mini|hochkant=1|Das Herzogtum Burgund unter Karl dem Kühnen (1465–1477)
Der Burgundische Erbfolgekrieg, auch Niederländischer Erbfolgekrieg, von 1477 bis 1493 bezeichnet den Erbfolgekrieg zwischen dem Königreich Frankreich und Maximilian von Habsburg um das burgundische Erbe Karls des Kühnen und damit um die Herrschaft über das Herzogtum Burgund.Manfred Hollegger: Der burgundische Erbfolgekrieg 1477–1493. In: (ders.): Maximilian I. (1459–1519) Herrscher und Mensch einer Zeitenwende. Kohlhammer, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-015557-1, S. 42–60. Der Krieg wurde begleitet von Aufständen der nach Autonomie strebenden Stände in den niederländischen Provinzen.
Burgund vor dem Krieg mini|hochkant=1|Fahne der Herzöge von Burgund
Das Herzogtum Burgund entstand im 14. Jahrhundert zwischen dem Königreich Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich, als eine Nebenlinie des französischen Herrscherhauses Valois einige im Westen gelegene Lehen der französischen Krone mit Gebieten im Osten, die unter Lehnshoheit des Heiligen Römischen Reiches standen, zu einem weitgehend eigenständigen Herrschaftsverband zusammenfasste. Im Bestreben um Unabhängigkeit und eine eigene Königskrone gelang es den Herzögen, sich immer stärker von der Dominanz der französischen Könige zu lösen. Ihre politischen Ziele versuchten sie durch eine expansive Außenpolitik finanziert durch Besteuerung der Stände und Zentralisierung der Verwaltung in den urban geprägten burgundischen Niederlanden sowie eine weithin ausstrahlende Hof- und Ritterkultur zu erreichen.
Der nach außen hin glänzende Staat stand durch die Politik seiner Herzöge ständig knapp vor dem Staatsbankrott.Manfred Hollegger: Das burgundische Erlebnis. In: (ders.): Maximilian I. (1459–1519) Herrscher und Mensch einer Zeitenwende. Kohlhammer, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-015557-1, S. 39. Die expansive Außenpolitik – insbesondere Karls des Kühnen, des letzten burgundischen Herzogs aus dem Haus Burgund–Valois – zielte auf die Eroberung des Herzogtums Lothringen ab, das die hochburgundischen von den niederburgundischen Provinzen trennte.Manfred Hollegger: Die burgundische Heirat 1477. In: (ders.): Maximilian I. (1459–1519) Herrscher und Mensch einer Zeitenwende. Kohlhammer, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-015557-1, S. 29.Hermann Kamp: Die Herzöge von Burgund im späten Mittelalter. In: ders.: Burgund. Geschichte und Kultur. Beck, ISBN 978-3-406-53614-4, München 2007, S. 29. Durch die Eingliederung Lothringens wäre ein geschlossenes Territorium entstanden, das von der Nordsee bis in die Nähe von Lyon gereicht und Paris von drei Seiten umschlossen hätte. Die burgundischen Herzöge wären so zumindest zu Titularkönigen von Neapel–Sizilien und Jerusalem geworden.
Durch die auf einen Einheitsstaat abzielende zentralistische Innenpolitik der Herzöge, sollten die Stände – insbesondere die wirtschaftlich florierenden Städte Flanderns Gent, Brügge und Ypern – in die Opposition getrieben und letzten Endes politisch ausgeschaltet werden. Die staatlicherseits angestrebte Bewilligung von bis zu fünfzehnjährigen Steuerhilfen durch die Stände – insbesondere zur Finanzierung der auf Angriffskriege abzielenden Außenpolitik der Herzöge – hätte de facto deren politische Entmachtung bedeutet.1495 versuchte Maximilian I. eine derartig restriktive Fiskalpolitik auch im Heiligen Römischen Reich durchsetzen. Er wollte eine Reichssteuer in Form des „Gemeinen Pfennigs“ einführen, um sich Mittel für die Kriege gegen Frankreich und gegen das Osmanische Reich zu verschaffen. (Manfred Hollegger: Das burgundische Erlebnis. In: (ders.): Maximilian I. (1459–1519) Herrscher und Mensch einer Zeitenwende. Kohlhammer, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-015557-1, S. 39.) Die Steuerhilfen wurden deshalb von den Ständen entweder nicht bewilligt oder nur teilweise gezahlt. Der Kampf um die Wiederherstellung der ständischen Autonomie führte bis zum Ende des Krieges immer wieder zu Aufständen in den niederländischen Provinzen und machte diese, insbesondere aber die reichen Städte Flanderns, zeitweise zu Verbündeten Frankreichs.
Verlauf und Begleitumstände Kriegsausbruch und Verlauf nach der Hochzeit Marias (1477) mini|Schlachtenszene aus dem Weißkunig
Karl der Kühne fiel am 5. Januar 1477 in der Schlacht von Nancy, ohne einen männlichen Erben zu hinterlassen.Karl Vocelka: Die Europäisierung der habsburgischen Hausmachtpolitik. In: Klaus Herbers, Florian Schuller (Hrsg.): Europa im 15. Jahrhundert. Herbst des Mittelalters – Frühling der Neuzeit? Regensburg 2012, ISBN 978-3-7917-2412-6, S. 207 f. Die volljährige Erbtochter Karls, Maria von Burgund, lehnte die ihr daraufhin angebotene Ehe mit dem Sohn des französischen Königs Ludwig XI., dem erst siebenjährigen Dauphin Karl, ab. Am 19. August 1477 heiratete sie Maximilian von Habsburg, den Sohn des römisch-deutschen Kaisers Friedrich III., mit dem sie seit 1475 verlobt war.Victor von Kraus: Maximilian I. Sein Leben und Wirken. Wien 1877, S. 14 ff. (online) Maximilian wurde iure uxoris Herzog von Burgund und das Herzogtum Teil des habsburgischen Hausbesitzes, nachdem es bereits zuvor teilweise unter der Lehnsherrschaft des Heiligen Römischen Reiches gestanden hatte. Noch vor der Hochzeit Marias zog Ludwig XI. die an Karl den Kühnen vergebenen französischen Kronlehen, die als reine Mannlehen nicht auf dessen Erbtochter übergehen konnten, als erledigt ein und besetzte das eigentliche Herzogtum Burgund, die Freigrafschaft Burgund sowie die nördlichen Grenzgebiete Picardie und das Artois.Victor von Kraus: Maximilian I. Sein Leben und Wirken. Wien 1877, S. 17 ff. (online)Manfred Hollegger: Der Burgundische Erbfolgekrieg 1477–1493. In: (ders.): Maximilian I. (1459–1519) Herrscher und Mensch einer Zeitenwende. Kohlhammer, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-015557-1, S. 32.
Unmittelbar nach der Hochzeit mit Maria von Burgund und der Erbhuldigung durch die Stände des Herzogtums forderte Maximilian von diesen Kriegshilfe zur Vertreibung der französischen Besatzer und beauftragte den Landgrafen von Hessen und Karl von Egmond mit der Sicherung der engeren Grenzen der burgundischen Niederlande.Manfred Hollegger: Der burgundische Erbfolgekrieg 1477–1493. In: (ders.): Maximilian I. (1459–1519) Herrscher und Mensch einer Zeitenwende. Kohlhammer, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-015557-1, S. 42. Den französischen König Ludwig XI. forderte Maximilian zur Einhaltung des Friedens von Soleuvre (1475) und zur Räumung der besetzten burgundischen Länder und Herrschaften auf. Maximilians Forderung wurde finanziell durch die von den Ständen gewährte Kriegshilfe in Höhe von 500 000 Écus und diplomatisch durch seinen Vater Kaiser Friedrich III. gestützt. Dieser protestierte bei Ludwig XI. gegen die Besetzung der Reichsstadt Cambrai und damit gegen Verletzung der Reichsrechte des Heiligen Römischen Reiches und drohte Frankreich mit einem Reichskrieg. Ludwig XI. lenkte ein, schloss einen Waffenstillstand mit Maximilian und veranlasste den Abzug seiner Truppen aus Cambrai und einigen anderen Grenzstädten. Das Kerngebiet Burgunds, das eigentliche Herzogtum um die herzogliche Residenzstadt Dijon sowie die Freigrafschaft blieben weiterhin besetzt. Durch einen Waffenstillstand zwischen Burgund und Frankreich blieb der Frieden im Winter 1477/78 gewahrt.
Die bereits von Karl dem Kühnen geleerten Kassen erlaubten es Maximilian nicht, den Krieg auf Staatskosten fortzusetzen. Auch sein Vater Friedrich III. konnte ihn nicht unterstützen und die erbetenen 1000 Reiter stellen, weil er Krieg gegen den ungarischen König Matthias Corvinus führte und Aufstände im eigenen Land niederschlagen musste. Die Hoffnung auf Unterstützung durch seinen Vetter Erzherzog Sigmund von Tirol zerschlug sich schnell, da dieser auf Grund französischer Pensionszahlungen zur Neutralität verpflichtet war. Die mangelnde Unterstützung durch das Haus Habsburg veranlasste Maximilian, Bündnisse mit Spanien und England anzustreben. Die entsprechenden Verhandlungen führten zur Erneuerung des englisch-burgundischen Handelsbündnisses, einer Heiratsabsprache im Juli 1479 und zum angestrebten Kriegsbündnis im Juli 1480. Zur Finanzierung des Krieges sah sich Maximilian angesichts leerer Kassen zur Vermünzung seines Tafelsilbers und zur Verpfändung aller Kostbarkeiten des Burgundischen Hofes gezwungen. Den Provinzen Burgunds verlangte Maximilian immer wieder neue und höhere Steuern ab. Er und seine österreichischen Herren sahen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden das Land nur ausbeuten und dessen Schätze heimlich nach Österreich fortschaffen. Im Herzogtum kippte die Stimmung und richtete sich gegen Maximilian. Geschürt von Frankreich, kam es in Geldern, Holland und der Seeland zu Aufständen.
Da Maximilians militärische Kräfte zur Niederschlagung der Aufstände im Norden gebunden waren, eröffnete Frankreich im Mai 1478 im Süden erneut den Krieg.Manfred Hollegger: Der burgundische Erbfolgekrieg 1477–1493. In: (ders.): Maximilian I. (1459–1519) Herrscher und Mensch einer Zeitenwende. Kohlhammer, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-015557-1, S. 45. Im Sommer konnte Maximilian dennoch den Hennegau zurückerobern.Manfred Hollegger: Der burgundische Erbfolgekrieg 1477–1493. In: (ders.): Maximilian I. (1459–1519) Herrscher und Mensch einer Zeitenwende. Kohlhammer, Stuttgart 2005, ISBN 3-17-015557-1, S. 44. Ein einjähriger Waffenstillstand – am 11. Juli 1478 auf Druck von Kaiser und Reich, dem Papst sowie der Könige von Spanien und England auf Ludwig XI. zustande gekommen – sicherte den zurückeroberten Besitz. Maximilian selbst musste einwilligen, weil auf Grund der Zahlung von Bestechungsgeldern ganze Söldnerverbände zu den Franzosen übergelaufen waren. Die von Ludwig XI. nach wie vor als heimgefallen angesehenen Kronlehen standen bei den Verhandlungen nicht zur Disposition und blieben weiter in französischer Hand. Gerade die Stärke des französischen Königtums bei passender Gelegenheit nach und nach große Kronlehen einzuziehen und so mögliche Machtkonkurrenten im Innern auszuschalten, ermöglichte es den französischen Königen – im Gegensatz zu den römisch-deutschen – das Staatsgebiet Frankreichs mehr und mehr zu konsolidieren.