mini|Szene zu Strickers 'Karl', aus der Handschrift St. Gallen Strickers Daniel von dem Blühenden Tal ist ein nachklassischer Artusroman aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und erzählt die fiktive Geschichte des Helden Daniel, der Artus im Kampf gegen den Feind König Matur beiseite stehen will. Sein Ziel führt ihn durch das wundersame und exotische Reich Cluse, wo er sich verschiedenen Monstren und Ungeheuern stellen muss, um die Menschen des bedrohten Dorfes zu beschützen.

Literarische Bedeutung So wie andere nachklassische Artusromane, z. B. Garel von dem Blühenden Tal von dem Pleier, galt auch Daniel von dem Blühenden Tal in der Forschung lange als qualitativ minderwertig.Vgl. u. a. Schröder (1986), S. 826 Die Eigenständigkeit in Bezug auf Stoff und Motive wurde lange Zeit nicht anerkannt.

Durch Vergleiche mit klassischen Artusromanen wie dem Iwein von Hartmann von Aue konnten jedoch eigene Gattungsmerkmale herausgearbeitet werden.Vgl. De Boor (1957), S. 67ff. Daniel von dem Blühenden Tal als wichtigstes nachklassisches Artusepos zeigt mindestens zwei wichtige und markante Abweichungen: Daniels Aventiuren sind ein Puzzle aus stofflichen Motiven verschiedener Gattungen und Epochen, sie weichen an vielen Stellen vom klassischen Artusroman ab. Die oftmals aus der griechisch-mythologischen Stofftradition, allem voran den homerischen Epen und der Perseussage, entlehnten Ungeheuer und Monstren lassen sich nicht durch rohe Gewalt und Muskelkraft töten, wie es bei den klassischen Artusromanen der Fall ist, sondern können wie bei Odysseus nur durch Klugheit und List besiegt werden. Darüber hinaus hat die Minne einen ganz anderen Stellenwert als in den klassischen Artusromanen.

Daniel stellt somit eine einzigartige Figur in der Welt der Artusromane dar.Mehr zu den Gattungsabweichungen bzw. Innovationen u. a. bei De Boor, C. (1957) oder Rosenhagen, G. (1890)

Daniel und das Motiv der List Strickers 'Daniel' stellt besonders in Bezug auf die Artusepik eine Neuerung dar. War der ursprüngliche ideale Held stark und tapfer, so steht bei Daniel der Intellekt im Vordergrund. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass das mittelhochdeutsche Wort list nicht die gleiche Bedeutung wie das entsprechende neuhochdeutsche Wort hat. Die Brüder Grimm definierten es folgendermaßen:

„List, das was man kann, Kenntnis einer Sache und Fertigkeit sie anzuwenden; mit dem alten Kunst identisch und namentlich auch in der Bedeutung der heutigen Wissenschaft gebraucht. … List, in engerem sinne, der einzelne Kunstgriff, kluge Anschlag, die kluge Maßregel … List, die Klugheit, Weisheit selbst, auch die göttliche … häufig aber die Schlauheit, das hinterhältige rechnen zu Gunsten eines eigenen Vorteils, eine Bedeutung, die schon in der alten Sprache Boden gewinnt.“Grimm (1885), Sp. 1065ff.

Somit erfuhr der Begriff eine Bedeutungsverengung. Heute konnotiert man mit List ein eher negatives Attribut, auf das die Brüder Grimm im letzten Satz eingehen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist also, dass mit list Klugheit, Weisheit und Kunst gemeint ist, die eine gewisse Art von Hinterlist mit einschließt. Dadurch, dass Daniel über Stärke und Intellekt verfügt, wird er zu einer neuen Art von idealem Ritter.

In Strickers 'Daniel' ist dieses neue Ideal jedoch nicht exklusiv auf Daniel ausgerichtet. Auch die anderen Ritter zeigen listige Züge wie etwa Gawein, als er die Ritter darauf hinweist, dass sie dem Riesen die Augen ausstechen sollten. Damit schuf der Stricker eine Neuerung in der Gattung des Artusromans. Ingeborg Hendersen schrieb 1976 in ihrer Interpretation zum 'Daniel':

„Die Art, in der er Schlüsselinhalte des klassischen Artusromans ändert, weisen ihn über jedes Epigonentum im Sinne unkritischer Nachahmung hinaus, denn sie offenbaren Auseinandersetzung mit der arthurischen Wertewelt und Stellungnahme zu zeitgenössischer Problematik.“Henderson (1976), S. 16–17.

Somit gehört Strickers 'Daniel von dem blühenden Tal' nicht zu den klassischen, sondern zu den nachklassischen Artusromanen.

Handlung InhaltsübersichtWennerhold (2005), S. 27 ff.