mini|Carl Moritz Schreiner, Selbstporträt 1937
Carl Moritz Schreiner (* 17. Oktober 1889Letter Stiftung: Schreiner, Carl Moritz in Barmen; † 7. November 1948Susanne Anna, Annette Baumeister: Das Junge Rheinland: Vorläufer, Freunde, Nachfolger. Schriftenreihe Stadtmuseum, Hatje/Cantz 2008, ISBN 978-3-7757-1989-6, S. 20. in Konstanz) war ein deutscher Bildhauer.
Leben Carl Moritz Schreiner war der Sohn des aus Herborn stammenden protestantischen Pastors an der Pauluskirche in Barmen, Moritz Schreiner. Seine Mutter entstammte der seit 1832 ansässigen Familie Klein-Schlatter und hatte schwäbische und Schweizer Fabrikherren als Vorfahren. Er hatte eine Schwester, Hanna.Will Seringhaus: Carl Moritz Schreiner, 1889–1948. In: Wuppertaler Biographien 8. Folge – Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde des Wuppertalers. Band 16, S. 89–99. Schon früh hatte der Autodidakt Schreiner den Wunsch, Bildhauer zu werden, „trotz größter Schwierigkeiten mit [seinen] Verwandten“. Dem jungen Gymnasiasten waren Unterricht und Hausaufgaben ein Gräuel, und sein Vater versuchte, dem „Sprössling Lebensernst und Sammlung einzupflanzen“, unter anderem mit der Hilfe des späteren Schriftstellers und Literaturkritikers Will Vesper, den er als Einpauker für lateinische Grammatik und Geschichtsdaten für seinen Sohn engagiert hatte.
Sein Vater bestand darauf, dass der „schwierige Junge“, anstatt die Kunstakademie Düsseldorf zu besuchen, zunächst einen „normalen Beruf“ ergreifen sollte. Schreiner gründete darauf „in einem verschieferten Knusperhäuschen“ in Beyenburg eine Familie. Er verdiente seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsaufträgen und Arbeit bei einem Zimmermeister, als Möbelschreiner, in einer Töpferwerkstatt und als Bauzeichner bei einem Architekten. Er besuchte von 1908 bis 1910 die Handwerker- und Kunstgewerbeschule Elberfeld. Hier nahm er, wahrscheinlich als Abendschüler,Ruth Meyer-Kahrweg: Denkmäler, Brunnen und Plastiken in Wuppertal. Biografien der beteiligten Künstler. Born Verlag 1991, ISBN 3-87093-058-6, S. 139–141. an der „figürlichen Klasse“ von Max Bernuth teil.Kulturamt Landeshauptstadt Düsseldorf, Johannes auf der Lake: Zwei Bänke mit Katzen, Objektnummer KA.SB121
Schreiner brach plötzlich aus seiner Familie aus, verließ seine Frau und seine beiden Kinder und übersiedelte 1911 nach Düsseldorf, allerdings „mehr wegen der Atmosphäre der Kunst- und Gartenstadt als für ihre Akademie“. Das Studium am lebenden Objekt reizte ihn mehr als eine „langweilige“ Akademieausbildung. Hier heiratete er Johanna Wilhelmina SpeckenbachName, Familienstand und die genaue zeitliche Verortung der Frauen, mit denen Schreiner von etwa 1908 bis 1919 liiert war, sind in der Literatur nicht vollständig genannt. Es ist daher ungeklärt, ob es sich bei der Mutter seiner beiden Kinder aus Beyenburg um Johanna Wilhelmina Speckenbach handelt, die er in Düsseldorf heiratete und mit der er drei Kinder zeugte. Etwa 1910, Frau und Kinder nicht namentlich genannt: „Dann brach er plötzlich aus dem Beyenburger Idyll, und das heißt auch, dass er seine Frau und die beiden Kinder verließ. Er übersiedelte nach Düsseldorf […]“ In: Will Seringhaus: Carl Moritz Schreiner, 1889–1948. In: Wuppertaler Biographien 8. Folge – Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde des Wuppertalers. Band 16, S. 89–99. „1911 zog er nach Düsseldorf und heiratete Johanna Wilhelmina Speckenbach aus Elberfeld. Die Ehe, der drei Kinder entstammen, wurde 1919 geschieden.“ In: Ruth Meyer-Kahrweg: Denkmäler, Brunnen und Plastiken in Wuppertal. Biografien der beteiligten Künstler. Born Verlag 1991, ISBN 3-87093-058-6, S. 139–141. (* 1890) aus Elberfeld. Die Ehe, der drei Kinder entstammen, wurde 1919 geschieden.
Eine kritische Rezeption aus dem Jahr 1913 attestierte dem damals 24-jährigen Künstler ein „überhebendes Selbstbewusstsein und einen starken Schuss Stutzerhaftigkeit“ – Charakterzüge, die ihm in seinen reiferen Jahren fehlen sollten. Sein jugendlich-provokantes Auftreten sollte ihn als „Anti–Philister und Frondeur“ ausweisen. Ein zeitgenössischer Kommentar lautete: „Ein seltsamer Separationsbruder stellt sich vor.“
Schreiner meldete sich im August 1914 freiwillig zum Kürassier-Regiment „von Driesen“ (Westfälisches) Nr. 4 in Münster, bei dem er als Angehöriger einer Trainabteilung und Bäckereikolonne am Ersten Weltkrieg teilnahm.Bruno Erich Werner: Die deutsche Plastik der Gegenwart. Rembrandt Verlag, 1940, S. 212.Henry Schaefer Simmern: Sculpture in Europe Today. University of California Press, 1955, S. 31. Der Umgang mit den Pferden des Regiments fand Niederschlag in seinen späteren Arbeiten.
Schreiner gehörte wie Richard Paling, Walter Gerber, Kurt Nantke und anderen zu den regelmäßigen Besuchern der Dachwohnung von Lutz Aldinger in der Nähe der Barmer Ruhmeshalle. In der Wohnung wurde „musiziert, deklamiert und diskutiert“.Bergische Kunstgenossenschaft: (PDF, 11,73 MB) 1919 oder 1920 heiratete er Aldingers Schwester, die Malerin Margarethe Aldinger aus Barmen, die dem Plastiker nach Düsseldorf folgte.August von der Heydt, Carl Georg Heise: Die Sammlung des Freiherrn August von der Heydt, Elberfeld: Ausgewählte Werke der Kunst der Gegenwart. K. Wolff, 1918, S. 40. Die Ehe wurde in den 1930er Jahren geschieden. In den 1920er Jahren galt Schreiner als „ein geschätzter Düsseldorfer Bildhauer“ und bewegte sich im Umfeld der „meistgemalte[n] Frau Deutschlands“,Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf: der Galeristin Johanna Ey. Als Vorstandsmitglied der Künstlervereinigung Das Junge Rheinland vertrat er die progressive Kunst der rheinischen Avantgarde dieser Jahre.
Der Künstler war Katzenliebhaber und hatte schon als Heranwachsender Katzenfiguren modelliert. Seine Wohnung in der Xantener Straße in Düsseldorf-Golzheim „barg zeitweise zwei Dutzend lebender Exemplare“ und „mehr oder weniger vollendete Katzenplastiken“. 1921 zog Schreiner für eine Weile mit einem Wanderzirkus, wobei er Bewegungen und den Ruhezustand von Löwen zeichnerisch dokumentierte. Um die gleiche Zeit wurde es üblich, vom „Katzen-Schreiner“ zu sprechen.
Eine Studienreise führte Schreiner 1928 nach Norwegen.Museum Ostwall, Leonie Reygers (Hrsg.), Karl Gröppel, Ludwig Grote: Sammlung Gröppel: Mit Werken expressionistischer Künstler aus dem Museumsbesitz. 116 S. 1929/30 war er Stipendiat in der Villa Massimo in Rom.Deutsche Akademie Rom Villa Massimo: 1934 wurde ihm ein Reisestipendium nach Griechenland gewährt. Weitere Studienreisen führten ihn nach Italien und Frankreich, aus deren gotischen Bildwerken Schreiner seine Inspiration bezog.Ulrich Krempel, Städtische Kunsthalle Düsseldorf: Am Anfang: das junge Rheinland. Verlag Claassen, 1985, S. 338.
Durch die zunehmenden Luftangriffe auf Düsseldorf im Verlauf des Zweiten Weltkriegs kam es zu mindestens 12 Teilschäden in Schreiners Werkstatt, worauf er 1943 mit seiner dritten Ehefrau Hildegard (geborene Brunner) die Stadt verließ und in einer Wohnung und einem Atelier in Breisach am Rhein Zuflucht suchte. Nach der befohlenen Räumung Breisachs bezogen sie Notunterkünfte auf der Insel Mainau und in Allensbach, im Herbst 1945 zogen sie nach Konstanz. Schreiners Gesuch um Unterstützung seiner Bemühungen zur Rückgabe seines Ateliers und seiner Wohnung in Breisach und um eine Anstellung an der geplanten Kunstakademie Freiburg war erfolglos.Landesarchiv Baden-Württemberg: C 25/3 Nr. 822, Gesuch des Bildhauers und Malers Carl Moritz Schreiner um Unterstützung seiner Bemühungen zur Rückgabe seines Ateliers und seiner Wohnung in Breisach und um eine Anstellung an der geplanten Kunstakademie Freiburg. Darin: gedruckte Abbildungen von Kunstwerken Schreiners; Ausstellungsprospekt in Konstanz. Die Entbehrungen und der Schrecken der Kriegsjahre hatten an Schreiner gezehrt, „an Arbeit war nicht denken“. 1948 starb er an „Materialermüdung, Altern der Gefäße und État criblé“, so der Arztbericht.
Carl Moritz Schreiner war Mitglied im Deutschen Künstlerbund.Deutscher Künstlerbund:
Werk mini|150px|Denkmal für Theodor Körner in der Ulmenallee in Wuppertal, 1938
Schreiners erstes Aufsehen erregendes Werk wurde am 24. August 1913 enthüllt und zeigte ein Denkmal für Theodor Körner an der Ulmenallee im Barmer Fischertal. Das Denkmal zeigt, nach der Beschreibung des Künstlers, „[…] die Gestalt des vom heiligen Feuer durchglühten Dichterjünglings, der als Freiheitskämpfer seine hohe Sendung in die Tat umsetzte […]. Kühn aufschießend aus der gelagerten Treppenanlage reckt sich der Steinpfeiler, der die Gestalt eines Barden mit Leier und Schwert trägt. Und dieser Pfeiler ist überzogen von den hinreißenden Versen des Freiheitsdichters:“denkmal-wuppertal.de: Theodor-Körner-Denkmal, 23. Juli 2012.
Das Denkmal der idealisierten Jünglingsgestalt auf einem sehr hohen Sockel war nicht unumstritten, zeigte die Figur den Jüngling doch recht entblößt. So bemerkte denn auch eine Zeitung, dass es bei den Festteilnehmern bei der Einweihung betroffenes Schweigen und Kichern gab, dass Väter den Weg bei ihren Spaziergängen mit der Familien fortan mieden, und dass die Schülerinnen der höheren Töchterschule bei ihren Botanisiergängen nun andere Gebiete aufsuchten. Im Juli 1939 stand im Stadtrat eine Beseitigung der als anstößig empfundenen Figur zur Debatte. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Denkmal zerstört und die Überreste im April 1959 entfernt.
mini|150px|Tigerskulptur in der Eingangshalle des Wilhelm-Marx-Hauses (2022) mini|150px|Relief über dem Eingang des Museums Kunstpalast Düsseldorf (2011) mini|150px|Der Fackelträger von 1928, Mülheim an der Ruhr
1922 fertigte Schreiner für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Mitglieder der Gesellschaft Concordia in Barmen eine Gedenktafel aus Bronze, die sich heute noch im Treppenhaus der Gesellschaft am Werth befindet. Er erhielt größere öffentliche Aufträge für Bauplastik, darunter die aus Muschelkalk gefertigte Tigerskulptur von 1924 in der Eingangshalle des Wilhelm-Marx-HausesWolfgang Funken: Ars Publica Düsseldorf. Geschichte der Kunstwerke und kulturelle Zeichen im öffentlichen Raum der Landeshauptstadt, Band 1, Klartext-Verlag Essen, 2012, ISBN 978-3-8375-0873-4, S. 267 und 1924/26 ein heraldisch gefasster Artgenosse, ein Löwe aus Muschelkalk, am Marathontor des Düsseldorfer Rheinstadions, der sich seit 1974 am neuen Haupteingang befindet. Schreiner entwarf auch die Zwei Bänke mit Katzen (1924/1926Hans Maes (Hrsg.), Hatto Küffner, Edmund Spohr: Düsseldorf in Stein und Bronze. Triltsch Verlag, Düsseldorf, 2. Auflage. 1984, ISBN 3-7998-0018-2, S. 84.); zwei links und rechts des östlichen Eingangs zum Museum Kunstpalast im Ehrenhof stehende Bänke aus Travertin. Die Armlehnen bilden jeweils zwei Statuen liegender Katzen.Rolf Purpar: Kunststadt Düsseldorf. 2. Auflage. Grupello Verlag, Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-89978-044-4. Die Sitzbänke mit den Tierfiguren schuf Schreiner zur Eröffnung der Großen Ausstellung Düsseldorf 1926 für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen (GeSoLei).
Schreiners Planetengruppen im Ehrenhof (1926) an der Nordseite der Tonhalle Düsseldorf stellen Verkörperungen von Mars, Venus, Saturn und Jupiter dar und beziehen sich auf die ursprüngliche Funktion der Tonhalle als Planetarium.Carl Moritz Schreiner: Mars und Jupiter, Teil der Planetengruppe, 1926. auf: localkompass.de Über dem Osteingang zum Museum Kunstpalast befindet sich ein von Schreiner gestaltetes klassisches Sopraportarelief namens Drei Künste, das er ebenso für die GeSoLei 1926 aus Travertin fertigte. Ob die drei Figurinen allerdings tatsächlich als Allegorien der Gattungen Architektur, Skulptur und Malerei anzusehen sind oder doch eher als Verkörperungen der drei Grazien Ephrosyne (Frohsinn), Thalia (Festfreude) und Aglaia (Glänzende), ist ungeklärt.Kulturamt Landeshauptstadt Düsseldorf, Johannes auf der Lake: Die drei Künste. Objektnummer KA.SB119