Leo I. von Galizien, genannt Lew (Lev) Danilowitsch (ukrainisch: Лев Данилович) (* um 1228, † um 1301) war ein rurikidischer Fürst. Er stammte aus dem Fürstenhaus der Rurikiden, war von 1245 bis 1264 Fürst von Bels, folgte 1264 als Fürst von Halytsch-Wolodymyr und Fürst von Przemyśl, 1269 als 3. König von Halytsch-Wolodymyr und war von 1271 bis 1301 auch Großfürst von Kiew. Er war erfolgreich bemüht, durch seine Heiratspolitik und durch Kooperation mit den Mongolen der Goldenen Horde seine Herrschaft abzusichern und durch militärische Eroberungen zu erweitern, wodurch unter seiner Regierung das historische Königreich Galizien seinen größten Umfang erreichte. Sein Name lebt im Namen der nach ihm benannten Stadt Lwiw (von Lew, Lew = Leo) in der Ukraine, d. h. der unter der altösterreichischen Bezeichnung „Lemberg“ bekannten Stadt, fort.

Herkunft Leo I. stammte aus dem russischen Fürstengeschlecht der Rurikiden, der Dynastie, die das europäische Rus – aufgespalten in zahlreiche Teilfürstentümer – vom 10. bis zum 16. Jahrhundert mit Schwerpunkten in Nowgorod und Kiew regierte. Der Zweig der Rurikiden, dem Leo I. entstammt, geht auf Wladimir Wsewolodowitsch Monomach zurück, der von 1113 bis 1125 als Großfürst von Kiew regierte.Detlev Schwennicke (Hrsg.): Europäische Stammtafeln. Neue Folge, Band II, Verlag von J. A. Stargardt, Marburg 1984, Tafel 135.

Leos Großvater Roman Mstislawitsch „der Große“ war in den Jahren 1167–1169 Fürst von Weliki Nowgorod, ab 1170 Fürst von Wolodymyr, ab 1188 Fürst von Galizien und ab 1200/01 Großfürst von Kiew. Er fiel am 19. Juni 1205.Detlev Schwennicke: Europäische Stammtafeln. Band II, Verlag von J. A. Stargardt, Marburg 1984, Tafel 136. Roman Mstislawitsch war der Gründer des vereinigten Fürstentums Galizien-Wolhynien.

Leos Vater Daniel Romanowitsch von Galizien (* 1201, † 1264) gilt neben Alexander Newski als der bedeutendste Fürst der Kiewer Rus in der Frühzeit der Herrschaft der Goldenen Horde der Mongolen. Er war seit 1211/12 Fürst von Galizien, von 1205 bis 1243 Fürst von Lodomerien, ab 1221 Fürst von Wladimir-Wolhynsk und von 1231 bis 1240 Großfürst von Kiew. Er unterstellte seine Landeskirche dem Heiligen Stuhl und wurde im Auftrag von Papst Innozenz IV. 1253 von einem Legaten zum ersten König von Galizien gekrönt und regierte als solcher von 1253 bis 1264. mini|Die russischen Fürstentümer um 1237, das Reich Leos lag ganz im Südwesten

Leos Mutter, Anna Mstislawna Prinzessin von Nowgorod († vor 1252), stammte gleichfalls aus dem Haus der Rurikiden. Sie war eine Tochter von Mstislaw Mstislawitsch dem Kühnen (* vor 1176, † 1228) der von 1206 bis 1218 Fürst von Nowgorod und – mit Unterbrechungen – von 1218 bis 1227 Fürst von Galizien war. Dessen Ehefrau war eine Tochter des Khans Kotjan des Turkvolks der Kiptschaken,Delev Schwennicke: Europäische Stammtafeln. Band II, Verlag von J. A. Stargardt, Marburg 1984, Tafel 1379(?). die 1203 Kiew geplündert hattenWiki-Artikel in Englisch: „Kipchaks“.

Nach dem Ableben seiner ersten Frau heiratete König Daniel Romanowitsch in zweiter Ehe vor 1253 eine Schwester des litauischen Prinzen Towtiwil, der 1263 als Fürst von Polotsk starb.Charles Cawley: Medieval Lands

Von seinen Geschwistern ist sein Bruder, Roman Danilowitsch von Galizien Fürst von Slonim und Nowogrodek († nach 1260) von Interesse, da er 1252 in erster Ehe Gertrud von Österreich, die bereits zweimal verwitwete Titularherzogin von Österreich und der Steiermark (* um 1228; † 24. April 1299) heiratete. Sie war eine Tochter von Herzog Heinrich dem Grausamen von Österreich und die letzte überlebende Erbin ihres Hauses, wodurch Roman Danilowitsch 1252 Ansprüche auf das Herzogtum Österreich erheben konnte. Angesichts der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen verzichtete er nicht nur auf seine territorialen Ansprüche, sondern auch auf seine Ehefrau Gertrud, von der er sich 1253 trennte.

Leben mini|Burg Halitsch

Jugend Leo I. war der älteste Sohn seiner Eltern und wuchs in der Hauptstadt des Königreiches seines Vaters, in Halytsch auf. Die damalige Hauptstadt des Königreiches Galizien ist heute eine Kleinstadt am Ufer des Flusses Dnjestr in der Westukraine mit rund 6.000 Einwohnern, die etwa 26 Kilometer in nordöstlicher Richtung vom Oblastzentrum (etwa Provinzhauptstadt) Iwano-Frankiwsk entfernt ist. Die Residenz der Fürsten von Halitsch-Wolhynien befand sich in der Burg Halitsch, die die gleichnamige Stadt von einem Hügel aus beherrscht. Die noch vorhandenen Mauern der Burg, die seit 1114 urkundlich erwähnt wird, enthalten wohl noch bauliche Reste, die in die Zeit von König Leo zurückreichen. Auch die St. Panteleyon-Kirche, die 1194 von Leos Großvater Roman Mstislawitsch dem Großen gestiftet wurde, geht in Teilen wohl auf die Zeit Leos zurück. Der junge Prinz Leo erhielt dort seine Erziehung zum Feldherren und Regenten und eine vermutlich eher sparsame intellektuelle Ausbildung.

Heiratspolitik Leos Vater, König Danil Romanowitsch von Galizien, verfolgte eine nach Westen gerichtete Politik, die sich nicht nur im Anschluss der nationalen Kirche an Rom, sondern auch in der Auswahl der Ehefrau für seinen ältesten Sohn zeigt. Diese Partnerwahl entsprach einer ausgewogenen politischen Strategie, denn durch diese Ehe sollte das neue Königreich sowohl nach Westen als auch nach Osten durch verwandtschaftliche Beziehungen abgesichert werden. Leo I. wurde daher 1251/52 mit Konstanze Prinzessin von Ungarn (* 1237/1238, † 6. Dezember 1240), einer Tochter von Bela IV. „Venerabilis“, König von Ungarn und Kroatien (1235–1270), Herzog von Steiermark (1254–1258) aus dem Haus der Árpáden vermählt. Durch diese Ehe kam Leo in Schwägerschaft mit einer Reihe bedeutender Herrscher. So etwa mit Stephan V., König von Ungarn und Kroatien (1270–1272), und über dessen Schwestern u. a. auch mit Bolesław V. Herzog von Kleinpolen in Krakau († 1279), Rostislav Michailowitsch Großfürst von Kiew († 1263), Heinrich XIII., Herzog von Bayern, in Niederbayern († 1290) und Boleslaw dem Frommen, Herzog von Großpolen in Kalisch (* nach 1221, † 1279).Detlev Schwennicke, op. cit. Tafel 155. Auch aus der religiösen – nunmehr römisch-katholischen – Perspektive war dies eine gute Wahl. Dies, da die Heilige Elisabeth von Thüringen (* 1207, † 1231) eine Schwester von Leos Schwiegervater, König Béla IV., war und von dessen Töchtern zwei – Margareta von Ungarn († 1271) und Kunigunde von Ungarn († 1292) – heiliggesprochen und Jolenta-Helena († 1303) seliggesprochen wurden.ESNF II. Taf. 155. Selbst seine Ehefrau Konstanze wurde nach der Legende über ihre Schwester Kunigunde nach ihrem Tod in Lemberg als Heilige verehrt.Gábor Klaniczay: Holy Rulers and Blessed Princes: Dynastic Cults in Medieval Central Europe. Cambridge University Press, 2002, ISBN 0-521-42018-0, S. 123. Durch seine Schwiegermutter Maria Laskarina († 1270) ergaben sich gleichfalls wichtige verwandtschaftliche Beziehungen. Sie war eine Tochter von Theodoros I. Laskaris Kaiser von Byzanz im Exil zu Nicäa (1208–1222) und der Anna Angelina, einer Tochter von Alexios III. Kaiser von Byzanz (1195–1203). Leo I. war dadurch u. a. mit Johannes III. Dukas Vatatzes (Batatzes) Kaiser des Byzantinischen Reiches zu Nicäa (1222–1254) und mit Friedrich dem Streitbaren Herzog von Österreich und Herzog von Steiermark († 1246)Detlev Schwennicke, op. cit. Band II, Tafel 182. und über die Angeloi u. a. mit Alexios V. Dukas Murzuphlos der 1204 kurzfristig Kaiser von Byzanz in Konstantinopel war,Detlev Schwennicke, op. cit. Band II, Tafel 179. verschwägert.

Beziehung zu den Mongolen mini|Eroberung von Kiew im Jahre 1240 Das vom Vater Leos auf diesen Verwandtschaftsbeziehungen aufgebaute Konzept zur Absicherung des neuen Königreiches Galizien durch dynastische Ehen wurde jedoch durch den Vorstoß der Mongolen auf die russischen Teilfürstentümer in Frage gestellt, da sich hierdurch eine völlige Änderung der politischen Rahmenbedingung ergab. Der Mongolensturm war ein Ereignis, das wie die Chronik von Nowgorod festhält, für die Bevölkerung völlig unbegreiflich war, Tod und Entsetzen verbreitete: „Unbekannte Nationen kamen. Niemand wußte woher sie kamen oder welcher Religion sie angehörten. Das weiß nur Gott und vielleicht weise Männer die aus Büchern lernen“.Robert Michell, Nevell Forbes: The Chronicle of Novgorod 1016–1471. Offices of the society, Michell, London 1914, S. 64.

Bereits Leos Vater, Daniel war mit dieser Bedrohung konfrontiert, denn er hatte 1223 an der Schlacht an der Kalka teilgenommen, in der eine Koalition bestehend aus russischen Fürsten mit Fürsten der Polovzer (Kumanen) von den Mongolen vernichtend geschlagen wurdeWerner Philipp: Altrussland bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. In: Propyläen Weltgeschichte. Band 5, S. 245., worauf sich jedoch die Mongolen überraschend wieder aus Russland zurückzogen.

Die nächste Invasion der Mongolen erfolgte 1237 unter Batu dem Prächtigen (* 1205, † 1255) – der Khan der Goldenen Horde und ein Enkel von Dschingis Khan war – und seinem General Subutai. Leo selbst erlebte als Jugendlicher diesen Feldzug, bei dem zunächst im nordöstlichen Rus Städte wie Susdal, Wladimir und Rjasan erobert und anschließend im südwestlichen Rus Tschernigow, Perejaslaw und im Dezember 1240 Kiew erobert und zerstört wurden. Auch das Fürstentum Halytsch-Wolhynien seines Vaters wurde durch die Mongolen erobert, denen sich König Daniel förmlich unterwerfen musste.

In der Heimat Leos kam es in den Jahren 1254/55 zu einer neuerlichen Konfrontation mit den Mongolen. Ein Streit um die Einhebung von Steuern führte zu tatarischen Plünderungszügen, die von König Daniel und seinem Sohn Leo I. militärisch zurückgeschlagen wurden. König Daniel hoffte nach diesem Erfolg die mongolische Fremdherrschaft abschütteln zu können. Es war ein Versuch, der jedoch mit einem Fiasko endete. Denn In den Jahren 1258/59 zog eine große mongolische Armee unter Burundai und Nogai Khan durch das Reich von König Daniel und zwang ihn, sich nochmals zu unterwerfen, seine eigene Festung Galitsch zu zerstören und der Goldenen Horde Tribut zu zahlen.Wiki Artikel in englischer Sprache „Leo I of Galicia“ Nogai Khan zog von dort weiter zuerst weiter nach Litauen und dann nach Polen. In beiden Fällen wurde der Adel von Galizien unter Führung von König Daniels Bruder Fürst Vasilko Romanowitsch und von seinem Sohn Leo I. von den Mongolen zur Heerfolge und sogar zum Angriff auf die eigenen Städte gezwungen, die sich geweigert hatten, ihre Stadtmauern schleifen.

Teil des Rituals der Herrschaft der Mongolen war die Vorladung der unterworfenen russischen Fürsten in die Hauptstadt der Goldenen Horde in Sarai am Unterlauf der Wolga unweit des heutigen Wolgograd. Sie dienten zur Kontrolle der Machtausübung, wobei diese Besuche für die einzelnen Fürsten, ganz verschieden ausgehen konnten: Mit Anerkennung und Beförderungen, aber auch mit Todesurteilen durch Enthauptung oder Vierteilung.

Im Jahre 1263 wird Leo I. der sich mit seinem Onkel Vasilko im Gefolge seines Vaters, König Daniel befand, als Besucher im tatarischen Heerlager des Khans Burundai erwähnt.Joseph von Hammer-Purgstall: Geschichte der Goldenen Horde in Kiptschak, das ist der Mongolen in Russland. Pest 1840.

Die Politik von Leo I. gegenüber den Mongolen beruhte auf der Überlegung, dass er angesichts ihrer massiven militärischen Überlegenheit keine Möglichkeit hatte, sie zu bekämpfen, daher versuchen musste, als Fürst durch eine enge Kooperation mit den Mongolen zu überleben und – nach Möglichkeit – dadurch sogar sein Reich zu erweitern. Es gelang Leo I. während seiner Herrschaft enge Beziehungen zum Khan der Goldenen Horde, Nogai Khan, einem Ur-Ur-Enkel von Dschingis Khan herzustellen. Dies allerdings zum Preis der Heerfolge bei mongolischen Feldzügen, selbst gegen die eigenen Verbündeten. So beteiligte er sich u. a. am Angriff von Nogai Khan auf Polen, wo er bis Racibórz in Schlesien vordrang, Gefangene und Beute nach Hause brachte, jedoch kaum territoriale Gewinne erzielen konnte.