mini|Miniatur des Evangeliars von Lemberg Das Evangeliar von Lemberg (auch Lemberger Evangeliar oder Evangeliar von Skevra) ist eine mittelalterliche armenische Bilderhandschrift des späten 12. Jahrhunderts. Das Evangeliar weist zahlreiche Miniaturen auf und wurde im Kloster Skevra geschaffen, das damals im Königreich Kleinarmenien lag. Durch die armenische Diaspora in Europa gelangte das Manuskript in die galizische Stadt Lemberg (ukrainisch Lwiw), wo es sich bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs befand. Anschließend wurde es nach Polen gebracht und wird nach Stationen in der Abtei Tyniec bei Krakau und in Gnesen heute in der Biblioteka Narodowa, der polnischen Nationalbibliothek in Warschau, aufbewahrt.
Beschreibung Kodikologie mini|links|Hinterer Einband des Evangeliars mini|Seite des Evangeliars mit oben und außen abgeschnittener Miniaturmalerei (fol. 382r) Das Lemberger Evangeliar umfasst 426 Blätter (also Doppelseiten) der Größe 28,9 × 21,5 cm, die überwiegend aus sehr feinem, weichem und fast weißem zyprischem Pergament bestehen und heute mit Goldschnitt versehen sind. Dabei handelt es sich jedoch nicht um den ursprünglichen Buchschnitt, da man aus seitlich abgeschnittenen Abbildungen auf einigen Seiten erkennen kann, dass die Blätter ursprünglich oben noch etwa 1–2 cm und auf der Außenseite etwa 0,5 cm größer waren. Die 426 Blätter sind zu 54 Lagen gruppiert, die in den meisten Fällen Quaternionen sind, also aus vier Doppelblättern bestehen. Als Sortierhilfe für den Buchbinder sind die Lagen durch eine fortlaufende Angabe aus ein oder zwei armenischen Buchstaben (Kustoden) – im Normalfall auf der letzten Seite der betreffenden Lage – nummeriert. Das Buch ist mit vier doppelten Bünden gebunden, die aus einer Hanfschnur bestehen. Der Buchblock ist insgesamt eher gut erhalten, trotz einiger beschädigter Elemente wie etwa dem Kapital. Fast alle Seiten sind in armenischer Schrift überwiegend in Majuskelbuchstaben beschrieben, nur 19 Seiten sind leergeblieben. An einigen Stellen, an denen das Pergament bei der Herstellung des Buches gerissen war, wurden vor dem Beschreiben dünne Pergamentstücke eingeklebt.Christian Hannick, Günter Prinzing: Kurzbeschreibung des Lemberger Evangeliars (auch „Evangeliar von Skevra“ genannt). In: Günter Prinzing, Andrea B. Schmidt (Hrsg.): Das Lemberger Evangeliar. Eine armenische Bilderhandschrift. Reichert, Wiesbaden 1997, ISBN 3-88226-903-0, S. 27–30, hier S. 27–28; Annette Lang-Edwards: Zur Restaurierung des Lemberger Evangeliars. Ebenda, S. 111–119, hier S. 112–113 und S. 115.
Leergeblieben sind insbesondere einige Seiten am Anfang des Buches, da der Codex mit mehreren ganzseitigen Miniaturen beginnt und man sich entschied, für diese nur die rauere Haarseite der Pergamentblätter zu nutzen, auf der die Farbe besser haftet. Dort wie auch im weiteren Verlauf des Manuskriptes sind die Farben der Miniaturmalerei überwiegend gut erhalten, mit Ausnahme einiger Stellen, an denen die Seiten durch Knicke, Abrieb, Feuchtigkeit oder Ähnliches beschädigt wurden. Die für die Schrift verwendete braune Tinte ist auf Seiten, die aus der helleren Fleischseite des Pergaments bestehen, teils aufgeplatzt und kraqueliert, soraufhin der Text stellenweise später mit schwarzer Tinte nachgeschrieben wurde; überwiegend ist aber auch die originale Schrift noch gut erhalten und lesbar.Annette Lang-Edwards: Zur Restaurierung des Lemberger Evangeliars. In: Günter Prinzing, Andrea B. Schmidt (Hrsg.): Das Lemberger Evangeliar. Eine armenische Bilderhandschrift. Reichert, Wiesbaden 1997, ISBN 3-88226-903-0, S. 111–119, hier S. 112.
Die Einbanddeckel messen 31 × 22 cm und bestehen aus Buchenholz. Sie sind auf der Außenseite mit rotem Samt, auf der Innenseite mit rotem Seidenstoff bespannt. Auf den Samteinband der Außenseite sind vorne wie hinten durchbrochene plastische Beschläge und Verschlussteile aus gegossenem vergoldetem Silber aufgesetzt, die aber wenig sorgfältig montiert sind. Sie stammen aus dem späten 17. oder dem 18. Jahrhundert und entsprechen eher westlichen als östlichen (beispielsweise armenischen) Traditionen. Auf beiden Seiten befindet sich jeweils ein ovaler Beschlag mit Strahlenkranz in der Mitte, während die restlichen jeweils vier Beschläge einen umlaufenden Rahmen aus ornamentalen Elementen und Engelsköpfchen um Vorder- wie Rückseite bilden und in den vier Ecken ovale Medaillons beinhalten. Vorne zeigen das mittlere Medaillon die Kreuzigung Jesu und die vier Eckmedaillons die Evangelisten samt Evangelistensymbolen; auf dem hinteren Buchdeckel sind im Mittelmedaillon die Muttergottes und in den Ecken vier Kirchenväter (Augustinus, Ambrosius, Hieronymus, Gregor) dargestellt. Als Vorlagen für die Beschläge des Lemberger Evangeliars werden Werke des süddeutschen Raums aus dem späten 16. oder frühen 17. Jahrhundert angenommen. Zum Buchschnitt hin sind an den Beschlägen die Reste zweier Buchschließen montiert, deren Scharniere aber nicht erhalten sind.Anton von Euw: Das Lemberger Evangeliar als Kunstwerk. In: Günter Prinzing, Andrea B. Schmidt (Hrsg.): Das Lemberger Evangeliar. Eine armenische Bilderhandschrift. Reichert, Wiesbaden 1997, ISBN 3-88226-903-0, S. 39–92, hier S. 82–83; Annette Lang-Edwards: Zur Restaurierung des Lemberger Evangeliars. Ebenda, S. 111–119, hier S. 117–119. Abweichende Maße von 31 × 24 cm finden sich in Christian Hannick, Günter Prinzing: Kurzbeschreibung des Lemberger Evangeliars (auch „Evangeliar von Skevra“ genannt). Ebenda, S. 27–30, hier S. 27.
Schrift und Inhalt mini|Beispielhafte Seite aus dem zweispaltigen Evangelientext (hier Evangelium nach Matthäus) mit Miniaturmalerei und Lagenbezeichnung (Kustode) in Form eines armenischen Buchstabens am unteren Seitenrand (fol. 75v) Das Manuskript ist ein Tetraevangeliar, umfasst also den Text aller vier kanonischen Evangelien des Neuen Testaments. Wiedergegeben ist die altarmenische Bibelübersetzung, die im 4. und frühen 5. Jahrhundert angefertigt wurde und deren Sprachform bis heute als Liturgiesprache der armenischen Christen fungiert. Innerhalb der altarmenischen Bibelüberlieferung zählt das Evangeliar von Lemberg zwar nicht zu den ältesten erhaltenen Handschriften, ist aber älter als die Manuskripte, die für die bis heute meistens genutzten Druckausgaben als Grundlage dienten. Damit ist das Evangeliar auch textkritisch relevant.Christian Hannick: Zum armenischen Evangeliar. In: Günter Prinzing, Andrea B. Schmidt (Hrsg.): Das Lemberger Evangeliar. Eine armenische Bilderhandschrift. Reichert, Wiesbaden 1997, ISBN 3-88226-903-0, S. 31–37, hier S. 31–33.
Im Gegensatz zu einem Lektionar ist der Evangelientext bei einem Evangeliar wie dem von Lemberg nicht in Abschnitte zerteilt und nach liturgischer Verwendung im Kirchenjahr angeordnet, sondern als durchlaufender Text wiedergegeben. Evangeliare wurden, da sie den Gesamttext der Evangelien in originaler Anordnung boten, in der armenischen Glaubenspraxis stärker verehrt als die Lektionare, die durch ihre Sortierung eher praktische Bedürfnisse in den Vordergrund stellen. Allerdings wurde auch bei der Herstellung des Evangeliars von Lemberg eine mögliche liturgische Nutzung schon berücksichtigt: Die Verwendung der verschiedenen Bibelpassagen in den Gottesdiensten des Kirchenjahres ist einerseits durch Randvermerke an der jeweiligen Stelle des Bibeltextes markiert, andererseits stehen am Beginn der Handschrift zwei Hilfsmittel zur systematischen Erschließung der Texte. Dort sind zwei Texte des Kirchenvaters Eusebius von Caesarea vorangestellt, die sich auf neun Blättern mit den gemeinsamen Inhalten und Unterschieden der Evangelien befassen, nämlich der Brief an Karpianos und die Eusebianischen Kanontafeln.Günter Prinzing: Zur Bedeutung und Geschichte des Lemberger Evangeliars. In: Günter Prinzing, Andrea B. Schmidt (Hrsg.): Das Lemberger Evangeliar. Eine armenische Bilderhandschrift. Reichert, Wiesbaden 1997, ISBN 3-88226-903-0, S. 11–26, hier S. 11; Christian Hannick: Zum armenischen Evangeliar. Ebenda, S. 31–37, hier S. 34–37.
Der anschließende Evangelientext ist in einem einheitlichen Schriftbild gehalten, bei dem die Majuskelschrift in zwei Spalten zu je 15 Zeilen angeordnet ist. Am Rand sind in Form von Marginalien gelegentlich Lesarten der Textüberlieferung und Glossen vermerkt. Auf der Titelseite jedes Evangeliums ist der Beginn des jeweiligen Bibeltextes in einer armenischen Zierschrift gestaltet; die darüber stehende Buchüberschrift ist jedoch wiederum in einfacher armenischer Majuskel gehalten. Ausschließlich das erste Evangelium – das nach Matthäus – ist zusätzlich zu der armenischen Buchüberschrift noch mit einer grammatikalisch fehlerhaften griechischen Überschrift versehen, die in einer Auszeichnungsschrift im Inschriftenstil ausgeführt ist.Christian Hannick, Günter Prinzing: Kurzbeschreibung des Lemberger Evangeliars (auch „Evangeliar von Skevra“ genannt). In: Günter Prinzing, Andrea B. Schmidt (Hrsg.): Das Lemberger Evangeliar. Eine armenische Bilderhandschrift. Reichert, Wiesbaden 1997, ISBN 3-88226-903-0, S. 27–30, hier S. 28; Christian Hannick: Zum armenischen Evangeliar. Ebenda, S. 31–37, hier S. 37. Jedes Evangelium schließt mit einem Kolophon, einer Notiz des Auftraggebers der Handschrift. Der Kolophon nach dem vierten Evangelium ist der mit Abstand längste; dort finden sich auch weitere später ergänzte Kolophone weiterer Besitzer des Evangeliars.Christian Hannick, Günter Prinzing: Kurzbeschreibung des Lemberger Evangeliars (auch „Evangeliar von Skevra“ genannt). In: Günter Prinzing, Andrea B. Schmidt (Hrsg.): Das Lemberger Evangeliar. Eine armenische Bilderhandschrift. Reichert, Wiesbaden 1997, ISBN 3-88226-903-0, S. 27–30, hier S. 27–28.
Miniaturen Die enthaltenen farbintensiven Miniaturen sind typisch für den Stil der armenisch-kilikischen Illumination jener Zeit und weisen Einflüsse der byzantinischen Kunst auf. Die Tabellen der Eusebianischen Kanontafeln verteilen sich auf zehn Seiten und sind, wie es in illustrierten Evangelienhandschriften üblich war, in einer gemalten Säulenarchitektur präsentiert.
Entstehung mini|Beginn des Hauptkolophons am Ende der Handschrift (fol. 418v) Das Evangeliar von Lemberg wurde im Kloster Skevra in der Nähe von Lambron fertiggestellt. Der Entstehungsort liegt in der Landschaft Kilikien und gehörte zur Entstehungszeit zum Königreich Kleinarmenien.Andrea Schmidt: L’Évangile de Lemberg: un itinéraire rocambolesque. In: Claude Mutafian: Arménie, la magie de l’écrit. Somogy, Paris 2007, ISBN 978-2-7572-0057-5, S. 260.