mini|Kloster Eberbach, Cabinetkeller Weinarchitektur bezeichnet die Gestaltung von ober- und unterirdischen Bauwerken, die der Produktion (z. B. Kellereien) und Präsentation von Weinen (z. B. Vinotheken) dienen. Neben dem funktionalen Aspekt gibt es auch einen ästhetisch-gestalterischen, der profane Prachtbauten entstehen ließ. Dazu zählen die traditionellen Weinschlösser wie beispielsweise an der Loire oder im Bordelais, aber auch palastartige High-Tech-Produktionsanlagen in Spanien oder der Neuen Welt. Diese Wechselwirkung zwischen Funktion und Form setzte für Baumeister und Architekten schon immer planerische Phantasie frei. Neben den Objekten mit weltweiter Ausstrahlung gibt es aber auch für kleinere Betriebe bauliche Gestaltungen, die zum Beispiel durch neue Besitzverhältnisse, Kundenwünsche oder Produktionsbedingungen ausgelöst wurden und die die Veränderungen in beeindruckender Weise umgesetzt haben.
Der Begriff Weinarchitektur in Zusammensetzung der beiden Wörter Wein und Architektur beschreibt nicht die Gestaltung, sprich die Machart von Wein, sondern hat sich als Begriff in der deutschsprachigen Fachliteratur für den architektonischen Aspekt durchgesetzt. Die tausende Jahre alten Kulturgüter Wein und Architektur bilden dabei eine Sonderform der Architektur, die selbst wiederum Kultstatus besitzen kann. Weinarchitektur im weiteren Sinn könnte alle Bauwerke bezeichnen, die im weitesten mit Wein und Architektur zu tun haben, also auch schlicht-funktionale Abfüllhallen und ähnliches. Der Begriff Weinarchitektur beschreibt aber nur im engeren Sinne Bauten, die sich von der Masse durch ihre besondere architektonische Gestaltung abheben.
Geschichte
Zeitenwende bis Mittelalter Die Geschichte der Weinarchitektur lässt sich in Europa bis zur Hochkultur der Römer zurückverfolgen. Die von ihnen errichteten Gutshöfe wurden meist als Villa Rustica in Portikus-Bauweise mit zwei frontalen Eckrisaliten und Freitreppe gestaltet. Diese, meist aus Stein gebauten Wirtschafts-Gebäude hatten im Keller ein Tonnengewölbe zur Lagerung von Vorräten und Wein. Planungen für eine optimale Bauweise finden sich in Vitruvs Hauptwerk De architectura libri decem (33 und 22 v. Chr.). So schreibt er im 6. Buch zur Anlage von Privathäusern: „Habeatque coniunctam vinariam cellam habentem ab septentrione lumina fenestrarum; cum enim alia parte habuerit, quae sol calfacere possit, vinum, quod erit in ea cella, confusum ab calore efficietur inbecillum.“De architectura, Band VI (Wikisource) (latein.) Die Villa Diomede in Pompeji oder auch die Villa Adriana in Tivoli zeigten durch Bodenfunde, dass die Empfehlungen genau befolgt worden waren, denn es fanden sich dort römische Weingefäße. In diesen Kellern dürfte nur die Pressung und weitere Behandlung des Mostes sowie die Abfüllung in Amphoren erfolgt sein, die eigentliche Weinlagerung fand in Stollen statt, die wahrscheinlich durch den Abbau der Baumaterialien für die Villa entstanden waren.
mini|hochkant|links|Typisches Ortsbild von Oppenheim in Rheinhessen Die gleichmäßige Temperatur, die für eine längere Lagerung unabdingbar ist, war auch die notwendige Bedingung, die zum Bau der Keller in den Schieferhängen an der Mosel und dem Kellersystem im Kalkstein von Saint-Émilion geführt hat. Noch 2000 Jahre später werden diese Keller für den gleichen Zweck genutzt. Besonders eindrücklich sind auch die kilometerlangen Katakomben im Champagner-Anbaugebiet. Allein die Keller von Pommery liegen 30 Meter unter der Erde und sind 18 km lang. Die dort heute noch verwandten Stollen stammen teilweise aus gallorömischer Zeit.
Im Frühen Mittelalter gingen wesentliche Impulse für die Weinkultur – und damit auch für die Weinarchitektur – von den Klöstern aus. Großzügige Raumplanung für Weinpressen, Fässer und Küfergerätschaft, aber auch Vorrichtungen zum Bierbrauen und Destillieren gehörten selbstverständlich zu jedem Kloster. Als idealtypisch gilt die Gebäudeanordnung vom Kloster St. Gallen, wo im 9. Jahrhundert genau im Zentrum des ganzen Klosterbezirks der Weinkeller (Cellarium) angeordnet wurde, gleich westlich vom Kreuzgang, zwischen Küche, Speisesaal und Pilgerherberge. Dieser hatte eine Größe von 10 × 40 m. Doch auch viele andere Klöster hatten eine ähnliche bauliche Anordnung.Andrea zur Nieden: Der Alltag der Mönche: Studien zum Klosterplan von St. Gallen. Selbstverlag 2008, S. 298.
mini|Kellergasse in Purbach, Burgenland mini|Kellergasse Plže in Petrov (Bezirk Hodonín), Südostmähren mini|Rheinhessischer Kreuzgewölbestall, heute als Degustationsraum eines Weingutes. Ausgehend vom Burgund waren die Benediktiner die Vorreiter in Sachen Weinkultur, ab dem 11. Jahrhundert auch die Zisterzienser. Mit ihrem Gründungskloster Cîteaux sowie den zahlreichen Filialklöstern gelang ihnen neben der Verbreitung des Glaubens und des Weinbaus auch die der Weinarchitektur. Bereits eine Generation nach ihrer Konstitution wurde Kloster Eberbach 1136 gegründet. Im 16. Jahrhundert war Eberbach der größte Weinwirtschaftsbetrieb der Welt. Eberbach ist noch heute als Hessische Staatsweingüter Kloster Eberbach gelebte Weinkultur, da dort nach wie vor Weinbau betrieben wird – seit 1803 als staatliche Weinbaudomäne. Auch viele andere Klöster und Krankenhäuser in Mitteleuropa, wie auch das zweitgrößte Weingut Deutschlands, das Weingut Juliusspital, hat mit seinem schlossartigen Gebäudeblock in der Altstadt von Würzburg zur Pflege der Weinkultur, und damit auch der Weinarchitektur beigetragen.
Die weltlichen Herrscher bauten ab dem 14. Jahrhundert ihre Höfe und Schlösser nicht mehr vorwiegend wehrhaft, sondern mehr repräsentativ, immer auch mit Einrichtungen, um Wein herzustellen und zu lagern. Je nach Region und „Vinophilität“ ihrer Besitzer entstanden so Weinschlösser oder fürstliche Gutshöfe wie die sächsische Hoflößnitz; Prachtbauten, die rings von Weinanbau umgeben und auf diesen fokussiert waren. Der Begriff Weinschloss oder auch Château wird – auch innerhalb von Frankreich, dem Ursprung dieser Häuser – sehr unterschiedlich benutzt. Allein im Bordelais, wo diese Bezeichnung im 16. Jahrhundert aufkam, gibt es über 4000 Châteaux, die fast ausschließlich im bürgerlichen und/oder bäuerlichen Besitz sind. Gerade im Bordeaux, dem weltweit größten zusammenhängenden Weinbaugebiet der Welt, bezeichnet ein Château eine Weinlage (Cru); das dazugehörende Gebäude oder gar sein Renommée ist für die Verwendung des Begriffes unerheblich.
Viele in deutschen Weinbauregionen ortsbildprägende Höfe aus dem Spätmittelalter sind in ihrer Anlage heute noch sichtbar. Die Winzer hatten zusätzlich zum Weinbau auch Viehhaltung und Ackerbau. Die Weinproduktion war nur ein Teil der Arbeit ihrer Jahresläufte. So gab es für die Weinbereitung meist keine eigenen Kelterhäuser, sondern diese Arbeit fand in den Scheunen statt. Erst in späteren Jahrhunderten erfolgte die Weinpressung bereits in den Weinbergen selbst in sogenannten Presshäusern, die in die Weinberge gegraben wurden. Diese typischen Kellergassen sind in Tschechien sowie in Niederösterreich und im Burgenland noch immer zu besichtigen. In Deutschland ist dafür hauptsächlich der Kellerweg im Rheinhessischen Guntersblum bekannt.
Als ein besonderes Beispiel von Weinarchitektur gilt der Kreuzgewölbestall, der in dieser Form und in dieser Verbreitung nur in Rheinhessen vorzufinden ist. Über 50 derartige Bauten sind noch existent.
Neuzeit Frankreichs schlossähnliche Gebäudeensembles sind zumeist „gewachsene Strukturen“. Aus zunächst nur einem Wohnsitz mit Verwaltungsaufgaben entwickelten sich neben der Repräsentanz im Laufe der Zeit auch andere Funktionen wie beispielsweise die Weinkultur. Der Wandel von Renaissance oder Spätrenaissance zu Barock lässt sich nicht nur in der Bauform ablesen: Mit der Umgestaltung der Gebäude aufgrund eines anderen Stilverständnisses wurden auch die Einrichtungen für die Weinproduktion verändert, ergänzt und vergrößert. Küfer waren in der Lage, größere Fässer herzustellen und das bedurfte Platz. Ähnliche Fässer wie das 220.000 l fassende Große Fass im Heidelberger Schloss, eines der ältesten noch erhaltenen Fässer aus dieser Zeit, dürften in vielen Adelskellern gestanden haben.
Auch Schloss Johannisberg, ehemals Benediktinerkloster, wurde nach der Säkularisation verstaatlicht und gelangte bald darauf in den Besitz Fürst Metternichs, der das Kloster zeittypisch klassizistisch umbauen ließ. Einzig der tonnengewölbte Weinkeller mit einer Abmessung von 260 × 11,5 m blieb unverändert. Neben der bekannten Riesling-Sektmarke, die heute dort produziert wird, ist die Bibliotheca subterranea bemerkenswert, eine Art unterirdische Weinflaschensammlung, die Weinflaschen aus aller Welt aufbewahrt.
mini|hochkant|links|Traubensaal der Kupferberg-Sektkellerei in Mainz mini|Schloss Lieser In den Weinbauregionen und Weinmetropolen Norditaliens entstanden in den Städten mit Beginn des 16. Jahrhunderts aristokratische Prachtbauten in klassizistischem Baustil, die die Renaissancebauten altmodisch erscheinen ließen. Auf dem Land waren zuvor schon im Stil des Palladianismus aufwändige Landhäuser entstanden, die den allgegenwärtigen Weinbau immer mit in die Baukonzeption einbezogen. Weiter wachsender Wohlstand beflügelte in dieser Zeit die Bautätigkeit, was sich noch heute an der Dichte derartiger, prunkvoller Landgüter ablesen lässt. Das höchste derartige Konglomerat befindet sich aber im Bordelais, dort jedoch erst später. Diese augenfällige Dominanz klassizistischer Rückbezüge belegt die Bedeutung des Historismus für die Weinarchitektur.
Im 18. Jahrhundert blüht auch die Bautätigkeit an RheinGemeint sind damit subsumierend auch die Anbaugebiete Rheingau, Rheinhessen, Vorderpfalz, Nahe und Ahr. und Mosel. Viele Weingutsbesitzer und ab dem 19. Jahrhundert auch Industrielle, wie beispielsweise die damaligen Besitzer von Schloss Lieser an der Mosel, sahen in der Herstellung landwirtschaftlicher Güter die Möglichkeit, ihr Renommee zu verbessern, und sahen die archaische Produktion als einen Ausgleich zu ihrem technikbestimmten Broterwerb.
mini|Pommery-Baumix mini|Cavahaus Codorníu in Sant Sadurní d’Anoia Die Bauweise wechselte im Jahrhundert der Erfindung von Eisenbahn und Portlandzement weg von Stein- und Holzbauweise zu Eisenstützen, Backstein- und Betonkonstruktionen. Auch in der Kellertechnik fand eine Revolution statt. Neue Materialien erhielten Einzug in den Produktionsprozess, andere Herstellungs- und Abfüllmethoden setzten sich durch. Der Versand, der zuvor meist fassweise erfolgte, ging jetzt in Flaschen- und Kistentransport über. Dafür benötigte man andere Betriebsräume. Hinzu kam der geänderte Kundengeschmack, der – regional unterschiedlich – mehr Rot- oder Weißwein wünschte oder, in noch jüngerer Zeit, gern einen Barrique-gereiften Wein bevorzugte. Auch dafür benötigte der Weinbaubetrieb andere Gerätschaften und ggf. andere Räumlichkeiten.
Über die Jahrhunderte kann in einem Weinbaubetrieb so ein Mix unterschiedlichster Baustile entstanden sein. Ein berühmtes Beispiel ist die kuriose Architektur von Madame Louise Pommery, die für ihr Anwesen die unterschiedlichsten Bauformen und -materialien auswählte, um diese von zum Teil renommierten Baumeistern manifestieren zu lassen. Dabei ist der Stil englischer Landhäuser vorherrschend, vielleicht, weil ein Großteil ihrer Kundschaft hinter dem Ärmelkanal selbst in ebensolchen Häusern wohnte.
mini|Außenanlage von Château Pichon-Longueville-Baron