Das Bethanien am Mariannenplatz im Berliner Ortsteil Kreuzberg (SO 36) war ein Diakonissen-Krankenhaus und wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als Central-Diakonissen-Haus Bethanien und als Vermächtnis des Königs Friedrich Wilhelm IV. begründet. Es wurde im Jahr 1970 stillgelegt, Bürgerinitiativen verhinderten einen Abriss. Das Land Berlin stellte das Bethanien unter Denkmalschutz in der Berliner Denkmaldatenbank und kaufte es. Seitdem dient es als Ort für kulturelle, künstlerische und soziale Einrichtungen und selbstorganisierte Initiativen und wird unter dem Namen Kunstquartier Bethanien geführt. Die Räumlichkeiten des bis 2010 im Bethanien residierenden Künstlerhauses Bethanien,Künstlerhaus Bethanien GmbH. einem internationalen Kulturzentrum, Atelierhaus und Arbeitsstätte für professionelle Kunstschaffende, befinden sich nun in der Kottbusser Straße 10.
mini|hochkant=1.3|Kunstquartier Bethanien (2016)
Historischer Hintergrund Der Bau des Diakonissen-Krankenhauses ist eng verknüpft mit dem Bau der Luisenstadt, einem Stadtquartier innerhalb der Stadtmauer, aber etwas außerhalb, südöstlich des Berliner Zentrums auf dem Köpenicker Feld. Eine Bebauung dieses Gebietes wurde auf Grund der stetig steigenden Bevölkerungszahlen Berlins notwendig. Nachdem Friedrich Wilhelm IV. selbst, noch als Kronprinz, unterschiedliche Planungen für das bis dahin wenig besiedelte Gebiet gezeichnet hatte, die auf Grund ihres utopischen Charakters nicht umgesetzt werden konnten, beauftragte er Peter Joseph Lenné mit der Entwicklung eines städtebaulichen Plans für das Gebiet. Der Plan von 1841 sah neben einer Krümmung des Luisenstädtischen Kanals auch eine starke eigene Zentrierung der Luisenstadt vor, hatte zu diesem Zeitpunkt aber noch kein konkretes Gebäude festgesetzt, auf welches die Zentrierung zulaufen sollte. Zur gleichen Zeit lief die Suche nach einem geeigneten Ort für ein neues Krankenhaus, da die Charité mit der stetig wachsenden Bevölkerung Berlins schon seit einiger Zeit überfordert war. Der Vorschlag des Ortes kam dabei von Theodor Fliedner, dem Gründer der Diakonissenanstalt in Kaiserswerth, mit dem der König auf Grund seines pietistischen Glaubens in regem Austausch stand. Entscheidend war dabei auch die Umgebung des Geländes, da außer dem Krankenhaus noch eine Schule, ein Waisenhaus und ein Ort für weibliche ehemalige Gefangene entstehen sollte und auf dem Köpenicker Feld dafür Platz war.
Zudem passte dies zu den Vorstellungen des Königs von Kirchen und Diakonien: „Sie sollten malerische Gebilde sein, Gebäudegruppen, eingebettet in Grün, Inseln der Verheißung, die er als Missionsstationen in die Stadt zu setzen gedachte. Dies waren fromme und edle Gedanken, die aber nichts mit der Wirklichkeit der Berliner Wohnungsmisere zu tun hatten und das Problem des aufkommenden Proletariats in der Industriestadt Berlin ignorierten.“Walter Kiaulehn: Berlin. Schicksal einer Weltstadt. Biederstein Verlag, München / Berlin 1958, S. 85.
Hospital und Ausbildungsstätte mini|Blick vom Luisenstädtischen Kanal auf die Westseite des Krankenhauses im 19. Jahrhundert
Gründung und Bauphase Die „Errichtung eines Institutes zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen, mit welchem […] eine eigene Krankenanstalt verbunden sein sollte“ lautete der Auftrag, für den der Architekt Ludwig Persius den ersten Entwurf fertigte. Nach Persius’ Tod übernahm 1845 sein Mitarbeiter Theodor August Stein die Bauausführung unter der Leitung des Schinkelschülers Stüler. Dabei darf aber auch die Rolle König Friedrich Wilhelms IV. im Prozess der architektonischen Planung nicht unterschätzt werden. Dieter Hoffmann-Axthelm sieht in ihm sogar den Autor des Gebäudes, der die Architekten als „Werkzeuge“ zur Verwirklichung seiner Idee benutzte. „Architektur diente dem König als Visualisierung seiner gesellschaftlichen Reformpläne.“ erläutert auch Scarpa. Als Beleg führt Hoffmann-Axthelm dafür Originalpläne an, in denen Änderungen mit Bleistift gekennzeichnet sind, die er Friedrich Wilhelm selbst zuschreibt. Die Rolle von Theodor August Stein sieht er eher in der technischen und weniger in der ästhetischen Gestaltung des Gebäudes. Der Bau begann 1845 und wurde 1847 fertiggestellt. Für die Planungen der Inneneinrichtung reiste Stein durch ganz Europa, um sich die modernsten Krankenhäuser zu besehen. Hauptaugenmerk lag dabei auf den für Hygiene und Versorgungsleistung wichtigen Einrichtungen. So war das Bethanien bei seiner Eröffnung auf dem neusten technischen Stand und Anstoßpunkt für eine Entwicklung der Luisenstadt, denn als das Haus im Oktober 1847 seiner Bestimmung übergeben wurde, lag es noch außerhalb der städtischen Bebauung, inmitten von Gärten und Roggenfeldern.Zitate nach den Ausstellungstafeln im Nordostflügel des Bethanien nahe der Fontane-Apotheke.
Ausgeführt wurde die hufeisenförmige Anlage im schlichten Rundbogenstil, deren Haupttrakt in der Mitte von einem Risalit mit zwei 35 m hohen, schlanken Türmen überragt wird.Für die markante Portalsituation ließen sich Persius und Stein möglicherweise vom Herzogspalast im italienischen Urbino inspirieren.
In den Revolutionsjahren 1848/1849 kamen im Zuge der Kämpfe der Revolution in Berlin, als der König auf die Demonstrierenden schießen ließ, eine Vielzahl von Verletzten gegen ihren Willen ins Bethanien, wo sie zum einen von den Schwestern aufgefordert wurden, Reue zu zeigen, und zum anderen ein Großteil von ihnen verstarb. Dies ist nach Spode zwar nicht auf eine böse Absicht, wohl aber auf mangelhafte ärztliche Versorgung zurückzuführen. Dem Krankenhaus wurde nachgesagt, weniger auf tatsächliche ärztliche Versorgung als vielmehr auf das christliche Seelenheil zu achten, was in der pietistischen Ausrichtung des Krankenhauses und der damit verbundenen Vorstellung, Krankheit hänge mit der Abwesenheit Gottes zusammen, begründet lag. Das Schicksal der Revolutionäre ist insofern spannend, als sie vorher bereits überlegt hatten, das Bethanien zu stürmen, weil es ihnen als „Hort der Reaction“ erschien. Dass sie nun genau dorthin gebracht wurden und, statt versorgt zu werden, zu Buße gedrängt wurden und starben, bestätigte nur ihre Vermutung.
Zur gleichen Zeit arbeitete Theodor Fontane im Krankenhaus als Apotheker.Theodor Fontane: In Bethanien. In: Von Zwanzig bis Dreißig. Er bildete in dieser Zeit Emmy Danckwerts zur Apothekerin aus.Wolfgang Jürries (Hrsg.): Wendland-Lexikon. Band 1. Köhring Verlag, Lüchow 2000. Fontane zog wohl genau dann in das Bethanien, als es auf der Wiese vor dem Bethanien zu Ausschreitungen kam. Arbeiter hatten eine Dampfmaschine zerstört, die beim Bau des Luisenstädtischen Kanals eingesetzt war, da sie in ihr den Grund für den Wegfall ihrer Arbeitsplätze sahen. Als es daraufhin zu Massenentlassungen kommen sollte, um ein Exempel zu statuieren, kam es zu Ausschreitungen, bei denen elf Arbeiter von einer Bürgerwehr/Freikorps erschossen wurden. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und als Konsequenz noch mehr Arbeiter entlassen.
Die zum Teil originalerhaltene Fontane Apotheke liegt im Erdgeschoss der Nordost-Ecke des Hauptgebäudes.
Eine Kabinettsorder Friedrich Wilhelms IV. übertrug am 31. März 1855 das Grundstück und die bis dahin errichteten Gebäude dem Diakonissenhaus Bethanien, das als eine freie milde Stiftung der evangelischen Kirche in Preußen definiert wird.Abgedruckt in: Bethanien: Die ersten fünfzig Jahre und der gegenwärtige Stand des Diakonissenhauses Bethanien zu Berlin. Berlin: Diakonissenhaus Bethanien 1897, S. 54. 1863 erhielt die Stiftung durch Anweisung von König Wilhelm zusätzlich ein Stiftungskapital von 250.000 Talern, das die bis dahin gezahlten Zuschüsse ablöste.Abgedruckt in: Bethanien: Die ersten fünfzig Jahre und der gegenwärtige Stand des Diakonissenhauses Bethanien zu Berlin. Diakonissenhaus Bethanien, Berlin 1897, S. 69.
In den nachfolgenden Jahren wurde das Bethanien 1851 zuerst um eine Leichenhalle ergänzt. 1857 wurde zur Verbesserung der Versorgung der Bau eines Wirtschaftshofes und von Stallanlagen beschlossen. Die Lage des Personals verbesserte sich 1877 durch einen Altersruhesitz für die Diakonissen, das Feierabendhaus und durch das 1893 eröffnete Schwesternwohnheim Martha-Maria. Beide Bauten wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Plänen von Julius Boethken zusammen mit dem Nordflügel erweitert. Ein Kinderheim im Seebad Heringsdorf wurde 1882 angeschlossen und 1894 eine Vorschule für Diakonissen eingerichtet. Dennoch kam es zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu „Nachwuchsmangel und Arbeitsüberlastung der Diakonissen“. 1912 wurde ein Seminar für christliche Kindergärtnerinnen gegründet, das auf „pädagogischer Arbeit“ aufbaute.Informationen nach der Chronik der Ausstellungstafeln vor Ort (Gibt es Quellenbezug zu einer Webseite?).
Einbezug in die Mietskasernenstadt mini|Das Bethanien von der Muskauer Straße aus (2014)
Noch nach den königlichen Plänen war durch Lenné die parkähnliche Anlage um das Haus entstanden, doch hatte sich mittlerweile das Blatt in der Gestaltung der Stadt und auch auf dem Köpenicker Feld gewendet: „Nach Schinkels Tod besorgte alles, was den Städtebau anging, der Berliner Polizeipräsident“. Berlin war Hohenzollern-Residenz und in den Residenzen stand die Polizeiführung bei bestimmten Fragen über dem Magistrat. Der Polizeipräsident ermöglichte den Bau der Mietskasernenstädte (beispielsweise Anordnung des Baus fünfgeschossiger Gebäude mit Seitenflügeln und Quergebäuden) – die Industrialisierung brachte in den folgenden fünf Jahrzehnten eine Verfünffachung der Einwohnerzahl (von 365.000 auf 1,7 Millionen).Walter Kiaulehn: Berlin. Schicksal einer Weltstadt. Biederstein Verlag, München / Berlin 1958, S. 87. „Nur die Kirchhöfe der Innenstadt, die nicht bebaut werden durften, haben die Berliner vor dem Erstickungstod bewahrt.“
Das Bethanien stand nun am Rande einer auch von Mietskasernen geprägten Stadt.
Im Jahr 1869 kam es zu einer Katastrophe, denn im Krankenhaus starben 900 Menschen nach operativen Eingriffen an Wundbrand. Noch hatten sich die teils verzweifelten Versuche des ungarischen Arztes Ignaz Semmelweis, in den Krankenhäusern Hygiene-Maßnahmen (beispielsweise das Desinfizieren der Bestecke) einzuführen, nicht durchgesetzt. Im bald darauf folgenden Deutsch-Französischen Krieg (1870/1871) wurden die meisten Diakonissen als Lazarettschwestern abgezogen, ebenso später im Ersten Weltkrieg 1914–1918.Information 1869 bis 1914/1918 Ausstellungstafel.
Ausbau mini|Krankenhaus Bethanien, Postkarte, um 1912
In den Jahren 1929/1930 wurden durch die Architektensozietät Carl Mohr und Paul Weidner umfangreiche Umbauarbeiten und Erweiterungen geplant und realisiert, wie Unterlagen aus dem Architekturmuseum der TU Berlin zeigen.Architekturmuseum der TU Berlin
Nach der Ausstellungschronik handelte es sich dabei „1929/1930 [um den] Bau des großen Seminarhauses für Jugendleiterinnen, als Haushaltsschule, Kindergarten und -hort [und] 1930 [um den] Bau des Hauses ‚Tabea‘ (Lehrgänge und Schwesternwohnheim).“
Zeit des Nationalsozialismus Im Jahr 1933 verweigerte die Leitung des Bethanien die Forderung der Nationalsozialisten, die Führungspositionen mit Parteigenossen zu besetzen.
Auf Veranlassung der Gestapo wurde 1941 das Seminarhaus beschlagnahmt. Ein Blindenlazarett wurde eingerichtet. Im Zweiten Weltkrieg gab es personelle Engpässe, da viele Ärzte (und mit Sicherheit auch Schwestern) an die Front beordert wurden. 1943 wurden noch „leichte Schäden“ und 1945 „schwere Schäden“ durch Luftangriffe gemeldet – wahrscheinlich durch den Großangriff der alliierten Bomberflotten vom 3. Februar 1945.Ausstellungschronik vor Ort.