Ernst Theodor Loeb, seit 1924 Ernst Loeb-Caldenhof (* 19. Oktober 1881 in Lippstadt; † 1964, vermutlich in Hamm), war ein deutscher Verwaltungsjurist. Er war ab 1919 Landrat des Kreises Hameln und nach dessen Fusion mit dem Kreis Pyrmont von 1922 bis 1933 Landrat des neu gebildeten Landkreises Hameln-Pyrmont.
Leben und Wirken Ernst Theodor Loeb war der einzige Sohn und das jüngste von drei Kindern des Landgerichtsdirektors Ernst Loeb (1847–1902) und dessen Ehefrau Emilie Lennich (1855–1946), einer Tochter des Kreisrichters Johann Theodor Lennich.Standesamt Oberbiel, Heiratsregister-Eintrag Nr. 9 vom 16. Juni 1906, mit Randvermerken; eingesehen auf ancestry.de am 26. August 2026. Der General Robert Loeb war ein Bruder seines Vaters. Seine Großeltern väterlicherseits waren Sophie Loeb (1816–1894) und Jacob Loeb (1810–1891), Forstmeister und Besitzer des Guts Caldenhof bei Hamm. Seine Großmutter Sophie war eine Tochter des jüdischen Reformers, Mediziners und Kunstsammlers Alexander Haindorf und eine Enkelin des Philanthropen Elias Marks. Mit ihrem ausgeprägten Sinn für Kunst hatte sie die umfangreiche Gemäldesammlung ihres Vaters, die auf Gut Caldenhof untergebracht war, erweitert. Bezug nehmend auf das Familiengut erweiterte Ernst Theodor Loeb ab September 1924 mit behördlicher Erlaubnis seinen Familiennamen zu Loeb-Caldenhof.
Ernst Theodor Loeb und seine beiden Schwestern wuchsen in Berlin auf; die Familie wohnte in der Kurfürstenstraße 131. Seine älteste Schwester war die Malerin und Grafikerin Hedwig Petermann (1877–1968). Seine zweite Schwester, Antonie (1879–1930), heiratete den Wiener Oberstaatsbahnrat Rudolf Mitterer.
Loeb studierte Rechtswissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. 1902 wurde er im Corps Guestphalia Bonn aktiv.Kösener Corpslisten 1960, 10/676; Martin Dossmann: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2025, ISBN 978-3-8471-1871-8, S. 253, 278, 356, 366, 441 f. An der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg wurde Loeb 1907 zum Dr. iur. promoviert. Das Thema seiner Dissertation lautete: Das Recht auf den Notweg: nach dem Bürgerlichen Gesetzbuche und seine Unterschiede vom gemeinen Rechte: die Ausübung vor und nach dem Urteile in vergleichender Darstellung.
In den beiden letzten Jahren des Ersten Weltkrieges war Loeb als Regierungsrat im Preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten tätig. In der Weimarer Republik wurde er 1919 Landrat im Kreis Hameln. Nach der Zusammenlegung des Kreises Hameln mit dem Nachbarkreis Pyrmont zum neuen Landkreis Hameln-Pyrmont vergrößerte sich ab April 1922 sein Zuständigkeitsbereich erheblich. Obwohl die Familie schon in der zweiten Generation evangelisch war, wurde Loeb-Caldenhof nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im April 1933 wegen seiner jüdischen Vorfahren – trotz der Fürsprache von Honoratioren – des Amtes als Landrat enthoben und mit 52 Jahren zwangsweise in den Ruhestand versetzt.Piet Tommissen (Hrsg.): Schmittiana: Beiträge zu Leben und Werk Carl Schmitts, Duncker & Humblot, 1998, S. 97. In der Folge zog er sich auf das elterliche Gut Caldenhof zurück.
Während des Zweiten Weltkriegs verfasste Ernst Loeb-Caldenhof ein Manuskript für ein politisches Buch mit dem Titel Ein Zeitungsleser im III. Reich, Glossen zu tragischem Zeitgeschehen 1938–1945. Das auf Zeitungsmaterial basierende Werk enthält tagebuchartige Aufzeichnungen, die die Reaktion der Bevölkerung und der Presse auf die Ereignisse und das weitere Schicksal der Hammer Juden dokumentieren. Der Text wird – ebenso wie sein Kriegstagebuch aus dem Ersten Weltkrieg – im Bundesarchiv in Koblenz aufbewahrt.
Im Oktober 1944 wurde Loeb-Caldenhof im Alter von 63 Jahren zusammen mit mehreren Hundert anderen Menschen mit jüdischen Wurzeln zur Zwangsarbeit in ein Arbeitslager nach Hünfeld in Hessen verschleppt. Dort musste er bis zur Befreiung des Lagers durch die Amerikaner im März 1945 schwere körperliche Arbeit auf dem Bau leisten.Nachweis im Normdatensatz der Deutschen Nationalbibliothek
Schon zu seinen Lebzeiten vermachten Ernst Loeb-Caldenhof und seine Ehefrau Jeanne Loeb im Jahr 1961 den Caldenhof im Rahmen einer Stiftung dem evangelischen Kirchenkreis Hamm und zogen in eine andere Wohnung. Gemäß dem Schenkungsvertrag vom 6. Januar 1961 wurden Haus und Grundstück dem Kirchenkreis zur Verfügung gestellt, um missionarische und diakonische Aufgaben zu erfüllen und darüber hinaus eine Stiftung „Caldenhof, Loeb von Brandensteinsche Stiftung“ zu gründen. Im ehemaligen Herrenhaus sollte eine Bildungsstätte entstehen. Mit der Begründung zu hoher Instandhaltungskosten beschloss der Kirchenkreis jedoch bereits 1964, das Herrenhaus entgegen dem ausdrücklichen Willen des Stifters abreißen zu lassen und es durch einen Neubau zu ersetzen.
Im selben Jahr starb Ernst Loeb-Caldenhof, vermutlich in Hamm. Sein Todestag ist nicht öffentlich dokumentiert. In einer Quelle heißt es: „1964 starb Dr. Loeb-Caldenhof, nachdem in einer Sitzung des evangelischen Kirchenkreises der Abriss des Hauses gegen seinen Wunsch und den Wortlaut seiner Stiftung beschlossen wurde.“ Auf dem Gelände wurde eine Schulungsstätte für Schwesternschülerinnen errichtet, das heutige Haus Caldenhof.
Familie Am 16. Juni 1906 heiratete Ernst Loeb im Alter von 24 Jahren Wilhelmine Margarethe Emma Bene, die Tochter eines Gutspächters. Diese Ehe wurde am 22. Dezember 1937 durch das Landgericht Dortmund geschieden. Aus der Verbindung gingen zwei Kinder hervor. Die im Mai 1907 geborene Tochter Marianne (später verheiratete Niehenke) starb im März 1944 bei einem Fliegerangriff in Berlin-Zehlendorf. Ihr Sohn, Loeb-Caldenhofs Enkel Jens Peter Niehenke, lebte ab 1944 auf Gut Caldenhof.
Sein Sohn Richard Loeb-Caldenhof (1909–1993) wurde von den Nationalsozialisten als „Vierteljude“ eingestuft und emigrierte 1938 mit seiner Ehefrau Silvia (geb. Overbeck) nach Brasilien. Dort erwarb er Ländereien und betrieb in Rolândia im Bundesstaat Paraná erfolgreich eine Fazenda, die noch heute als „Fazenda Belmonte“ von Nachkommen der Familie bewirtschaftet wird.
In zweiter Ehe war Ernst Loeb-Caldenhof mit der 1887 in Weingarten (Württemberg) geborenen Jeanne von Brandenstein, geschiedene Mercker, verheiratet. Das Paar heiratete im Frühjahr 1938 in London.„Loeb-Caldenhof, Ernst T.“ in der Datenbank England und Wales, Ziviler Heiratsindex 1938 – Marriages registered in January, February and March, 1938, S. 39; eingesehen auf ancestry.de am 26. August 2026.
Ehrungen Dr.-Loeb-Caldenhof-Straße in Hamm Gedenkstele beim „Haus Caldenhof“ 1957: Großes Bundesverdienstkreuz
Weblinks Tagungsstätte Haus Caldenhof Haus Caldenhof im HammWiki
Einzelnachweise
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