In einem Gedenkbuch zu sammeln…: Bilder deutscher Widerstandskämpfer sind Fragmente aus dem Nachlass von Ricarda Huch, die sie unter dem Titel „Bilder der Märtyrer“Verwendete Ausgabe, S. 92, 6. Z.v.o. Auch „Märtyrer der Freiheit“ in verwendete Ausgabe, S. 27, 6. Z.v.u. Und Baumgarten schreibt auf S. 217, 15. Z.v.u. „Lebensbilder der Märtyrer“. – bestehend aus den Teilen Die Geschwister Scholl, die Rote Kapelle und der 20. Juli – publizieren wollte und die Wolfgang Matthias Schwiedrzik 1997 in Leipzig herausbrachte.

Das von Schwiedrzik in Buchform herausgegebene Material enthält neben etlichen Briefen einige wenige kürzere Originalarbeiten Ricarda Huchs, allesamt biographische Skizzen beziehungsweise Stichpunkte zum Totengedenken an Kämpfer gegen das nationalsozialistische Regime, die in der Zeit vom 22. Dezember 1942 bis zum 23. April 1945 ihren Widerstand mit dem Leben bezahlen mussten. Ricarda Huch äußert ihr Schreibanliegen in einem Brief vom 28. Juli 1946 an Herbert Krimm: „Es ist nicht der Zweck des Buches, die Geschichte des 20. Juli zu schreiben, sondern das deutsche Volk die beteiligten Personen kennen und verehren zu lehren.“Verwendete Ausgabe, S. 179, 11. Z.v.o.

Inhalt Die Skizzen, Briefe beziehungsweise Bruchstücke finden sich in drei Kapiteln.

Die Aktion der Münchener Studenten gegen Hitler Die Geschwister SchollVerwendete Ausgabe, S. 85–102., hingerichtet am 22. Februar 1943 in München

Als 1918 Hans Scholl in Ingersheim an der Jagst und 1921 seine Schwester Sophie in Forchtenberg geboren wurden, war der Vater – ein Protestant, „Kosmopolit und Pazifist“ – Bürgermeister der jeweiligen Ortschaft. Ängstlich war Sophie nicht. Als Sechsjährige durchquerte sie den Kocher. Hans hingegen nannten die Eltern ob seines Mitgefühls für alles Leiden jedweder Kreatur ihren „kleinen Heiland“. Die siebenköpfige Familie zog nach Ulm, als der Vater zum freien Wirtschaftsberater umsattelte. Hans erledigte nach dem Abitur den Arbeitsdienst und ging als Kavallerist zum Militär nach Cannstatt. Als ehemaliger Wandervogel wurde Hans zeitweise inhaftiert und die Angehörigen mussten deswegen Bekanntschaft mit der Gestapo machen. Hans lernte während des Medizinstudiums in München Christoph Probst und Alexander Schmorell kennen. Während des Feldzuges gegen Frankreich war Hans Sanitäter. Darauf machten Hans und Sophie die Bekanntschaft des katholischen Schriftstellers und Hochland-Herausgebers Karl Muth in Solln. Sophie studierte inzwischen in München Biologie und Philosophie. Die jungen Leute um die Geschwister Scholl fühlten sich außer vom alten Muth noch von dem Musikwissenschaftler, Psychologen und Volkslied­forscher Prof. Kurt Huber und seinem Leibniz-Kolleg angezogen. Nach ihrem Arbeitsdienst an der Schweizer Grenze setzte Sophie im Frühjahrssemester 1942 ihr Münchner Studium fort. Der Bruder weihte sie in seine beabsichtigten Aufrufe zur „Beseitigung der nazistischen Regierung“Verwendete Ausgabe, S. 85, 3. Z.v.u. ein. Weder Auftritte des Gauleiters Paul Giesler vor den Studenten noch Warnungen von Freunden vor der Gestapo konnten Hans Scholl von der Verteilung seines ersten Flugblattes abhalten. Es soll unter Muths und Haeckers Einfluss entstanden sein. Während des Sommers 1942 musste Hans in Russland Kriegsdienst leisten und Sophie in einer Fabrik arbeiten. Die Widerstandsgruppe Weiße Rose traf sich im Atelier des Architekten Manfred Eickemeyer. Im darauffolgenden Herbstsemester entstanden weitere Flugblätter, verfasst von den Studenten um die Geschwister Scholl, zu denen inzwischen Willi Graf gestoßen war. Die Flugblätter wurden auch außerhalb Bayerns verteilt. Am 18. Februar 1943 wurde eine Flugblatt-Aktion der Geschwister Scholl in den Hörsälen der Universität München vom Pedell der Hochschule verraten. Freisler, der eigens in München angereist war, verurteilte die Geschwister Scholl und Christoph Probst ihrer Flugblätter wegen am 22. Februar 1943 zum Tode durch das Fallbeil. Hans Scholl soll direkt vor dem Richtblock gerufen haben: „Es lebe die Freiheit!“ Sophie Scholl soll aufrecht dem Tod entgegengeschritten sein.

Kurt HuberVerwendete Ausgabe, S. 103–108., hingerichtet am 13. Juli 1943 in München-Stadelheim

Der 1893 in Chur geborene Kurt verlebte seine Jugendzeit im Stuttgarter Herdweghaus. Nachdem 1911 der Vater, der Lehrer Theodor Huber, verstorben war, ging die Mutter Katharina mit den beiden Söhnen nach München. Seine Ausbildung bei dem Musikwissenschaftler Theodor Kroger und dem Philologen Erich Becker schloss Kurt Huber 1920 mit der Habilitation ab. Nach der Inflation schlug er sich ab 1926 als außerordentlicher Professor recht und schlecht durch. Nach der Heirat Kurt Hubers im Jahr 1929 musste die schließlich vierköpfige Familie sparsam sein. Ab 1942 nahm Prof. Huber an Treffs der Studenten im Umkreis der Geschwister Scholl im Hause des Architekten Eickemeyer teil und verfasste jenes letzte Flugblatt, das die Geschwister Scholl kurz vor ihrer Verhaftung in den Hörsälen der Münchner Universität verteilt hatten. Nach seiner Inhaftierung am 27. Februar 1943 wurden ihm Doktor- und Beamtentitel aberkannt. Mithin standen Frau und Kinder ohne Einkünfte da. Freisler verurteilte Kurt Huber, Alexander Schmorell und Willi Graf am 19. April zum Tode durch das Fallbeil. Gefängnispfarrer Ferdinand Brinkmann stand dem Professor in den zwölf Wochen vor der Vollstreckung des Urteils bei. Hans Leipelt, das letzte Opfer aus der Weißen Rose, unterstützte Frau Huber in der Not.

Christoph ProbstVerwendete Ausgabe, S. 109–113., hingerichtet am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim

Hermann Probst, der Vater des 1919 in Murnau geborenen Christoph, war gelernter Naturwissenschaftler und hatte sich über das Studium der Kunstgeschichte der Vergleichenden Religionswissenschaft zugewandt. Die katholischen Eltern, deren Ehe auseinanderging, ließen ihre drei Kinder nicht taufen.

Christoph machte auf einem Münchner Gymnasium Alexander Schmorells Bekanntschaft. Angeregt durch Schmorells russische Herkunft mütterlicherseits lernte Christoph Russisch. Arbeits- und Militärdienst nach dem Abitur waren seinerzeit Pflicht. Christoph ging zur Luftwaffe, musste bei Kriegsbeginn Soldat bleiben, durfte aber zwischendurch zeitweise in München Medizin studieren. In München lernte er den Medizinstudenten Hans Scholl kennen und erfuhr von den Flugblättern der Weißen Rose.

1940 heiratete Christoph die Tochter von Harald Dohrn. Das Paar bekam drei Kinder. Christoph Probst übergab nach dem Desaster von Stalingrad ein selbst verfasstes Flugblatt an Hans Scholl, wurde des Schriftstückes wegen verhaftet, verteidigte sich vor dem Volksgerichtshof selbst und wurde niedergeschrien. In einem seiner Abschiedsbriefe schrieb er: „Ich sterbe ganz ohne Haß.“Verwendete Ausgabe, S. 113, 4. Z.v.u.

Alexander SchmorellVerwendete Ausgabe, S. 115–119., hingerichtet am 13. Juli 1943 in München-Stadelheim

Alexanders Vater hatte in München Medizin studiert und darauf in Moskau als Assistenzarzt praktiziert. Dort hatte er eine Russin, die Tochter eines Geistlichen, geheiratet. Ab 1917 musste der deutsche Arzt in Orenburger Krankenhäusern deutsche Verwundete behandeln. 1917 wurde Alexander in Orenburg geboren. 1919 starb die Mutter. Der Vater ging mit dem Sohn 1921 nach München zurück und heiratete 1926 eine Deutsche.

Alexander trat nach dem Abitur freiwillig der leichten reitenden Artillerie bei. Während des Studiums der Medizin in München lernte er Hans Scholl kennen. Alexander zog zusammen mit Hans in derselben Studentenkompanie in den Krieg gegen Russland. Daheim in München nahm Alexander an den Zusammenkünften der Weißen Rose teil, verfertigte, kopierte sowie verschickte Flugblätter und klebte in der Ludwigstraße Plakate: „Es lebe die Freiheit!“ „Nieder mit Hitler!“Verwendete Ausgabe, S. 118, 13. Z.v.o. Nach der Verhaftung der Geschwister Scholl floh Alexander, kehrte aber – vermutlich des tiefen Schnees wegen – nach München zurück. Am 24. Februar 1943 suchte er während eines Bomber­angriffs einen Luftschutzbunker auf und wurde erkannt. Mutig gab Alexander Schmorell vor den Volksgerichtshof seine Aktionen zu, fand im Gefängnis zur Religion eines mitgefangenen Holländers und schrieb vor der Enthauptung an die Angehörigen: „Der Tod ist kein Ende, sondern der Übergang zu einem neuen, weit herrlicheren Leben als das irdische.“Verwendete Ausgabe, S. 119, 7. Z.v.u.

Willi GrafVerwendete Ausgabe, S. 121–125., hingerichtet am 12. Oktober 1943 in München-Stadelheim

Der Vater des 1918 in Kuchenheim geborenen Willi war Verwalter einer Molkerei und zog 1922 mit der katholischen Familie nach Saarbrücken. Dort war er unter anderen im Weingroßhandel tätig. 1937 nach dem Abitur studierte Willi in Bonn Philosophie und Theologie. In der verbotenen katholischen Jugendbewegung aktiv, wurde er inhaftiert, doch nach ein paar Wochen amnestiert. Willi nahm am Feldzug gegen Russland teil und durfte zwischendurch in München Medizin studieren. Für die Weiße Rose beförderte er Flugblätter nach Saarbrücken und verteilte diese dort. Einen reichlichen Monat vor seiner Verhaftung am 18. Februar 1943 notierte er Zweifel in sein Tagebuch: Lässt sich der Nationalsozialismus mit Flugblättern erschüttern? Trotzdem sei Willi Graf zuletzt zu der Überzeugung gelangt, sein Tod werde Früchte tragen. Die Gefangenenwärter hätten seine Haltung bewundert.

Der 20. Juli Elisabeth von ThaddenVerwendete Ausgabe, S. 127–131., hingerichtet am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee

In Berlin und Umgebung engagierte sich die 1890 in Mohrungen geborene Elisabeth während des Ersten Weltkrieges unter der Leitung von Friedrich Siegmund-Schultze mit sozialer Hilfstätigkeit. Anna von Gierke unterwies Elisabeth in Berlin im Umgang mit Jugendlichen in Heimen. Elisabeth arbeitete in Marie Baums Ferienheim für Kinder im badischen Heuberg und ging 1927 nach Wieblingen. Ricarda Huch lernte Elisabeth von Thadden 1933 in Heidelberg als Leiterin eines Landerziehungsheimes für Mädchen auf Schloss Wieblingen persönlich kennen.

1939 verlegte Elisabeth von Thadden ihr Erziehungsheim vergeblich an den Starnberger See. Schloss Wieblingen wurde beschlagnahmt und die Weiterarbeit in Bayern wurde der Erzieherin unmöglich gemacht. Elisabeth von Thadden musste zurück nach Berlin gehen. Dort half sie verfolgten Juden und HalbjudenVerwendete Ausgabe, S. 130, 15. Z.v.o.. Ein in ihre Berliner Kaffeegesellschaft innerhalb des Solf-Kreises eingeschleuster Spion verriet sie. Elisabeth von Thadden wurde im Januar 1944 verhaftet und am 8. Juli 1944 zum Tode verurteilt.

Ernst von HarnackVerwendete Ausgabe, S. 133–138., hingerichtet am 5. März 1945 in Berlin-Plötzensee

Nach dem Studium der Rechte vom Erlebnis Erster Weltkrieg erschüttert, trat der 1888 in Marburg geborene Ernst von Harnack trotz starker Bedenken des Vaters der SPD bei. Nach Mitarbeit im preußischen Kultusministerium bei HaenischDer Freistaat Preußen. Die Staatsministerien 1918–1933. wurde Ernst von Harnack zunächst Landrat in Hersfeld, dann Vizepräsident von Hannover und Köln sowie schließlich 1930 Regierungspräsident in Merseburg. Nach der Machtergreifung der NSDAP wurde er 1933 entlassen. Die Publikation seines Buches „Die Praxis der öffentlichen Verwaltung“ wurde von der Reichsschrifttumskammer verboten. Als einfacher Arbeiter schlug er sich in der Firma Hollerith durch. Er betätigte sich dann als Textilhändler und als Werbefachmann für den Bergbau. Ernst von Harnack half den Verfolgten; nahm ihnen Behördengänge ab und setzte sich für ihr Recht ein.

In den Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 war er insofern verwickelt, als es in der Vorbereitung darum ging, eine Verbindung der gegen Hitler verschworenen Offiziere mit den ehemaligen Gewerkschaften zu halten.