Ernst Issberner-Haldane, auch Ißberner-Haldane (* 11. Juni 1886 in Kolberg, Provinz Pommern; † 31. Dezember 1966 in Frankfurt am Main), war ein deutsch-australischer Handleser, Yogalehrer und Okkultist. Sein bekanntestes Werk, das eine parawissenschaftliche Hand- und Nagel-Diagnostik vorstellt und bis zum Ende der 1990er Jahre aufgelegt wurde, wird bis heute von Heilpraktikern angewandt.
Leben Issberner-Haldane lebte bis zu seinem 18. Lebensjahr in Kolberg, dann zog er zu seinem Onkel nach Berlin, in dessen Tabakhandel er arbeitete und zum Kaufmann ausgebildet wurde. 1910 wanderte er über Sues (Ägypten) und Colombo (Britisch-Ceylon) in das damalige britische Dominion Australien aus. Auf Ceylon begegnete er indischen Hellsehern, Yogis und Fakiren, deren esoterische Praktiken und Ideen ihn inspirierten. Zwei Jahre arbeitete Issberner-Haldane auf verschiedenen Farmen im südlichen Australien und nahm die australische Staatsbürgerschaft an. Während einer Reise durch Südamerika begann er, ein Werk über Chiromantie zu schreiben. Angeblich schloss er im Hochland von Peru Freundschaft mit dem reisenden persischen Weisen „Devasvara Lama“, dessen esoterische Lehren er aufnahm. Nach einem erneuten Aufenthalt in Australien reiste er 1914 wieder ab, um über Deutschland in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Auf einer Zwischenstation in Ceylon traf er einen Yogi, der ihn in Lehren über die menschliche Aura einführte und – so behauptete er – Lebensbilder aus seinen früheren Inkarnationen zeigte. Als Issberner-Haldane in Deutschland ankam, wurde er aufgrund seiner australischen Staatsbürgerschaft interniert – Australien war am 4. August 1914 gegen das Deutsche Reich und seine Verbündeten in den Ersten Weltkrieg eingetreten. Bis zum Kriegsende 1918 hielt er sich in verschiedenen Internierungslagern auf. Danach zog er nach Berlin, wo er als Handleser (Chiromant), Yogalehrer und Grafologe praktizierte und sich in diesen Fächern auch schriftstellerisch betätigte.
Die von ihm unter den Titeln „Hatha-, Râja-, Karma-, Bhakti- und Jñâna-Yoga“ bezeichneten Konzepte wurden später als „selbstgestrickte“ Lehre kritisiert, die nicht an indische Quellen anknüpft.Karl Baier: Yoga auf dem Weg nach Westen. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1998, ISBN 3-8260-1414-6, S. 130 (online bei Google Books) Das Handlesen entwickelte er nach dem Gedanken, dass sich innere Erkrankungen, Neigungen und Persönlichkeitsmerkmale auf den Händen, insbesondere den Fingernägeln, abbilden würden, zu einer „medizinischen Hand- und Nagel-Diagnostik“ fort, die in die alternativmedizinische Praxis einging. Die entsprechende Schrift avancierte im deutschsprachigen Raum zu einem Standardwerk der Chirologie., Artikel im Portal igw-resch-verlag.at (Andreas Resch: Lexikon der Paranormologie, Band 3), abgerufen am 26. Dezember 2014.
Nachdem er 1920 die Berliner Okkultistengruppe „Svastika-Zirkel“ mitgegründet hatte, nahm er zunehmend ariosophische Positionen ein. Dieser Gruppe gehörte auch der Astrologe Wilhelm Wulff an, der später den nationalsozialistischen Reichsinnenminister Heinrich Himmler beriet. 1925 lernte Issberner-Haldane den ariosophischen Autor und Verleger Herbert Reichstein kennen, in dessen auf esoterische Literatur spezialisierten Verlag er publizierte. 1927 trat Issberner-Haldane unter dem Ordensnamen „Fra Yvo“ dem Neutempler-Orden des Ariosophen Jörg Lanz von Liebenfels bei, den er als „echt arisches Genie“ bewunderte und dessen Projekte er förderte. So gehörte er zu den Spendern, die die Errichtung eines neuen Ordensstützpunktes auf der „Hertesburg“, einem Turmhügel in Prerow (Darß), unterstützten.Daniel Nösler: Vineta und Rethra? Zur Rezeptionsgeschichte einer mittelalterlichen Burganlage auf dem Darß. In: Sabine Rieckhoff, Susanne Grunwald, Karin Reichbach (Hrsg.): Burgwallforschung im akademischen und öffentlichen Diskurs des 20. Jahrhunderts. (= Leipziger Forschungen zur Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie, Nr. 5), Leipzig 2009, S. 204 (PDF)Franz Wegener: Neu-Vineta. Die Rassesiedlungspläne der Ariosophen für die Halbinseln Darß und Zingst. Kulturförderverein Ruhrgebiet e.V., Gladbeck 2010, ISBN 978-3-931300-26-5, S. 24 (online bei Google Books) Zusammen mit Reinhold Ebertin gründete er 1933 die „Geistige Front“, einen Zusammenschluss von Charakterologen, in den „Juden oder andere rassisch minderwertige Personen, körperlich Mißgebildete oder Krüppel (außer Kriegsversehrten), Scharlatane, Quacksalber sowie Personen, die als unzuverlässig anzusehen sind“, grundsätzlich nicht aufgenommen werden sollten.Kocku von Stuckrad: Geschichte der Astrologie. S. 331 f. Seine Aufnahme in die NSDAP zum 1. Mai 1933 wurde abgelehnt, ein weiterer Aufnahmeantrag von 1937 blieb offenbar ebenfalls ergebnislos.Bundesarchiv R 9361-I/18421 1934 veröffentlichte er in der antisemitischen Wochenzeitung Der Stürmer.
Seine rassistischen Ausführungen konzentrierten sich auf die Juden als angebliche Gefahr für „arische“ Werte.Peter Staudenmaier: Between occultism and Nazism: anthroposophy and the politics of race in the fascist era. 1965, ISBN 978-90-04-26407-6, S. 239 (online bei Google Books) Yoga wurde von ihm in einen rassistischen Kontext eingeordnet, indem er Yogaadepten seit 1928 nachdrücklich ermahnte, sich rassisch zu veredeln und keinesfalls Mischehen mit „niederen Rassen“ einzugehen.Bernd Wedemeier-Kolwe: „Der neue Mensch“. Körperkultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2772-8, S. 152 (online bei Google Books) In der 1928 veröffentlichten Yogha-Schulung für westliche Verhältnisse brachte er zum Ausdruck, dass dieses Werk „nur allein für die arische, die Lichtrasse“ geeignet sei, keineswegs für „Neger, Mongolen und Halbneger (Juden), ebenso wenig aber für ausgesprochene Bastardmenschen im Sinne der Rassenmischung“.Mathias Tietke: Yoga und Nationalsozialismus. In: yoga aktuell, 2014 (online) Dass das von Issberner-Haldane propagierte Handlesen in schlechtem Ruf stehe, schrieb er in seinem Werk Wissenschaftliche Handlesekunst zum Teil einer Verteufelung dieser Praxis durch die Kirche im Zuge der Hexenverfolgung zu. Außerdem fand er eine antiziganistische „Erklärung“: Die Handlesekunst sei in den Besitz von „Zigeunern“ gelangt, die als „geborene Verbrecher“, „Schmarotzer“ und „Charlatane“ unfähig gewesen seien, die „Erhabenheit dieser Wissenschaft zu erkennen“, und sie zu ihrem eigenen Vorteil missbraucht hätten.Felix Wiedemann: Rassenmutter und Rebellin. Hexenbilder in Romantik, völkischer Bewegung, Neuheidentum und Feminismus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, ISBN 978-3-8260-3679-8, S. 149.
In einem Vortrag äußerte sich Issberner-Haldane auch zur Existenz außerirdischer und dämonischer Wesen:Sind Sie medial?, Leipzig 1937, S. 8 f.Franz Wegener, S. 21 f.
Einen kulturtheoretischen Standpunkt hat er zum mythischen Inselreich Atlantis entwickelt:Franz Wegener, S. 19.
Auf der Grundlage älterer Ideen aus der Kulturgeschichte des Blutes und des Gnostizismus verband er auf synkretistische Weise politische und religiöse mit rassistischen und esoterischen Konzepten, wobei er sich besonders an eine protestantisch geprägte Zielgruppe richtete:Franz Wegener, S. 19
Die völkischen und rassistischen Gedanken in den Schriften Issberner-Haldanes verhinderten nicht, dass das nationalsozialistische Regime die Schriften verbot, so bis 1935 seine Autobiografie Der Chiromant (1925) sowie die Bücher Menschen und Leute (1927) und Handschriftendeutung (1928). 1940 folgte das Verbot der weiteren Schriften.Ernst Issberner-Haldane, Webseite im Portal verbrannte-und-verbannte.de, abgerufen am 25. Dezember 2014Suchergebnis Issberner-Haldane, Ernest, Webseite im Portal berlin.de, abgerufen am 25. Dezember 2014 Nachdem Rudolf Heß, der Stellvertreter Adolf Hitlers, 1941 ohne offiziellen Auftrag nach Großbritannien geflogen war, um die britische Regierung im Zweiten Weltkrieg zu einem Friedensschluss mit dem „Großdeutschen Reich“ zu bewegen, ließ die nationalsozialistische Regierung, die besonders Astrologen eine Mitschuld an Heß’ Aktion zusprach,Nähere Darstellung der Rolle von Astrologen und Issberner-Haldane in: Joseph Howard Tyson: The Surreal Reich. iUniverse, Bloomington/Indiana 2010, ISBN 978-1-4502-4019-2, S. 279, 285 (online bei Google Books) in einer „Astrologen-Razzia“ führende Astrologen, Okkultisten und Esoteriker verhaften. Auch Issberner-Haldane gehörte zu den über 300 Inhaftierten. Vier Jahre musste er anschließend im KZ Sachsenhausen zubringen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen Neuauflagen von Schriften Issberner Haldanes, in denen ariosophische und rassistische Passagen entfernt waren, allerdings nicht immer vollständig.. Webseite im Portal yogaservice.de (2013), abgerufen am 25. Dezember 2014 Nach 1945 veröffentlichte er auch noch einige mehr oder weniger neue Schriften, wobei er sich mindestens bis 1961 den Titel Professor honoris causa einer unbekannten Universität zuschrieb.Vgl. Vorwort zur 6. Auflage von Herbert Reichstein: Praktisches Lehrbuch der Kabbala. – Kabbala, Webseite im Portal hbriele.de, abgerufen am 25. Dezember 2014Vgl. Ernst Issberner-Haldane: Die Kabbala des Zoroaster, Verlag Richard Schikowski, Berlin 1961 1966 verstarb er. Seine ihn überlebende Frau, Rita Issberner-Haldane (1923–2017), praktizierte und veröffentlichte ebenfalls in den Fächern des Handlesens und der Grafologie.
Schriften (Auswahl) Wissenschaftliche Handlesekunst (Chirosophie) auf Grund gereinigter alter Quellen und 20jähriger eigener Studien und praktischer Erfahrungen im In- und Auslande. Berlin 1921 (weitere Auflagen 1925, 1932, 1982, 1986, Die wissenschaftliche Handlesekunst – Chirosophie. Die Weisheitslehre der Hand. Freiburg im Breisgau 1991). Der Chiromant. Werdegang, Erinnerungen von Reisen und aus der Praxis eines Chirosophen, mit Vorträgen und Betrachtungen für eine höhere Weltanschauung. Bad Oldesloe 1925 (2. Auflage Neckargmünd 1932, 3. Auflage unter dem Titel Mein eigener Weg. Werdegang, Erinnerungen von Reisen und aus der Praxis eines Suchenden, Zeulenroda 1936). Handschriftdeutung. Leipzig 1928. Yogha-Schulung für westliche Verhältnisse. Pforzheim 1928 (2. Auflage unter dem Titel Die kosmische Religion der Titanen. Der neue Mensch (Yogha-Schulung). Leipzig 1935). Charakterologische Tatsachen und deren Merkmale. Lorch 1929. Lexikon der wissenschaftlichen Handlesekunst und der Berufseignungsprüfung nach der Chirosophie. Berlin 1931. Wie messe ich meinen Händen Ereignisse ab? In: Scherl’s Magazin, Heft 6, Juni 1931, Band 7, S. 556 f. (Digitalisat). Medizinische Hand- und Nageldiagnostik in Wort und Bild – Für Ärzte und Heilkundige. Berlin 1932 (Neuauflagen Freiburg 1960–1999; Ausgabe 1998: Die medizinische Hand- und Nagel-Diagnostik. Das Standardwerk der Chirologie). Eheleben und Ehewahl nach Körperformenkunde und Astrologie. Berlin 1932. Astrologie – Einführung in die Horoskopkunde. 1933. Arisches Weistum. Aufklärende Abhandlungen über die einzelnen Gebiete der Geisteswissenschaften auf Grund eigener Erfahrungen u. Erlebnisse, Miterleben u. zuverlässigen Berichten. Zeulenroda 1935. Werde Erfolgsmensch. Eine Schulung zum Ziel des persönlichen Erfolges im Alltagsleben. Berlin 1938. Uraltes Weistum. Aufklärende Abhandlungen über die einzelnen Gebiete der Geisteswissenschaften auf Grund eigener Erfahrungen u. Erlebnisse, Miterleben u. zuverlässigen Berichten. Zürich 1947 (Neuauflage von Arisches Weistum. Aufklärende Abhandlungen über die einzelnen Gebiete der Geisteswissenschaften auf Grund eigener Erfahrungen u. Erlebnisse, Miterleben u. zuverlässigen Berichten. Zeulenroda 1935). Kosmische Religion. Yoga-Schulung und Diätetik der Seele. Berlin ca. 1950 (Neuauflage von Yogha-Schulung für westliche Verhältnisse. Pforzheim 1928, allerdings ariosophische Ansätze entfernt). Praktisches Lehrbuch der Kabbala. Berlin 1954 (Neuauflage von Herbert Reichsteins Praktisches Lehrbuch der ariosophischen Kabbalistik. 1931).