mini|Grzegorz Rossoliński-Liebe (2012) Grzegorz Rossoliński-Liebe (* 1979 in Zabrze, Polen)Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Bd. 22 (2013), S. 293. ist ein in Berlin lebender deutsch-polnischer Historiker, der über den Holocaust, Nationalismus, Antisemitismus und Faschismus in Mittel- und Osteuropa forscht.

Studium und wissenschaftliche Tätigkeiten Von 1999 bis 2005 studierte Rossoliński-Liebe Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Osteuropäische Geschichte und Kulturgeschichte an der Europa-Universität Viadrina. Seine Doktorarbeit über Stepan Bandera und dessen politischen Kult schrieb er an der University of Alberta und an der Universität Hamburg und verteidigte sie 2012 an der Universität Hamburg. Er arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien.; Forschungsleitlinien für den VWI-Vollbetrieb in Vorbereitung, VWI im Fokus 2011, 13.

Von 2012 bis 2014 arbeitete Rossoliński-Liebe am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin in einem Postdoc-Projekt über die Erinnerung der ukrainischen Diaspora an den Holocaust. Er publizierte die erste wissenschaftliche Biographie von Stepan Bandera, die sich auch tiefgehend mit dem politischen Mythos und dem politischen Kult des ukrainisch-faschistischen Politikers und der Geschichte seiner Bewegung auseinandersetzt. Omer Bartov, Susanne Heim, Antony Polonsky, John-Paul Himka, Mark von Hagen und Arnd Bauerkämper hoben verschiedene starke Seiten der sehr gründlich recherchierten und den Personenkult entmystifizierenden Monografie hervor.Grzegorz Rossolinski-Liebe: Stepan Bandera: The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist. Fascism, Genocide, and Cult. Ibidem Press, Stuttgart 2014 ().

Zwischen 2014 und 2018 erforschte Rossoliński-Liebe die deutsch-polnische Kollaboration im Zweiten Weltkrieg. In dieser Zeit war er Saul Kagan Fellow der Claims Conference und Stipendiat des United States Holocaust Memorial Museum, der Harry Frank Guggenheim Foundation, der Fondation pour la Mémoire de la Shoah, des Deutschen Historischen Instituts Warschau und des International Institute for Holocaust Research in Yad Vashem.

Zwischen 2018 und 2022 untersuchte Rossoliński-Liebe im Rahmen eines durch die Fritz-Thyssen-Stiftung finanzierten Forschungsvorhabens und als Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung das Verhalten polnischer Bürgermeister im Zweiten Weltkrieg.

Seit 2022 ist Rossoliński-Liebe Alfred Landecker Lecturer an der Freien Universität Berlin. Er war auch Ehrenforschungsstipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung am Polnischen Zentrum für Holocaustforschung in Warschau.

Politische Kontroversen Im Rahmen eines akademischen Programms, das zur Aufgabe hatte, die neue Forschung zur ukrainischen Geschichte in der Ukraine zu präsentieren, planten die Heinrich-Böll-Stiftung, der Deutsche Akademische Austauschdienst und die deutsche Botschaft in Kiew, Rossoliński-Liebe zu sechs Vorträgen über Stepan Bandera und die Massengewalt der OUN und der UPA in Lemberg, Dnipropetrowsk und Kiew einzuladen. Von den für Februar und März 2012 geplanten Vorträgen konnten jedoch nur für zwei Veranstaltungen in Dnipropetrowsk und für zwei in Kiew Räume gefunden werden. Drei der vier Räume wurden teilweise wenige Stunden vor dem Beginn der Veranstaltung abgesagt. Schließlich fand nur eine Veranstaltung im Gebäude der deutschen Botschaft in Kiew unter Schutz der Polizei statt. Vor dem Gebäude demonstrierten ca. hundert Personen, darunter auch Mitglieder der rechtsextremen Swoboda-Partei. Sie versuchten einige Hundert interessierte Besucher, darunter viele Studenten und Wissenschaftler, vom Besuch des Vortrags abzuhalten. Die Demonstranten behaupteten, dass Rossoliński-Liebe der Enkel von Joseph Goebbels und ein „liberaler Faschist aus Berlin“ sei.Per Anders Rudling, Jared McBride: Ukrainian Academic Freedom and Democracy Under Siege. the algemeiner, 1. März 2012. In Reaktion auf diese Ereignisse unterschrieben 97 Personen, darunter Etienne François, Alexandr Kruglov, Gertrud Pickhan, Susanne Heim, Alexander Wöll, Dovid Katz, Delphine Bechtel, Per Anders Rudling und Mark von Hagen, die Petition „For Freedom of Speech and Expression in Ukraine“.Delphine Bechtel: Freedom of Speech on Collaboration by Ukrainian Nationalists against Jews under threat in Ukraine. WinnipegJewishReview.com.

Die für 25. November 2025 vorgesehene Veranstaltung „Polnische Bürgermeister und der Holocaust. Besatzung, Verwaltung und Kollaboration“, bei der Rossoliński-Liebes Buch „Polnische Bürgermeister und der Holocaust“ der Reihe Topographie des Terrors hätte vorgestellt werden sollen, wurde abgesagt. Der polnische Botschafter soll dagegen interveniert haben. Rossoliński-Liebe stellte den Vorfall später in einem Interview mit der Berliner Zeitung so dar, dass der polnische Botschafter den Leiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Uwe Neumärker, mit der Bitte angerufen habe, die Veranstaltung zu annullieren oder zu verschieben. Neumärker habe daraufhin – ohne Rücksprache mit Rossoliński-Liebe und den anderen Mitorganisatoren zu halten – dieser Bitte nachgegeben.

In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, der sich auch mit anderen im Interview von Rossoliński-Liebe getätigten Aussagen beschäftigt, betonten Andrea Löw und Stephan Lehnstaedt, dass die Veranstaltung nur verschoben worden sei. Der Sachverhalt sei zwar mehr als unglücklich und es sei ein Skandal, dass sich polnische und deutsche Politiker in die Programmplanung der Topographie des Terrors einmischten; Zensur sei der Vorfall allerdings nicht. Sie wiesen zudem darauf hin, dass auch das Auswärtige Amt und der Koordinator für die deutsch-polnische zwischengesellschaftliche und grenznahe Zusammenarbeit, Knut Abraham, gegen die Buchvorstellung interveniert hatten. Zum Gastbeitrag von Andrea Löw und Stephan Lehnstaedt äußerte sich Rossoliński-Liebe ebenfalls in der FAZ ausführlich. Rund 380 Historiker und Vertreter von Nachbarfächern erklärten in einem offenen Brief ihre Solidarität mit Grzegorz Rossoliński-Liebe.Der von Rossoliński-Liebe im Artikel erwähnte offene Brief ist auf New Fascism Syllabus lanciert worden. Sein Buch sei als Ergebnis jahrelanger gründlicher Archivstudien im Rahmen der größeren Debatte über Kollaboration in besetzten Ländern zu beurteilen: „Hassbriefe und Drohungen gegen Wissenschaftler, nur weil sie eine historische Interpretation vortragen, mit der andere nicht übereinstimmen, dürfen nie hingenommen werden. Solche Kampagnen gegen wissenschaftliche Arbeiten sind eine ernste Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit und demokratischer Werte.“ Dank des Engagements des Zentrum für Antisemitismusforschung sei ein neuer Termin für die Buchpräsentation in der Topographie des Terrors gefunden worden.

Publikationen (Auswahl) Monographien

Herausgeberschaft mit Lutz Henke und Philipp Ther: mit Regina Fritz und Jana Starek: mit Arnd Bauerkämper: Mit Francesco Di Palma:

(Auszug)

Aufsätze und Buchbeiträge

Weblinks

Rossoliński-Liebe am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin Rossoliński-Liebe auf Academia.edu Forschungsprofil auf Clio-Online

Einzelnachweise

Kategorie:Holocaustforscher Kategorie:Faschismusforscher Kategorie:Osteuropahistoriker Kategorie:Absolvent der Universität Hamburg Kategorie:Deutscher Kategorie:Pole Kategorie:Geboren 1979 Kategorie:Mann