Das Altspanische ( oder ) ist geprägt durch die alfonsinische Ära und den diese Epoche begleitenden Sprachwandel aus den Ursprüngen der kastilischen Sprachbildung, der .Johannes Kabatek, Claus D. Pusch: Spanische Sprachwissenschaft. Gunter Narr, Tübingen 2009, ISBN 978-3-8233-6404-7, S. 253.
Man datiert diese Sprachepoche zwischen den Jahren 1200 und 1450. Als Zentren dieser Sprachentwicklung gelten Burgos (Ferdinand III.) und später Toledo (Alfons X.).
Aber schon in Texten der Glossen, die im 10. bzw. 11. Jahrhundert in den Klöstern Santo Domingo de Silos und dem San Millán de la Cogolla gefertigt wurden, sind die noch unterschiedlichen Sprachen des Nordens Spaniens, die sich aus dem Vulgärlatein entwickelt hatten, deutlich voneinander abgrenzbar. So schrieb ein Mönch in San Millán de la Cogolla die Glosas Emilianenses, einen Text auf Westaragonesisch (oder auch Navarro-Aragonesisch), eine Sprache, die sich aus dem Vulgärlatein entwickelt hatte. Die westaragonesische Sprache und die asturisch-leonesische Sprache wurden späterhin beide zunehmend „kastilianisiert“ und gingen in dieser unter der Herrschaft von Alfons X. in das Altspanische auf. In San Millán de la Cogolla lebte und arbeitete überdies hier im 12. und 13. Jahrhundert der Mönch Gonzalo de Berceo (ca. 1198–1264), der als erster bekannter Poet der neuen Volkssprache Kastilisch gilt.
Einer der wichtigsten altspanischen Texte stellt der Cantar de Mio Cid dar, ein Epos eines unbekannten Verfassers, das – inspiriert vom Leben des kastilischen Adligen Rodrigo Díaz de Vivar, genannt El Cid – Leben und Taten eines vorbildlichen Ritters erzählt. Das Epos ist eines der frühesten Werke der spanischen Literatur.
mini|Die Iberische Halbinsel um 1200
Geschichte der Sprachentstehung
Die Region, in der die kastilische Sprache geographisch ihren Ausgangspunkt nahm, liegt südlich des Kantabrischen Gebirges ( oder ), eines Gebirgszugs in Nordspanien, der eine westliche Verlängerung der Pyrenäen darstellt.
Der Name der Region Kastilien wurde erstmals in einer lateinischen Urkunde aus dem Jahr 800 belegt, wo von einer Kirche die Rede ist. In der Chronik Alfons III. (König von Asturien, 9. Jahrhundert) heißt es: Man führt den Namen der Region auf die vielen Kastelle (lateinisch , spanisch ) zurück, die dort zum Schutz vor den Berbern und Arabern errichtet worden waren.
Wortgleichungen zwischen Latein, Altspanisch und dem modernen Spanisch Latein Altspanisch Modernes Spanisch und
Kastilien war im 9. Jahrhundert zunächst eine Grafschaft im Königreich AsturienListe der Könige von Asturien und später in dessen Nachfolgereich, dem Königreich León. Die Grafen von Kastilien lösten sich im 10. Jahrhundert von der Oberherrschaft des Königs und wurden faktisch unabhängig. 1028 gelangte die Grafschaft in den Besitz des Königs Sancho III. von Navarra. Dessen Sohn Ferdinand I. der Große übernahm 1037 das Königreich León. Er war von 1035 bis 1065 der erste König von León, Kastilien und Galicien aus dem Haus Jiménez. Er trug maßgeblich zum Aufstieg des Königreichs León-Kastilien bei. Als mit Ferdinand I. ab dem Jahre 1035 dessen Macht und Einfluss wuchs, begann sich auch das Kastilische auszudehnen. Nach und nach absorbierte es zum einen die asturische Sprache und die leonesische Sprache sowie andererseits die aragonesische Sprache, ein Prozess, der erst vor der katalanischen Sprache im Osten und der galicisch-portugiesischen Sprache im Westen Halt machte. So begann sich die avantgardistische Rolle der Kastilier und ihrer Sprache im Verlauf der Repoblación und der Reconquista ab Mitte des 11. Jahrhunderts gegenüber den anderen iberoromanischen Varietäten sukzessive durchzusetzen (siehe Superstrat vs. Substrat). Beim Tode Ferdinands I. verblieb der Königstitel bei Kastilien, das nun ein Königreich blieb. Ab 1230 bestand dann eine dauerhafte Personalunion zwischen Kastilien und León.
Dann mit Alfons VI. von León kam es durch die Eroberung der alten Westgotenhauptstadt Toledo im Jahr 1085 zu einem wichtigen Ereignis in der Geschichte der spanischen Reconquista (vgl. Islamische Expansion), das den Anspruch des leonesisch-kastilischen Königshauses im Kampf gegen die Berber und Araber untermauerte.
Der in der Gegend um Burgos und Santander gesprochene Dialekt, ein kantabrischer Dialekt, entwickelte sich zum Kastilischen, begleitet von der politischen Vorrangstellung des Königreichs León-Kastilien im Verlauf der Geschichte. Das Kastilische war Teil des Dialektkontinuums, das alle iberoromanischen Varietäten im Norden der Iberischen Halbinsel umfasst. Es bildet neben Galicisch-Portugiesisch, Aragonesisch und Katalanisch eine der fünf bis heute existierenden romanischen Dialektgruppen der Iberischen Halbinsel, die nach heutigem Stand der historisch-vergleichenden romanischen Sprachwissenschaft direkt aus dem örtlich verbreiteten Vulgärlatein hervorgingen.
Diese Dialekte entstanden in einem marginalen Gebiet im äußersten Nordwesten (Kantabrien) der römischen Provinz Hispania Tarraconensis (Hispania citerior), das relativ spät und zunächst unvollständig romanisiert worden war. Unter der Regentschaft des Augustus wurde das Gebiet von den Römern nach langwierigen Feldzügen (Kantabrischer Krieg 29–19 v. Chr.) letztlich okkupiert. Als Grund der römischen Interventionen werden nach römischen Quellen fortwährende Überfälle der Kantabrer auf benachbarte römische Regionen gesehen und deren Versuch, ihren Herrschaftsbereich dabei zu erweitern.Francisco Diego Santos: Die Integration Nord- und Nordwestspaniens als römische Provinz in der Reichspolitik des Augustus. In Wolfgang Haase, Hildegard Temporini (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Band 3. De Gruyter, Berlin 1975, ISBN 3-11-005838-3, S. 528 (). Darüber hinaus war das Gebiet der Kantabrer für die Römer auch aufgrund seines Erzreichtums von wirtschaftlichem Interesse, so begannen sie bereits kurz nach der Eroberung unter dem römischen Feldherrn Publius Carisius mit der Ausbeutung von Goldminen (Las Médulas).Meret Strothmann: Augustus – Vater der res publica. Zur Funktion der drei Begriffe restitutio-saeculum-pater patriae im augusteischen Principat. Stuttgart 2000, S. 145 ().
Phonologie – Besonderheiten des Altspanischen Einige phonologische Besonderheiten bei den KonsonantenUlrich Detges: Historische Lautlehre. 1. Vokale. Wintersemester 2005/2006, sind:
die stimmlose alveolare Affrikate : mit dem Buchstaben ç vor den Vokalen a, o, u erfasst, aber mit c vor den Vokalen e und i die stimmhafte alveolare Affrikate : im Buchstaben z repräsentiert der stimmlose alveolare Frikativ : repräsentiert durch s am Wortanfang oder -ende und vor und nach Konsonanten und durch ss zwischen Vokalen der stimmhafte alveolare Frikativ : mit dem Buchstaben s zwischen Vokalen und vor stimmhaften Konsonanten der stimmlose postalveolare Frikativ : mit dem Buchstaben x dargestellt der stimmhafte postalveolare Frikativ : mit dem Buchstaben j dargestellt, aber auch mit g vor den Vokalen e oder i.
mini|450px|Schema des mittelalterlichen kastilischen Lautwandels. Castellano medieval: Altspanisch, 1200 bis 1450; Castellano clásico: Mittelspanisch, 1450 bis 1650; Castellano contemporáneo: seit 1650.
Das altspanische Vokalsystem:
{|class="wikitable" style="text-align:center" |- ! !! Anterior – Vorderzungenvokal !! Central – Zentralvokal !! Posterior – Hinterzungenvokal |- ! Cerrada – geschlossener Vokal | style="font-size:larger;" | | | style="font-size:larger;" | |- ! Semicerrada – gerundeter halbgeschlossener Hinterzungenvokal | style="font-size:larger;" | | | style="font-size:larger;" | |- ! Semiabierta – ungerundeter halboffener Vorderzungenvokal | style="font-size:larger;" | | | style="font-size:larger;" | |- ! Abierta – ungerundeter offener Vorderzungenvokal | | style="font-size:larger;" |
Grammatikalische Besonderheiten Pronomen Das Altspanische, das zu den altromanischen Sprachen zählt, zeigt in seinen Anfängen die obligatorische Nachstellung der klitischen Objektpronomina zum finiten Verb, wenn dieses sich in der Initialposition des Satzes befindet.Marta Cozzolino, Melanie Reiner: Die Objektpronomen. Kontrastive Grammatik Spanisch – Portugiesisch, Dr. phil. Barbara Schäfer-Prieß, 24. Juni 2011
Beispiel: (Cantar de Mio Cid 204; neuspanisch müsste es heißen).
Das klassische Latein kannte keine klitischen, also gebundene und nicht betonbare, Pronomina. Dort waren alle Pronomina, vergleichbar in der deutschen Sprache, eigenständige Wörter, die frei im Satz an Stelle von Substantiven auftreten konnten. Dann mit der Herausbildung des Vulgärlateins entwickelte sich die Unterscheidung zwischen betonten und unbetonten Formen, wie sie in allen romanischen Sprachen zu finden ist. Es kam zu einer fundamentalen Umstrukturierung des Pronominalsystems, welches in der Folge Ausdruck des grundlegenden Umbaus im syntaktischen System war. Die Pronomina bildeten zwei Formen aus, die: betonten Pronomina, die allein oder mit einer PräpositionMartin Hummel, Christina Ossenkop: Lusitanica et Romanica. Bd 1. Romanistik in Geschichte und Gegenwart: Beiheft, Romanistik in Geschichte und Gegenwart Buske Verlag, 1998, ISBN 3-8754-8172-0, S. 262 f. zusammen auftreten und sich durch eine relativ freie Stellung im Satz auszeichnen, und die unbetonten Pronomina, die immer direkt beim Verb stehen. Die betonten Objektpronomina entwickelten sich aus den Deklinationsformen des lateinischen Dativs (indirektes Objektpronomen), die unbetonten Pronomina hingegen aus den Formen des Akkusativs (direktes Objektpronomen).Ulrich Detges: Historische Formenlehre 2. Pronomina. vgl. Lathrop (1989), Lloyd (1987), Wintersemester 2005/2006,
Man nennt die syntaktische Regel, die diese Pronomen so anordnet, nach ihren Erstbeschreibern auch Tobler-Mussafia-Gesetz.Imme Kuchenbrandt: Prosodische Aspekte in der Entwicklung der spanischen und französischen Klitika. Dissertationsschrift, Hamburg 2009 (Powerpoint-Datei) Es gilt als Variante des Wackernagel-Gesetzes.Georg A. Kaiser: Deutsche Romanistik--generativ. Bd. 489 von Tübinger Beiträge zur Linguistik. Gunter Narr Verlag, Tübingen 2005, ISBN 3-8233-6174-0, S. 88
Beispieltext Altspanisch modernes Spanisch Hier wird ein Ausschnitt (Vers 330–365) eines Textes aus dem Cantar de mio Cid wiedergegeben.
Siehe auch Spanische Sprache Mittelspanisch Diccionario de la lengua española de la Real Academia Española Real Academia Española Diccionario de Autoridades Wortbetonung in der spanischen Sprache Spanisches Alphabet Aussprache der spanischen Sprache Spanische Grammatik
Literatur Stefan Barme, Michael Frings: Einführung in das Altspanische. ibidem, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-8382-0683-7.
Annegret Bollée, Ingrid Neumann-Holzschuh: Spanische Sprachgeschichte. 5. Auflage. Klett, Stuttgart 2009, ISBN 3-12-939624-1
Rafael Lapesa: Historia de la lengua española. Ed. Gredos, Madrid 1988. Paul M. Lloyd: From Latin to Spanish. Band 1: Historical phonology and morphology of the Spanish language. American Philosophical Society, Philadelphia 1989, ISBN 0-8716-9173-6. Bodo Müller: Diccionario del español medieval. Sammlung romanischer Elementar- und Handbücher: Reihe 3, Wörterbücher 12, Universitätsverlag Winter, Heidelberg 1994. Adolf Mussafia: Über die Quelle der altspanischen "Vida de S. Maria Egipciaca". Wien 1863.
Ralph Penny: A History of Spanish Language. Cambridge University Press, Cambridge 1995, ISBN 0-5218-0587-2 David A. Pharies: Breve historia de la lengua española: Spanish edition. University of Chicago Press, 2010, ISBN 0-2266-6685-9. Johannes Kabatek, Claus Pusch: Spanische Sprachwissenschaft. Narr, Tübingen 2011
Weblinks Diccionario del Español Medieval. Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Entwicklung zum Kastilischen Paul M. Lloyd: From Latin to Spanish (in englischer Sprache).