Grundriss Der L-förmige Grundriss des Neubaus legt sich über den Grundriss des alten Dominikanerklosters. Der langgezogene Gebäuderiegel an der Gymnasiumstraße entspricht dem ehemaligen Westflügel. Er ist rechtwinklig mit einem doppelt so breiten Gebäudeteil verbunden, der über dem ehemaligen Nordflügel und einem Teil des Ostflügels errichtet wurde und durch seine Überbreite auch einen Streifen des ehemaligen Klosterhofs belegt.
„Der neue Hospitalhof greift die inhaltliche und architektonische Verbindung von Kirche und Hospitalhof, ergänzt um das Verwaltungsgebäude wie einst in den Klöstern das Wirtschaftsgebäude, wieder auf. Mit diesem klösterlichen Grundriss des Gesamtgebäudes, den die Architekten Lederer Ragnarsdóttir und Oei leicht versetzt in die Fläche des Areals gedreht haben, ist ein Ort neu definiert, der im besten Sinne ‚aus dem Rahmen fällt‘.“#Renninger 2014, S. 47.