mini|hochkant|Alexander Kerlin (2024) Alexander Kerlin (* 1980 in Gifhorn) ist ein deutscher Dramaturg und Autor von Theaterstücken.
Leben Erste Begegnungen mit der darstellenden Kunst hatte Alexander Kerlin während seines Zivildienstes in Jerusalem, wo er bei einer Musical-Produktion hospitierte und regelmäßig Filmstudenten der Sam Spiegel Film und Television School bei Dreharbeiten begleitete. Anschließend studierte Alexander Kerlin Theaterwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften und Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und an der Ruhr-Universität Bochum und schloss mit einer Arbeit über Maxim Gorki und Einar Schleef ab. In Erlangen inszenierte er im Experimentiertheater unter der Leitung von Claus Just erste kurze Theaterarbeiten, spielte in Arbeiten von Kommilitonen mit und arbeitete sich in die technischen Gewerke ein. In der Spielzeit 2003/04 arbeitete er als Jahreshospitant am Theater an der Ruhr bei Roberto Ciulli und begleitete das Ensemble auf Gastspielen in ganz Europa. 2009 gründete er mit Bochumer Kommilitoninnen die Theatergruppe kainkollektiv, der er bis 2013 angehörte und mit der er mehrere Theaterprojekte, vor allem in der freien Theaterszene Nordrhein-Westfalens und am Schlosstheater Moers, realisierte.
Von 2010 bis 2019 war Kerlin Dramaturg am Schauspiel Dortmund, das ab 2015 dreimal in Folge den zweiten Platz als Theater des Jahres im gesamten deutschsprachigen Raum erhielt (Kritiker-Jahresumfrages des Fachmagazins Theater heute). Er ist dort Mitbegründer der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität.Future Lab – Neue Technologien und das Theater, auf kultur-online.net, abgerufen am 6. August 2023 2014 erhielt er den NRW-Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler.Dortmunder Dramaturg Alexander Kerlin erhält NRW-Förderpreis, auf theaterpur.net Die Jury schrieb in ihrer Laudatio, dass „seine Arbeit an den Schnittstellen von Theater und bildender Kunst, Computerwelten, Film – überhaupt von Kunst und Realität – noch viele an- und aufregende Ergebnisse bringen“ werde. Kerlin kuratiere Reihen, nehme Impulse der Stadtgesellschaft auf und entwerfe in enger Zusammenarbeit mit Kay Voges neue Theaterformen. Außerdem gründete und leitete er gemeinsam mit Christoph Jöde den Dortmunder Sprechchor, der an über dreißig Inszenierungen beteiligt war und eine enge Verbindung zur Stadtgesellschaft herstellte.Unsere Geschichte, auf sprechchor-dortmund.de, abgerufen am 6. August 2023 Darüber hinaus kuratierte er die Festivals Cyberleiber 2013 (Letze Dramen zwischen Mensch und Maschine), Theater trifft Aktion (Ein Update zum Verhältnis von Darstellender Kunst und Aktivismus, 2016) und Enjoy Complexity (Konferenz für Digitalität und Theater, 2018).
Von 2019 bis 2023 war er Dramaturg am Burgtheater Wien in der Intendanz von Martin Kušej. Zu seinen programmatischen Schwerpunkten am Burgtheater gehörte die Wiederentdeckung vergessener österreichischer (jüdischer) Autorinnen wie Maria Lazar, Anna Gmeyner und Hertha Kräftner. Dafür kooperierte er mit dem Wiener Verlag Das vergesse Buch. Die Inszenierung von Lazars Die Eingeborenen von Maria Blut wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Während der COVID-19-Pandemie initiierte er die Online-Reihe Wiener Stimmung, für die prominente österreichische Autorinnen und Autoren Kurzstücke verfassten. Die Reihe war für den Nestroy-Theaterpreis 2020 nominiert. Ein weiteres Projekt aus dieser Zeit war das pan-europäisches Hörspiel in 100 Teilen DECAMERONE nach Boccacio, an dem Schauspieler und Schauspielerinnen vom Burgtheater und aus ganz Europa beteiligt waren. Zum 20. Todestag von Einar Schleef kuratierte er 2021 gemeinsam mit Sebastian Kirsch die Konferenz Ein Kraftwerk, für die sie zahlreiche Zeitzeugen und Wegbegleiter Schleefs sowie Wissenschaftler am Burgtheater zusammenbrachten.
Von 2023 bis 2025 war er Leitender Dramaturg am Volkstheater Wien, wo er sich unter anderem für die Inszenierung österreichischer Literatur einsetze und mit Veranstaltungen im Vorfeld der Nationalratswahl in Österreich 2024 vor einer Regierungsbeteiligung der FPÖ warnte.
Im August 2023 wurde bekanntgegeben, dass Kerlin ab der Spielzeit 2025/26 als Chefdramaturg an das Schauspiel Köln in der Intendanz von Kay Voges wechseln wird. Dort setzt er sich maßgeblich für die Etablierung der internationalen Sparte Theater und Journalismus ein, in der es zu vielfältigen Kollaboration zwischen Kunst und Recherche kommt. Er lehrte u. a. an der Ruhr-Universität Bochum, Goethe-Universität Frankfurt a. M., Universität Wien, Universität für angewandte Kunst Wien und HMT Leipzig.
Alexander Kerlin lebt in Köln und gemeinsam mit seiner Frau Lisa Kerlin und drei Töchtern in Wien.
Autorschaft und Übersetzungen Erste selbst verfasste Stücke entstanden am Schauspiel Dortmund. Im Rahmen der Reihe Stadt ohne Geld kam das Stück Zero Tolerance (Tötet die Kreativen) zur Uraufführung, ein Kommentar zu RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas, bei der sich alle Menschen in Kreativwirtschaftszombis verwandelten. Die Dortmunder Zeit war von experimentelle Schreibtechniken wie Sampling und Mash-Up geprägt; bei den Inszenierungen Das Goldene Zeitalter und Die Borderline Prozession war Kerlin bei jeder Aufführung als Live-Texter mit auf der Bühne. Die Borderline Prozession wurde zum Berliner Theatertreffen 2017 eingeladen. Des Weiteren entstand eine Neuübersetzung von Federico García Lorcas Bluthochzeit und eine Neudichtung von Euripides Elektra sowie Stücktexte für den Sprechchor (Das phantastische Leben der Margot Maria Rakete und Kaspar Hauser und die Sprachlosen von Devil County). Weitere Tätigkeiten als Übersetzer folgten am Wiener Akademietheater für die Inszenierung Pelléas und Mélisande von Maurice Maeterlinck und für Die Orestie von Sophokles am Schauspiel Köln.
Am 7. September 2024 wurde Kerlins Theaterstück Bullet Time in der Regie von Kay Voges am Volkstheater uraufgeführt.Bullet Time - Volkstheater Wien Der Mörder mit der Kamera, auf nachtkritik.de Das Stück ist bei S. Fischer Theater und Medien erschienen und behandelt die wahre Geschichte des Fotografen und Mörders Eadweard Muybridge. Entgegen früherer Formexperimente Kerlins orientiert sich das Stück an klassischer Dramaturgie. Peter Kümmel kommentierte in Die Zeit: "Eine Aufführung, wie man sie im Londoner West End vermuten könnte, macht in Österreich Furore." Bullet Time sei ein Stück, das "im Geiste der angelsächsischen Theatertradition zugleich unterhalten und Wissen liefern will." In der Liste der 100 legendärsten Theaterabende im 21. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum, die 2025 von 37 Kritikern erstellt wurde, waren mit Die Borderline Prozession und Das Internat zwei Inszenierungen vertreten, zu denen Kerlin die Texte beitrug. Im September 2026 kommt am Schauspiel Köln zur Wiedereröffnung des Kleinen Hauses am Offenbachplatz Kerlins Stück Moneyland zur Uraufführung, in dem es um neue Allianzen zwischen Tech-Kapital und autoritärer Politik geht.
Auszeichnungen 2011: Dortmunder Kritikerpreis für das beste dramaturgische Konzept bei Stadt ohne Geld 2014: NRW-Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler 2014: Heidelberger Stückemarkt mit Das Goldene Zeitalter –100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen von Alexander Kerlin und Kay Voges (Regie: Kay Voges, Schauspiel Dortmund) 2017: Berliner Theatertreffen mit Die Borderline Prozession von Dirk Baumann, Alexander Kerlin und Kay Voges (Regie: Kay Voges, Schauspiel Dortmund) 2019: Berliner Theatertreffen mit Das Internat von Alexander Kerlin und Matthias Seier (Regie: Ersan Mondtag, Schauspiel Dortmund) 2023: Berliner Theatertreffen mit Die Eingeborenen von Maria Blut von Maria Lazar, Theaterfassung Lucia Bihler und Alexander Kerlin (Regie: Lucia Bihler, Wiener Akademietheater)
Arbeiten (Auswahl) 2010: Stadt ohne Geld, Projektreihe über Kunst und Ökonomie von kainkollektiv und sputnic (Regie: kainkollektiv und sputnic, Schauspiel Dortmund) 2011: Bluthochzeit von Federico García Lorca, neu übertragen von Alexander Kerlin (Regie: Paolo Magelli, Schauspiel Dortmund) 2013: Das Goldene Zeitalter von Alexander Kerlin und Kay Voges (Regie: Kay Voges, Schauspiel Dortmund) 2014: Republik der Wölfe von Claudia Bauer und The Ministry of Wolves nach den Gebrüdern Grimm und Anne Sexton (Regie: Claudia Bauer, Schauspiel Dortmund) 2015: Elektra von Alexander Kerlin nach Euripides (Regie: Paolo Magelli, Schauspiel Dortmund) 2016: Die Borderline Prozession von Dirk Baumann, Alexander Kerlin und Kay Voges (Regie: Kay Voges, Schauspiel Dortmund, Megastore) 2017: Einstein on the Beach, Oper von Philip Glass und Robert Wilson (Regie: Kay Voges, Oper Dortmund) 2018: hell / Ein Augenblick von Kay Voges und Ensemble (Regie: Kay Voges, Schauspiel Dortmund, Megastore) 2018: Das Internat von Alexander Kerlin und Matthias Seier (Regie: Ersan Mondtag, Schauspiel Dortmund) 2019: Im Irrgarten des Wissens von Thorleifur Örn Arnasson und Ensemble (Regie: Thorleifur Örn Arnasson, Schauspiel Dortmund) 2019: Die Parallelwelt von Alexander Kerlin, Eva-Verena Müller und Kay Voges (Regie: Kay Voges, Berliner Ensemble und Schauspiel Dortmund) 2019: Vögel von Wajdi Mouawad (Regie: Itay Tiran, Wiener Akademietheater) 2019: Dies Irae von Alexander Kerlin, Kay Voges und Paul Wallfisch (Regie: Kay Voges, Burgtheater Wien) 2020: This is Venice nach William Shakespeares Othello und Der Kaufmann von Venedig (Regie: Sebastian Nübling, Burgtheater Wien) 2020: Die Jagdgesellschaft von Thomas Bernhard (Regie: Lucia Bihler, Wiener Akademietheater) 2020: Péleas und Mélisande von Maurice Maeterlinck (Regie: Daniel Kramer, Wiener Akademietheater) 2021: Maria Stuart von Friedrich Schiller (Regie: Martin Kušej, Burgtheater Wien und Salzburger Festspiele) 2021: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre (Regie: Martin Kušej, Burgtheater Wien) 2022: Cyrano de Bergerac von Martin Crimp nach Edmund Rostand (Regie: Lily Sykes, Burgtheater Wien) 2022: Die Troerinnen von Jane M. Griffiths nach Euripides und Seneca (Regie: Adena Jacobs, Burgtheater Wien) 2022: Engel in Amerika von Tony Kushner (Regie: Daniel Kramer, Wiener Akademietheater) 2023: Die Eingeborenen von Maria Blut von Maria Lazar (Regie: Lucia Bihler, Wiener Akademietheater) 2023: Katharsis von Dead Centre (Regie: Ben Kidd und Bush Moukarzel, Wiener Akademietheater) 2023: Du musst dich Entscheiden! Von Johan Frederik Hartle, Kay Voges und Ensemble (Regie: Kay Voges, Volkstheater Wien) 2023: Die Inkommensurablen von Raphaela Edelbauer (Regie: sputnic / Nils Voges, Volkstheater Wien) 2024: Bullet Time – Die Geburt des Kinos aus dem Geiste eines Mörders von Alexander Kerlin, über Eadweard Muybridge (Regie: Kay Voges, Volkstheater Wien) 2024: Camino Real von Tennessee Williams, live on stage: Calexico (Regie: Anna-Sophie Mahler, Volkstheater Wien) 2025: Imagine von Alexander Kerlin, Kay Voges und Ensemble (Regie: Kay Voges, Schauspiel Köln) 2026: Die Orestie nach Aischylos, Deutsch von Alexander Kerlin (Regie: Adena Jacobs, Schauspiel Köln) 2026: Moneyland von Alexander Kerlin (Regie: Kay Voges, Schauspiel Köln) 2026: Tag und Nacht von Roland Schimmelpfennig (Regie: Lily Sykes, Schauspiel Köln) 2026: Die Deutsche Bahn AG von Calle Fuhr (Regie: Calle Fuhr, Schauspiel Köln)
Weblinks Homepage von Alexander Kerlin "Reservate der Unabhängigkeit" - Essay Kerlins über den Wert der Kunstfreiheit Autorenseite von Alexander Kerlin bei S. Fischer Theater und Medien
Einzelnachweise
Kategorie:Dramaturg Kategorie:Darstellender Künstler (Dortmund) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1980 Kategorie:Mann