Menschen und Schicksale aus dem Risorgimento sind sieben Porträtskizzen von Ricarda Huch, die 1908 im Insel Verlag Leipzig unter dem Titel Das Risorgimento erschienen.Baum, S. 518, 9. Eintrag
Porträtiert werden die italienischen Spielberg-Häftlinge Federico Confalonieri, Silvio Pellico, Piero Maroncelli, ihre beiden österreichischen Gegenspieler Antonio Salvotti, Kaiser Franz sowie Karl Albert von Savoyen und der Verräter Giorgio Pallavicino. Karl Albert war der erste italienische Fürst, der sich gegen die Österreicher erhoben hatte und Pallavicino wurde, genauer gesagt, von etlichen zu Recht erbosten italienischen Patrioten Verräter geschimpft. Ricarda Huch suggeriert dem Leser in ihrer tiefschürfenden Charakterstudie: Der Verrat könnte auch Folge der Geschwätzigkeit des Gefangenen gewesen sein.
Inhalt Federico Confalonieri Der 1785 in Mailand geborene konservative Aristokrat war kein Revolutionär. Er wollte ein Reich Oberitalien – unabhängig von den Österreichern und Franzosen. Confalonieri besaß Willenskraft und Ausdauer – Eigenschaften, die nach Gino Capponis Beobachtung dazumal manchem Landsmann fehlten. Die Familie Confalonieri war zwar erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts geadelt worden, war aber bereits im 18. Jahrhundert in Mailand sehr angesehen.
Als Aristokrat mit liberalen Ideen lag Confalonieri wenig an der Geheimbündelei Filippo Buonarrotis. Gino Capponi gefiel ihm da besser. Er hasste den Vizekönig von Italien Eugène de Beauharnais, weil dieser sich seiner Frau Teresa genähert hatte. Federico und Teresa hatten nur ein Kind, das bald starb.
Confalonieris Karriere als Politiker wurde von einem Verdacht überschattet. Er solle, so hieß es, die Ermordung des Finanzministers Prina angestiftet haben. Nachdem er sich gegen den Vorwurf schriftlich gewehrt und dabei seine politische Unabhängigkeit hervorkehrt hatte, wurde er vom Kaiser Franz 1815 zeitweise auf seine Güter verbannt. Trotzdem war Federico Confalonieri mit dem Oberbefehlshaber der österreichischen Truppen in der Lombardei Feldmarschall Bubna befreundet. Zentrum der italienischen Bemühungen um den kulturell-technischen Fortschritt in der Lombardei war das Haus des Mailänder Grafen Luigi Porro Lambertenghi. Confalonieri kümmerte sich in dem Kreise um die Schulbildung nach Pestalozzis Vorbild und schrieb für die Zeitschrift Il Conciliatore. Letztere wurde 1819 von der österreichischen Zensur verboten.
Der lombardische Adel war den Österreichern größtenteils zugetan. Confalonieri sah in dem liberal denkenden Piemonteser Karl Albert (siehe unten) einen potentiellen italienischen Gegner der Österreicher. Auf die revolutionären Ereignisse 1820 in Neapel reagierten die Österreicher im Herbst desselben Jahres unter anderen mit der Festnahme und Anklage Piero Maroncellis und Silvio Pellicos. Graf Lambertenghi floh im April 1821. Giorgio Pallavicino, der für Confalonieri als Bote nach Turin aktiv war, riet zur Flucht. Sogar Feldmarschall Bubna wunderte sich, weshalb der Freund noch nicht in der Schweiz sei. Confalonieri blieb und wurde am 13. Dezember 1821 auf Grund belastender Aussagen des bereits am 4. Dezember verhafteten Pallavicino inhaftiert. Confalonieri hatte weder geglaubt, dass sich die österreichische Polizei an ihn heranwagen würde, noch, dass ihn ein Freund verraten könnte. Der österreichische Untersuchungsbeamte Salvotti verhörte in Mailand manchmal bis zu zehn Stunden pro Tag. Das drohende Todesurteil konnte nach österreichischem Recht nur verhängt werden, nachdem der Hochverräter gestanden hatte. Also war das Schweigen die beste Verteidigung. Schließlich wurde der Gefangene doch schwach und lieferte den fehlenden Beweis selbst; zitierte aus einem Brief, den er dem Piemonteser San Marzano geschrieben haben wollte.
Teresa wurde mit ihrer Bitte um Aufhebung des Todesurteils beim Kaiser nicht vorgelassen. Dennoch ließ der Herrscher Gnade vor Recht ergehen; vermutlich auf Anraten seiner geliebten Frau, der Kaiserin. Fluchtversuche aus der Brünner Festung Spielberg, von Freunden, Verwandten und gutmütigen Österreichern vorbereitet und begünstigt, kamen nie zur Ausführung, weil Confalonieri partout nicht fliehen wollte. Im Jahr 1835 kam mit dem Tod des Kaisers in Wien nach zwölf Jahren Festungshaft die Freiheit. Federico Confalonieri hatte seit 1821 an einer schweren Herzkrankheit verbunden mit epileptischen Anfällen gelitten. Während der Kerkerhaft waren Rheumatismus und Wassersucht hinzugekommen.
In Amerika wurde Confalonieri als Freiheitsheld gefeiert. Als er 1837 nach Europa zurückkehrte, durfte er weder in Frankreich noch in der Schweiz bleiben. In Vichy bewohnten Confalonieri und Pallavicino zwar dasselbe Hotel, doch zu einer Versöhnung der beiden kam es nicht. Als Pius IX. 1846 die italienischen Patrioten endlich amnestierte, eilte der schwerkranke Confalonieri heim und verstarb unterwegs Anfang Dezember 1846 in Hospental am Gotthard. Silvio Pellico Silvio – das 1789 in Saluzzo geborene Kind kleinbürgerlicher Eltern – hatte neun Geschwister, von denen fünf das Kindesalter nicht überlebten. Die Glieder des einjährigen Silvio verkrümmten sich. Das Kind musste später auf Krücken gehen. Gläubig war Silvio als junger Mann nicht. Er freundete sich zunächst mit Ugo Foscolo an, verehrte den patriotischen, schriftstellernden Arzt Giovanni Rasori und begegnete später Lord Byron. Ricarda Huch stellt den mittellosen Pellico der frühen Jahre als einen italienischen Ludwig Tieck hin, dessen „Blütezeit“ in seine Mailänder Jahre 1815–1819 als Erzieher im Hause des reichen Grafen Luigi Porro Lambertenghi fällt.
Zwei Werke Pellicos haben überdauert – sein Drama Francesca da Rimini, am 18. Juli 1815 im Teatro Re aufgeführt – und die Erinnerungen Meine Gefängnisse (1832).
1818 schrieb Pellico in Mailand für Federico Confalonieris politische Zeitschrift Il Conciliatore gegen die Österreicher und musste sich prompt bei der Polizei für seine kecke Sprache verantworten. 1819 kam der Carbonaro Piero Maroncelli nach Mailand und warb Pellico für die Carbonari. 1820 wurden beide Carbonari verhaftet. Maroncelli war im Oktober zuerst verhaftet worden und hatte in ersten Aussagen Pellico belastet. Im Februar 1821 wurde Pellico nach Venedig gebracht und fiel dort dem Untersuchungsrichter Antonio Salvotti in die Hände. 1830 durfte Pellico sein Gefängnis, die Brünner Festung Spielberg, nach achtjährigen Haft verlassen. Ricarda Huch beschreibt den ehemals „freidenkenden, leidenschaftlichen Jüngling“ als nun „den Jesuiten ergebenen, bigotten, altjüngferlichen Mann“Verwendete Ausgabe, S. 70, 1. Z.v.o. und 16. Z.v.o.. Von den jüngeren Revolutionären wurde er einerseits in den 1848er Jahren als der „Märtyrer vom Spielberg“ gehuldigt und andererseits ob seiner „dogmatisch-katholischen Gesinnung“ verachtet. Von den Katholiken als Carbonaro verschrien, starb Silvio Pellico 65-jährig in Turin. Piero Maroncelli Ricarda Huch deutet an, die geistige Umnachtung, in der das „bizarre“ Leben des 1795 in Forlì geborenen Musikers Piero Maroncellis 1846 in New York endete, sei in ihren Anfängen vielleicht schon beobachtbar, als Piero einen langen Gesang in Terzinen zum Fest des Jacopo von Forlì – „keck und ängstlich zugleich“Verwendete Ausgabe, S. 113, 6. Z.v.o. – komponiert hatte und dafür im Sommer 1817 für ein Jahr ins Gefängnis gesteckt worden war. Dieses Werk war als Angriff auf die päpstliche Regierung gesehen worden. Merkwürdig findet Ricarda Huch überdies die Umstände, unter denen Piero Maroncelli 1820 ein zweites Mal verhaftet worden war. Während seines Musikstudiums ab 1810 in Neapel war er Carbonaro geworden und konnte dann 1819 in Mailand Silvio Pellico mühelos als Carbonaro werben. Während Pellico sorglos den Carbonari beigetreten war, wusste Maroncelli aus bitterer Erfahrung, dass er polizeilich beobachtet wurde und arbeitete trotzdem im Untergrund weiter. Nach der zweiten Verhaftung kam er erst am 26. Juli 1830 wieder frei.
Wie sein Freund Pellico war Maroncelli während der Haft an den Untersuchungsrichter Antonio Salvotti geraten. Ricarda Huch schreibt: „Liest man die langen und zahlreichen Briefe, die Maroncelli während seiner Untersuchungshaft an Salvotti schrieb und die oft Ergüsse überschwenglicher Liebe und Verehrung sind, so kann man sich einer eigentümlichen Empfindung nicht erwehren.“Verwendete Ausgabe, S. 121, 17. Z.v.u. Letztere erinnert Ricarda Huch an den Schelm, der den Gesang auf Jacopo von Forlì ausgeheckt hatte. So mag es nicht wundernehmen, dass der durchtriebene Salvotti den Gefangenen ungerührt für Jahre auf den Brünner Spielberg schickte. Obwohl – Salvotti, der Maroncelli überlebte, soll in späten Jahren geäußert haben, sowohl Pellico als auch Maroncelli hätten sich damals „in sein Herz gestohlen“Verwendete Ausgabe, S. 125, 17. Z.v.o.. Ricarda Huch kann sich zudem des Eindrucks nicht erwehren, fast jeder, der mit Piero Maroncelli irgendwie zu tun gehabt hatte, erscheine als „drollig“. Angespielt wird dabei auf die Story mit dem verlorenen Ring. Das kleine, aber kostbare Andenken an Maroncellis Mailänder Geliebte Carlotta Marchionni war zwar verschwunden gewesen, doch der rührselige Gerichtspräsident Graf GardaniVerwendete Ausgabe, S. 124, 3. Z.v.u. Siehe auch: Wilhelm Graf Gardani im Österreichischen Beobachter vom 18. Januar 1822, S. 77–78 hatte das unersetzliche Stück dem Gefangenen wieder zur Verfügung gestellt. Eine weitere Kuriosität: Maroncelli, nach der Haft vom Papst ins Exil geschickt, ging nach Paris und besuchte dort die Schwägerin des noch in Brünn inhaftierten Franzosen Alexandre Andryane. In Paris dem König vorgestellt, bat Maroncelli den Herrscher, bei Kaiser Franz ein Wort für die auf dem Spielberg schmachtenden Patrioten einzulegen. Das war ein kardinaler Fehler, denn Kaiser Franz habe sich die kleinste Einmischung in österreichische Angelegenheiten strikt verbeten.
Nach Maroncellis Tode anno 1846 sei die üble Nachrede aus dem Munde von Italienern nicht verstummt. Der Tote solle zu Lebzeiten nicht nur den Freund Pellico, sondern sogar den eigenen Bruder verraten haben. Antonio Salvotti Nach Alessandro Luzio betrachten die Italiener den 1789 in Mori geborene Tiroler als ihren Landsmann, werfen ihn aber vor, ein „pflichteifriger österreichischer Beamter“ gewesen zu sein.
Während des Jura-Studiums in Landshut im Jahr 1809 war der „fleißige, kluge, sehr gebildete“ Salvotti einer der Lieblingsschüler Savignys. Nach dem Studium half dem „bleichen“ Advokaten in Trient seine „angeborene Beredsamkeit“ bei der Karriere. Ricarda Huch schreibt, Salvotti „verabscheute die Revolution als das Unordentliche und Unbotmäßige und schloß sich aus voller Überzeugung an Österreich, das damals die Grundsätze der Heiligen Allianz, der Wiederherstellung der alten Ordnung, am mächtigsten vertrat.“Verwendete Ausgabe, S. 138, 7. Z.v.u. Daraus folgte seine Überzeugung, die Untersuchungshäftlinge, in dem Fall die Carbonari Pellico und Maroncelli, verdienten „dem Gesetze nach den Tod“. Trotzdem brachte der „kunstliebende“ Salvotti den beiden Bücher aus seiner gut ausgestatteten Privatbibliothek und plauderte mit den gefangenen jungen Lesern „freundschaftlich“ über literarische Details.
Wem Salvotti keine Schuld nachweisen konnte – wie zum Beispiel Tullio Dandolo – den entließ er aus der Haft. Jedoch für „verächtliche Charaktere“ – wie den „begüterten, genußsüchtigen und oberflächlichen“ späteren Spielberg-Häftling Antonio Villa, von dem Freunde Marco Fortini verraten – brachte der „humorlose“ Salvotti keinerlei Verständnis auf.