mini|St. Remigius im dicht bebauten Ortskern St. Remigius ist die römisch-katholische Pfarrkirche der Gemeinde Merdingen, westlich von Freiburg im Breisgau am Tuniberg gelegen. Die Pfarrei gehört zur Seelsorgeeinheit Breisach-Merdingen des Erzbistums Freiburg. Die Kirche ist besonders von dem ein halbes Jahrhundert in Merdingen lebenden Lehrer und Kunsthistoriker Hermann Brommer erforscht worden. Sie ist im Stil des späten Barock und des Rokoko errichtet.
Die Kirche wurde von der Denkmalstiftung Baden-Württemberg zum „Denkmal des Monats Juli 2006“ ernannt.
Geschichte Eine Kirche in Merdingen ist erstmals 1139 erwähnt. Sie gehörte damals dem Hochstift Basel. 1346 gelangte sie an den Deutschen Orden und unterstand dessen Kommende in Freiburg im Breisgau, bis sie mitsamt dem Ort bei der Säkularisation 1806 an das Großherzogtum Baden fiel.Landeskunde entdecken online Baden-Württemberg. miniatur|links|St. Remigius von Norden Im beginnenden 18. Jahrhundert war die Kirche baufällig. Ein Gewitter versetzte sie „letztlich in Anno 1737 in einen irreparablen Stand“.Brommer 2007, S. 3. Die Baupflicht für den Chor lag beim Deutschen Orden, für Langhaus und Turm bei der Gemeinde. Die Gemeinde überließ das Bauvorhaben dem Deutschen Orden, der Johann Caspar Bagnato mit Planung und Ausführung betraute, den Baudirektor der Deutschordensballei Elsass-Burgund. 1738 wurde die alte Kirche abgerissen, am 1. Oktober 1740 fand in der neuen der erste Gottesdienst statt. So konnte am 7. Oktober 1990 „das 250jährige Baujubiläum der ehemaligen Merdinger Deutschordens-Pfarrkirche – auf den Sonntag genau – <...> in der Form eines Festgottesdienstes <...> gefeiert“ werden.Brommer 1996, S. 343. Bagnato erbaute 1754 auch ein neues Pfarrhaus in den Ausmaßen eines Herrenhauses. Pfarrer zur Zeit der Erbauung war Franz Carl Joachim (* 1699 in Freiburg; † 1772 in Merdingen), der sich an der Finanzierung beteiligte.
Eine erste Restaurierung leitete 1778 Johann Caspar Bagnatos Sohn Franz Anton Bagnato. 1811 wurde der Friedhof von der Umgebung der Kirche an den Ortsrand verlegt; Pfarrer Joachims Grab blieb aber erhalten. 1901 wurden die Deckenbilder gemäß dem Zeitgeschmack weiß überstrichen. 1964 und 1978 wurde die Kirche restauriert, 1979 bis 1980 der Kirchplatz neu gestaltet, 1987 bis 1988 das Pfarrhaus restauriert. Die jüngste Restaurierung erfolgte 2005 bis 2006.
Gebäude Die Kirche leuchtet in warmen Gelb- und Rottönen auf dem erhöhten ehemaligen Friedhof inmitten des dicht bebauten Ortskerns. Der Blick von Norden ist durch den Abbruch der barocken Straßenmauer beeinträchtigt. An den einschiffigen Saal von vier Fensterachsen schließt sich ein Chor mit halbrunder Apsis sowie Nebenräumen im Norden und Süden, die mit ihren die Traufe des Langhauses überragenden Giebeln von außen wie ein Querhaus wirken. In die Mitte der Westwand ist der Turm eingebunden. miniatur|links|Blick zum Chor miniatur|Blick zu den Westemporen Die Westfassade wird durch den Turm dreigeteilt. Die Fläche über dem Portal wird durch eine große Figurennische, die Seitenteile werden durch Blendfenster belebt. Der Turm überragt die Fassade in drei weiteren, sich jeweils verjüngenden Geschossen, das Glockengeschoss achtseitig mit verschliffenen Ecken, toskanischen Pilastern und einer „welschen Haube“. Die Außenwände von Langhaus und Chor sind durch Sockel, Pilaster und ein Gesims unter der Traufe gegliedert. Die stichbogigen Fenstergewände werden von geschwungenen Gesimsstücken überfangen. Die Dekorationsformen waren damals für den Breisgau neu. Brommer urteilt, die bizarren Fenster im Turm und die geschlossenen Giebel der Choranbauten zeigten nicht nur des Baumeisters Freude am schmückenden Beiwerk, sondern auch ein Spiel mit Formen, das im Detail wenig Rücksicht auf tektonische Zusammenhänge nehme.Brommer 2007, S. 11. Die beiden Seitenportale sind unscheinbar.
Schon Franz Xaver KrausSiehe Literatur. rühmte 1904 die Innenwirkung. Der Gesamteindruck ist reich, festlich, heiter. Flache Wandpilaster mit Kapitellen und hohen Gebälkstücken darüber wechseln mit den Fenstern und sind wie diese abwechselnd stichbogig und dreieckig überdacht. Stichkappen schneiden in die Spiegeldecke, deren Mitte sich zu einer flachen ovalen Kuppel emporwölbt. Der nach innen vorspringende Turm trägt zwei Emporen übereinander, die untere weiter in den Raum vorschwingend als die obere. Der Winkel zwischen den Langhauswänden und dem korbbogigen Triumphbogen ist konkav ausgemuldet. Mit den beiden Seitenaltären vor diesen Eckmulden und den Gebälkstücken darüber erreichte Bagnato einen fließenden Übergang zum Chorraum.Brommer 2007, S. 14. Auch der Chor ist von einer flachen Kuppel überhöht. Seitlich öffnen sich über den Sakristeitüren Loggien für die Ortsherrschaft mit vorschwingenden Brüstungen.
Ausstattung In der Nische über dem Westportal steht Maria als die unbefleckt Empfangene, geschaffen von Johann Christian Wentzinger, „ein Kunstwerk von makelloser Schönheit“.Brommer 2007, S. 7. Über die Innenausstattung schreibt der Kunsthistoriker Hans Martin Gubler (* 1939) in seiner großen Bagnato-Monographie, sie wirke, „obwohl farbenreich, integriert und unaufdinglich. <...> Stuck und Deckenmalerei bestätigen diese dienende Funktion der Ausstattung: nicht überschäumend und optisch dominierend, sondern bewußt eingeschränkt und dem Konzept des Raumes unterworfen, diesen in seinen Hauptlinien ausdeutend: so in der Unterstützung bzw. Konstituierung leichter Zentralisierungstendenzen.“ Die Einzelformen wirkten gezügelt. In den Altären seien lebhafte, architektonische Elemente gemieden. Im Hochaltar biete das architektonische Gerüst den Rückhalt für die lebhaft bewegten Figuren.Gubler 1985, S. 304.
Wände und Decke Im Inneren verteilt sich der Stuck des Francesco Pozzi harmonisch um Fenster und Architekturstücke, auf freie Flächen und besonders um die Deckengemälde von Franz Joseph Spiegler. Bagnato, Pozzi und Spiegler hatten schon 1734 bis 1739 bei der Erbauung der Schlosskirche Mainau, die wie die ganze Insel dem Deutschen Orden gehörte, zusammengearbeitet.Zimdars 1997, S. 432. Die Langhauskuppel zeigt Mariä Aufnahme in den Himmel, die Eckbilder zeigen vorn (chorwärts) links die Verkündigung des Herrn, vorn rechts den Besuch Marias bei ihrer Verwandten Elisabet , hinten (westeingangswärts) rechts die Geburt Jesu, hinten links die Darstellung Jesu im Tempel .
Das Gemälde in der Chorkuppel zeigt die Heiligste Dreifaltigkeit umgeben von musizierenden Engeln, das Gemälde an der Stirnwand des Chors über dem Hauptaltar das Lamm, Symbol Jesu, auf dem apokalyptischen Buch mit den sieben Siegeln , umgeben von den „vierundzwanzig Ältesten“ . Dasselbe Bildprogramm hatte Spiegler in der Schlosskirche Mainau gestaltet.Kolb 1991, S. 378–382 und 409–410.
Ein für das späte Barock typisches Detail ist der Engel am östlichen Rand des Dreifaltigkeitsbildes, der von einem Schriftband „SANCTUS SANCTUS SANCTUS“ umschlungen ist. Er sitzt auf dem Stuckrahmen, der Körper von Spiegler gemalt, das linke Bein von Pozzi in Stuck geformt, in den Raum vorspringend. „Maler und Stuckator arbeiteten Hand in Hand und ermöglichten so, von der illusionistisch-zweidimensionalen Darstellung zur (be)greifbaren Dreidimensionalität überzugehen.“Brommer 2007, S. 16.
Altäre Den Stuck der Altäre schuf Joseph Anton Feuchtmayer, die Altarblätter wieder Franz Joseph Spiegler. Auch Feuchtmayer hatte mit Bagnato auf der Mainau gearbeitet, mit Spiegler zudem im Kloster St. Peter auf dem Schwarzwald. Zehn Briefe Spieglers an die Freiburger Deutschordenskommende haben sich erhalten. Darin wird auch Feuchtmayer erwähnt. Einer der Briefe begleitete Spieglers Entwürde für die drei – sämtlich signierten – Hauptblätter:Kolb 1991, S. 489.
Der Hochaltar ist sehr breit. Säulen und Gebälk sind in leuchtend blauem Stuckmarmor gehalten. Vier Putten balancieren auf Voluten. Auf Podesten stehen neben dem Altar links der heilige Kaiser Heinrich II., rechts seine Gattin, die heilige Kunigunde. Beide sind wie auch die vier Putten (und die Putten der Seitenaltäre) seit der letzten Restaurierung wieder alabasterweiß, während das Kaiserpaar zuvor blau und die Putten rosa gefärbt waren, so zu sehen bei GublerGubler 1985, S. 303. und in der 1999er Auflage von Brommers Kirchenführer.Brommer 1999. Anders als die übrigen Figuren sind die beiden Putten am Tabernakel wie dieser selbst aus Holz geschnitzt.Boeck 1948, S. 198. Die maskenhaften Schalksgesichter auf den Kniescheiben der Rüstung Heinrichs sind Ausdruck von Feuchtmayers spielerischer Phantasie und seinem Humor.Boeck 1948, S. 102 und Brommer 2007, S. 19. In Einzelheiten tauchen Formen des beginnenden Rokoko auf, so wenn die Säulenbasen plötzlich in kleine Voluten von schlingerndem Umriss übergehen und die Kanten der Postamente darunter ornamental erweicht sind,Boeck 1948, S. 122. so in der Kartusche über dem Hauptgemälde, wo golden die Rocaille erscheint. Hier, wo Feuchtmayer dazu übergeht, „nicht nur tektonische Linien zu biegen und zu schweifen und von der Volute den vielseitigsten Gebrauch zu machen, sondern diesen Formen ein Leben anzudichten, eröffnen sich seiner Phantasie ungeahnte Möglichkeiten der Gestaltung.“
Das Hauptbild des Hochaltars inszeniert, wie vom Maler in seinem Brief erläutert, die Taufe des Merowinger-Königs Chlodwig I. durch den Patron der Merdinger Kirche, den heiligen Bischof Remigius, in Reims um das Jahr 500. Alle Helligkeit strahlt mit der Flugrichtung der Taube des Heiligen Geistes von links oben nach rechts unten. Der Raum zwischen der irdischen Taufgruppe und der himmlischen Engelgruppe mit ihrem Vorhang ist nur von flutendem Licht und diffusen Säulenbündeln durchzogen. „Die Kraft zur Gestaltung einer solchen, dem ‚horror vacui‘ trotzenden unerfüllten Stelle zeigt exemplarisch die <...> Souveränität des <...> Malers.“Kolb 1991, S. 412. Das Oberbild präsentiert noch einmal Remigius. mini|hochkant|Rechter Seitenaltar und Kanzel; Ausmuldung der Langhausecke Die Seitenaltäre sind schlichter und in rotem Stuckmarmor gehalten. Das Hauptbild des linken, des Altars der Rosenkranzbruderschaft, zeigt die Spende des Rosenkranzes durch Maria an den heiligen Dominikus und die heilige Katharina von Siena. Dominikus am rechten Bildrand nimmt aus der Hand des Jesuskindes einen weißen Rosenkranz entgegen. Unter ihm trägt ein Hund eine brennende Fackel im Maul – Attribut des Heiligen. Katharina mit einem Dornenkranz, den sie sich von Christus statt einer goldenen Krone erbat, erklärt, wie wiederum vom Maler erläutert, einer Beterin den Rosenkranz, den diese schon in Händen hält. Die sternenbekränzte Maria ergreift mit der rechten Hand von einer Schale, die ein Engel hält, einen weiteren Rosenkranz. Das Oberbild, der heilige Joseph, ist ein Werk des 19. Jahrhunderts.
Das Hauptbild des rechten Seitenaltars zeigt eine Legende aus dem Leben des heiligen Fridolin von Säckingen: Fridolin erweckt den toten Ursus (oder Urso) wieder zum Leben, damit er eine Landschenkung bezeuge, die Ursus’ Bruder Landolf bestritten hatte. Mittelpunkt des Bildes ist das Dokument, das das Skelett dem weiß gekleideten Landolf reicht. Dazwischen steht Fridolin in einer Mönchskutte mit hellem Schein um den Kopf, darüber thront, seinen Stab in der Hand, der alte Richter. Das Oberbild zeigt den heiligen Sebastian.
Auf dem linken Seitenaltar steht eine Immaculata von Joseph Dettlinger, auf dem rechten Seitenaltar ein heiliger Joseph, ebenfalls aus dem 20. Jahrhundert und im Stil Feuchtmayers geschnitzt.
Orgel mini|hochkant|Orgel St. Remigius