mini|König Ibn Saud und US-Präsident Franklin D. Roosevelt am 14. Februar 1945 an Bord der USS Quincy bei Gesprächen.Der Begriff „Petrodollar“ bezeichnet das Phänomen, dass Erlöse aus Ölverkäufen in US-Dollar gehalten oder umgewandelt werden. „Petrodollar“ ist keine Währung, sondern eine seit den 1970er Jahren bekannt gewordene und umgangssprachliche Beschreibung für diejenigen Deviseneinnahmen, welche einige erdölexportierenden Länder aus dem Export von Erdöl und dessen Abrechnung in US-Dollar erzielen. Der Wortbestandteil Petro steht für Erdöl ( – Rohöl). Die Produkte des Erdöls bzw. der Mineralölindustrie sind u. a. die Kraftstoffe oder Petrochemikalien.
Im Einzelnen geht es hierbei um die seit 1945 bestehenden Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien. Das System „Petrodollar“ stellt eine gewisse weltwirtschaftliche und geopolitische Ordnung dar, die mit der US-Währung und den Beziehungen der Länder wechselwirkt. Umgangssprachlich wird somit auch von einer „Petrodollar-Politik“ gesprochen.
Seit dem 21. Jahrhundert mehren sich die Veränderungen und Meinungen in Bezug auf das ursprüngliche Konstrukt. Die bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern sind nach offiziellen Angaben jedoch nach wie vor sehr eng. Zudem wird der Stellenwert des US-Dollar als Leitwährung laufend neu eingeschätzt. Dabei kam es 2024 auch zu Falschinformationen, siehe der Abschnitt Kontroversen.
US-Saudi-Handelsvereinbarungen Der Begriff „Petrodollar“ geht auf einen bestimmten Aspekt der Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien zurück. Letzteres ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts eines der größten Ölförderländer der Welt und erzielte seine Einnahmen historisch hauptsächlich durch den Export von Rohstoffen und generierte so „Petrodollars“. Der Handel mit den US-Mineralölkonzernen wurde jedoch bereits seit Jahrzehnten in US-Dollar abgewickelt. Die Beziehungen der beiden Länder reichen bis auf das Jahr 1945 zurück, auch bekannt als das Memorandum of Conversation Between the King of Saudi Arabia (Abdul Aziz Al Saud) and President Roosevelt.
Es gab in der Geschichte nie einen offiziellen Vertrag oder Abkommen mit dem Wort „Petrodollar“ im Titel. Ebenso werden der US-Dollar oder der Ölhandel in öffentlichen Verträgen und Dokumenten nicht erwähnt, sondern die Zusammenarbeit beider Länder. Das eigentliche Abkommen trug den Originaltitel US-Saudi Arabian Joint Economic Commission und es wurde als sogenanntes Technical Cooperation Agreement (TCA) ausgeführt. Es wurden auch einzelne TCAs für verschiedene Zwecke verhandelt. Jedoch wurde ab 1979 der Begriff „Petrodollars“ in einem Bericht des Comptroller General of the United States, dem Direktor des Government Accountability Office (GAO) bzw. US-Rechnungshofes, erwähnt. Dort wird die Kommission wie folgt beschrieben (übersetzt): Die Kommission für wirtschaftliche Zusammenarbeit – gegründet unmittelbar im Anschluss an das arabische Ölembargo und die damit einhergehenden Preissteigerungen
fördert engere politische Beziehungen zwischen den beiden Ländern durch wirtschaftliche Kooperation; unterstützt die Industrialisierung und Entwicklung Saudi-Arabiens und trägt dabei zur Rückführung von Petrodollars bei; und erleichtert den Transfer amerikanischer Güter, Dienstleistungen und Technologien nach Saudi-Arabien.
Die erweiterte Kooperation wurde am 8. Juni 1974 von Henry Kissinger und Prinz Fahd unterzeichnet, das Original TCA am 13. Februar 1974. Die Vereinbarung wurde stets verlängert. Der bis 2016 verdeckte Teil des Abkommens war, dass Saudi-Arabien zustimmte, Öldollars in US-Staatsanleihen zu investieren.
Die aktuellste Vereinbarung (Name wurde verändert) ist das Agreement for Technical Cooperation (ATC) zwischen den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien wurde am 8. Mai 2023 in Dschidda unterschrieben. Es setzt die Beziehungen der Länder fort, spricht aber ebenfalls nicht vom Ölhandel oder US-Dollar.
Geschichte der Erdölfakturierung in Saudi-Arabien mini|Der Bohrturm Dammam Nr. 7, die erste kommerzielle Ölquelle in Saudi-Arabien, die am 4. März 1938 auf Erdöl stieß. Das Königreich und die Standard Oil of California formierten sich 1944 zu der Arabian American Oil Company (Aramco). Bereits in den 1930er Jahren waren die USA, insbesondere die California-Arabian Standard Oil Company (heute Aramco), durch Konzessionen an der Erdölförderung in Saudi-Arabien beteiligt. Ursprünglich verhandelte bereits 1945 der US-Präsident Franklin D. Roosevelt mit Saudi-König Abdul Aziz Ibn Saud langfristige Handelsbeziehungen, umgangssprachlich bekannt als „Quincy Pact“ („Quincy-Abkommen“), zwischen den Länder aus. Ab diesem Zeitpunkt dominierten die großen westlichen Mineralölkonzerne, auch „Seven Sisters“ genannt, die Preisgestaltung und Entwicklungen der Ölwirtschaft, da sie den größten Markt bedienten.
Im August 1971 beendete US-Präsident Richard Nixon (vgl. auch „Nixon-Schock“) die nominale Goldbindung des US-Dollars. Mit dem Ende der Goldkonvertibilität verabschiedete sich die Geldpolitik der westlichen Welt von diesem System. Genauer gesagt wurde die Konvertibilität des US-Dollars in Gold für ausländische Regierungen und Zentralbanken außer Kraft gesetzt. Diese einseitige Entscheidung und Abwertung der Währung führte dazu, dass die ölproduzierenden Länder (OPEC und OAPEC) unter erheblichen Druck gerieten, da sie bereits Geschäfte in dieser Währung abgewickelt hatten.
Ein Jahr später wurden diplomatische Beziehungen zwischen den USA und der VR China aufgenommen. Im Jahr 1973 folgte der Jom-Kippur-Krieg, der unter anderem die erste Ölkrise verursachte. Dieser Konflikt führte aufgrund der Spannungen zwischen den USA und der Sowjetunion am 25. Oktober 1973 zu einem seltenen DEFCON 3-Status.
Anfang der 1970er Jahre stieg der Ölpreis von etwa 3 US-Dollar pro Barrel (vor dem Embargo) auf rund 12 US-Dollar kurz nach dem Ölpreisschock 1973/74 – damit vervierfachte sich der nominale Preis. Dieser starke Preissprung löste erhebliche Sorgen in vielen Industrieländern aus. Der Sicherheits- und Außenpolitiker Henry Kissinger schreibt in seinen Memoiren:
mini|Nixon und König Faisal von Saudi-Arabien nach Gesprächen im Riasa-Palast (Mekka), 15. Juli 1974
Kissinger und Bill Simon intensivierten die diplomatischen Beziehungen zu Saudi-Arabien. Die Gespräche zwischen Kissinger und dem König Faisal ibn Abd al-Aziz hatten mehrere Ziele, darunter speziell den Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Länder.
Zu dieser Zeit waren die USA außerdem eine der beiden Supermächte im Kalten Krieg und bestrebt, die Einflüsse bzw. Einflussversuche der Sowjetunion (UdSSR) in vielen Ländern der Welt einzudämmen. Nixon betrieb eine als „Twin-Pillar-Policy“ (Zwei-Säulen-Politik) bezeichnete Außenpolitik, die darauf ausgerichtet war, den sowjetischen Einfluss im Persischen Golf, speziell im Iran und in Saudi-Arabien, einzudämmen.
Im Fokus standen auch die Bedürfnisse Saudi-Arabiens, seine Verteidigung auszubauen und zu stärken. Dabei traten die USA durch ihre großen Rüstungskonzerne als Lieferant auf. Der Export von Waffen findet dabei bis heute über Foreign Military Sales (FMS) statt. Bei den Gesprächen zwischen den Staatsleuten ging es vermutlich auch um Öl. Laut US-amerikanischen Politikvertretern sollten diese neuen Beziehungen zu einer Steigerung der Ölproduktion führen und das Abkommen, auch bekannt als die US-Saudi Arabian Joint Economic Commission, sollte als Modell für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Washington und anderen arabischen Nationen dienen.
Ein vermuteter inoffizieller Teil des Abkommens sah vor, den Ölpreis in US-Dollar festzulegen bzw. für den Handel zu nutzen – damit entstand umgangssprachlich das „Petrodollar-System“ oder die „Petrodollar-Ordnung“. Riad erklärte sich bereit, in dieser Währung zu handeln und die durch Ölverkäufe erzielten Mehreinnahmen wieder in US-Staatsanleihen (vgl. U.S. Treasury) zu investieren. Im Gegenzug lieferte Washington Sicherheitsgarantien und Unterstützung – die bis heute andauert. Da es sich um US-Dollar handelt, kann dieses Geld genutzt werden, um in Dollar notierte Rohstoffe wie Öl zu kaufen. Diese Ordnung sorgte für eine beständige Nachfrage nach US-Dollars und der Wert war durch die Preisstandards der OPEC an das Öl gekoppelt. Man spricht in dem Zusammenhang auch vom „Ölgeld“ () oder der „Petrodollarwirtschaft“ (). Fachleute argumentieren, dass dieses System es den USA ermöglicht hat, Schulden in Höhe von Billionen US-Dollar anzuhäufen: Der Rest der Welt kauft diese Schulden in Form von verzinslichen US-Wertpapieren auf.
Dieses System wird auch als „Petrodollar-Recycling“ bezeichnet. Die Erlöse der Ölproduzenten (vornehmlich Saudi-Arabiens) flossen somit zurück in die Volkswirtschaften der Ölverbraucher. Die Einnahmen der Produzenten wurden in Aktien, Anleihen, Wertpapiere und Bankeinlagen zurückinvestiert. In diesem Zuge wurden auch Technologien und andere Güter erworben, um die Modernisierungsprogramme zu finanzieren. Im Endeffekt floss das Geld, das der durchschnittliche amerikanische Autofahrer an der Zapfsäule zahlte, somit in Form von Petrodollar-Investitionen oder durch den Kauf amerikanischer Waren und Dienstleistungen in die Vereinigten Staaten zurück.
Dieses Abkommen war rund ein halbes Jahrhundert lang prägend für die beiden Länder und auch Weltwirtschaft. Weitere Details wurden erst 2016 durch eine Anfrage von Bloomberg mittels des Freedom of Information Act (FOIA) bei den National Archives öffentlich.
Bis 1977 hatte Saudi-Arabien bereits 20 Prozent aller im Ausland gehaltenen US-Staatsanleihen angesammelt. Mit einem Bestand von 117 Mrd. US-Dollar (bei ausländischen Währungsreserven von rund 587 Mrd. US-Dollar im Jahr 2016) avancierte das Königreich zu einem der größten ausländischen Gläubiger Amerikas. Nach inoffiziellen Angaben ist die Zahl jedoch doppelt so hoch oder sogar noch höher. Die Saudi Central Bank hat dazu keine Angaben zum Gesamtumfang ihrer Bestände an US-Staatsanleihen öffentlich gemacht.
Ende der 1970er Jahre (1979) folgte die Islamische Revolution im Iran, die eine weitere Krise im Nahen Osten auslöste. Bereits Jahre zuvor hatte es Auseinandersetzungen um die Kontrolle des iranischen Öls gegeben. Der Schah von Iran forderte in den 1960er-1970er Jahren die großen westlichen Ölkonzerne heraus und es kam zu Neuverhandlungen früherer Verträge. Den Veränderungen ging die Suezkrise von 1956/1957 voraus, infolge derer das Vereinigte Königreich sein bisheriges Engagement in der Golfregion zurückfuhr.
US-Saudi-Beziehungen im 21. Jahrhundert mini|Bei der Eröffnung des Global Center for Combating Extremist Ideology für den gemeinsamen Krieg gegen den Terror im Jahr 2017: Ägyptens Präsident as-Sisi, König Al Saud, Melania und Donald Trump. Im Zuge der Terroranschläge vom 11. September 2001 warnte Saudi-Arabien vor einem Verkauf von Staatsanleihen und anderen Vermögenswerten – für den Fall, dass der Kongress ein Gesetz verabschiedet, das es ermöglicht, das Königreich vor US-Gerichten für die Terroranschläge haftbar zu machen. 15 der 19 Flugzeugentführer waren saudische Staatsbürger.
Der Begriff „Petrodollar“ wurde im Jahr 2006 vom Internationalen Währungsfond (IMF) und dem U.S. Treasury in einzelnen Berichten für Analysen aufgegriffen.
Die USA haben seit dem Schieferöl- und Schiefergas-Boom der 2010er Jahre ihre Ölimporte aus Saudi-Arabien stark reduziert und haben ihre eigene Erdöl- und Erdgasproduktion seither massiv gesteigert.