Heroes – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre (Eigenschreibweise HEROES, dt.: Helden) nennen sich Projekte zur Gewaltprävention in verschiedenen Städten Deutschlands und Österreichs, in denen sich junge Männer mit Migrationshintergrund aus sozialen Milieus mit strikten Ehrvorschriften und patriarchalen Strukturen für die Gleichberechtigung der Geschlechter und Menschenrechte engagieren. Das Projekt in Berlin wurde in den ersten Jahren von der World Childhood Foundation gefördert. Vorangegangen war die Unterstützung gleichnamiger Projekte durch die Foundation in Schweden.
Konzept und Geschichte Heroes wurde 2007 als Projekt des Berliner Vereins Strohhalm e.V. durch die Soziologin Dagmar Riedel-Breidenstein nach schwedischem Vorbild in Berlin-Neukölln gegründet. Die ersten Projektleiterinnen waren die Genderwissenschaftlerin Jenny Breidenstein und die Soziologin Anna Rinder von Beckerath, die in einem ähnlichen Projekt in Schweden gearbeitet hatten.Die „Heroes“ von Berlin-Neukölln, Website des Goethe Instituts, Februar 2010 Heroes richtet sich an junge Männer, die sich mit überkommenen Vorstellungen von Ehre und Männlichkeit auseinandersetzen und Stellung beziehen wollen gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. Das Projekt arbeitet mit deutschen jungen Männern im Alter von 16 bis 23 Jahren mit Migrationshintergrund vor allem aus der Türkei, arabischen Welt oder aus postsowjetischen Ländern zusammen. Pädagogische Fachkräfte bilden über mehrere Monate kleine Gruppen darin aus, in Schulen und Freizeiteinrichtungen Vorträge zu halten und Workshops durchzuführen, in denen über Themen wie Identität, Gleichberechtigung und Rechte von Frauen, Gewalt in Familien und Familienehre diskutiert und in Rollenspielen vorgeprägte Ansichten zum Geschlechterverhältnis und zu Geschlechterrollen infrage gestellt werden.Ursula_G._T._Müller: Dem Feminismus eine politische Heimat – der Linken die Hälfte der Welt, Springer VS 2013, ISBN 978-3-531-19453-0, S. 350. Die Rollenspiele werden von den Jugendlichen selbst entwickelt. Nach etwa einem dreiviertel Jahr wöchentlicher Gruppenarbeit erhalten sie ein Zertifikat und leiten in Schulklassen und Jugendgruppen eigenständig Workshops, um nach der Methode der Peer-Education als Vorbild für andere Jugendliche zu wirken.Jenny Breidenstein: HEROES® – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. In: ARCHIV für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit 1/2010, Für ihre Mitwirkung in den Workshops erhalten die Jugendlichen eine Vergütung.Abschlussbericht, S. 12. Das Projekt wurde von 2009 bis 2012 wissenschaftlich begleitet.Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen des Ehre. Prof. Dr. Barbara Kavemann im Auftrag der World Childhood Foundation, Berlin Dezember 2012 (pdf) Heroes führt auch Fortbildungen für Lehrkräfte von Schulklassen mit multikultureller Zusammensetzung durch.
Seit April 2011 existiert ein weiteres Heroes-Projekt in Duisburg, getragen und begleitet vom Verein Jungs mit Unterstützung des Jugendamtes der Stadt, und seit November 2011 in München, hier unter dem Dach der Arbeiterwohlfahrt. Weiteres Heroes gibt es seit 2012 über den Verein Brücke in Augsburg, seit 2013, über den Verein DEGRIN – Begegnung und Bildung in Vielfalt e.V. in Nürnberg und in Schweinfurt läuft das Projekt über die Gesellschaft zur Förderung beruflicher und sozialer Integration (gfi gGmbH). Seit Mai 2015 ist das Projekt auch in Offenbach an den Start gegangen. Hier ist der Träger das Deutsche Rote Kreuz – Kreisverband Offenbach e.V. Weitere Projekte wurden auch in Österreich umgesetzt – im Jahr 2016 kam es zu einer ersten Projekteröffnung in Salzburg, 2017 folgte ein weiteres in der Steiermark. Die neuesten Projekte wurden in Leipzig über den Verein für interkulturelle Arbeit, Jugendhilfe und Schule e.V. (RAA Leipzig) und am Standort Schleswig-Flensburg (2020) über den Träger der Internationalen Bildungsstätte Jugendhof Scheersberg etabliert.
Von 2007 bis 2016 gehörte Ahmad Mansour, ein israelisch-deutscher Psychologe und Islamismusexperte arabisch-palästinensischer Herkunft, zu den Gruppenleitern des Projekts in Berlin-Neukölln. Als er dem Projekt noch angehörte, berichtete er mehrfach über seine Erfahrungen bei Heroes, beispielsweise im Februar 2013 in der Wochenzeitung Die Zeit. In aller Schärfe distanzierte sich Heroes-Berlin im Rahmen einer undatierten Stellungnahme auf der projekteigenen Berliner Website von ihrem ehemaligen Gruppenleiter Mansour. Kritisiert wurde dessen vorgebliches „offenes Anbändeln mit rassistischen Kräften“, das der Haltung von Heroes widerspreche, und seine so bezeichneten „populistischen, mithin offen Rassismus fördernden Äußerungen“. Allerdings wurden diesen Behauptungen keine Belege beigegeben, die eine eigenständige Bewertung ermöglichen würde. Mansour und die Medien wurden aufgefordert, ihn nicht mehr mit Heroes in Verbindung zu bringen, rechtliche Schritte behalte man sich vor.
Rekrutierung neuer Mitglieder
Jugendliche treten erstmals mit dem Projekt Heroes in Kontakt, wenn in ihren Schulen Workshops zum Thema „Unterdrückung im Namen der Ehre“ stattfinden. Interessenten absolvieren eine einjährige Ausbildung mit wöchentlichen Gruppensitzungen, in denen über innerfamiliäre Geschlechterbeziehungen und das Familienleben gesprochen wird. Diese Sitzungen sind in ihrer Struktur gruppentherapieähnlich und verfolgen das Ziel, Werte wie Geschlechtergleichheit und weitere westliche Praktiken zu übernehmen, darunter den Besuch von Diskotheken, die Akzeptanz von Sex vor der Ehe sowie Toleranz gegenüber Alkohol und dem Verzehr von Schweinefleisch. Soziale Projekte in Schulen dienen dabei nicht nur der Rekrutierung neuer Teilnehmer, sondern auch der Festigung des neuen Wertesystems der Heroes. Innerhalb der schulischen Arbeit diskutieren die Jugendlichen Rollenspiele, benennen geschlechterbezogene Probleme in ihrer Gruppe und entwickeln Lösungen. Dabei sollen die Heroes als Vorbilder für die Schülerschaft fungieren und Wege aus für sogenannte „Ehrenkulturen“ typischen Situationen aufzeigen. Einmalige Workshops können zwar keine umfassende soziale Transformation bewirken. Indem ausgebildete Heroes als Vorbilder für andere Schüler auftreten, können sie jedoch neue Teilnehmer für das Projekt gewinnen und das Gelernte stabilisieren lassen.
Hintergrund Anlass für die Projektgründung war der Ehrenmord an Hatun Aynur Sürücü im Jahr 2005. Hatun, die in Berlin als Kind kurdischer Eltern geboren wurde und aufwuchs, wurde im Alter von 16 Jahren zunächst mit ihrem Cousin in der Türkei verheiratet. Nachdem sich die junge Frau binnen eines Jahres aus der Ehe wieder gelöst hatte und schwanger wurde, kehrte sie zu ihrer Familie nach Berlin zurück.
Auch im Weiteren kämpfte sie beständig mit Unterstützung von Freunden und Behörden für eine selbstbestimmte Lebensweise. Sie verließ das elterliche Zuhause und bezog mit ihrem Sohn eine eigene Wohnung, holte ihrem Schulabschluss nach und begann eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin. Dieses Verhalten kann bei einer streng traditionellen Auffassung von Familienehre als Schande über die Familie interpretiert werden.
In der Folge kann ein oft übermächtiger Handlungsdruck auf die männlichen Familienmitglieder entstehen. Der entschlossene und beständige Kampf von Hatun Aynur Sürücü um eine freiheitliche, selbstbestimmte Lebensweise wurde im Februar 2005 durch ihren jüngeren Bruder, der die junge Frau mit drei Schüssen in den Kopf tötete, beendet.
Barbara Kavemann spricht in ihrem Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts in Berlin im Auftrag der World Childhood Foundation von einer jahrelangen Diskussion zum Thema Ehrenmorde und Zwangsverheiratung. Das Projekt Heroes unterstütze dabei die Schutz- und Unterstützungseinrichtungen, wie Mädchennotdienst und Frauenhäuser, durch den wichtigen Aspekt der Arbeit mit den Söhnen und Brüdern aus Familien mit entsprechendem kulturellen Hintergrund. Das Selbstverständnis der am Projekt Beteiligten greife „die eigenen Diskriminierungserfahrungen der jungen Männer als Mitglieder eingewanderter Familien auf, sensibilisiert für die Unterdrückung anderer und spricht Mut und Tatkraft an“.
Für Ursula G. T. Müller ist Heroes ein Beispiel, wie „Antisexismus betrieben werden kann“. In dem Projekt gehe es darum, „Mädchen und Frauen ein gleichberechtigtes Dasein in unserer Gesellschaft zu ermöglichen“.
Preise Heroes wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Darunter im März 2012 mit dem Preis „Berliner Tulpe“ der Körber-Stiftung und am 23. Mai als „Botschafter für Demokratie und Toleranz“. Im Dezember desselben Jahres widmete der Rabbiner Daniel Alter seinen Fernsehpreis Bambi in der Kategorie „Integration“ dem Neuköllner Projekt für sein Engagement gegen Hass und Gewalt. 2013 erhielt das Projekt den Hildegard Hamm-Brücher Preis „Demokratie lernen und erfahren“ und 2014 den zweiten Preis des Hatun Sürücü-Preises des Landesverbands Berlin von Bündnis 90/Die Grünen.
Kritik Kritisiert wurden die Heroes von Ali Candemir von der DIDF-Jugend. Er verwies darauf, dass dem Projekt ein defizitärer und kulturalistischer Charakter anhänge. Seiner Ansicht nach richte sich die Arbeit des Projekts nicht gegen ein kulturelles, sondern ein soziales, durchaus reales Problem. „Ehrenmorde und Zwangsverheiratung sind nicht zu befürworten, aber sie sind auch nicht so verbreitet, wie das Projekt Heroes einem glauben machen will.“ Jungen Männern mit Migrationshintergrund, von denen die meisten in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, in einem Projekt „richtige Werte“ vermitteln zu wollen, sei ein Armutszeugnis für die Integrationspolitik, die Sozialpolitik, die Arbeitsmarktpolitik und die Bildungspolitik in Deutschland.