mini|Jerzy Gross, 2012
Jerzy Gross (geboren am 16. November 1929 in Krakau;Traueranzeige Jerzy Groß, online, abgerufen am 23. November 2014. gestorben am 24. Juli 2014 in Köln; Pseudonym Michael Emge) war ein polnisch-deutscher Holocaust-Überlebender. Er war der letzte in Deutschland lebende „Schindlerjude“. In seiner Jugend lebte Gross in zwei Ghettos und war Insasse dreier Konzentrationslager im von Deutschland besetzten Polen. Dabei überstand er mehrere Selektionen und landete schließlich auf der Liste des Unternehmers Oskar Schindler. Der forderte die zur Ermordung vorgesehenen Juden für den Arbeitseinsatz in seiner Brünnlitzer Fabrik an, wodurch sie dem sicheren Tod im Vernichtungslager Auschwitz entkamen.
Von seiner 65-köpfigen Verwandtschaft überlebten nur Gross und ein weiteres Familienmitglied die Judenvernichtung der Nationalsozialisten. In der Nachkriegszeit lebte Gross noch kurze Zeit in Polen, dann in Israel und schließlich in Düsseldorf und Köln. Erst im Alter sprach er mit seiner Familie und später auch öffentlich über seine traumatisierenden Erfahrungen.
Leben Jerzy Gross wurde als zweiter Sohn eines jüdischen Ingenieurs und einer katholischen aus Wien stammenden Kauffrau geboren. Sein vier Jahre älterer Bruder Ottek kam in Leipzig zur Welt, wo die Familie zuvor lebte. In Krakau hatte der Vater den Auftrag für einen Brückenbau bekommen, und dort wurde auch Jerzy geboren. Der Vater war wenig religiös, während die Mutter ihren katholischen Glauben lebte. Sie sprach jedoch auch gut Hebräisch und war mit den jüdischen Riten und Traditionen vertraut, so dass Gross in beiden Religionen erzogen wurde.Angela Krumpen: Spiel mir das Lied vom Leben. Judith und der Junge von Schindlers Liste 2014, ISBN 978-3-451-06687-0, S. 25–27. Im Alter von fünf oder sechs Jahren entdeckte Gross in der Wohnung seines Onkels eine Geige und versuchte, darauf zu spielen. Der Onkel, selbst Musiker, beobachtete ihn dabei und empfahl der Familie, Jerzy aufgrund seines Talents an diesem Instrument auszubilden. Fortan genoss er von Krakau aus Privatunterricht bei einem Lehrer in Bochnia.Krumpen, S. 27–28.
Beginnende Judenverfolgung Am 6. September 1939 wurde die Stadt Krakau während des Überfalls auf Polen von deutschen Truppen erobert. Danach kam es bald zu ersten Anzeichen der kommenden Judenverfolgung: Im November 1939 wurde der Judenstern eingeführt, den auch Vater und Sohn Gross tragen mussten. Die Mutter, obwohl nach Definition der Nationalsozialisten arischer Abstammung, tat es ihnen gleich und setzte sich dadurch bei Straßenkontrollen größeren Schwierigkeiten aus. Sie wurde gemeinsam mit dem Vater auch in der Öffentlichkeit beschimpft. Im März 1940 wurde Gross als Jude vom Schulunterricht ausgeschlossen. Die Familie musste ins zunächst noch offene Krakauer Ghetto ziehen. Kurz vor dessen Abriegelung siedelte die Familie mit Hilfe eines ehemaligen Schulkameraden des Vaters, nun Gestapo-Kommandant in Bochnia, in das dortige Ghetto um.Krumpen, S. 28–31.
Im Ghetto von Bochnia Am neuen Wohnort reparierte Gross’ Vater Schusswaffen von Jägern, Waffenhändlern und Mitgliedern der deutschen Besatzungsmacht. Hierdurch stand ihm neben einer Werkstatt und einem kleinen Schießstand mit Zustimmung des Ghettokommandanten Franz Müller mehr Wohnraum zur Verfügung, als es im Ghetto üblich war. Als Jerzy in der Schule des Ghettos vom Lehrer als „Sohn eines Verräters“ beschimpft wurde, verprügelte der Vater den Lehrer, und Jerzy durfte die Schule fortan nicht mehr besuchen. Die Familie war von der Lebensmittelknappheit im Ghetto betroffen, und der zwölfjährige Jerzy musste in Zwölf-Stunden-Schichten im Straßenbau arbeiten und erhielt dafür Lebensmittelrationen.Krumpen, S. 32–34.
Zwischen dem 25. und dem 27. August 1942 fanden im Ghetto die ersten von den Deutschen als „Aktion“ bezeichneten Selektionen und Razzien statt: Von den Bewohnern wurden 1200 Menschen noch vor Ort erschossen oder erhängt, 2000 wurden ins Vernichtungslager Belzec gebracht. Im Anschluss wurde das Ghetto systematisch nach Juden durchsucht, die sich den Maßnahmen entzogen hatten, sie wurden ebenfalls ermordet. Im Ghetto verblieben rund 1000 „offiziell“ geduldete Juden und geschätzte 400, die sich erfolgreich vor der „Aktion“ verstecken konnten.The Bochnia Ghetto auf http://holocaustresearchproject.org/ online, abgerufen am 23. November 2014. Familie Gross wurde von der Frau des Ghettokommandanten gewarnt, und ihr Haus wurde nicht durchsucht. Jerzy Gross schilderte später eine traumatisierende Situation, als er nach der „Aktion“ bei der Nahrungssuche auf die Leiche einer jungen Frau stieß.
Zeitgleich verlor Gross seine Arbeitsmöglichkeit im Straßenbau. Kommandant Müller, der Kunde beim Vater war, ließ ihn seinen Schäferhund pflegen, wodurch Jerzy an einige Lebensmittel aus der deutschen Kantine gelangte, was seine Situation etwas erleichterte. Zugleich verlor die Mutter ihre Privilegien als Nichtjüdin, weil sie sich weigerte, das Ghetto und damit ihre Familie zu verlassen. Auch in den nächsten Monaten wurde Jerzy Gross Zeuge mehrerer willkürlicher Erschießungen, angeordnet vom Ghettokommandanten und umgesetzt von SS-Truppen und lettischen Verbündeten der Deutschen.
Im November 1942 führten die Deutschen die zweite „Aktion“ im Ghetto durch. Diesmal wurde die Familie in den frühen Morgenstunden aus dem Haus geholt und Gross selbst einer Selektion unterzogen. Seinen Schilderungen nach diskutierte er an der Sammelstelle, ob er zu den „Kleinen“ oder den „Großen“ gehen konnte. Er durfte zu den „Großen“ und überlebte, wie auch die anderen Mitglieder seiner Kernfamilie. Über 6000 Menschen aus dem Ghetto wurden getötet oder deportiert. Nun wurden die wenigen Verbliebenen, darunter Familie Gross, in einem Gebäudekomplex zusammengepfercht, wo sie fortan wohnen mussten. Seine Geige musste Jerzy Gross zurücklassen. Auch danach wurde er erneut Zeuge von Quälereien und Erschießungen von Männern, Frauen und Kindern.Krumpen, S. 42.
KZ Plaszow mini|Konzentrationslager Plaszow (1942) Nach einer weiteren Razzia wurde die Familie Gross ins KZ Plaszow verbracht, das unter dem Kommando von SS-Untersturmführer Amon Göth stand. Gross erlebte, wie dieser regelmäßig von seinem Balkon aus willkürlich Insassen mit einem Gewehr erschoss. Gross wurde wie sein Vater in den Lagerwerkstätten eingesetzt, die eigentlich qualifizierten Arbeitern vorbehalten waren. Seine Mutter arbeitete in der Krakauer Fabrik des Unternehmers Oskar Schindler. Sie kam nur samstags ins Lager und übernachtete ansonsten bei der acht Kilometer entfernten Fabrik. Gross gelang es mehrfach, sie an den Wochenenden heimlich im abgesperrten Frauenbereich des Lagers zu besuchen.
Nach kurzer Zeit wurde er für die Pflege der scharfen Lagerhunde eingesetzt. Der ehemalige Ghettokommandant Müller, dessen Schäferhund Gross zuvor gepflegt hatte und der jetzt Arbeiterführer im Lager war, empfahl ihn für diesen Dienst. In Begleitung von Müllers Schäferhund gelang es ihm, seine Arbeit im Zwinger unbeschadet zu verrichten. Franz Müller bewahrte ihn auch vor einer weiteren Selektion, bei der hunderte Kinder in die Gaskammer geschickt wurden: Er ließ ihn kurz davor in den Zwinger schaffen, wo er bei den Hunden schlafen musste. Diese Hunde setzten die Lagerwachen gezielt und tödlich gegen Insassen ein. Das stellte Gross vor das Dilemma, zur eigenen Rettung die Mordwerkzeuge der Lagermannschaft zu pflegen.
Schließlich musste Gross im Lager das Verschwinden seines Vaters erleben, dessen genaues Schicksal er nie aufklären konnte.Krumpen, S. 56ff. In Plaszow wurden an Jerzy Gross medizinische Experimente vorgenommen: Eine Dose mit Läusen wurde wochenlang an seinem Bein befestigt, und die Insekten fraßen sich schmerzhaft durch die Haut, wo sie tiefe Narben verursachten.Krumpen, S. 65.
KZ Groß-Rosen alt=KZ Groß-Rosen, Haupteingang|mini|KZ Groß-Rosen, Haupteingang 1944 näherte sich der Frontverlauf zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee dem KZ Plaszow.Plaszow – Krakow Forced Labour Camp auf holocaustresearchproject.org online, abgerufen am 25. November 2014. Während der Vorbereitungen zur Auflösung des Lagers, die für die meisten Insassen den Abtransport in ein Vernichtungslager bedeutet hätte, erfuhr Jerzy Gross, er stehe auf einer Liste des Unternehmers Oskar Schindler. Diese Liste umfasste eine Zusammenstellung der Namen von rund 1100 Juden, die beim Umzug von Schindlers Deutscher Emailwarenfabrik ins [mährische] Brünnlitz im Oktober als Arbeitskräfte dorthin transportiert werden sollten. Gross wusste über diese Bedeutung zunächst nichts. Auch konnte er bis zuletzt nicht aufklären, wie sein Name auf die Liste gekommen war.Anm.: Dass Kinder auf die Liste kamen, war kein Einzelfall. Schindler war 1943 Augenzeuge geworden bei der Ermordung von Kindern aus dem Krakauer Ghetto. Das hatte bei ihm größte Verachtung und Ekel gegenüber der SS bewirkt, und seinen Fokus bzgl. der Rettung von Kindern verstärkt. judentum-projekt.de Seiner Vermutung nach hatte erneut Franz Müller seinen Einfluss geltend gemacht, der im gleichen Büro wie Marcel Goldberg, Schreiber in der Lagerverwaltung von Plaszow, tätig war.Krumpen, S. 106.
mini|800px|zentriert|Auszug aus Schindlers Liste mit Eintrag zu Jerzy Gross. Auf der Liste wurde er durch das Geburtsjahr 1928 ein Jahr „älter gemacht“. Mit rund 170 Personen wurde Gross im Spätsommer 1944 in Güterwagen eingepfercht und ins KZ Groß-Rosen gebracht. Die dreitägige Reise verbrachten sie bei extremer Hitze und teils stehend, da die Güterwagen keinen ausreichenden Platz boten. Groß-Rosen beschreibt Gross als „sauberer“ im Vergleich zu Plaszow, allerdings waren die Lagerinsassen grausamen Quälereien der Lagermannschaft, zumeist Kapos, ausgesetzt. Auch bekam er erneut zahlreiche Todesfälle durch Morde der Lagermannschaft und durch Unfälle bei riskanten Arbeiten mit. Gross selbst wurde gemeinsam mit anderen gezwungen, die Kleidung ankommender Juden, die zum Weitertransport in Gaskammern vorgesehen waren, auf Wertgegenstände und Nahrung zu durchsuchen. Schließlich erlebte er die Ankunft seines Bruders Ottek und später auch dessen endgültiges Verschwinden. Zuletzt wurde Gross per Zug nach Brünnlitz transportiert, wo er in Schindlers Fabrik zum Einsatz kam.Krumpen, S. 112, 113.
Außenlager Brünnlitz mini|Schindlers Fabrik in Brünnlitz (Brněnec) mini|Entlasspapiere Jerzy Gross aus Brünnlitz Schindlers Rüstungsfabrik war als KZ-Außenlager Brünnlitz dem KZ Groß-Rosen untergeordnet. Die Bedingungen schildert Gross besonders am Anfang und abweichend von der Darstellung im Spielberg-Film Schindlers Liste als sehr hart. Es gab keine Betten, kaum Lebensmittel, und Ungezieferbefall unter den Insassen war weit verbreitet. Gearbeitet wurde in Schichten von bis zu 14 Stunden. Nach rund einem Monat kam Küchenpersonal nach, was die Lebensmittelversorgung verbesserte. Später wurden auch Holzbetten aufgestellt.Krumpen, S. 116, 120.